Isenschmid | Der Elefant im Raum | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Isenschmid Der Elefant im Raum

Proust und das Jüdische
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-446-27641-3
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Proust und das Jüdische

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-446-27641-3
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
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Isenschmid gelingt mit seinem Essay ein neuer Zugang zu Marcel Prousts Werk - 'Das wichtigste Proust-Buch der letzten Jahrzehnte.' Michael Maar
So wichtig das Jüdische für Proust stets war, lange Zeit schrieb er kaum darüber. Das änderte sich mit der 'Recherche' - sie ist jüdisch von der ersten Zeile der Entwürfe bis zum letzten Zettelchen aus der Todesnacht.
Marcel Proust hatte eine jüdische Mutter, einen katholischen Vater, war katholisch getauft, aber nicht gläubig. Erst als die Dreyfus-Affäre Frankreich über Jahre in Atem hielt, wurde ihm das wahre Ausmaß des Antisemitismus im Land bewusst. In seinem brillant erzählten Essay zeigt Andreas Isenschmid, dass Marcel Prousts Großroman 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' auch eine höchst differenzierte Geschichte dieser niemals ganz gelingenden Assimilation ist.

Andreas Isenschmid, geboren 1952 in Basel, lebt in Berlin. Er ist einer der profiliertesten deutschsprachigen Literaturkritiker. Nach Stationen bei Radio, Fernsehen und Zeitungen (Weltwoche, Tages-Anzeiger, NZZ) ist er heute Mitarbeiter der ZEIT und von 3sat. Er war Juror beim Bachmannpreis und beim Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien: Marcel Proust (Deutscher Kunstverlag, Berlin 2017) und bei Hanser: Der Elefant im Raum. Proust und das Jüdische (2022).
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Kapitel 2

Vor dem Sturm:
Auteuil als geistige Lebensform


Der katholische Proust


Marcel Proust wurde katholisch getauft, er wurde gefirmt, und er wuchs als Kind einer jüdischen Mutter auf. Was war das Prägendste in seiner Kindheit? Proust lässt daran nicht den Schimmer eines Zweifels. Das Prägendste war fraglos das immer wieder erzählte Drama des Zubettgehens, das Drama um den lebensnotwendigen mütterlichen Gutenachtkuss. Es war zentral in Prousts Leben — die Weigerung seiner Mutter, zehnmal fürs Gutenachtsagen zurückzukommen, sei ihr »Training« gewesen für den Tag, an dem sie ihn für immer verlassen würde.1 Und es war zentral in seinem Schreiben — 1895 tauchte das »drame du coucher« im »Jean Santeuil« auf, und 1913 eröffnet es nach der Ouvertüre auch die siebenbändige »Recherche«. Durch wenig aber überrascht die Romanfassung des Kusses einer jüdischen Mutter so sehr wie durch ihren überwältigenden christlich-katholischen Glanz. Der Gutenachtkuss wird geradewegs als Abendmahl erzählt, das Gesicht der Mutter, das Marcel küsst, ist die Hostie, die gut katholisch als »présence réelle«, als göttliche Realpräsenz verstanden wird. Proust muss im Religionsunterricht gut aufgepasst haben. Er nennt das private Abendmahl nicht bloß Kommunion, sondern »Friedenskommunion«2 und bezieht sich zudem mit der Nennung eines »Friedenskusses«3 auf ein seit dem Mittelalter außer Gebrauch geratenes Element der Liturgie, die auch ein osculum, einen Kuss unter den Gläubigen, enthielt. Ihn empfängt er von der Mutter, die »ihr liebevolles Antlitz über mein Bett neigte und es mir darbot wie die Hostie einer Friedenskommunion, bei der meine Lippen ihre leibhaftige Gegenwart und die Kraft einzuschlafen von ihr empfingen«.4 Diese häusliche Eucharistie spielt sich inmitten einer durch und durch katholisch gezeichneten Welt ab. Man ist in Combray, einer Kleinstadt, die ganz von ihrer katholischen Kirche dominiert ist, im Haus einer Großtante des Erzählers, die man immer zu Ostern besucht. Sonntägliche Messgänge und die Maiandacht sind obligat. Beim Hochamt tragen Marcels Eltern das Messbuch. Der Pfarrer erscheint zu regelmäßigen Hausbesuchen. Und das Katholische strahlt bis in die Natur aus. Der geliebte Weißdorn ist für Marcel »der katholische, köstliche Strauch«,5 eine Weißdornhecke schildert er als »eine Folge von Kapellen, die unter dem Schmuck der wie auf Altären dargebotenen Blüten verschwanden«, ihr Duft kommt wie von »dem Altar der Muttergottes«, die Staubgefäße erinnern an »spätgotischen Stil«.6

