E-Book, Deutsch, Band 1, 405 Seiten
Reihe: Die Straßburg-Saga
Hurst Der Teufel von Straßburg
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96148-144-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman - Band 1 der großen Straßburg-Saga über die unmögliche Liebe einer Heilerin und eines Scharfrichters in den dunklen Zeiten des Mittelalters
E-Book, Deutsch, Band 1, 405 Seiten
Reihe: Die Straßburg-Saga
ISBN: 978-3-96148-144-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Heidrun Hurst, geboren 1966 in Kehl am Rhein, ging schon als Kind gerne mit Hilfe von Büchern auf Reisen in fremde Welten und ferne Zeiten. Ihr Hunger nach geschriebenen Abenteuern und Literatur wurde schließlich so groß, dass sie sich einige Jahre später selbst dem Schreiben widmete. Seitdem veröffentlicht sie historische Romane, für die sie mit Leidenschaft und Neugier tief in die Recherche längst vergangener Zeiten eintaucht. Die Autorin im Internet: heidrunhurst.de facebook.com/heidrun.hurst instagram.com/heidrunhurst Bei dotbooks veröffentlichte Heidrun Hurst ihre dreibändige STRASSBURG-SAGA, die im eBook und Print erhältlich ist und als Hörbücher bei Saga Egmont. Bei dotbooks veröffentlichte sie im eBook auch ihre dreibändige RHEINTAL-SAGA sowie ihre zweibändige VIKING KINGDOM-Saga, die als Hörbücher bei Saga Egmont erhältlich ist. Bei dotbooks erscheint außerdem im Print und eBook »Die Tochter der Kelten«, der erste Roman in ihrer großen KELTEN-SAGA.
Autoren/Hrsg.
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5. Oktober 1348
»Adelheid, du bist es. Sei mir gegrüßt.« Gertrudis rührte in ihrem Kessel, als Adelheid eintrat. »Braucht Mutter Otilia wieder ihre Salbe?«
Theoderich, die Elster, stieß seine üblichen Warnrufe aus, beruhigte sich aber, sobald er die Besucherin erkannte.
Adelheid lächelte und reckte ihre Hände dem wärmenden Feuer entgegen. »Das auch, aber sie hat mir aufgetragen, Euch ebenfalls um einen Sud zu bitten, der ihr Blasenleiden etwas lindert.«
Die raue Seite des Herbstes war mit Macht über sie hereingebrochen. Auf die lauen, sonnigen Tage des Septembers folgte ein stürmisches, regnerisches Wetter und nachts ließ der erste Frost die letzten Herbstblumen vergehen. Im steinernen Gemäuer des Klosters war es so kalt wie in einer Gruft.
»Ich bin gerade dabei, einen solchen Sud zu kochen, aber er ist noch nicht fertig. Ich werde dir ein paar Kräuter mitgeben, damit ihr es selbst tun könnt.« Die Ehrwürdige Mutter war nicht die Einzige, die unter dem kalten Wetter litt. Die Arbeit der Gerber und Färber am eisigen Wasser der Breusch sorgte für einige Erkältungen und andere Krankheiten. »Möchtest du probieren?«
Adelheid hob abwehrend die Hände. »Ich danke Euch, aber ich habe kein Verlangen nach einer weiteren Probe Eurer Künste.« Nach der Erfahrung mit dem Schneckenschleim hatte sie nicht vor, noch einmal etwas von den Tränken der Alten zu kosten. Jedenfalls nicht, solange es keinen triftigen Grund dafür gab.
Gertrudis setzte ein wissendes Lächeln auf, das eine gelbliche Zahnreihe mit sehr vielen Lücken entblößte. Sie kicherte noch einen Moment leise vor sich hin und rührte dann mit zunehmend ernster werdender Miene weiter in ihrem Kessel. »Vor ein paar Tagen wurde ein Junge neben einer der Lohegruben gefunden«, sagte sie schließlich in beiläufigem Tonfall.
Adelheids Brauen schoben sich fragend in die Höhe.
»Er war eines von den Kindern, die niemandem gehören, so wie jenes, das sich in euer Kloster gerettet hatte«, fuhr Gertrudis fort. »Doch dieser Junge war bereits tot, als sie ihn fanden.«
Adelheid stieß einen erschrockenen Laut aus.
