Isau | Die Dunklen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 601 Seiten

Isau Die Dunklen


1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-39035-1
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 601 Seiten

ISBN: 978-87-28-39035-1
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein weiterer packender Thriller von Ralf Isau! Pianistin Sarah d'Albis verfügt über eine besondere Gabe: Als Synästhetikerin nimmt sie Töne als Farben wahr. Als nach dem Brand der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek eine unversehrte und zugleich unbekannte Partitur des Komponisten Franz Liszt auftaucht, soll diese mit 124 Jahren Verspätung ihre Welturaufführung feiern. Sarah, die für eine Nachfahrin Liszts gehalten wird, darf der Premiere beiwohnen und entdeckt das Unfassbare: Sie erkennt in dem Stück eine versteckte Botschaft. Kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse.-

Ralf Isau wurde 1956 in Berlin-Tempelhof geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung war er zunächst als Programmierer tätig, bevor er 1988 zur Schriftstellerei fand. Nach einem erfolgreichen Start im Bereich Kinder- und Jugendbuch wechselte Isau in das Erwachsenengenre. Er hat zahlreiche Fantasyromane veröffentlicht, die häufig mit historischen Fakten gespickt sind. Isau lebt mit seiner Frau in der Nähe von Ludwigsburg.
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1. Kapitel


Immer neu fragen wir uns, ob es Wahrheit sei, was wir hören und sehen; beide Sinne wollen kaum ausreichen, uns die Überzeugung von der wirklichen Existenz dieser kollossalen Rapidität, dieses Zusammenfassens der Massen zu geben.

Es schwirrt uns vorüber wie Traumgestalten, nur davon nehmen wir das innerste Bewusstsein mit, dass ein Geist diese Formen beherrscht ...

Ludwig Rellstab, 1842 über Franz Liszt

Weimar, 13. Januar 2005, 20.04 Uhr

Unter den Illusionisten stehen die Musiker der Zauberkunst am nächsten. Niemand wusste das besser als Sarah d’Albis. Sogar im kleinen Zirkel der weltbesten Pianisten galt sie als Ausnahmeerscheinung. Ihr Spiel war wie Sonnenlicht, das die Farben des Regenbogens sichtbar machte. Wenn sie die dunkle Materie ihres Instruments mit dem bewegten Geist einer großen Komposition beseelte, erwachten bei ihren Zuhörern wie aus dem Nichts die heftigsten Gefühle.

Das besondere Gespür für die suggestive Kraft der Klänge lag Sarah im Blut – obwohl sie an diesem Abend kaum wissen konnte, wie wörtlich dies zutraf. Immerhin beschlich sie eine blasse Ahnung, in wenigen Minuten etwas Besonderes, womöglich Einzigartiges zu erleben. Dieses unterschwellige Gefühl war sie nicht mehr losgeworden, seit sie vor wenigen Stunden einen kurzen Blick auf jene Partitur hatte werfen dürfen, die gleich zum allerersten Mal der Öffentlichkeit zu Gehör gebracht und anschließend im großen Foyersaal in der Originalhandschrift des Komponisten präsentiert werden würde. Alles in Sarah lechzte danach, jetzt als Gastsolistin auf der Bühne des ehrwürdigen Deutschen Nationaltheaters Weimar mitzuwirken, aber ausgerechnet in diesem Stück gab es keine einzige Note für Klavier. Sie kam sich vor, als habe man ihr den Zauberstab weggenommen.

Stattdessen saß sie nun in der ersten Reihe, eingepfercht zwischen einem etwa fünfhundert Pfund schweren Staatsminister und einer spindeldürren Musikkritikerin, deren Ellenbogen ebenso spitz wie ihre berüchtigte Feder waren. Sarah ertappte sich dabei, wie sie tief in den Sessel gesunken war und ihre Beine ausgestreckt hatte, um wenigstens mit den Fußspitzen ihr ureigenes Element zu berühren: das Rampenlicht. Dabei fing sie einen amüsierten Blick der Feuilletonistin auf, der wie eine Einladung zum Interview aussah.

