Iding | Die Angst, der Buddha und ich | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Iding Die Angst, der Buddha und ich


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96860-503-6
Verlag: Kosmos
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-96860-503-6
Verlag: Kosmos
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Trotz jahrelanger spiritueller Praxis leidet Doris Iding an einer Angststörung. Sie erforscht die tiefen Ursachen, nimmt sich endlich wieder Zeit für sich selbst, zieht ihre Siebenmeilenstiefel der Facebook- und iPhone-Welt aus und geht wieder barfuß Schritt für Schritt. Sie befragt spirituelle Lehrer unserer Zeit, Ärzte, Yoga- und Meditationslehrer und Therapeuten zum Thema Angst und stellt fest, dass Angst das Tabuthema der spirituellen Szene ist. Über ihre persönliche Geschichte hinaus gibt sie viele Hilfestellungen für Betroffene und zeigt, wie ihr die Prinzipien der Achtsamkeits-basierten Psychologie konkret geholfen haben.

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Aufgewacht!

In welcher Situation wir uns auch befinden mögen, es ist immer möglich, sie unter positiven Gesichtspunkten zu betrachten.

DALAI LAMA

Das Erlebnis, das so einschneidend war, das alles veränderte, mich über viele Monate vollkommen aus der Bahn warf und nichts mehr so sein ließ, wie es vorher war, ereignete sich im April 2011. Drei Wochen zuvor war es in Fukushima durch ein Erdbeben zu der großen Reaktorkatastrophe gekommen. Jeden Abend verfolgte ich, wie in den Nachrichten darüber berichtet wurde, dass große Mengen an radioaktivem Material die Luft, die Böden, das Wasser und die Nahrungsmittel sowohl auf dem Land als auch im Meer in der Umgebung der Reaktoren kontaminierten. Ich machte mir große Sorgen um die Menschen und die Natur, die dieser unsichtbaren Gefahr ausgesetzt waren. Die Bilder der verzweifelten Menschen und der zerstörten Landschaft gruben sich schnell in mein Gehirn ein und wirkten selbst im Schlaf nach. Meine Angst galt aber auch meiner eigenen Gesundheit. Ich war mir unsicher, ob früher oder später nicht auch verseuchte Lebensmittel nach Deutschland würden kommen können.

Das Unglück in Japan war tatsächlich aber nur der Auslöser für meinen eigenen Zusammenbruch. Mitten in einer der nachfolgenden Aprilnächte wachte ich auf. Draußen war es stockdunkel. Alles, was ich sah, waren Millionen von schwarzen und weißen dicken Punkten, die sich schnell und flirrend vor meinem Gesichtsfeld bewegten. Zuerst wollte ich meinen eigenen offenen Augen nicht trauen. Dann schlug mein Gehirn Alarm. Innerhalb von Sekunden breitete sich eine so massive Angst in mir aus, dass sie mich förmlich durch- und dann überflutete. Ich fühlte mich wie paralysiert und gleichzeitig zitterte ich am ganzen Körper. Mein Herz raste. Mein Atem jagte hinterher. Meine Nerven lagen blank. Es fühlte sich geradezu so an, als wäre ich an eine 220-Volt-Stromleitung angeschlossen. Ich war hellwach und vollkommen übererregt. Das, was sich hier abspielte, war wie ein gruseliger Horrorfilm, den ich partout anhalten wollte, den ich ausschalten wollte, aber den entsprechenden Knopf dazu nicht fand.

Mit zitternder Hand suchte ich ersatzweise nach dem Lichtschalter meiner Nachttischlampe, in der Hoffnung, dass alles nur ein schlechter Traum gewesen wäre und der Albtraum ein Ende hätte. Aber auch im hellen Raum waren die Punkte noch immer da. Die Konturen der Möbel waren hinter den Punkten undeutlich auszumachen. Zuerst dachte ich, dass es vielleicht eine Kreislaufschwäche wäre. Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett, raste ins Wohnzimmer und beugte mich nach vorne, um meinen Kopf mit frischem Blut zu versorgen. Die Punkte blieben. Ich schüttelte verzweifelt den Kopf, in der naiven Hoffnung, dass so Abertausende von Punkten herausfallen würden. Ruckartig richtete ich mich auf. Doch die Punkte tanzten weiter hartnäckig vor meinen Augen. Da wurde ich panisch und ließ meinen Oberkörper noch einmal nach vorne schnellen und schüttelte mich wie elektrisiert, atmete tief ein und aus, schüttelte mich erneut und richtete mich voller Verzweiflung wieder auf. Jetzt erst ließ die Erscheinung langsam nach. Nach meinem Empfinden jedoch viel zu langsam. Ich war schweißgebadet. Ich versuchte nachzuvollziehen, was gerade mit mir passiert war. Dabei schoss mir die Angst erneut durch den Kopf. Was war das?