»Ich kam zufällig vorbei, als man ihn entdeckte.« Der Blick der Alten verdüsterte sich. »Sein Körper wies mehrere Messerstiche auf. Vermutlich wollte ihn jemand in die Grube werfen, wurde dann aber durch irgendetwas dabei gestört und ist geflohen.«
»Wie schrecklich«, stieß Adelheid hervor. »Weiß man, wer es getan haben könnte?«
Gertrudis schüttelte den Kopf und rührte weiter in ihrem Kessel. »Aber in einer der kleinen Fäuste des Jungen fand man ein Büschel Haare, die nicht von ihm stammen.«
Adelheid horchte auf. »Hat er sie seinem Mörder ausgerissen?«
»Unwahrscheinlich, dafür ist das Büschel zu dick. Es sieht aus wie abgeschnitten.« Gertrudis ging zu einem der Regale und kramte etwas daraus hervor.
»Aber von wem stammen die Haare dann?«
»Ich weiß es nicht, doch da sich niemand dafür interessiert hat, habe ich sie an mich genommen. Man weiß nie, wozu sie noch gut sein könnten.« Gertrudis hielt Adelheid die geöffnete Hand unter die Nase. Das Büschel, das darin lag, schimmerte golden im Schein des Feuers. So golden wie die Haare des toten Jungen im Kloster.
Als Adelheid etwas später das kleine Häuschen verließ, lag das Haarbüschel neben Gertrudis’ Arzneien in ihrem Beutel. Gedankenverloren schlug sie den Rückweg zum Kloster ein. Schon wieder war ein Junge auf abscheuliche Weise ums Leben gekommen! Wer tat nur so etwas? Wer brachte es fertig, ein wehrloses Kind zu quälen, ihm das Leben zu nehmen und es jeglicher Zukunft zu berauben?
Sie würde zu Mutter Otilia eilen und ihr davon berichten. Die Äbtissin musste etwas unternehmen, etwas tun, das dem Ganzen ein Ende setzte.
Ein neuer Gedanke durchzuckte sie plötzlich. Ihre Schritte stockten, ohne dass sie es wahrnahm. Schließlich blieb Adelheid ganz stehen und starrte blicklos auf die Vorüberziehenden. Würde die Äbtissin überhaupt etwas tun, um das schreckliche Schicksal der beiden Kinder aufzuklären? Adelheid erinnerte sich an Blandinas Worte, als sie den Jungen im Kloster für das Begräbnis hergerichtet hatten: ›Mutter Otilia hat es dem Rat gemeldet. Alles andere ist Sache der Obrigkeit.‹ Doch den Rat würde das Schicksal der Gassenkinder nicht kümmern und die Nonnen befassten sich mit anderen Dingen. Ihr abgeschiedenes Leben verbot, sich um weltliche Belange zu kümmern. Ihr Streben konzentrierte sich allein auf die Gemeinschaft mit Gott.
Adelheid musste eine andere Lösung finden. Grübelnd stand sie in der Gasse und tief in ihrem Innern formte sich eine Idee. Schließlich nickte sie, immer noch ganz in Gedanken versunken. Sie wandte sich um und lief den Weg zurück, den sie gekommen war.
Der Schlag ihres Herzens vollführte einen scharfen Galopp in Adelheids Brust, als sie vor dem Haus des Scharfrichters ankam. Was tat sie hier eigentlich? War sie auf einmal verrückt geworden? Erst vor einem Monat hatte sie die Berührung dieses Jünglings in Angst und Schrecken versetzt, und nun suchte sie ihn persönlich auf!
Adelheid versuchte sich zu sammeln. Wie war noch gleich sein Name? Sie zog grübelnd die Stirn in Falten. Michael? Nein, Martin hatte Gertrudis ihn genannt. Sie würde ihn mit seinem Namen ansprechen müssen. Wieder etwas, das ihr höchst unangenehm war. Der Henkerturm zu ihrer Linken schien höhnisch auf sie herabzublicken. »Reiß dich zusammen«, murmelte sie vor sich hin. Ihre letzte Begegnung war doch gar nicht so übel gewesen. Außerdem ging es hier um etwas Größeres. Das Leid der beiden Kinder hatte sie zutiefst berührt. Ihre Namenlosigkeit war erschütternd und zugleich etwas, das sie mit ihnen verband: Hätten sich die Nonnen ihrer nicht angenommen, wäre sie selbst nur eines von vielen namenlosen Kindern gewesen – völlig verlassen und von niemandem vermisst. Von den Städtern würde niemand für diese armen Seelen einstehen. Auf ein Gassenkind mehr oder weniger kam es schließlich nicht an. Doch sie konnte nicht so tun, als wäre nichts geschehen. Beherzt klopfte sie an die schwere Eingangstür des Wohnhauses.
