Hunter Die unerschrockene Miss Fairbourne
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8025-9463-2
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 01, 416 Seiten
Reihe: Fairbourne Quartet
ISBN: 978-3-8025-9463-2
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine Frau, die ein renommiertes Londoner Auktionshaus leitet? Undenkbar! Doch genau das hat Emma Fairbourne nach dem Tod ihres Vaters vor, der ihr dieses lukrative Etablissement hinterlassen hat. Zuvor muss sie allerdings noch den ehemaligen Geschäftspartner ihres Vaters von ihrem Vorhaben überzeugen, den ebenso arroganten, wie gut aussehenden Earl of Southwaite.
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1
Mai 1798
Die letzte Versteigerung im Auktionshaus Fairbourne erwies sich als traurige Angelegenheit. Das lag nicht allein daran, dass der Eigentümer kurz zuvor bei einem Spaziergang entlang der Klippen von Kent in den Tod gestürzt war. Vom Standpunkt der Sammler aus gesehen bestand das Angebot aus unbedeutenden Werken und war somit kaum der ausgezeichneten Reputation würdig, die Maurice Fairbourne für sein Geschäft aufgebaut hatte.
Die Mitglieder der feinen Gesellschaft waren dennoch erschienen; die einen aus Sympathie und Respekt, die anderen, um sich von der nicht nachlassenden Furcht vor der erwarteten Invasion der Franzosen abzulenken, gegen die sich das ganze Land gewappnet hatte. Wieder andere flogen ein wie Aaskrähen, angezogen von den Überresten des einstmals blühenden Geschäfts und in der Hoffnung, einige Bröckchen aus dem Kadaver hacken zu können.
Ebendiese konnte man dabei beobachten, wie sie Gemälde und Drucke genauestens unter die Lupe nahmen, immer auf der Suche nach dem einen kostbaren Objekt, das dem weniger scharfen Blick der Mitarbeiter des Auktionshauses entgangen sein könnte. War ein Kunstwerk nicht korrekt beschrieben worden, ließ sich ein gutes Geschäft machen. Und ein solcher Sieg schmeckte umso süßer, weil solche Versehen mit erstaunlicher Regelmäßigkeit zumeist zu Lasten des Käufers gingen.
Auch Darius Alfreton, Earl of Southwaite, sah ganz genau hin. Obgleich er Sammler war, hoffte er nicht darauf, billig einen Caravaggio zu erwerben, der im Katalog fälschlich als Honthorst beschrieben worden war. Vielmehr überprüfte er die Kunstwerke und ihre Beschreibungen, um herauszufinden, wie sehr Fairbourne’s Reputation durch die Unfähigkeit seiner Mitarbeiter gefährdet war.
Er ließ den Blick über die Menschenmenge schweifen, die sich inzwischen eingefunden hatte, und beobachtete, wie das Rednerpult vorbereitet wurde. Auf einer kleinen Bühne stand ein schmales, hohes Pult, das Darius stets an die Kanzel eines Predigers erinnerte. Auktionshäuser wie Fairbourne’s luden häufig zu abendlichen Vernissagen ein, um die Bieter mit einem prachtvollen Fest anzulocken und den eigentlichen Verkauf erst am Tag danach abzuhalten. Fairbourne’s Belegschaft hatte jedoch beschlossen, alles auf einmal am heutigen Tag durchzuführen, und bald würde der Auktionator sich an seinen Platz hinter dem Pult begeben, jedes Auktionslos einzeln aufrufen und mit dem Hammer im wahrsten Sinne des Wortes zuschlagen, wenn kein höheres Gebot mehr folgte.
Angesichts des kümmerlichen Angebots und der Kosten einer großen Vernissage entschied Darius, dass es klug gewesen war, das Fest am Vorabend ausfallen zu lassen. Weniger erklärlich erschien ihm das Versäumnis der Mitarbeiter, ihn von diesem Vorhaben zu unterrichten. Er hatte von dieser Auktion durch die Anzeigen in den Zeitungen erfahren.