Schnell richtete sich Sarah wieder auf und stellte sich vor, ein Fisch zu sein, der dem Meeresrauschen lauschte, ihm so nah und doch unerreichbar fern, weil er sich am Strand die Enge einer Anglerbox mit einem Wal und einer Languste teilen musste. Um sich keine weitere Blöße und den ausgestreckten Fühlern ihrer Nachbarin keine falschen Signale zu geben, täuschte sie gesteigertes Interesse an der Ausstattung des Theaters vor.

Den hohen Zuschauerraum überspannte eine weiße, wabenartige Decke aus DDR-Zeiten mit quadratisch geschnittenen Leuchtstalaktiten. Ebenso versprühte das Ambiente aus hellem Eichenholz darunter unverkennbar den Charme der späten Siebzigerjahre. Als Sarah sich wieder unbeobachtet fühlte, wanderte ihr Blick zur Bühne zurück. Noch spielten die Musiker alle durcheinander, vorgeblich um ihre Instrumente zu stimmen.

Vor kurzem war zum dritten Mal das Zeichen zum Pausenende erklungen, nicht die in anderen Häusern übliche Glocke, sondern eine Fanfare des ehemaligen Weimarer Kapellmeisters Richard Strauss. Die letzten Nachzügler eilten in den Zuschauerraum. Bald waren sämtliche Plätze des Saales besetzt. Das Gemurmel wurde leiser. Alles harrte des Höhepunktes dieses besonderen Abends, der Uraufführung einer Komposition, die erst kürzlich wiederentdeckt worden war.

Die mit wildem Federstrich aufs Papier gebannten Noten hatten hinter einer gerahmten Europakarte in einem mehr als einhundertvierundzwanzigjährigen Dornröschenschlaf gelegen. Dieser endete unsanft, als am 2. September 2004 ein verheerendes Feuer den Rokokosaal der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek zerstörte. Über sechzigtausend alte Bücher, Handschriften, Karten und Musikalien kamen dabei zu Schaden oder gingen gar unwiederbringlich verloren. Die besagte Landkarte jedoch hatte kaum gelitten. Als man sie aus dem beschädigten Rahmen löste, kam dahinter die Sensation zum Vorschein: vierundzwanzig Notenblätter aus der Feder von Franz Liszt!

Der Meister hatte sein Werk Grande fantaisie symphonique sur »Devoirs de la vie« de Louis Henri Christian Hoelty genannt – »Große symphonische Fantasie über ›Lebenspflichten‹ von Ludwig Heinrich Christoph Hölty«. Derart sperrige Titel waren bei Komponisten des 19. Jahrhunderts keine Seltenheit. Nach dem Willen des Meisters hätte die Uraufführung seines Stücks bereits am 13. Januar 1881 stattgefunden, seltsamerweise trotz winterlicher Jahreszeit im Hof des Weimarer Residenzschlosses, aber aus unerfindlichen Gründen war es hinter die Landkarte geraten und dort vergessen worden. Die Einnahmen aus der Uraufführung sollten nun zum Aufbau ebenjenes Hauses beitragen, das dem Werk im Sturm der Zeiten Schutz gewährt hatte.

Gedankenversunken tastete Sarah nach dem Kettenanhänger unter der weichen Wolle ihres Pullovers. Eigentlich verdankte sie ihr Hiersein diesem Erbstück, das, wie es in einem Brief ihrer Mutter stand, einmal ihrem »großen Ahnen Franz Liszt« gehört habe. Sarah hegte immer noch Zweifel an dieser Behauptung, die ihr wie der verzweifelte Versuch einer noch verzweifelteren Frau erschien, der Tochter mehr als einen Scherbenhaufen zu hinterlassen. Auch deshalb hatte Sarah ihr Geheimnis lange gehütet. Bis ihr vor einigen Monaten ausgerechnet Hannah Landnal – die Languste zu ihrer Rechten, genannt »die dürre Hannah« – auf die Schliche gekommen war.

