E-Book, Deutsch, 460 Seiten
Isau Der Mann, der nichts vergessen konnte
1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-39032-0
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 460 Seiten
ISBN: 978-87-28-39032-0
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ralf Isau wurde 1956 in Berlin-Tempelhof geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung war er zunächst als Programmierer tätig, bevor er 1988 zur Schriftstellerei fand. Nach einem erfolgreichen Start im Bereich Kinder- und Jugendbuch wechselte Isau in das Erwachsenengenre. Er hat zahlreiche Fantasyromane veröffentlicht, die häufig mit historischen Fakten gespickt sind. Isau lebt mit seiner Frau in der Nähe von Ludwigsburg.
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PHASE II
AUFSTELLUNG
17 Jahre später
»Ich konnte den Traum noch mechanischer behandeln; aber mein Genius ruft mir überhaupt zu: Gleich der Schachmaschine; rollet die Weltmaschine mit lauten Rädern um, aber eine lebendige Seele verbirgt sich hinter den mechanischen Schein.«
Jean Paul
Ein Raunen ging durch die bogenförmigen Reihen des Auditoriums, als JJ ihren betagten Schützling in den Saal führte. Sie wusste nur allzu gut, dass die Studenten hier ein verwöhntes Publikum waren. Doch selbst an einer Eliteuniversität wie dem MIT gehörten Auftritte wie dieser wohl eher zu jenen seltenen Ausnahmen.
Dr. Emil W. Kogan, der Gastdozent an diesem Nachmittag, arbeitete für die National Security Agency, den geheimsten Geheimdienst der USA, so geheim, dass noch dreißig Jahre nach seiner Gründung zahlreiche Kongressabgeordnete und Senatoren nichts von seiner Existenz gewusst hatten, Crypto City, das NSA-Hauptquartier in Fort Meade, Maryland, hieß zwar wie eine Stadt, hatte auch die Dimensionen einer Kleinstadt, ließ sich aber auf keiner offiziellen Karte finden. Die NSA war ein hungriger Moloch, der nicht Kinder, sondern elektronische Nachrichten verschlang. Jedes Telefonat, jedes Fax und jede E-Mail verleibte er sich ein – weltweit. In seinem kilometerlangen »Gedärm« wurde diese oft unverdauliche Kost aufgeschlüsselt: in einen großen Batzen Abfallstoffe und die wenigen nützlichen Bestandteile, die ihn weiter wachsen ließen. Der monströse Verdauungstrakt beschäftigte an die vierzigtausend Bakterien – die NSA bevorzugte allerdings die Bezeichnung »Mitarbeiter«. Den Stoffwechsel des Moloch in Gang zu halten galt als Privileg, das gemeinhin mit einem sicheren Job und guter Bezahlung assoziiert wurde. Da nun aber der Appetit des Riesen unersättlich war, suchte er ständig neue begabte Mathematiker, Linguisten und Informatiker.
Letztere gehörten einer ganz besonderen Spezies an, der man bisweilen geradezu mystische Fähigkeiten nachsagte: Sie vermochten Maschinen Leben einzuhauchen. Nach Ansicht vieler spielten sie damit in derselben Liga wie Zeus oder Zarathustra. Und zu den weltweit führenden Zauberschulen für den Götternachwuchs zählte das MIT, genauer gesagt, das Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory, kurz CSAIL.
Wie schräg einige Köpfe an diesem »Laboratorium für Informatik und Künstliche Intelligenz« zu denken fähig waren, dokumentierte recht anschaulich der Gebäudekomplex, in dem es untergebracht war. Das Rayand Maria Stata Center, in dessen vierstöckigen Sockelbau JJ soeben ihren Mentor geführt hatte, wirkte ein wenig, als sei es eine Manifestierung von Ballantines bizarrem Traum aus Alfred Hitchcocks Film Ich kämpfe um dich. Mit seinen schrägen Fassaden vermittelte der Komplex den Eindruck der Unfertigkeit, so, als seien große Spielkarten flüchtig aufeinandergestapelt, um beim nächsten Windhauch wieder zusammenzustürzen. Immerhin hatte das Stata diesen Zustand jetzt schon mehr als zwei Jahre überdauert. Damit symbolisierte es treffender als jeder Slogan das Credo der Menschen, die hier lernten und arbeiteten: Nichts ist statisch, alles kann sich verändern, nur der Wandel bleibt uns ewig erhalten.
Obwohl also Abwechslung am CSAIL Pflicht war, entbehrte der Auftritt des »Stargasts« nicht einer gewissen Exotik. Karim Al Massari – JJs am MIT studierender Freund – hatte die Erwartungshaltung im Vorfeld der Veranstaltung hochgeschraubt. Kogan sei blind, hatte er seine Kommilitonen wissen lassen, und seine achtundzwanzig Jahre junge Begleiterin eine Traumfrau wie aus Tausendundeiner Nacht.
Während JJ den Redner zum Katheder geleitete, schweifte ihr Blick durchs Publikum. Überwiegend Männer. Oder zumindest Milchbärte, deren lässige Körperhaltung verriet, wie ungemein männlich sie sich fühlten. Bis jetzt verlief also alles nach Plan. Der hungrige Schwarm stierte den Köder an. Es störte sie nicht, von Kogan vor allem als Blickfang mitgenommen worden zu sein, solange ihre übrigen Qualitäten bei ihm im Vordergrund standen. Und das musste man Emil Kogan lassen: Obwohl er ein Meister der Täuschung war, achtete er bei seinen Mitarbeitern stets mehr auf den Inhalt als auf die Verpackung.
