E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Der Sterne Zahl
Hurley Der Sterne Zahl
Neuauflage 2021
ISBN: 978-3-7367-9857-1
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Der Sterne Zahl
ISBN: 978-3-7367-9857-1
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kameron Hurley ist die Autorin von Romanen wie Soldaten im Licht und Der Sterne Zahl und der Essay-Sammlung The Geek Feminist Revolution sowie der preisgekrönten God's War-Trilogie und der Worldbreaker Saga. Hurley wurde bereits mit dem Hugo Award, dem Locus Award, dem Kitschy Award und dem Sydney J. Bounds Award für die beste Newcomerin ausgezeichnet. Sie war außerdem Finalistin für den Arthur C. Clarke Award, den Nebula Award und den Gemmell Morningstar Award. Ihre Kurzgeschichten erschienen im Popular Science Magazine, Lightspeed und in zahlreichen Anthologien.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
»ICH FÜRCHTE NICHTS MEHR ALS JEMANDEN OHNE GEDÄCHTNIS. EINE PERSON OHNE GEDÄCHTNIS HAT DIE FREIHEIT, ALLES ZU TUN, WAS SIE WILL.«
LORD MOKSHI, ANNALEN DER LEGION
1 ZAN
Ich erinnere mich, ein Kind weggeworfen zu haben.
Das ist die einzige Erinnerung, von der ich sicher weiß, dass sie meine ist. Der Rest ist blutige Schwärze. Alles, was ich habe, sind die Dinge, von denen mir gesagt wurde, dass sie wahr sind: Mein Name ist Zan.
Ich befehligte einst eine große Armee.
Meine Mission war es, eine Welt zu zerstören, die nicht existierte.
Es heißt, meine Armee wurde verstreut oder aufgefressen oder in tausend funkelnde Trümmerteile auseinandergesprengt, und ich war verschollen.
Ich weiß nicht, warum ich jemals eine Armee anführen wollte – besonders eine, die verliert –, aber man sagte mir, ich hätte mein Leben damit verbracht, hart für den Rang und die Fähigkeiten, die ich erreichte, zu arbeiten. Und als ich zurückkam, von der Welt ausgespuckt oder durch meinen eigenen freien Willen losgerissen, kam ich falsch zurück. Was falsch bedeutet, weiß ich noch nicht, nur dass es auch zu meinem Mangel an Erinnerungen geführt hat.
Das erste Gesicht, das ich sehe, wenn ich nach jedem Intervall in meinem Krankenbett aufwache, hat volle Lippen und leuchtet, als würde ich in das Gesicht einer Leben spendenden Sonne schauen.
Diese Frau sagt, ihr Name sei Jayd, und sie hat mir alles erzählt, von dem ich weiß, dass es wahr ist. Als ich nun frage, warum hinter ihr eine Leiche auf dem Boden liegt, lächelt sie nur und sagt: »Es gibt viele Leichen auf der Welt«, und ich erkenne, dass die Worte für Welt und Schiff fast identisch sind. Ich weiß nicht, welches sie benutzt hat.
Ich gleite wieder davon.
Als ich das nächste Mal aufwache, ist die Leiche weg, und Jayd wuselt um mich herum. Sie hilft mir, mich aufzusetzen. Ich staune über die dunklen Blutergüsse an den Innenseiten meiner Arme und Beine. Eine breite Narbe teilt meinen Bauch in zwei Hälften, weit unten in der Nähe meiner Leiste. Auch an meiner linken Hand ist etwas seltsam; sie ist deutlich kleiner als die rechte. Wenn ich versuche, eine Faust zu machen, schließt sie sich nur zur Hälfte wie eine gequälte Klaue. Ich lasse mich zu Boden gleiten und stelle fest, dass meine Fußsohlen größtenteils taub sind. Jayd lässt mir keine Zeit, sie zu untersuchen, und zieht mir ein grobes, faltiges Gewand über die Schultern.
Es hat den gleichen Schnitt und das gleiche Gewicht wie ihres, nur meins ist dunkelgrün und ihres blau.
