E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Hürter Der Tod ist ein Philosoph
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-492-96361-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zum Leben gehört, dass man abstürzen kann
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-492-96361-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tobias Hürter, Jahrgang 1972, studierte Philosophie und Mathematik in München und Berkeley. Er war Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft und arbeitete als Redakteur beim MIT Technology Review und bei der ZEIT. Seit 2013 ist er stellvertretender Chefredakteur des Philosophiemagazins Hohe Luft. Er lebt in München.
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Kapitel 2
Der große Zivilisator
Warum der Tod bei den Pyramiden und der Chinesischen Mauer mitgebaut hat
Es ist der Urtext der abendländischen Literatur: die Ilias, geschrieben vor ungefähr 2800Jahren von einem rätselhaften Autor namens Homer. Sie erzählt vom Krieg um Troja, weswegen viel gestorben wird. Aber auf den zweiten Blick ist der Krieg nicht das Thema der Ilias, sondern nur die Bühne. Sie ist kein Geschichtsbuch und verrät weder, wie der Krieg begann, noch, wie er endete. Das große Thema der Ilias sind die Menschen: Wie ergeht es ihnen auf dem Schlachtfeld? Wie findet Achilles den Weg durch die Kriegswirren? Immer wieder schwingen junge Krieger die Schwerter gegeneinander, immer wieder gibt es Gelegenheit, die Mutigen von den Feiglingen, die Edlen von den Hinterlistigen zu trennen. Und immer wieder geht es darum, was einen ehrenhaften Tod von einem unehrenhaften unterscheidet. Die homerischen Helden kämpfen für die Ehre und ewigen Ruhm. Der Tod ist eine Selbstverständlichkeit für sie wie Helm und Harnisch. Entscheidend ist, wie man stirbt: möglichst wie ein Mann, entschlossen, ungebeugten Hauptes. Als Achilles auf einen trojanischen Prinzen trifft und ihn mühelos besiegt, bietet dieser Achilles ein saftiges Lösegeld, wenn der ihn verschone. Achilles ist angewidert und herrscht den verängstigten Prinzen an, er solle mit dem Wimmern aufhören und sich männlich dem Tod stellen. Der Tod ist Normalität, die Ehre etwas Besonderes. Jene, die für die Ehre den Tod nicht in Kauf nehmen wollen, nennt Homer »Frauen, nicht Männer«. Mut und Männlichkeit sind in Homers Sprache synonym: andreia. Als Achilles schließlich kampfesmüde wird, tötet der trojanische Königssohn Hektor Achilles’ Freund Patroklus. Achilles, wild vor Schmerz, zieht nochmals in die Schlacht, auch wenn er ahnt, dass dies seinen Tod bedeutet. Er rächt Patroklus, indem er Hektor tötet, entscheidet den Krieg für die Griechen – und stirbt dabei den Heldentod.
Die Ilias ist eine der frühesten Darstellungen davon, wie ein Mann zum Helden wird, sprich: wie er in den Tod zu gehen hat. Vor allem das ist es, was sie zu einem Meilenstein unserer Kulturgeschichte macht. Denn der richtige Umgang mit dem Tod ist nicht nur ein großes Thema unserer Kultur, sondern das größte. Wer in ständiger Angst lebt, zu verhungern oder gefressen zu werden, kann keine großen Kunstwerke schaffen, Kathedralen bauen oder wissenschaftliche Theorien erdenken. Seit Zehntausenden Jahren trotzen Menschen dem Tod, verdrängen ihn, bekämpfen ihn, huldigen ihm. Achilles hat dieses Projekt ein großes Stück vorangebracht. Seht her, ist seine trotzige Botschaft, ich verende nicht wimmernd wie ein Tier. Ich sterbe stolz. Ich habe für etwas gelebt, und ich sterbe für etwas. Der amerikanische Kulturwissenschaftler Ernest Becker schrieb 1973 ein großartiges Buch mit dem Titel Dynamik des Todes (der amerikanische Originaltitel: The Denial of Death), in dem er der Frage nachgeht, hinter welcher Maske die Angst vor dem Tod sich versteckt. Heroismus, ist Beckers Antwort. Seine Vorstellung von der Condition humaine ist diese: Nichts bewegt den Menschen mehr als der Wunsch, sich von der Angst vor dem Tod zu befreien. Heroismus ist vor allem ein Reflex auf den Schrecken des Todes. »Die Gesellschaft selbst ist ein kodifiziertes Heldensystem, will sagen, sie ist überall in der Welt ein lebendiger und herausfordernder Mythos des Sinnes des menschlichen Daseins«, schreibt Becker. »…? alles kreative Tun des Menschen [ist] im Grunde nichts weiter als ein künstlicher Protest gegen eine natürliche Wirklichkeit …«
Doch der Trotz des Helden ist nur eine von mehreren »schöpferischen Lebensweisen« im Angesicht des Todes. Die Geschichte sei, was der Mensch aus dem Tode macht, sagte der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Dieses Kapitel soll zeigen, welche Vielfalt er dabei entwickelt hat.