Der Doktor aus Crypto City trug einen langen weißen Stock und eine schwarze Brille, welche sich perfekt an seine Gesichtsform anpasste. Auch sein dunkelgrauer Anzug war maßgefertigt. Kogan füllte ihn auf beeindruckende Weise aus. Im Veranstaltungshinweis hatten die Studenten lesen können, er sei sechsundsechzig, doch in der Art und Weise, wie sich dieser stattliche Mann bewegte, wirkte er auf die meisten wohl eher zwanzig Jahre jünger. Da gab es kein Zittern, keinen gebeugten Rücken oder sonstige Anzeichen von Hinfälligkeit. Aufrecht trat er ans Pult – es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, seinen Vortrag sitzend zu halten. Sein weißes Haar war voll und für einen Mann dieses Alters erstaunlich lang.
Als Repräsentantin einer dem US-Verteidigungsministerium unterstellten Behörde hatte JJ für den Auftritt im CSAIL ein konservatives Outfit gewählt: dunkelblaues Kostüm mit taillierter Jacke und eng geschnittenem Rock, der eine Handbreit über dem Knie endete; dazu eine weiße Bluse und eine Perlenkette, die besonders gut mit ihrem bronzefarbenen Teint harmonierte. Sie war eins fünfundsiebzig groß und schlank. Die figurbetonte Kleidung konnte sie sich also leisten, auch dank eines strengen Ernährungsplans und regelmäßigen Trainings in Thaing Byong Byan, einer burmesischen Kampfsportart. Ihre weit über die Schultern fallenden, dunkelbraunen, seidig glatten Haare trug sie offen. Vermutlich fragten sich die stieläugigen Milchbärte, woher diese Miss Orient oder ihre Ahnen stammten. Auf Afghanistan tippt ihr bestimmt nicht, dachte JJ, während sie ins Publikum lächelte. Karim meinte immer, ihre Augen seien ihre stärkste Waffe. Sie leuchteten ausdrucksstark wie vom Sternenhimmel gefallene grüne Smaragde, und mit dem dunkleren Außenring um die Iris besaßen sie eine fast hypnotische Wirkung. Als gebürtiger Pakistaner war auch er ein Orientale, und die neigten ja bekanntermaßen zu blumigen Übertreibungen.
»Die junge Dame neben mir, die ein Großteil von Ihnen gerade angafft, ist JJ«, begann Kogan ganz unkonventionell seinen Vortrag. Auf eine förmliche Begrüßung verzichtete er. Offenbar wusste er genau, dass er mit Konventionen vor diesem Publikum keinen Eindruck schinden konnte, wohl aber mit dem Juwel an seiner Seite.
JJ nickte in die Zuhörerschaft, ließ einmal mehr ihr betörendes Lächeln aufblitzen und setzte sich auf den Stuhl, welchen man für sie neben dem Rednerpult bereitgestellt hatte. Einige Studenten verfolgten interessiert das damit einhergehende Höherrutschen ihres Rocksaums.
»JJ ist an einer kleineren Universität in New Haven, Connecticut, immatrikuliert, wo sie gerade an ihrer Dissertation in Geschichte arbeitet«, fuhr Kogan fort und erntete dafür spontanen Beifall. Jeder hatte verstanden, dass er von Yale redete, nach Harvard, das gewissermaßen auf der anderen Straßenseite vom MIT lag, die zweitreichste Universität der Welt. Mit seinem sicheren Gespür für die ewige Rivalität der beiden Wissenschaftszentren hatte Kogan bei seinen elitären Zuhörern, noch ehe sein Vortrag begann, zum zweiten Mal gepunktet. Einige Studenten johlten vor Vergnügen. JJ machte gute Miene. Kogan deutete mit der Linken erstaunlich präzise in ihre Richtung und setzte noch einen drauf. »Wem sie ihre Gunst schenkt, der darf diese anmutige Fee Jamila nennen. Aber unterschätzen Sie JJ nicht. Wer sie beeindrucken will, braucht eine gehörige Portion Grips,«
Im Hörsaal ertönten begeisterte Pfiffe und Jay-Jay-Rufe. Einige hielten sich sogar für intelligent genug, »Jamila« zu intonieren.
»So gerne ich Ihnen am heutigen Nachmittag mehr über meine liebreizende Assistentin erzählen würde, so sehr drängt es mich, mit einem anderen Thema Ihre geschätzte Aufmerksamkeit zu gewinnen.« Mit diesen Worten brachte Kogan seinen Vortrag geschickt auf die sachliche Ebene. Er stellte sich nun förmlich als Mitarbeiter eines NSA-Projekts vor und bezeichnete sich ganz unbescheiden als einen der führenden Experten auf dem Gebiet des Terrorismus und der Kriegführung im Internet. Über das genaue Aufgabengebiet seiner Arbeitsgruppe dürfe er aus Geheimhaltungsgründen nichts Näheres sagen. Damit fesselte er sein Publikum noch mehr. Mit seiner nächsten Äußerung wurde er sehr konkret, ja, geradezu unverblümt.
»Einige bezeichnen uns als größte und einflussreichste Schnüffelbehörde auf diesem Planeten.« Unter der undurchsichtigen Brille zog sich sein Mund in die Breite. »Das stimmt. Doch ich möchte Ihnen heute etwas darüber erzählen, warum die Welt eine solche Einrichtung benötigt und wieso die NSA ein Garant...