»Es ist Zeit für deine erste Nachbesprechung«, sagt Jayd, während ich noch versuche, mir einen Reim auf meine Verletzungen zu machen. Sie nimmt meine Hand und führt mich aus dem Raum, einen dunklen, pulsierenden Korridor entlang. Ich blinzle. Ich sehe, dass unsere umschlungenen Hände die gleiche bräunliche Farbe haben, aber ihre Haut ist viel weicher als meine.
»Du warst ein halbes Dutzend Zyklen fort«, sagt sie und zieht mich neben sich in einen Raum, der an dem Flur liegt. Ich starre auf meine Handflächen und versuche, die Hände zu öffnen und zu schließen. Wenn ich mich anstrenge, kann ich die linke etwas mehr schließen. Der Raum ist, wie die Flure, ein warmer, glitzernder Ort, dessen Wände wie ein schlagendes Herz pulsieren. Jayd streicht mir beruhigend mit den Fingern das dunkle Haar aus der Stirn, die Bewegung ist so ehrfürchtig und geübt wie ein Gebet.
»Wir dachten, du wärst tot«, sagt sie, »recycelt.«
»Recycelt zu was?«, frage ich, aber die Wand erblüht, die Tür entfaltet sich wie eine Blume, und eine ältere Frau winkt uns herein. Jayd ignoriert meine Frage.
Jayd und ich folgen ihr und setzen uns auf eine feuchte Bank an einer Seite eines ausladenden Tischs. Die Frau setzt sich uns gegenüber. Muster bewegen sich über die Oberfläche des Tischs, doch ob sie Schriftzeichen sind oder rein dekorativ oder etwas ganz anderes, weiß ich nicht. Je mehr ich sie ansehe, desto mehr pocht mein Kopf. Ich berühre meine Schläfe und stelle fest, dass meine Finger klebrig von zähflüssigem Schmiermittel oder Salbe sind. Ich fahre mit dem Finger die Wölbung einer langen Narbe entlang, die vom Rand meiner linken Augenbraue bis zum Ansatz meines linken Ohrs verläuft. Ich habe mein eigenes Gesicht immer noch nicht gesehen. Ich bin keinen spiegelnden Oberflächen begegnet. Irgendetwas stimmt hier tatsächlich ganz und gar nicht, aber ich glaube nicht, dass es an mir liegt.
»Ich bin Gavatra«, sagt die ältere Frau, ihre Stimme ist ein leises Grollen. Ihr schwarzes Haar auf ihrer dunklen Kopfhaut ist kurz geschoren, sodass vier lange Narben, die wie Kratzspuren aussehen, an der Seite ihres Kopfes zu sehen sind. Sie trägt ein langes, strapazierfähiges Gewand aus leuchtend blauem Stoff wie etwas, das von den Wänden ausgeschieden wurde. Es wird von kompliziert geknüpften Bändern zusammengehalten. Sie sieht mir ins Gesicht und seufzt. »Weißt du, wer du bist?«
Jayd sagt: »Es ist dasselbe wie all die anderen Male.«
»Andere Male?«, frage ich, denn wie oft kann man eine Armee verlieren, von einem Schiff gefressen werden, mit Verletzungen wie diesen zurückkommen und überleben?
Jayd sieht mir tief in die Augen und sucht in meinem Gesicht verzweifelt nach etwas. Sie hat ein breites, angespanntes Gesicht mit eingesunkenen Augen und eine verwegene, schnabelartige Nase. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas wissen oder von ihrem Blick verstehen sollte, aber meine Erinnerung ist eine heiße, klebrige Leere. Ich erahne nichts. Ich bewege wieder meine Hände.
»Achthundertsechs deiner Schwestern haben versucht, an Bord der Mokshi zu gehen«, sagt Gavatra und tippt mit den Fingern über die Tischoberfläche. Die Muster verändern sich, und sie sieht sie prüfend an, als würde sie hellsehen. »Du bist die Einzige, die jemals herauskam, Zan. Das scheint der Grund zu sein, warum Lord Katazyrna dich immer wieder dorthin schickt, obwohl du noch nie erfolgreich eine Armee hineingeführt hast. Nur dich selbst.«
»Die Mokshi«, sage ich. »Die Welt, die nicht existiert?«
»Ja«, sagt Jayd. »Du erinnerst dich?« Hoffnungsvoll oder zweifelnd?
