E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Huysmans Lourdes
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-940357-66-3
Verlag: Lilienfeld Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mystik und Massen
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-940357-66-3
Verlag: Lilienfeld Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Joris-Karl Huysmans, geboren 1848 in Paris, schuf mit seinem 1884 erschienenen Roman 'À rebours' (deutsch meist: 'Gegen den Strich') ein Hauptwerk der sogenannten Dekadenz, das zum Kultbuch vieler Generationen geworden ist: von Mallarmé und Oscar Wilde bis zu Tocotronic und Houellebecq. Unter den nachfolgenden Werken zeigen vor allem die Romane um sein literarisches Alter Ego Durtal in der von Huysmans entwickelten Form eines 'spirituellen Naturalismus' die Suche des Helden nach geistiger Erlösung: 'Là-bas' (1890, dt.: 'Tief unten'), 'En route' (1895, dt.: 'Auf dem Weg'), 'La Cathédrale' (1898, dt.: 'Die Kathedrale') und 'L'Oblat' (1903, dt.: 'Der Oblate'). Huysmans war der Sohn eines holländischen Künstlers und einer französischen Mutter und wurde nach dem Schulabschluss Beamter im Innenministerium, wo er bis 1898 in Dienst war. Er gelangte nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Literatur- und Kunstkritiker zu großer Bedeutung. 1900 wurde er Laienbruder (Oblate) im Benediktinerorden, 1903 und 1904 hielt er sich jeweils mehrere Wochen in Lourdes auf; sein Lourdes-Buch erschien 1906 (Originaltitel: 'Les Foules de Lourdes'). 1907 starb er im Alter von 59 Jahren an Krebs.
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Die Grotte! Das nutzlose Standbild in der Felsnische, wo die Jungfrau erschienen ist, denke man sich weg, und die Entrückung beginnt. Hier meditiert man die vielen Gebete, mit denen man vor der Abreise aus Paris beauftragt wurde, eins ums andere, so gut man kann. Jedes bittet um die Heilung oder Bekehrung der Eltern oder Freunde, und jedes breitet vor ihr das mitgeschleppte traurige Bündel der physischen Leiden und moralischen Qualen aus. Es herrscht tiefe Stille, alles kniet in sich versunken; da jetzt die Grotte wieder zugänglich ist, scheint man es eilig zu haben, von der Madonna die gewünschten Gnaden zu erlangen. Noch hat man sie einige Stunden für sich. Morgen wird die Grotte überfüllt sein von den während der Nacht angekommenen Wallfahrtsgruppen. Dann wird es unmöglich sein, hineinzugelangen, und man wird sich auch auf den Bänken davor kaum im Gebet sammeln können, denn ununterbrochen wird lautstark gesungen und gepredigt werden.
Nicht anders wird es dann bei der unsichtbaren Quelle sein, deren Wasser aus dem Dutzend kupferner Hähne eines Brunnens links davon fließt. Man wird Schlange stehen, um seine Feldflasche zu füllen oder ein Glas Wasser zu trinken.
Auch jetzt eilt man dorthin, um zu trinken; man reicht sich Becher aus Weißblech; manche leeren sie in einem Zug, andere trinken sie nur halb leer, gießen den Rest in die Hände und reiben sich damit über ihr Gesicht, benetzen ihre Augen und Ohren. Die Frauen raffen ihre Kleider und klemmen sie zwischen die Knie, damit sie nicht nass werden. Man schimpft mit den Kindern, die die übervollen Flaschen schütteln und einander bespritzen. Jeder trifft seine Vorkehrungen, als wäre man in einer Stadt, der eine Belagerung bevorsteht.
