Hval | Gott hassen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 236 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 210 mm

Hval Gott hassen


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7550-5016-2
Verlag: März Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 236 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 210 mm

ISBN: 978-3-7550-5016-2
Verlag: März Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Gott hassen ist ein kompromissloser, nachdenklicher, spielerischer und zutiefst faszinierender Roman über Black Metal und weiß getünchte Idylle, über Untergrundbewegungen, Magie und Rebellion.  Norwegen in den 90ern: Weiße Lattenzäune stehen in Reih und Glied, die junge Erzählerin leidet an der Eintönigkeit und am christlichen Konservatismus. Als erwachsene Frau beginnt sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, hinterfragt ihre künstlerische Praxis und dekonstruiert die Maßstäbe, nach denen wir Kunst definieren. Sie sucht nach Befreiung im Untergrund und zieht ihre Energie aus dem Hass - einem Gefühl, mit dessen Hilfe sie sich produktiv einem jahrhundertealten Genie-Kult entgegenstellen kann.

Jenny Hval, geboren 1980 in Oslo, hat Kreatives Schreiben und Performance in Melbourne, Australien studiert. 2006 ist ihre erste EP »Cigars« erschienen. Seither hat sie fast ein Dutzend Platten aufgenommen, die mit allen wichtigen nordischen Musikpreisen ausgezeichnet wurden. Zuletzt erschien ihr Roman »Perlenbrauerei« bei MÄRZ.
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Ich hasse Gott.

Es klingt primitiv und erbärmlich, das zu sagen, aber ich bin eine primitive und erbärmliche Person.

Der Bildschirm vor mir zeigt Bilder aus dem Jahr 1990. Fichten, Berge, grauer Himmel. Das Video flimmert und die Kamera wird durch ein niedrig aufgelöstes Digital-Universum geschwenkt. Eine jungenhafte Gestalt, vielleicht Nocturno Culto, läuft zu brutalen Gitarrenriffs durch den Wald. Die Kamera folgt ihm nur träge. Das Bild ruckelt im Takt der Schritte des Filmenden. Ist das eine Art Geburt? Ich schreibe: »Homevideo, im Einklang mit der Lo-Fi-Ästhetik des Genres. Kurze, rätselhafte und hässliche Kamerariffs über langweiliger norwegischer Landschaft.«

Ich notiere: »Ich hasse Gott.« Was für eine arrogante Aussage, aber ich habe einen arroganten Charakter (»Ich« – ist das nicht auch nur ein anderes Wort für »Gott«?).

Im Jahr 1990 hasse ich Gott.

Nocturno Culto und seine Band spielen noch Thrash Metal, und ich hasse mich durch die Klassenräume der Grundschule und durch den dicken südnorwegischen Dialekt der Lehrer. Ich weigere mich, ihn anzunehmen, ich hasse seinen schweren Ton, mit dem die Ermahnungen einhergehen. Die Menschen aus Südnorwegen sagen so wenig anderes. Es ist auch gar nicht möglich, damit etwas Neues zu sagen, also verkünden sie die immergleichen Formeln. Ich weiß wirklich nicht, für was er sich eignen soll, abgesehen von Predigten. Wenn sie pRaktizieRendeR ChRist sagen, stößt die Zunge die r-Laute so heftig aus dem Rachen, dass die Konsonanten bis ins Fegefeuer fliegen müssen, und meine Ohren sind stigmatisiert.

Am meisten hasse ich Gøud, wie die Leute aus Aust-Agder sagen, und mein Lehrer in jedem seiner Morgengebete. Wie ich es verstanden habe, ist Gott nur ein flüchtiges Konzept in ein paar Büchern, während Gøud da draußen existiert und den Leuten in Südnorwegen das Haar in strenge Knoten und die Kehlen in Schlingen legt. Es ist Gøud, der in mein Schulheft schreibt, dass ich den dritten Vers unserer Psalmreihe »Mond und Sonne« nicht auswendig gelernt habe, und es ist Gøud, der entschieden hat, dass wir nichts über andere Religionen und Weltanschauungen lernen. Ich hasse Gottesdienste, die chRistliche Taufe, Hochzeiten und BeeRdigungen. Ich hasse die chRistliche VolkspaRtei und ich hasse das KlaubensbeKenntnis. Ich hasse es auswendig, rückwärts, hoch und runter. VateR unseR, der du bist in der Hölle.