Das Zentrum der Menschenmenge befand sich nicht bei den Gemälden, die übereinander an den hohen, grauen Wänden hingen. Die Gestalten bewegten sich, und der wahre Gegenstand ihres Interesses wurde sichtbar. Miss Emma Fairbourne, Maurices Tochter, stand in der Nähe der linken Wand, begrüßte die Gäste und nahm ihre Beileidsbekundungen entgegen.
Ihre schwarze Kleidung stand in starkem Kontrast zu der sehr hellen Haut, und ein einfacher schwarzer Hut blitzte allzu keck auf ihrem braunen Haar. Das auffallendste Merkmal ihres Gesichts – blaue Augen, aus denen sie ihr Gegenüber mit befremdlicher Direktheit anzublicken vermochte – richtete sie so konzentriert auf jeden einzelnen Besucher, dass dieser glauben konnte, der einzige Gast in Sichtweite zu sein.
»Wie eigenartig, dass sie hier ist«, sagte Yates Elliston, Viscount Ambury. Er stand an Darius’ Seite und war ungeduldig, weil sie hier ihre Zeit verschwendeten. Sie trugen beide Reitkleidung und sollten sich eigentlich auf dem Weg zu Küste befinden.
»Sie ist Fairbournes einzige Hinterbliebene«, sagte Darius. »Vermutlich hofft sie, die Kunden mit ihrer Gegenwart zu beruhigen. Aber niemand wird sich täuschen lassen. Die Größe und Qualität dieser Auktion ist symbolisch für das, was geschieht, wenn die Persönlichkeit verschwindet, die ein solches Unternehmen geführt und ihm seinen Charakter verliehen hat.«
»Ich nehme an, du bist ihr schon einmal begegnet, weil du ihren Vater gut kanntest. Ihre Zukunft sieht düster aus, nicht wahr? Und sie muss bereits Mitte zwanzig sein. Wenn sich schon zu Lebzeiten ihres Vaters und bei florierendem Geschäft kein Ehemann für sie gefunden hat, wird das wohl auch in Zukunft recht unwahrscheinlich sein.«
»Ja, ich bin ihr schon einmal begegnet.« Zum ersten Mal vor mehr als einem Jahr. Eigenartig, dass er Maurice Fairbourne schon jahrelang gekannt hatte und in all der Zeit nie seiner Tochter vorgestellt worden war. Robert, Maurices Sohn, hatte sich gelegentlich an ihren Unterhaltungen beteiligt, nie jedoch seine Schwester.
Seit jener Begegnung hatte er bis vor sehr kurzer Zeit nicht mehr mit Emma Fairbourne gesprochen. In seiner Erinnerung war sie eine unscheinbare Frau, scheu und zurückhaltend wie ein Schatten im Vergleich zu dem strahlenden Licht, das von ihrem beredten und extravaganten Vater ausging.
»Andererseits …« Ambury spähte unter gesenkten Lidern in Miss Fairbournes Richtung. »Keine echte Schönheit, aber sie hat irgendetwas an sich … schwer zu sagen, was es ist …«
Ja, sie war von einer besonderen Aura umgeben. Darius war beeindruckt, dass Ambury es so schnell bemerkt hatte. Andererseits hegte Ambury ohnehin eine besondere Sympathie für Frauen, während Darius das weibliche Geschlecht oftmals zwar als notwendig und amüsant, letztlich jedoch als verwirrend empfand.
»Ich habe sie wiedererkannt«, sagte Ambury und drehte sich zu einem Landschaftsmotiv um, das über ihren Köpfen an der Wand hing. »Ich habe sie einmal in der Stadt gesehen, in Begleitung von Barrowmores Schwester, Lady Cassandra. Vielleicht ist Miss Fairbourne unverheiratet geblieben, weil sie die Unabhängigkeit bevorzugt, genau wie ihre Freundin.«
Mit Lady Cassandra. Interessant. Darius dachte, dass es mit Emma Fairbourne vielleicht mehr auf sich haben könnte, als er angenommen hatte.
