Isaacson | Schönheit aus Asche | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Isaacson Schönheit aus Asche

Wie ich als zurückgelassenes Kind den Zweiten Weltkrieg überlebte und endlich Heimat für mein Herz fand
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7655-7648-5
Verlag: Brunnen Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wie ich als zurückgelassenes Kind den Zweiten Weltkrieg überlebte und endlich Heimat für mein Herz fand

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-7655-7648-5
Verlag: Brunnen Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Er gab mir Schönheit statt Asche und Freudenöl statt Trauer.' Jesaja 61,3 Eleanor Isaacson ist zwei Jahre alt, als ihre Mutter sie in Deutschland bei Verwandten zurücklässt. Das kleine Mädchen wächst in der Obhut ihrer Tante auf, von der sie zwar Nahrung bekommt, aber keine Liebe. Dann bricht der Zweite Weltkrieg aus. Gemeinsam überstehen die beiden Frauen Bombennächte, Hunger, Einsamkeit und den Verlust naher Angehöriger. Kurz bevor sich der Eiserne Vorhang schließt, holt Eleanors Mutter die inzwischen 13-Jährige zu sich in die USA. Doch auch im 'Land der Freiheit' erlebt Eleanor nur Kälte und Ablehnung. Erst als sie entdeckt, wer ihr unsichtbarer Freund ist, der sie von klein auf begleitet und beschützt hat, findet ihr Herz endlich Heimat ...

Eleanor Isaacson, geboren 1934, überlebte als Kind die Nazidiktatur, den Zweiten Weltkrieg und die russische Besatzung, bevor sie in die USA übersiedelte. Heute ist die Autorin als Motivationsrednerin zu vielen Vorträgen unterwegs.
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KAPITEL 1


Unfröhliche Weihnachten


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Hatte es je ein schlimmeres Weihnachten gegeben? Ganz sicher nicht in meiner zehnjährigen Erinnerung! Im Dezember 1944 zog sich Hitlers Angriffskrieg bereits über fünf Jahre hin. Selbst in einer Nazihochburg wie Plauen, einer stolzen Industriestadt in Mitteldeutschland nahe der Grenze zu Bayern und zur Tschechoslowakei, konnten sich die Einwohner nicht länger einreden, dass die mächtige Wehrmacht ihres Führers den Krieg gewann. Monatelang schon legten die Bomben der Alliierten Plauen mehr und mehr in Schutt und Asche.

Für die Kinder dort war Weihnachten immer eine Zeit voller glitzernder Magie gewesen. Schnee hüllte sanft die Hügel ein, die Plauen umgaben. Tannenzweige und anderer Weihnachtsschmuck verzierten den Marktplatz. Glocken und Chorgesänge erfüllten die Luft mit Musik. Der Duft von Zimt, Melasse, Ingwer, Anis und Schokolade strömte aus den Häusern, wo Weihnachtskekse gebacken wurden. Auf der Zunge lag der Geschmack von Plätzchen und Stollen.

Doch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs hatte ich fast vergessen, wie solche Luxusgüter wie Butter, Zucker und Melasse schmeckten. Lisbeth, wie ich meine Tante nannte, die mir Vormund und Ersatzmutter war, hatte im Wohnküchenbereich unserer winzigen Wohnung bereits einen Baum aufgestellt. Diese Tradition war natürlich, wie alles andere an Weihnachten unter der Naziherrschaft, jeglicher Symbolik beraubt worden, die auf den jüdischen Messias hinwies. Der Baum stand nun für die Sonnenwende und jährliche Wiedergeburt der Sonne – ähnlich wie der bärtige Mann, der den Sack voller Geschenke trug, nicht mehr der Heilige Nikolaus war, sondern der germanische Gott Odin.

Mein Puppenhaus, das lediglich aus einer Küche und einem Schlafzimmer bestand und unserer echten Wohnung damit nicht unähnlich war, wurde ebenfalls vom Speicher geholt. Wie jedem anderen deutschen Kriegsmädchen wurde mir erlaubt, von Heiligabend bis zum 6. Januar mit seinen winzigen Möbeln zu spielen. Dann wurde es wieder bis zum nächsten Jahr auf den Dachboden gebracht.