Die nächsten Stunden waren ein Albtraum. Kaum hatte ich mich halbwegs beruhigt, kam die Erinnerung an die Punkte wieder. Meine Adrenalinproduktion lief auf Hochtouren. Immer wieder rannte ich durch die Wohnung, angetrieben von Herzklopfen, begleitet von Horrorszenarien, die sich in meinem Kopf abspielten. War das, was ich da erlebte, etwa die Vorstufe von weißen Mäusen, und das, obwohl ich kaum Alkohol trank? Ich hatte geradezu panische Angst davor, blind – und noch schlimmer – verrückt zu werden. Ich ließ den Vortag vor meinem inneren Auge Revue passieren. War etwas Besonderes passiert, was ich nicht bemerkt hatte und was das Augenflimmern ausgelöst hatte? Hatte man mir vielleicht irgendwo heimlich etwas in ein Getränk gegeben? Die Fragen liefen ins Leere. Hatte das ganze visuelle Phänomen vielleicht gar nichts mit meinen Augen zu tun, sondern mit meinem Gehirn? Hatte ich einen Gehirntumor? Diese Fragen überschlugen sich in meinem Kopf und wiederholten sich Tausende Male. Ich konnte förmlich spüren, wie jede einzelne Frage wie eine Ladung Starkstrom durch die Windungen meines Gehirns schoss und mein ganzer Körper auf der Suche nach einer plausiblen Antwort vor lauter Übererregung nur noch vibrierte und ich wie Espenlaub zitterte. Beruhigen konnte ich mich nicht. Und Antworten fand ich auch keine.

Ich legte mich wieder in mein Bett, mit all den Fragen, mit all der Angst. Als die Sonne aufging, schlief ich vollkommen übererregt und zugleich völlig erschöpft ein. Vollkommen übererregt wachte ich auch wieder auf. Die Sonne schien in mein Zimmer. Die einzigen Punkte, die ich jetzt sah, waren ein paar einzelne feine Staubkörner, die in der Luft tanzten, nachdem ich das Fenster aufgemacht hatte. Andere Punkte waren keine mehr zu sehen. Alles war wie sonst. Ich sah die Welt wieder durch meinen gewohnten Blick. Das Fenster, das Bett, der Schrank. Alles war klar umrissen, ohne einen einzigen Punkt. Aber gleichzeitig sah ich die Welt mit ganz anderen Augen. Ich hatte höllische Angst vor einer Krankheit. Angst um mein Leben. Und um meinen Verstand. Über den ganzen nächsten Tag hinweg lauerte die Angst permanent nebulös drohend im Hintergrund. Ich erzählte niemandem von dem, was mir widerfahren war. Vielleicht war ja doch alles nur ein schlechter Traum gewesen! Hier und da überfiel mich dann wieder unvermittelt die Angst, dass sich das Horrorszenario in der kommenden Nacht wiederholen würde.

Und genau das passierte. Ich schreckte bereits nach drei Stunden aus dem Schlaf, weil mich die furchtbaren Erinnerungen an die vorhergehende Nacht wachrüttelten. Wieder sah ich nichts anderes als Millionen von schwarzen und weißen Punkten. Wieder schlug mein Gehirn Alarm. Wieder stand ich unter Strom. Wieder lag ich stundenlang wach. Schrecklichste Ängste um meine Augen und meine Gesundheit verschluckten meinen gesunden Menschenverstand bei dem kleinsten Versuch, eine rationale Erklärung zu finden für das, was sich vor meinen Augen abspielte. Es war geradezu aussichtslos, auch nur einen einzigen klaren, angstfreien Gedanken zu fassen. Ich fühlte mich ängstlich, hilfsbedürftig und zutiefst verunsichert zugleich und wollte dieses Gefühl so schnell wie möglich wieder loswerden. Aber wie sollte dies gehen?