Dieses Bild einer Kindheit im katholischen Combray hat maßgeblich zur biografischen communis opinio beigetragen, dass Proust zwar das Kind einer jüdischen Mutter, im Übrigen und vor allem aber ein katholisch getaufter und gebildeter Franzose sei. Und Proust hat auch außerhalb der »Recherche« ziemlich viel zur Ausbildung dieser Auffassung beigetragen. Als er 1919 endlich seine »Pastiches et mélanges«, eine lange geplante Sammlung von Artikeln, publizierte, wählte er, von zwei Ausnahmen abgesehen, unter seinen zahllosen, Hunderte von Seiten umfassenden Aufsätzen nur gerade vier, und just solche, die alle von seiner tiefen Liebe zu den Kathedralen und der Schönheit der Religion zeugten. Programmatisch unter den neu erfundenen Titel »Zum Gedenken an die gemordeten Kirchen« gestellt, bildeten sie die umfangreichste Sektion der »Pastiches et mélanges«. Proust nannte die Kathedralen »den höchsten und ursprünglichsten Ausdruck des Genius Frankreichs«.7 In den drei Aufsätzen zur Ästhetik John Ruskins sprach er vom »göttlichen Etwas«,8 von der »Anwesenheit einer ewigen Wirklichkeit«9 in der Schönheit der Kathedralen. Und im vierten Text, »Der Tod der Kathedralen«, seinem »christlichsten Artikel«,10 wie Tadié sagt, verteidigte er die Kathedralen gegen die Zweckentfremdung, die ihnen die Gesetze zur Trennung von Kirche und Staat zumuten wollten. Mit diesen Gesetzen könnte die Regierung die Kathedralen in alles »umwandeln, was ihr passt: Museum, Konferenzhalle oder Kasino«.11 Das wäre freilich das Ende der Kathedralen, die Proust im Sinn hat. »Wenn das Opfer von Christi Fleisch und Blut nicht mehr in den Kirchen zelebriert wird, werden sie ohne Leben sein. Die katholische Liturgie bildet mit der Architektur und Skulptur unserer Kathedralen eine Einheit.«12 Doch solange die Liturgie lebt, tritt etwas ein, wofür der Wagnerianer Proust seinen höchsten Preis vergibt: »Man kann sagen, dass eine Wagner-Aufführung in Bayreuth (…) recht wenig hermacht neben der Zelebrierung des Hochamts in der Kathedrale von Chartres.«13 Auch die von Proust so geliebten Theatervorstellungen erfüllen neben dem Hochamt doch nur »recht schäbige literarische Bedürfnisse«.14

War Proust also ein sehr katholischer, geradezu gläubiger Franzose? »J’étais moi-même une église«,15 ich war selbst eine Kirche, steht immerhin auf der allerersten Seite der »Recherche«. Und der Gedanke, seinen Roman wie eine Kathedrale zu konstruieren, hat ihn lange begleitet. Die Idee, einzelne Romanteile als »Portalvorbau, Glasfenster der Apsis« zu betiteln, fand er dann aber selbst »zu prätentiös«16 und ironisierte sich mit der Sottise, »dass die Israeliten immer einen speziellen Geschmack für die Dinge und Namen der katholischen Religion haben«.17 Prousts enorme Idealisierung der Kathedralen hat indes nicht konfessionelle, sondern philosophische Gründe. Sie war das ästhetische Gewand seiner metaphysischen Orientierung. Auch die »Recherche« sollte zwar auf die »Wahrheit« zulaufen, die Ruskin in den Kathedralen gefunden hatte: die »Anwesenheit einer ewigen Wirklichkeit«.18 Proust nannte seinen Roman »ein dogmatisches Werk und eine Konstruktion«, in der er sich »auf die Suche nach der Wahrheit gemacht« habe, »à la recherche de la Vérité«, wie er emphatisch mit orthografisch unüblichem großem V schrieb, »hin zur objektivsten und gläubigsten aller Folgerungen«.19 Und wenn er diese Wahrheit zu erfassen suchte, das große Außerzeitliche, um das die »Recherche« in der »Wiedergefundenen Zeit« unablässig kreist, fallen ihm ein ums andere Mal christliche Ausdrücke ein, die »Wiederauferstehung« oder das »Jüngste Gericht«. Aber diese Ausdrücke sind rhetorische Figuren, nicht Glaubensinhalte. Proust bekannte zwar, dass er sich an jedem Tag seines Lebens mit »religiösen Fragen«20 befasse. Die Wahrheiten, zu denen die »Recherche« findet, entspringen jedoch nicht einer christlichen Glaubenserfahrung, es sind Wahrheiten einer dem Ewigen zugeneigten Kunst: »Die Wahrheit beginnt erst in dem Augenblick, in der der Schriftsteller seine Gegenstände einschließt in die zwingenden Glieder eines schönen Stils.«21

Die glücklichen Jahre in Auteuil


Nein, Proust ist in Wirklichkeit zutiefst jüdisch geprägt. Er empfing seinen katholisch stilisierten Gutenachtkuss nicht im katholischen Illiers, dem Vorbild von Combray, das sich heute Illiers-Combray nennt, er empfing ihn von seiner jüdischen Mutter im Haus seines jüdischen Großonkels im Kreis seiner jüdischen Verwandten. Das Haus, in dem Proust den Kuss ersehnte, war nicht das heute noch stehende und als Museum dienende Haus von Jules Amiot an der rue du Saint-Esprit (heute: rue du Dr Proust) 4 in Illiers, in dem die Prousts einige Male die Osterferien verbrachten. Es war das Sommerhaus seines Großonkels Lazard Baruch Weil, genannt Louis Weil, im Pariser Vorort Auteuil; Louis war der jüngere Bruder von Nathé Weil, Prousts Großvater mütterlicherseits. In Onkel Louis’ Haus kam Marcel Proust im Juli 1871 zur Welt, sein Bruder Robert im Mai 1873. 1876 baute man an die samt Stallgebäude, Kutscherhaus und Park recht luxuriöse Villa für Prousts Familie einen zweistöckigen Pavillon samt Mansardensaal im dritten Stock an. Bis zum Tod von Onkel Louis und Großvater...


Isenschmid, Andreas
Andreas Isenschmid, geboren 1952 in Basel, lebt in Berlin. Er ist einer der profiliertesten deutschsprachigen Literaturkritiker. Nach Stationen bei Radio, Fernsehen und Zeitungen (Weltwoche, Tages-Anzeiger, NZZ) ist er heute Mitarbeiter der ZEIT und von 3sat. Er war Juror beim Bachmannpreis und beim Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien: Marcel Proust (Deutscher Kunstverlag, Berlin 2017) und bei Hanser: Der Elefant im Raum. Proust und das Jüdische (2022).



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