Ihm war nicht entgangen, dass sie es fertiggebracht hatte, mit ihrem durchdringenden Blick dem seinen auszuweichen. Wenn er sie nicht direkt begrüßte, würde sie so tun, als wäre er gar nicht da. Und ganz gewiss wusste sie nicht zu würdigen, dass er an dem Ergebnis der Auktion ebenso interessiert war wie sie.
Ambury studierte den Verkaufskatalog, den er vom Auktionsleiter bekommen hatte. »Ich behaupte nicht, so viel von Kunst zu verstehen wie du, Southwaite, aber unter den Gemälden befinden sich etliche aus der ›Schule von‹ oder dem ›Atelier von‹. Das erinnert mich an die angeblichen Kunstwerke, die die Bilderverkäufer auf meiner Kavalierstour durch Italien feilgeboten haben.«
»Die Angestellten verfügen nicht über die gleiche große Sachkenntnis wie Maurice. Immerhin muss man ihnen zugutehalten, dass sie die Bilder zurückhaltend bewertet haben, wenn Herkunft und Echtheit nicht vollständig zu belegen waren.« Darius deutete auf das Landschaftsmotiv über Amburys Kopf. »Wenn Maurice noch leben würde, wäre das vielleicht als ein van Ruisdael verkauft worden und nicht als das Werk eines seiner Schüler. Jeder hätte das Urteil akzeptiert. Penthurst hat das Bild gerade sehr genau untersucht und wird möglicherweise hoch bieten in der Hoffnung, dass es sich als ein echter van Ruisdael erweist.«
»Wenn Penthurst das Bild erwirbt, hoffe ich, dass es vor zwei Wochen von einem Fälscher hingeschmiert worden ist und er einen schönen Batzen Geld zum Fenster hinauswirft.« Ambury wandte seine Aufmerksamkeit wieder Miss Fairbourne zu. »Kein übler Gedenkgottesdienst, wenn ich es mir recht überlege. Vermutlich sind all die gesellschaftlichen Größen hier, die an der Beerdigung nicht teilgenommen haben.«
Darius hatte die Beerdigung einen Monat zuvor besucht. Dort war er der einzige Vertreter des englischen Hochadels gewesen, trotz der Rolle, die Maurice Fairbourne für viele von ihnen als Ratgeber für ihre Kunstsammlungen gespielt hatte. Die feine Gesellschaft wohnte dem Begräbnis eines Geschäftsmannes nicht bei, erst recht nicht zu Beginn der Saison, und darum hatte Ambury recht. Für Fairbourne’s Kunden war diese Auktion tatsächlich so etwas wie ein Gedenkgottesdienst.
»Ich nehme an, alle werden hoch bieten«, sagte Ambury. Sowohl sein Tonfall als auch das kleine Lächeln spiegelten seine liebenswürdige Art wider, die ihn manches Mal in Schwierigkeiten brachte. »Um ihr aus der Klemme zu helfen, jetzt, da sie allein dasteht.«
»Mitgefühl wird sicherlich eine Rolle spielen und zu hohen Geboten anspornen, doch der wirkliche Grund steht dort vorn neben dem Rednerpult.«
»Du meinst den kleinen, weißhaarigen Burschen? Er sieht nicht aus wie jemand, der mich dazu treiben könnte, fünfzig zu bieten, wenn ich eigentlich nur fünfundzwanzig zu zahlen bereit war.«
»Er ist verblüffend unscheinbar, stimmt’s? Außerdem bescheiden, gesittet und stets höflich«, sagte Darius. »Unerklärlicherweise gereicht ihm all das zum Vorteil. Sobald Maurice Fairbourne aufgegangen war, was er an dem kleinen Mann hatte, hat er in diesem Haus nie wieder selbst die Objekte aufgerufen, sondern es stets Obediah Riggles überlassen.«
»Dabei hätte ich den Burschen dort drüben für den Auktionator gehalten. Den, der mir den Katalog gegeben hat.«
Ambury sprach von dem jungen, gut aussehenden Mann, der die Gäste zu ihren...