Vieles, was der Mensch ausschließlich für sich beansprucht, ist bereits im Tierreich angelegt: Tiere kennen Vorformen von Herrschaft, Eigentum und Ehe. Schimpansen zeigen in Versuchen Ansätze von Gerechtigkeitssinn. Auch eine Ahnung vom Tod scheinen andere Primaten zu haben: Gorillas trauern um ihre Toten. Aber wissen sie auch um ihre eigene Sterblichkeit? Sehr wahrscheinlich nicht. Das ist ein Privileg des Menschen. Wenn Archäologen ihre Funde richtig deuten, dann erzählten sich schon die Neandertaler und die früheren Vertreter des Homo sapiens Geschichten vom Leben ihrer geliebten Verstorbenen. Das ist der Unterschied zwischen trauernden Menschen und trauernden Tieren: Menschen spinnen den Tod in Geschichten ein. Tiere sind, soweit wir wissen, zu so etwas nicht fähig.
Wo ein Mensch hinschaut, sieht und schafft er Zusammenhänge. Menschen sind Sinnsucher, das unterscheidet sie von Tieren. Menschen grübeln über ihre Existenz. Im Angesicht des Todes trauern sie nicht nur, sie rätseln über die Endlichkeit ihres eigenen Daseins, über ein Leben nach dem Tod, sie zweifeln und verzweifeln. Andere Lebewesen kämpfen sich blindlings durch ihr Leben, bis es endet. »Vom Menschen abgesehen sind alle Geschöpfe unsterblich«, schrieb der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges, »da sie den Tod nicht kennen.« Irgendwann vor einigen Hunderttausend oder Millionen Jahren verstand erstmals ein Vertreter der Gattung Homo, dass auch er dereinst sterben muss. Dies war der Zündfunke zum größten Projekt der Menschheit: der Zivilisation. Die Menschen begannen, den Tod zu bannen. Sie gestalteten sich eine Lebenswelt, die sie vor den Bedrohungen der Natur schützt. Sie bewaffneten sich, erfanden die Landwirtschaft, bauten Häuser und Städte. Die Geschichte der Menschheit ist das, was die Menschen aus dem Wissen um ihre Sterblichkeit gemacht haben. Der polnische Soziologe Zygmunt Bauman formuliert es knapp und radikal: »Ohne Sterblichkeit keine Geschichte, keine Kultur – keine Menschheit.«
Nur weil der Mensch um seinen Tod weiß, kann er ihm trotzen. Trotz spielt eine wichtige Rolle in der Entwicklung von Kindern, er prägt vor allem die Lebensjahre zwei bis vier, »Trotzalter« genannt. Kleinkinder trotzen ihrer Lebenswelt, in der sie zutiefst in Abhängigkeiten verstrickt sind, Autonomie ab. Mit der noch unreflektierten Kraft ihres Willens entringen sie ihrer Umwelt Zugeständnisse – ein früher Schritt zur eigenen Persönlichkeit. Auch der erwachsene Held ertrotzt sich Autonomie. Er entledigt sich seiner Todesangst, indem er ihr verwegen ins Gesicht lacht. Er verhöhnt sie, indem er sich auf die Granate wirft, um seine Kameraden zu schützen. Aber nur, weil er sich dabei heldenhaft vorkommen kann. In jedem Helden steckt ein Kleinkind. Die Welt ist ein rauer Ort zum Leben, unwirtlich, unerbittlich, gewaltig und gefährlich. Wo findet man Sicherheit in ihr, wie umfriedet man sein Revier? Indem man es ihr abtrotzt. Das in Achilles verkörperte Heldentum ist die Trotzphase der abendländischen Zivilisation in ihrem Verhältnis zum Tod.