Trotz Nahrungsmittelknappheit hatte meine Tante es sogar geschafft, die winzigen Lebensmitteldosen wie immer mit etwas echtem Zucker und Mehl für mich zu füllen, damit ich damit spielen konnte. Und wie jedes Jahr hatte Lisbeths Nähfreundin Elsa für meine Puppe Helga ein neues Kleid gemacht, das ich gemeinsam mit den anderen spärlichen Geschenken am Weihnachtsabend auspackte.

Doch ich hatte kein Interesse an Puppenkleidern oder am Puppenhaus, auch nicht an den SS-Soldaten aus Schokolade, den Spielzeugpanzern und Kriegsflugzeugen, die man auf dem Weihnachtsmarkt kaufen konnte. Wie konnte es Weihnachten sein, wenn die ganze Luft so durchdrungen war von Angst und Unsicherheit, dass ich kaum atmen konnte? Wenn die Klänge der Weihnachtslieder – die ebenfalls neue Texte hatten und nun Deutschlands großen Retter statt ein Judenbaby priesen – schon lange in Fliegeralarm und Bombenexplosionen untergegangen waren?

Als ich an jenem Weihnachtsabend 1944 endlich einschlief, dachte ich nicht an Geschenke. Mein zehnjähriges Bewusstsein war nur auf eine einzige Sache fokussiert: auf die Sirene zu lauschen und immer bereit zu sein, sofort loszulaufen, mich zu verstecken und zu überleben. Wie schon seit Monaten schlief ich auch in dieser Nacht komplett angezogen, meine Schuhe ordentlich neben dem Bett aufgestellt, sodass ich augenblicklich in sie hineinspringen konnte.

Es war 2 Uhr nachts am Weihnachtsmorgen, als der Fliegeralarm ertönte. Widerwillig schob ich meine dicke Daunendecke von mir, um in die eiskalte Nacht hinauszulaufen. Vielleicht wäre der Angriff dieses Mal ja kurz genug, dass mein Bett noch warm war, wenn ich wiederkäme. Die durchdringende Sirene tat mir in den Ohren weh, während ich nach meinen Schuhen tastete. Als ich die Tür erreichte, hatte Lisbeth schon meine Hand ergriffen. Wir polterten durch das Treppenhaus drei Stockwerke nach unten, drängelten uns vorbei an anderen Bewohnern, die sich ebenfalls ihren Weg in die Sicherheit erkämpften.

Unser Wohnhaus stand auf dem Hang eines natürlichen Talkessels, in dem Plauen angesiedelt war. Eine Kopfsteinpflasterstraße führte hinunter ins Tal. Dort inmitten der Stadt stand ein großer, von Bäumen bedeckter Hügel. Ob durch die Natur oder menschliche Kraft angelegt – in diesem Hügel befanden sich zwei riesige Höhlen. Während der vergangenen Jahrhunderte war das kalte, feuchte Innere dieser Höhlen von den ansässigen Brauereien genutzt worden, um dort ihr Bier etwas kühler zu lagern. Seit dem Beginn der Bombenangriffe waren sie zu Luftschutzkellern geworden. Manche Leute, die kein Zuhause mehr hatten, blieben auch zwischen den Angriffen dort.

Lisbeth und ich hatten in den letzten Monaten häufig in der nächstgelegenen Höhle Schutz gesucht, da die Bomben mittlerweile nicht mehr nur ab und zu, sondern unaufhörlich fielen. Unter normalen Umständen lag der Hügel zwanzig Minuten Fußmarsch von unserer Wohnung entfernt. In dieser Nacht rutschten und schlitterten wir über das glatte, gefrorene Kopfsteinpflaster und erreichten den Fuß des Hügels in weniger als zehn Minuten. Über uns bildeten der Donner und die Blitze der explodierenden Bomben einen Stakkato-Rhythmus zu dem auf- und abschwellenden Jaulen des Fliegeralarms.