Die einzige Möglichkeit war, der Situation ins Gesicht zu schauen bzw. in diesem Fall in die Augen zu sehen. Aus diesem Grund suchte ich am nächsten Tag einen Augenarzt auf. Während der Untersuchung fiel es mir schwer, meine Angst zu verbergen. Nervös rutschte ich wie ein kleines Kind auf dem Behandlungsstuhl hin und her. Mein Mund war trocken. Mein Kopf war leer. Ich fühlte mich wie betäubt. Ich hatte Angst vor der Diagnose. Angst davor, dass der Arzt meine Hypothesen bestätigen würde. Mit zitternder Stimme erzählte ich ihm, was mir widerfahren war. Er blieb sichtlich unbeeindruckt, untersuchte mich und konnte nichts Auffälliges feststellen. Ihm war dieses Symptom unbekannt. Zum Abschied klopfte er mir aufmunternd auf die Schulter, lachte mich an und versuchte, eine heitere Zuversicht auszustrahlen: »Entspannen Sie sich! Legen Sie Ihre Füße hoch und lesen Sie einen schönen Krimi!« Auch der Neurologe, den ich kurz danach aufsuchte, zuckte bei meiner Erzählung die Schultern, konnte mit meinen Symptomen nichts anfangen. Ebenso erging es mir bei meinem Hausarzt. Beide diagnostizierten eine Überreizung des Nervensystems. Aber keiner konnte mich wirklich beruhigen. Dazu war es zu spät.

In diesen Tagen zog die Angst bei mir ein. Meine Fröhlichkeit und mein Optimismus zogen aus. Mit der Angst ging ich durch den Tag. Mit ihr schlief ich nachts ein. Mit ihr wachte ich mitten in der Nacht auf. Nacht für Nacht erlebte ich dasselbe: Millionen von Punkten tanzten vor meinen Augen. Im Dunkeln, im Halbdunkeln. Im Schein der Nachttischlampe. Jeder einzelne Punkt fütterte meine Angst. Machte sie groß. Blähte sie auf wie einen Dämon. Gab ihr Macht über mich und meinen Verstand. Es schien keine Besserung in Sicht. Im Gegenteil. Während der Frühling Einzug hielt, die ersten Knospen auftauchten, wurde es in mir immer düsterer. Und das, obwohl ich diese Jahreszeit über alles liebte. Schlagartig änderte sich alles. Mein Leben. Meine Einstellung zu mir selbst. Augenblicklich wurde mir bewusst, wie wertvoll ein gesunder Körper und eine stabile Psyche sind. Alles Äußere, was mich bislang so motiviert, inspiriert und angetrieben hatte, wurde plötzlich vollkommen unwichtig: vielversprechende Aufträge und geplante Reisen ebenso wie bereichernde Begegnungen. Selbst der Erfolg meines neuen Buches, das in zahlreichen Zeitschriften besprochen wurde, ging an mir vorbei, als würde es mich selbst gar nicht betreffen. In meinem Innern stieß nichts mehr auf Resonanz. Es war, als hätte sich in nur einer einzigen Nacht zwischen mir und dem Leben, das ich so liebte, ein unüberwindbarer Graben aufgetan. Mein Blick hatte sich verengt, meine ganze Aufmerksamkeit kreiste nur noch um meine Gesundheit.

Das eigene Leben unter die Lupe nehmen

Bis zu dieser Nacht hatte ich immer gemeint, eigentlich ein sehr glückliches Leben zu führen. Eigentlich. Mit 30 Jahren hatte ich meinem Leben nach dem Tod meines Lebensgefährten eine ganz neue Richtung gegeben. Ich hatte mir meinen langjährigen Traum erfüllt und Ethnologie, Religionswissenschaft und Psychologie studiert. Diese Jahre waren für mich ein großes Geschenk....



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