Mir wird immer noch warm vor Freude, wenn ich das sage. Ich bin immer noch blasphemisch. Ich genieße das brennende Gefühl der Scham, und spüre, wie die Wangen anschwellen und im heißen Feuer der Ausgrenzung glühen. Ich kann mich mit Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzern identifizieren. So wie sie in einer kalten Straße sitzt und sich am glücklichen Weihnachtsfest der anderen Menschen wärmt, wärme ich meine eiskalte Teufelsseele am Glaubensbekenntnis der anderen. Das Mädchen fröstelt zwischen den Visionen glitzernder Weihnachtsbäume und Hologrammen aus Engeln. Sie erfriert bei dem Versuch, sich an den Geistern des Heiligen, der Fata Morgana des Protestantismus, zu wärmen.

Es macht mich so glücklich zu hassen. Mein Hass ist radioaktiv, seine Strahlen umgeben mich, das Kind, im Jahr 1990. Der Hass ist meine Fantasiewelt, mein pleasure dome. Gibt es ein Wort für pleasure dome auf Norwegisch? Man sagt es nicht. Jedenfalls gibt es den Ausdruck nicht im südnorwegischen Dialekt, er sitzt nur tief in meinem düsteren Blick. Dieser Blick sieht auf Bildern scheinbar nach innen und implodiert fast. Ist dieser Blick die Sprache, die sie Hass nennen?

Du musst natürlich nicht antworten, nein. Wahrscheinlich verstehst du kein einziges Wort Dialekt. Aber vielleicht hat es dich schon mal glücklich gemacht zu hassen. Deswegen schreibe ich dir. Um mich zu zeigen.

Ich hasse Gott, seitdem ich das Schreiben gelernt habe. Ich muss diese ganzen Worte großschreiben, und ich hasse es. Jesus Christus, Vater, Gott und so weiter, schriftliche Unterwürfigkeit. In der Schule muss ich nachsitzen und lernen, wie man ein großes O schreibt. Ich zeichne nur Spiralen und sie denken, dass ich einfach keinen Kreis zeichnen kann. Also soll ich Worte mit großem O abschreiben, und ich erinnere mich vor allem daran, Ordet, Ordet, Ordet wiederholen zu müssen – Das Wort. Es fühlt sich an, als würde es in mir und den Großbuchstaben brennen, und zum Schluss knicke ich ein und schreibe eine lange Reihe OOOOOOOOOOOOO auf das Blatt, es sieht mehr aus wie Gekritzel, und weniger wie Buchstaben. Ich schreibe über alle Zeilen in meinem Heft und dann weiter über den Tisch, bis der Lehrer kommt und mir eine Verwarnung erteilt. Ist dir schon mal aufgefallen, wie ähnlich die Worte schreiben und schreien klingen? Ich hasse Großbuchstaben, ich hasse Das Wort.

Wir bekommen nicht die Erlaubnis, hassen auszusprechen – außer es geht um Hitler. Das hat ein Vater von jemandem mal gesagt. Aber ich sage es sowieso nicht wie die anderen, hadår, es ist viel zu weich und zu feucht, ich hasse, und ich liebe es zu hassen. Im Jahr 1992 bin ich die düsterste Kinderkönigin.

Auch auf dem Bildschirm vor mir ist jetzt 1992, es läuft eine Bonus-DVD, die mit der Neuauflage der ersten Alben von Darkthrone veröffentlicht wurde. Ein paar schwirrende Bäume in Schwarz-Weiß. Angespannte Atmosphäre. Ich folge der wackligen Kamera durch den Wald, erfreut über den Versuch, die schönen und ordentlich gewachsenen Fichten in etwas Hässliches, Furchterregendes und Mysteriöses verwandelt zu sehen. Als würde die Band jeglichen Lebenssaft aus dem Jahr 1992 herauspressen wollen, oder alles, was an 1992 gewöhnlich war.

Ein Junge, wahrscheinlich immer noch Nocturno Culto, raucht auf einer Bank im Wald. »Primitiver«, sagt Fenriz. Das Interview wurde viele Jahre später geführt, die Band analysiert und resümiert. Sie sehen zurück und sagen: »Wir wollten was Primitiveres.«

Du kannst dir das Interview selbst ansehen, es ist online.