In Erwartung des angekündigten Pilgeransturms betört der Charme dieses intimen Lourdes ohne Gedränge und ohne Lärm. Man kostet die Annehmlichkeit einer Stadt aus, die ihrem Erwerbsstreben geschäftstüchtig folgt, und spürt doch auch ein Gefühl der geschwisterlichen Gemeinschaft mit all denen, die gleichen Sinnes sind und wie man selbst nach den Wohltaten der Jungfrau verlangen. Und ohne gefragt zu haben, erfährt man, warum dieser hier spaziert und warum jene sich dort aufhält, und teilt die Hoffnung auf ihre Heilung und die Erfüllung ihrer Anliegen. Es entsteht etwas von der Kameradschaft eines Biwaks bei dieser Begegnung der in einem Städtchen kampierenden Pilger. Man läuft sich ständig wieder über den Weg. Man trifft sich auf der Esplanade, man sieht sich in der Oberen Basilika, in der Krypta oder der Rosenkranz-Basilika und begegnet einander bei der Grotte, sodass man sich fast genötigt fühlt, sich zu grüßen, obwohl man sich nicht kennt.
Tatsächlich bleibt niemand auf seinem Zimmer, und jeder lebt draußen, ob es regnet oder nicht. Von morgens bis abends geht man immer dieselben Wege, und wohin sie auch führen, man sieht außer den bekannten Gesichtern nur noch die Statuen der Jungfrau aus Gips mit zum Himmel erhobenem Blick und im weißen Kleid mit blauer Gürtelschärpe; kein Geschäft, das nicht Medaillen, Kerzen, Rosenkränze, Skapuliere und Broschüren über die Wunder anbietet, das alte und das neue Lourdes sind voll davon, selbst die Hotels machen mit, und das erstreckt sich über Kilometer von Straße zu Straße. Es beginnt im alten Lourdes mit armseligem Ramsch: Rosenkranzkettchen mit einem Kreuz aus Stahl, übergroße Lourdes-Rosenkränze, im nahen Bétharram gefertigte karamellfarbene Rosenkränze aus Holz zu sechs Sous das Stück, grässliche Kitschbildchen von Bernadette in rotem Rock und blauer Schürze und mit einer Kerze in der Hand vor der Jungfrau kniend, Miniaturfiguren und in großen Mengen aus Kupferschrott fabrizierte Medaillen, die an Spielzeuggeld denken lassen. Und all diese Gegenstände nehmen an Feinheit, Ausstattung und Größe zu, je mehr man sich der Neustadt nähert. Die Statuen wachsen, bis sie schließlich enorme Dimensionen annehmen, bleiben aber genauso hässlich. Die Kitschbilder steigern sich, indem sie das Soubirous-Mädchen wie eine Kammerzofe ausstaffieren; die Prägung der Medaillen wird besser, und sie sind aus anderem Metall: Man sieht Silber und Gold. Und wenn man sich der Grotte nähert, stößt man auf eine wahrhaft überbordende Fülle an Luxusnippes! Die Rosenkränze hängen nicht mehr draußen in Bündeln zum Verkauf, sondern werden auf rosa Watte gebettet in Vitrinen ausgestellt, ihre Perlen aus Lapislazuli, Koralle und Amethyst sind in Silber oder Gold gefasst. Dazu gibt es Papeterie-Krimskrams, Bleistift- und Federhalter sowie Briefbeschwerer aus unterschiedlichem Pyrenäenmarmor, und als Höhepunkt Schmuck aus Paris, aus den Juweliergeschäften vom Palais-Royal, geheiligt durch ein angehängtes Kreuz oder eine Medaille.
Und der Konkurrenzkampf ist hemmungslos: Überall in der Stadt wird man entlang der Geschäfte angehalten, es ist ein Kommen und Gehen, aber inmitten dieses Trubels gelangt man zuletzt immer auf dem einen oder anderen Weg zur Grotte.
Diese unregelmäßig geformte Grotte – vorne ziemlich hoch, flacher nach hinten und an einer Seite sehr niedrig – ist mit Votivtafeln aller Art geschmückt. Verrußte Krücken, die an Drähten vom Gewölbe herabbaumeln, tanzen beim leisesten Wind. Es gibt einen tragbaren Altar für die Zelebration der bischöflichen Messen und einen Kippwagen auf Rollen für die Kerzenreste.
