Huxley | Geblendet in Gaza | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 450 Seiten

Huxley Geblendet in Gaza

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-492-97660-2
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 450 Seiten

ISBN: 978-3-492-97660-2
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Anthoney Beavis lässt das Leben an sich abprallen. Er wird von Ereignissen seiner Vergangenheit beherrscht, dem Tod seines besten Freundes Brian und der Liebesaffäre mit der manipulativen Mary Amberley. Erst als er erkennt, dass die Distanz, die er zur Welt verspürt, das Resultat seines moralischen Kleinmuts ist, kann er sein Leben ändern. Die von inneren und äußeren Spannungen geladene Geschichte des Anthony Beavis, weitet sich zur Darstellung eines Generationenschicksals. Es ist die Generation zwischen den Kriegen, die die Erschütterung durch die Krisen dieses Jahrhunderts am stärksten an sich erfahren musste.

Aldous Leonard Huxley, geboren 1894 in Godalming/Surrey, in Eton erzogen, studierte nach einer schweren Augenkrankheit englische Literatur in Oxford und war ab 1919 zunächst als Journalist und Theaterkritiker tätig. 1921 begann er mit der Veröffentlichung seines ersten Romans »Die Gesellschaft auf dem Lande« seine literarische Laufbahn. Von 1938 an lebte er in Kalifornien. Huxley starb 1963 in Hollywood.
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ERSTES KAPITEL


30. August 1933


Die Momentaufnahmen waren fast so verblaßt wie Erinnerungen. Diese junge Frau da, die um die Jahrhundertwende in einem Garten gestanden hatte, sah aus wie ein Geist beim ersten Hahnenschrei. Seine Mutter, das erkannte Anthony Beavis. Ein Jahr oder zwei, vielleicht nur einen Monat oder zwei, bevor sie starb. Aber die Mode, dachte er, während er das braune Phantom besah, die Mode ist eine formfälschende Kunst wie das Bäumestutzen. Diese schwanenhaften Lenden! Diese lange schräge Kaskade des Busens – scheinbar ohne jede Beziehung zu dem nackten Körper darunter! Und diese Masse von Haar – wie eine ornamentale Mißbildung auf dem Schädel! Wunderlich häßlich und abstoßend erschien einem das Ganze im Jahre 1933. Und doch konnte er, wenn er die Augen schloß (und das vermochte er nicht zu unterlassen), seine Mutter schmachtend schön auf ihrer Chaiselongue liegen sehen; oder sich gelenkig beim Tennisspiel bewegen; oder wie ein Vogel über das Eis eines längst vergangenen Winters dahingleiten.

Es war genau so mit diesen Aufnahmen von Mary Amberley, die zehn Jahre später gemacht worden waren. Der Rock war noch ebensolang, und innerhalb der nun engeren Glocke von Draperie bewegten sich die Frauen noch immer füßelos wie auf Rollen fort. Die Brüste allerdings waren ein wenig hochgeschoben, die überrundlichen Posteriora eingezogen. Im Ganzen aber war die Form des bekleideten Körpers noch immer befremdend unwahrscheinlich. Eine Krabbe in einer Schale aus Fischbein. Und dieser riesige, mit Straußfedern geschmückte Hut von 1911 war einfach ein kontinentales Begräbnis erster Klasse. Wie konnte irgendein Mann, wenn er bei Sinnen war, von einer so völlig antiaphrodisiakalischen Erscheinung angezogen worden sein? Und doch erinnerte er sich ihrer, ungeachtet dieser Photographien, als gradezu der Verkörperung des Begehrenswerten. Beim Anblick dieser befiederten Krabbe auf Rollen hatte damals sein Herz schneller geschlagen, sein Atem gestockt.

Zwanzig Jahre, dreißig Jahre nachher enthüllten diese Bilder nur Fernes und Unvertrautes. Aber das Unvertraute ist (betrüblicher Automatismus!) immer das Absurde. Wessen er sich hingegen erinnerte, das war die Gemütsbewegung, die er empfunden hatte, als das Unvertraute noch das Vertraute war, als das Absurde, für gegeben genommen, noch nichts Absurdes hatte. Die Dramen der Erinnerung waren immer Hamlet in moderner Kleidung.