Primitiv. Ich habe das Wort noch nie jemanden aus Südnorwegen sagen hören.

Ich hasse mich weiter durch die Klassenstufen hindurch, bis in das Jahr 1997, auf das Gymnasium, und es wird immer offensichtlicher, dass die Sprache nicht ausreicht. Irgendetwas stimmt nicht hier im Süden. Oder mit der norwegischen Sprache. Vielleicht gibt es im Norwegischen einfach nicht die richtigen Worte und Klänge für Genuss. Es fühlt sich wie eine provinzielle Sprache an, eine Sprache für wortkargen Austausch über das Wetter, Gottesdienste, Bootshandbücher und Strafpredigten. Die Worte klingen nicht so musikalisch und archaisch wie die aus dem Old English Dictionary oder aus den altenglischen Gedichten in gothischer Schrift. Die norwegische Sprache hält viele Worte für meine Sünden und meine Fehler bereit; meine auferlegte Muttersprache ist eine Sprache für Menschen, die eigentlich kein Verständnis von Sprache haben, von Poesie oder der Notwendigkeit von Kommunikation. Am Gymnasium verkörpert Inger aus Der Segen der Erde die norwegische Sprache: Inger hat eine Hasenscharte und einen Sprachfehler. Sie kann die Worte beim Sprechen nicht richtig koordinieren und hält, oder sollte, nach Hamsun ihren Mund halten. Die Vorstellung ihrer verworrenen Sprache macht mir Freude. Ich sollte mich vielleicht stärker mit ihr identifizieren: Sie ist der Ausdruck eines genetischen Fehlers, der Mund und Kopf betrifft, also auch mich – aber ich tue es nicht. Ich entscheide mich für den Hass. Ich hasse Knut Hamsun, und ganz besonders Pan. Ich weigere mich, dieses Buch durchzulesen. Ich sage dem Lehrer, dass es eine Beleidigung für das Gehirn sei, und der Lehrer erteilt mir eine schriftliche Warnung. Ich wünschte, ich hätte dem Lehrer gesagt, dass die Bibel eine Beleidigung für die Seele ist.

Während meiner gesamten Kindheit und Jugend schäumt die Spucke in meinem Mund. Wenn ich rede und wenn ich nicht rede. Es gibt nur eine Stelle, mit der ich etwas anfangen kann, wenn wir Terje Vigen von Ibsen laut vorlesen müssen: Die schäumenden Wellen an der Schärenküste von Homborsund, denn ganz genau so schäumt es in meinem Mund, wenn ich lese. Es gibt nichts Sanftes oder Weiches in meinem Mund; alles, was feucht ist, schäumt und brodelt endlos, wie ein geloopter Beat.

Nocturno Cultos Zigarette ist aus. Die Kamera fährt wieder in den Wald hinein, in den Schnee, Schwarz-Weiß, zur Musik von Transilvanian Hunger. Ich notiere: »Norwegische Landschaft sieht aus und klingt wie surrende, wütende Insekten.«

Ich sehe mir diese Clips an, weil ich ein Drehbuch schreiben will. Ich weiß noch nicht, worum es gehen soll, aber ich mag die frühe Black Metal-Ästhetik, die nur um Haaresbreite von meiner...


Hval, Jenny
Jenny Hval, geboren 1980 in Oslo, hat Kreatives Schreiben und Performance in Melbourne, Australien studiert. 2006 ist ihre erste EP »Cigars« erschienen. Seither hat sie fast ein Dutzend Platten aufgenommen, die mit allen wichtigen nordischen Musikpreisen ausgezeichnet wurden. Zuletzt erschien ihr Roman »Perlenbrauerei« bei MÄRZ.

Sondermann, Clara
Clara Sondermann, 1990 in Thüringen geboren, ist Lektorin und Übersetzerin aus den skandinavischen Sprachen. 2016 war sie Stipendiatin der Berliner Übersetzerwerkstatt. Zuletzt erschien in ihrer Übertragung Lyrik von Athena Farrokhzad und Ursula Andkjær Olsen. Derzeit arbeitet sie gemeinsam mit Alexander Sitzmann an der Übersetzung von Olga Ravns jüngstem Roman: »Meine Arbeit« (erscheint 2024 bei MÄRZ).



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