Eigentlich hatte Sarah sich selbst verraten, Im Interview war die Musikkritikerin zuvor auf ihrer »frappierenden Ähnlichkeit mit dem Klaviergott des 19. Jahrhunderts« herumgeritten. Die sinnlich dunklen Augen unter den fein gezogenen Brauen, die aristokratisch lange, schlanke Nase zwischen den dezent hervortretenden Wangenknochen, der kleine Mund und das spitze Kinn – all das sei auf eine weiche, sehr weibliche Weise »typisch lisztisch«, hatte Landnal gesagt und rasch hinzugefügt: »Aber natürlich völlig absurd. Die D’Albis und Franz Liszt Blutsverwandte – wer außer mir käme wohl auf so einen Unsinn!«

Auf diese Provokation war Sarah nur eine Antwort eingefallen: »Meine Mutter.«

Mit dieser leichtfertigen Äußerung hatte das Verhängnis seinen Lauf genommen. Wenn eine Operndiva wie Joséphine d’Albis Derartiges behauptet hatte, dann musste es ja wahr sein. Niemand störte sich daran, dass diese Kronzeugin in eigener Sache gar nicht mehr befragt werden konnte, weil sie seit fast zwanzig Jahren tot war. Ihre Tochter trug die Beweise ja im Gesicht. Zahlreiche Fachleute meldeten sich zu Wort, um Hannah Landnals Theorie sachkundig zu untermauern. So schaffte es die bekannte Computerkünstlerin Lillian F. Schwartz sogar, per Morphing aus Liszts Konterfei Sarahs Antlitz hervorzuzaubern. Und umgekehrt. So oft man wollte! Zwar ließ sich mit dem gleichen Verfahren auch eine Verwandtschaft zwischen Winston Churchill und jedem beliebigen Bullterrier nachweisen, aber von kleinlicher Kritik hatten sich die Medien eine große Story noch nie verhageln lassen.

Inzwischen zweifelte, abgesehen von Sarah, kaum noch jemand an ihrer Nachkommenschaft von dem großen Virtuosen und Komponisten. Man kann sich ausmalen, wie begeistert sie an diesem Abend gewesen war, ihren Ehrenplatz ausgerechnet neben der dürren Hannah vorzufinden ...

Sarahs Gedanken stockten. In ihrer Versunkenheit hatte sie das Orchester bisher nur als einen großen kakophonischen Klangkörper wahrgenommen, aber eben waren ihr ganz hinten rechts zwei dunkle Augen aufgefallen, die sie geradezu hypnotisch anstarrten. Sie erschauderte. Seit im vergangenen Jahr ein Stalker in ihre Pariser Wohnung eingebrochen war, ihre Schränke durchsucht und sich an ihrer Unterwäsche vergriffen hatte, neigte sie zu hysterischen Reaktionen, wenn Männer sie so angafften.

Ihre Auftritte in der Öffentlichkeit waren schon früher eher burschikos als damenhaft gewesen, aber nach den traumatischen Wochen der Nachstellungen durch diesen Stalker hatte sie sich die Unscheinbarkeit zum Ideal erwählt. Mit bescheidenem Erfolg.

Sie besaß einfach das gewisse Etwas, das andere aufmerken ließ, wenn sie den Raum betrat. Dies hing weniger mit Äußerlichkeiten zusammen. Sicher, ihre Figur konnte sich sehen lassen. Sarah war schlank, ohne knöchern zu sein, aber mit einem Meter siebzig auch vom Gardemaß eines Models weit entfernt. Doch nicht irgendwelche Normen machten sie für das andere Geschlecht so attraktiv, sondern ihre natürliche Ausstrahlung.

An diesem Abend trug sie ihr glattes, langes, hellbraunes Haar als schlichten Pferdeschwanz, dazu einen Rollkragenpullover aus schieferfarbener Alpakawolle,...



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