Eine unscheinbare Frau öffnete.
»Seid mir gegrüßt«, entgegnete Adelheid mit einem nervösen Lächeln. »Ist Martin zu Hause?«
Die Frau erwiderte ihren Gruß und musterte sie aufmerksam. »Das ist er.«
»Wärt Ihr so freundlich, ihn zu holen?«
Die Frau nickte, ließ Adelheid auf der Gasse stehen und schloss die Tür hinter sich.
Adelheid holte tief Luft. Sie zwang sich, der beruhigenden, gleichmäßigen Strömung der Breusch in ihrem Rücken zu lauschen.
Kurz darauf näherten sich Schritte. Die schlanke, schwarzhaarige Gestalt des Henkerssohns spähte so argwöhnisch aus der Tür, als ob es sich bei ihr um ein gefährliches Tier handeln würde. Trotz der Anspannung verkniff sich Adelheid ein Lächeln. Zu gern hätte sie gewusst, wie die Frau – bei der es sich höchstwahrscheinlich um Martins Mutter handelte, die unverhoffte Besucherin angekündigt hatte.
Martin schien seinen Augen nicht zu trauen, als er sie erkannte. »Oh«, sagte er. »Was verschafft mir die Ehre?«
Adelheid räusperte sich. »Ich bin hier, um Euch um etwas zu bitten«, antwortete sie kleinlaut.
Sichtlich überrascht schwieg er einen Moment. »Wollt Ihr nicht reinkommen?«, besann er sich schließlich auf seine guten Manieren.
»Nein, lieber nicht.«
Wieder schwieg er. Adelheid versuchte, sein Gesicht besser zu erkennen. War es Wut oder Neugier, die sie in seinen Zügen sah?
»Nun, dann sprecht«, forderte er sie kühl auf.
Nach einem weiteren tiefen Atemzug erzählte Adelheid mit knappen Worten von den toten Jungen und dem Haarbüschel, das sich nun neben Gertrudis’ Kräutern und der Salbe in ihrem Beutel befand.
Als sie geendet hatte, machte Martin einen durchaus betroffenen Eindruck – dennoch musterte er sie misstrauisch. »Und wieso erzählt Ihr mir das?«
Adelheid schluckte. Was sie vorhatte, ziemte sich nicht für eine Nonne und war in höchstem Maße verwerflich. »Ich muss das Kind, das vor einem Monat begraben wurde, noch einmal sehen. Ich muss wissen, ob es seine Haare sind, die man in der Faust des anderen fand.«
Martin riss vor Verblüffung die Augen auf. »Warum seid Ihr damit ausgerechnet zu mir gekommen?« Er lehnte sich an den Türrahmen und musterte sein Gegenüber aufmerksam.
»Nun ... Ihr seid der Sohn des ... Scharfrichters«, stammelte Adelheid. Die Brauen des Jünglings schossen in die Höhe. Nun konnte sie den leisen Groll fühlen, der sich hinter seiner Stirn zusammenbraute. Dennoch sprach sie weiter. »Ich dachte, Menschen Eures Schlages macht es weniger aus, einen toten Körper auszugraben. Ich brauche jemanden, der mir dabei hilft, versteht Ihr?« Adelheids Schultern erschlafften. »Allein bringe ich es nicht fertig.« Sie musste wissen, ob dieselbe Person hinter dem Tod der Jungen steckte. Ob es irgendeinen Zusammenhang gab.
»Aha, und da dachtet Ihr, ein ehrloser Mensch wie ich könnte nichts Schlimmes dabei finden?«
Adelheid nickt betreten.
»Eurer Tracht nach seid ihr eine angehende Klarisse, nicht wahr?«
»Ich bin ... Oblatin im Kloster St. Klara am Rossmarkt«, erwiderte sie kleinlaut.
»So, so«, Martin verschränkte die Arme vor seiner Brust. »Und die beiden toten Kinder verschaffen mir die Ehre, dass Ihr Euch überhaupt mit mir abgebt. Hab ich recht?«
Adelheid schluckte. Was fiel dem Burschen ein, sie so in die Enge zu treiben? Doch sie musste sich eingestehen, dass er mit seiner Vermutung durchaus richtiglag. Der Anschuldigung ausweichend, senkte sie rasch den Blick.
»Habt Ihr keine...