Wie schön seine Mutter gewesen war – schön unter den Schneckenwülsten von Haar und trotz den vorspringenden Posteriora, der langen Schräge des Busens. Und Mary – wie toll begehrenswert sogar in einem Schildkrötenpanzer, sogar unter funebren Straußfedern! Und er selbst – in seinem rehbraunen Überröckchen und seiner roten Schottenmütze; wie der kleine Lord Fauntleroy in grasgrünem Velvetin mit weißen Krausen; auf der Schule in seiner Norfolkjacke und den Knickerbockers, die unterhalb der Knie als zwei enge milchkaffeefarbene Tuchmuffen endeten; sonntags mit gestärktem Hemdkragen und Melonenhut, seiner rot und schwarzen Schulmütze an andern Tagen – auch er, in seiner Erinnerung, immer in moderner Kleidung, nie die absurde kleine Scherzfigur, die diese Momentaufnahmen enthüllten. Nicht schlechter daran, was seine innern Gefühle betraf, als die kleinen Jungen dreißig Jahre später in ihren Jerseys und Shorts. Ein Beweis, so überlegte Anthony, und, wie er gewahr wurde, ganz unpersönlich, während er das Bildnis seiner selbst in Eton mit Zylinderhut und Schwalbenschwanz betrachtete, ein Beweis, daß Fortschritt nur verzeichnet, niemals erlebt werden konnte. Er langte nach seinem Merkbuch, öffnete es und schrieb: »Fortschritt wird vielleicht von Historikern wahrgenommen; er kann nie von denen empfunden werden, die wirklich in diesen vermeintlichen Vorwärtsgang verwickelt sind. Die Jungen werden in die fortschreitenden Umstände hineingeboren, die Alten nehmen sie binnen weniger Monate oder Jahre für gegeben. Fortschritte werden nicht als Fortschritte empfunden. Es gibt da keine Dankbarkeit – nur erbitterte Gereiztheit, wenn aus irgendeinem Grund die neuerfundenen Bequemlichkeiten des Komforts versagen. Die Menschen verbringen ihre Zeit nicht damit, Gott für Automobile zu danken; sie fluchen bloß, wenn der Vergaser verstopft ist.«

Er schloß das Merkbuch und kehrte zu dem Zylinderhut von 1907 zurück.

Ein Geräusch von Schritten ließ ihn aufblicken. Helen Ledwidge näherte sich mit ihrem ausgreifenden, federnden Gang über die Terrasse. Unter dem breitkrempigen Hut leuchtete ihr Gesicht im Widerschein ihres feuerroten Strandpyjamas. Als wäre sie in der Hölle. Und tatsächlich, so dachte er weiter, war sie da. Der Geist ist sein eigener Ort; sie trug ihre Hölle mit sich umher. Die Hölle ihrer grotesken Ehe. Vielleicht auch andre Höllen; aber er hatte sich stets davon zurückgehalten, allzu genau nach deren Art zu forschen, hatte stets so getan, als bemerkte er es nicht, wenn sie selbst sich erbötig machte, seine Führerin durch deren labyrinthische Wirrsal zu sein. Die zu erkunden würde ihn in der Himmel mochte wissen was für einem Gefühlssumpf, was für einem Verantwortungsbewußtsein landen lassen. Und er hatte keine Zeit, keine Energie für Gemütsbewegungen und Verantwortlichkeiten übrig. Seine Arbeit ging vor. Alle Neugier unterdrückend, spielte er hartnäckig die Rolle weiter, die er sich längst zugeteilt hatte, – die Rolle des abseitsstehenden Philosophen, des vielbeschäftigten, ganz in Anspruch genommenen Wissenschaftlers, welcher Dinge einfach nicht sieht, die für jeden andern offenkundig sind. Er benahm sich, als könnte er in ihrem Gesicht nichts als die äußern Schönheiten der Form und des Gewebes sehn. Wogegen selbstverständlich Fleisch nie ganz opak ist; die Seele scheint durch die Wände ihres Gefäßes. Diese klaren grauen Augen Helens, dieser Mund mit seiner zart aufgeworfenen Oberlippe waren hart und fast häßlich von einer grollenden Traurigkeit.