Links, nahe der Quelle, gibt es einen gemauerten Unterstand für das Aufsichtspersonal und die Sakristei, etwas weiter eine Verkaufsbude für Devotionalien und Kerzen. Rechts, fast unter der mandelförmigen Nische, in der wie in einer Umrahmung die Jungfrau erschienen ist, ein fest installierter Stuhl, auf dem während der Wallfahrten die Missionare oder Priester Platz nehmen und Katapulten gleich die Gebete der Menge auf das Himmelstor lenken, damit wie aus geöffneten Schleusen die Gnaden herabströmen sollen.
Durchglüht von den Kerzen und stets von noch warmem Ruß überzogen wie die Wand eines Kamins, ist diese Grotte von Massabielle mit ihrem niemals verlöschenden Feuerschein eine eingehendere Betrachtung wert.
Am Gitterzaun vor dem Eingang stehen kranzartige Kupferständer, die große Platten mit spitzen Stiften tragen, auf denen aufgesteckte Kerzen brennen. Im Inneren der Grotte laufen entlang der Felswand dicht über dem Boden drei schwarze Eisenbänder mit Halterungsringen für Kerzen. Die unteren Halterungen sind am größten und gleichen eher Trichtern; sie sind bestimmt für die mächtigen Kerzen zu sechzig Francs, die wochenlang brennen. Dreieckige Kerzenhalter sind in den Stein getrieben, und hier und da hat man Erinnerungsbroschen in der Nähe einer Aushöhlung eingesetzt, die man mit einem Netz abgedeckt hat und in die, als eine allzu menschliche Post, Briefe an die Jungfrau eingeworfen werden können. Und entsprechend ihrer Größe und ihrem Preis zischeln all diese Kerzen verschieden und brennen unterschiedlich herunter. Die Kleinsten sinken um das Dochtende herum pilzförmig zusammen, erst kirschrot verfärbt, zuletzt schwarz. Die Größten verzehren sich sehr langsam in feinen Strömen reismilchartiger Tropfen, die nach und nach an den Seiten zu weißem Fett erstarren. Andere sind gerillt und wirken mit ihrer gefurchten Oberfläche und ihren Noppen wie die runzeligen Äste von Ulmen. Wieder andere wachsen gewissermaßen über ihren Docht und verzehren sich dabei wie Nachtlichter auf dem Boden eines Glases, das mit einem Schnurgeflecht versehen und mit Rankenmustern verziert ist, so wie die Andachtsbildchen mit ihrem papierenen Spitzenrand. Es gibt auch sehr alte, schon verblichene Kerzen, die gefleckt sind wie eine von Mitessern übersäte Nase, und es gibt die falschen, die unehrlichen Kerzen, die den Käufer betrügen und Gott bestehlen, Kerzen, die aus Stearin bestehen und nur von einer Hülle aus Wachs umgeben sind, die gelbe Tränen weint, während der Kern zu einer glasigen Flüssigkeit wird, in der der verkohlte Docht einer gewöhnlichen Kerze schwimmt.
Hier ereignet sich die Umkehrung des Pfingstgeschehens: Die Feuerzungen steigen zum Himmel hinauf statt von ihm herab, aber sie beten zum Heiligen Geist in der Form, die er selbst angenommen hat, sie spielen ihre Rolle bei den liturgischen Anrufungen des Herrn buchstäblich so, wie es von ihm prophezeit wurde, und wenn man sich an die Pfingstliturgie erinnert, wo fast immer Wasser zusammen mit Feuer vorkommt, so erfasst man plötzlich die geheimnisvolle Verbindung dieser beiden Elemente, den Zusammenklang von Flamme und Welle in Lourdes.
Dieses feurige Blühen versorgt ein alter Gärtner, der dort dauerhaft wohnt und braungebraten vor dem Glutofen der Grotte patrouilliert, ein richtiggehender Gärtner, frisch rasiert, mit blauer Kittelschürze und seinen Gartengeräten, seinem Rebmesser, seinem Rechen, seiner Schaufel und seiner Schubkarre, die hier zum Kippwagen geworden ist.
Von morgens bis abends betreut er ohne Hast und schweigend den Haushalt der Jungfrau, entfernt die Wachsstalaktiten von den Aufsteckspitzen und den dreieckigen Kerzenhaltern, gräbt den mit Kerzenfett und schneeigem Puder...