Ich schüttle den Kopf. Der Begriff bedeutet mir nichts. Er ist einfach aufgetaucht. »Wie oft ist mir das schon passiert?«, erkundige ich mich. Meine linke Hand zittert, und ich sehe sie an, als gehöre sie jemand anders. Mir kommt in den Sinn, dass es vielleicht einmal so war, und das macht mir Angst. Ich will wissen, was mit meinem Gedächtnis passiert ist und warum in meinem Krankenzimmer eine Leiche auf dem Boden lag und warum ich ein Kind weggeworfen habe. Aber ich ahne, dass es keine schönen Antworten sein werden.
»Du bist vom Kriegsgott gesegnet, meine Schwester«, sagt Jayd, aber sie sieht Gavatra bei diesen Worten an. Es ist, als sei ich wieder ein Kind, das in einem Raum mit Menschen festsitzt, zwischen denen eine tiefe Geschichte liegt; zu tief und kompliziert, als dass ein Kind sie ergründen könnte. Noch merkwürdiger ist, dass – sollte Jayd wirklich meine Schwester sein – das Gefühl, das sich in meinem Bauch bei der Berührung ihrer Finger regt, völlig falsch ist.
Ich sehe zu Gavatra hoch und strecke mein Kinn vor. Ein düsterer Vorsatz erfüllt mich.
»Ich möchte wissen, was mit mir passiert ist«, sage ich. »Du kannst es mir sagen oder mich dazu bringen, es dir zu entreißen.« Ich kann jetzt beide Hände zu Fäusten ballen. Diese Handlung fühlt sich natürlicher an als alles, was ich bisher getan habe.
Gavatra bricht in Gelächter aus. Sie streicht über den Tisch und zieht ein Nest aus tanzenden Lichtern von dessen Oberfläche in die Luft. Ich sehe fasziniert zu, wie sie sich über ihr miteinander verflechten. Sie wischt sie zurück auf einen anderen Teil des Tischs.
»Du erfüllst deine Pflicht gegenüber deiner Mutter, dem Lord von Katazyrna«, stellt Gavatra fest, »wie wir alle. Aber vielleicht hat Jayd dieses Mal recht. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir dich in den Ruhestand schicken.«
»Ich habe das Gefühl, du schuldest mir eine Erinnerung«, sage ich.
»Dann musst du die Mokshi zurückerobern«, sagt Gavatra. »Wir haben dein Gedächtnis nicht hier. Das Schiff hat es gefressen. Es scheint es jedes Mal zu fressen. Wenn du dein Gedächtnis willst, nimm die Mokshi ein … und bring diesmal einen Trupp hinein.«
»Dann werde ich noch einmal gehen«, sage ich.
»Mutter kann es sich nicht leisten, einen weiteren Trupp aufs Spiel zu setzen«, sagt Jayd, »denn die Bhavajas lauern uns im Orbit der Mokshi auf. Die Bhavajas haben ein weiteres Schiff übernommen, seit du weg warst, Zan.«
»Was sind Bhavajas?«, will ich wissen.
Gavatra verdreht die Augen. »Diese Zyklen werden ermüdend«, beschwert sie sich.
»Sie sind der größte Feind unserer Familie«, sagt Jayd. »Eine Familie, mit der wir schon seit Mutters Kindheit in Fehde liegen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie uns auch noch die Mokshi wegschnappen. Vielleicht sogar alle Katazyrna-Schiffe.« Diesmal bin ich mir sicher, dass sie Schiffe und nicht Welt sagt, denn eine ganze Welt einzunehmen, scheint unmöglich.
»Die Mokshi hat eine ganze Menge Menschen vernichtet«, sagt Gavatra. »Deine Mutter wird einfach weitere von einer anderen Not leidenden Welt stehlen. Wenn Zan bereit ist, die Mokshi wieder anzugreifen, werde ich es ihr nicht verwehren.«
Jayd sackt in ihrem Stuhl zusammen,...