Die Höllenflammen erloschen, als sie aus dem Sonnenschein in den Schatten des Hauses trat; aber die jähe Blässe des Gesichts verstärkte nur die verbitterte Schwermut ihrer Miene. Anthony sah sie an, stand aber nicht auf und rief ihr auch keinen Gruß zu. Es galt ein Übereinkommen zwischen ihnen, daß nie ein Getue gemacht werden sollte; nicht einmal das Getue des Gutenmorgensagens. Nicht das geringste Getue. Als Helen durch die offene Glastür das Zimmer betrat, wandte er sich wieder dem Studium seiner Photographien zu.

»Nun, hier bin ich«, sagte sie ohne zu lächeln. Sie riß den Hut vom Kopf und schüttelte mit einer wunderschönen ungeduldigen Bewegung die Locken ihres rötlichbraunen Haars aus der Stirn. »Scheußlich heiß!« Sie warf den Hut auf das Sofa und kam durchs Zimmer zum Schreibtisch, an dem Anthony saß. »Nicht bei der Arbeit?« fragte sie überrascht. Es geschah so selten, daß man ihn anders als in Bücher und Schriften vertieft fand.

Er schüttelte den Kopf. »Keine Soziologie für heute.«

»Was siehst du dir da an?« Neben seinem Stuhl stehend, beugte sie sich über die verstreuten Photos.

»Meine alten Leichen.« Er reichte ihr das Gespenst des toten Etonschülers.

Nach einem Augenblick schweigenden Betrachtens sagte sie: »Du hast hübsch ausgesehn damals.«

»Merci, mon vieux!« Er gab ihr einen ironisch herzlichen Klaps hinten auf den Schenkel. »Im Pensionat nannten sie mich Benger.« Zwischen seine Fingerspitzen und die gerundete Elastizität ihres Fleisches legte die Seide eine trockene, gleitende Glätte, die sich seltsam unangenehm anfühlte.

»Abkürzung für Bengers Kindermehl. Weil ich so babyhaft aussah.«

»Süß!« sagte sie, ohne die Unterbrechung zu beachten. »Du hast wirklich süß ausgesehn damals. Rührend.«

»Aber das bin ich noch immer«, verwahrte sich Anthony, zu ihr emporlächelnd.

Sie sah ihn einen Augenblick schweigend an. Unterhalb des dichten Haars war seine Stirn wunderschön glatt und heiter wie die Stirn eines nachdenklichen Kindes. Kindlich war auch auf eine mehr komische Art die kurze, ein klein wenig aufgestülpte Nase. Zwischen den verengerten Lidspalten waren die Augen von innerem Lachen belebt, und auch um die Mundwinkel war ein Lächeln – ein leises, ironisches Lächeln, das auf gewisse Weise dem widersprach, was die Lippen durch ihre Form auszudrücken schienen. Es waren volle, fein geschnittene Lippen, sinnliche und dabei ernste, traurige, fast zuckend empfindliche Lippen, als wären sie nackt in ihrer grübelnden Sinnlichkeit, unfähig, sich zu verteidigen, und durch das kleine, unaggressive Kinn darunter ihrer eigenen Hilflosigkeit ausgeliefert.

»Das Schlimmste daran ist«,...


Huxley, Aldous
Aldous Leonard Huxley, geboren 1894 in Godalming/Surrey, in Eton erzogen, studierte nach einer schweren Augenkrankheit englische Literatur in Oxford und war ab 1919 zunächst als Journalist und Theaterkritiker tätig. 1921 begann er mit der Veröffentlichung seines ersten Romans »Die Gesellschaft auf dem Lande« seine literarische Laufbahn. Von 1938 an lebte er in Kalifornien. Huxley starb 1963 in Hollywood.



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