Während wir rannten, wurde mein Blick nach oben gezogen. Das Feuerwerk der explodierenden Artillerie bot die Illusion eines sternenbedeckten Nachthimmels. Doch sicher halluzinierte ich, denn es sah für mich so aus, als würden herrliche Weihnachtsbäume aus reinem goldenen Licht herunterfallen und die Landschaft übersäen. Ich zog an Lisbeths Hand. „Schau, sie feiern Weihnachten!“

Meine Tante drückte meine Hand noch fester und zerrte mich hinter sich her. „Wir können nicht stehen bleiben und gucken! Wir müssen weiterlaufen!“

Jahrzehnte später erzählte ich in einem Vortrag in North Carolina, USA, davon. Anschließend kam ein Kriegsveteran auf mich zu und versicherte mir: „Sie haben nicht halluziniert. Im Gegensatz zu unseren amerikanischen Bombern mussten die Briten darauf achten, keine Munition zu verschwenden. Daher beleuchteten sie den Boden mit hellen Markierungsbomben, um den Abwurfbereich zu überprüfen, bevor sie die Bomben fallen ließen. Vom Boden sahen diese Markierungsbomben aus wie ein umgedrehtes V aus hellem Licht.“

Damals verlor ich schnell das Interesse an jeglicher Schönheit am Nachthimmel. Wir hatten nun die massiven Doppeltüren erreicht, die in die nächstgelegene Höhle führten, den Mauerkeller. Der Eingang zur anderen Höhle mit dem Namen Hummerkeller lag eine weitere Viertelstunde Fußweg auf der anderen Seite des Hügels. Um uns herum strömten die anderen Bewohner unseres Wohnhauses durch die Türen, genau wie wir während der vorherigen Fliegeralarme. Doch etwas in meinem Bauch, in der Angst, die mir die Luft abschnürte, schrie mich an, dass wir dort nicht hineingehen sollten. Etwas Schreckliches würde geschehen, wenn wir es taten. Obwohl ich keine Worte hörte, war es genauso klar, als würde eine Stimme mir Anweisungen geben.

Unsanft riss ich an Lisbeths Hand, sodass wir beide stehen blieben. „Nein, wir können da nicht hinein! Nicht heute Nacht! Bitte, bitte, du musst auf mich hören! Wir müssen zur anderen Höhle laufen! Bitte, bitte!“

Obwohl mir die Dringlichkeit ins Gesicht geschrieben stand, ist mir bis heute schleierhaft, warum meine Tante mich nicht einfach packte und durch die Türen des Mauerkellers schob. Vorsehung, mit Sicherheit. Aber Lisbeth war keine Frau, die an Vorsehung glaubte oder überhaupt an etwas, das nicht praktisch und rational war. Doch in dieser Nacht hörte sie auf mich. Ich umklammerte ihre Hand. Nun war ich es, die sie mit sich fortzerrte. Wir erreichten den Eingang des Hummerkellers in olympischer Geschwindigkeit. Gerade in diesem Augenblick wurden die riesigen Türen, die genauso aussahen wie die des Mauerkellers, schwerfällig geschlossen.

„Haltet die Türen auf!“, rief meine Tante scharf. „Wir kommen!“

Wir quetschten uns durch die enge Öffnung, während sich die Türen direkt hinter unseren Fersen schlossen. Wir waren kaum drinnen, als der Boden zu beben begann. Die Bomben fielen offenbar sehr nah. Die Höhle war so voller Menschen, hätte jemand einen Herzanfall gehabt, wäre er nicht zu Boden gefallen. Verstreut leuchteten Taschenlampen auf entsetzte Gesichter und die Schreie, die man zwischen den Explosionen und Sirenen hörte, stammten sowohl von Männern als auch Frauen und Kindern.

Ich schlängelte mich zur Höhlenwand, wo ich einen Vorsprung fand, der gerade hoch und breit genug war, um mir als Sitzgelegenheit zu dienen. Der Fels in meinem...



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