Mit seinem Heldentod setzte Achilles einen Trend. Über die Risikogruppe der Krieger hinaus etablierte sich die Praxis, die Wichtigkeit einer Angelegenheit zu betonen, indem man für sie stirbt: die Ehre, die Heimat, die Religion, die Überzeugung. Besonders eindrucksvoll gelang dies Jesus von Nazareth. Er überwand den Tod, indem er sich ihm hingab, dafür wurde er berühmt. Doch unter Achilles’ Early Adopters waren auch auffällig viele Philosophen. Diogenes von Sinope hielt angeblich so lange den Atem an, bis er starb. Zenon von Elea soll seine Zunge abgebissen und dem Tyrannen entgegengespuckt haben, den er gerade vergeblich zu töten versucht hatte. Auch Sokrates, der Philosoph schlechthin, starb den Heldentod. Den Schriftstellern des alten Rom, den frühen Christen und den Theologen des Mittelalters galt er als vorbildlich. Allerdings war Sokrates, wie Jesus, ein Mann des gesprochenen, nicht des geschriebenen Wortes. Das Schreiben überließ er anderen, vor allem seinem Jünger und Evangelisten Platon. Sokrates lieferte Platon den Stoff für die schönsten Dialoge der Philosophiegeschichte. Dafür verhalf der Schüler dem Meister zu seinem überragenden Einfluss auf die abendländische Geistesgeschichte.
Doch es hätte durchaus anders kommen können. Zu Lebzeiten war Sokrates schlecht angesehen. Der Komödienschreiber Aristophanes verulkte ihn in seinem Stück Die Wolken als verschrobenen Pedanten, der eifrig darüber diskutiert, wie weit Flöhe springen. Erst im letzten Moment schuf Sokrates seinen Mythos: Er ging für seine Lehre in den Tod. Heute überstrahlt Platons Sokrates die Witzfigur, zu der Aristophanes ihn machte.
Wie genau Sokrates zu Tode kam, dazu widersprechen sich die Berichte. Vermutlich wurde er wegen staatszersetzender Umtriebe angeklagt. Sokrates stellt sich den Anklägern und verteidigt sich mit einer Rede, die Platon mitschrieb und zu Weltruhm brachte. Sokrates weigert sich, seinen Lehren abzuschwören, als aufrechter Zeuge der Wahrheit geht er in den Tod, mit einer Unerschrockenheit, die sogar seine engsten Gefolgsmänner in Staunen versetzt. Den Giftbecher setzt er an den Mund, als wäre es der von ihm so gern konsumierte Wein.
Sokrates’ Gelassenheit geht nach seinen von Platon überlieferten Worten darauf zurück, dass er den Tod als Lappalie betrachtete. Seiner Ansicht nach befreit der Tod die Seele vom lästigen Körper. Mit dem Tod fange das Leben erst richtig an. Ein wahrer Philosoph solle also freudig in den Tod gehen. In meinen Augen schmälert das Sokrates’ Heldentum. Denn wenn der Tod nicht fürchtenswert ist, dann ist Todesmut keine große Leistung. Aber schlimmer noch,...




