E-Book, Deutsch, Band 2755, 130 Seiten
Reihe: Beck'sche Reihe
Houben Die Normannen
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-406-82036-6
Verlag: Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2755, 130 Seiten
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ISBN: 978-3-406-82036-6
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Die Normannen, die "Nordmänner", haben die Geschichte des Mittelalters vielfältig geprägt. Sie herrschten in der nordfranzösischen Normandie, eroberten 1066 England, gründeten in Süditalien und auf Sizilien ein multikulturelles Königreich und im Vorderen Orient den langlebigsten Kreuzfahrerstaat. Wenn sich im Spätmittelalter die Spuren der Normannen verlieren, so liegt das nicht an ihrem Misserfolg, sondern, wie Hubert Houben in seinem eindrucksvollen Überblick zeigt, an ihrer großen Integrationsfähigkeit.
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I. Die Entstehung einer Region und eines Volkes
1. Normandie und Normannen
Die Normandie hat ihren Namen von den Wikingern («Nordmannen»), die sich im 9.–10. Jahrhundert zwischen Seine und Loire niederließen. Aus dem von ihnen beherrschten Gebiet ging das Herzogtum Normandie hervor. Es hatte, wenn man von der Nordsee im Norden absieht, keine natürlichen Grenzen. Die Westgrenze zur Bretagne und die Ostgrenze zur Picardie waren fließend; die südliche Abgrenzung gegenüber den Grafschaften Maine und Perche war umstritten (s. Karte vordere Umschlaginnenseite). Politisch gehörte dieses Gebiet zum westfränkischen Königreich, das aus der Teilung des von Karl dem Großen (gest. 814) geschaffenen fränkisch-römischen Kaiserreichs hervorgegangen war. Einer der Gründe für den Zerfall des karolingischen Großreichs waren die Einfälle der Wikinger gewesen, die seit dem Ende des 8. Jahrhunderts ganz Europa heimgesucht hatten. Wikinger im Frankenreich Die Ursachen der skandinavischen Expansion, die als eine «späte Phase der Völkerwanderungszeit» angesehen wird (Simek), waren komplexer Natur. Es ist umstritten, ob Überbevölkerung und Mangel an Land für Ackerbau und Viehzucht die Hauptursache waren oder ob nicht eher Abenteuerlust und Freiheitsdrang die Wikinger dazu bewogen, ihre Heimat zu verlassen. Skandinavische Auswanderungswellen gab es schon früher: Bereits im 2. Jahrhundert v.Chr. brachen die Kimbern und Teutonen von Jütland auf und drangen in das Römische Reich ein. Die skandinavischen Migrationen nahmen aber eine neue Dimension an, nachdem die Wikinger zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert seetüchtige, schnelle und flachkielige Segelschiffe entwickelt hatten, die es ihnen ermöglichten, längere Distanzen zu bewältigen. So erreichten sie Island (850/70), das Mittelmeer (859), Grönland (930/40) und die Ostküste Kanadas (um 1000). Auf Booten, die mittels Rollen über Land transportiert werden konnten, fuhren sie die Flüsse Dnjepr und Wolga hinauf: Über das Schwarze Meer gelangten sie nach Konstantinopel, über das Kaspische Meer bis nach Persien. Im Norden verbanden sie räuberische Überfälle mit Ackerbau und Viehzucht, im Osten Piraterie mit Handel und Söldnerdiensten. Seit 810 machten Wikinger die Nordseeküste unsicher. Mit ihren wendigen Schiffen segelten und ruderten sie ungehindert die Flüsse Loire, Seine, Maas, Rhein und Elbe hinauf: Sie plünderten Städte wie Nantes (834), Rouen (841), Paris (ab 845 mehrfach), Hamburg (845), Bremen (858) und Xanten (863). Die fränkischen Könige verfügten weder über eine Flotte noch über ein stehendes Heer und waren daher nicht in der Lage, eine wirksame Verteidigung zu organisieren. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Eindringlinge, die seit 852 in Frankreich zu überwintern begannen, durch Geldzahlungen zum Stillhalten zu bewegen. Angesichts der Schwäche der königlichen Autorität nahmen lokale Kräfte den Schutz des Landes in die Hand: Die Wikinger, die 885/86 Paris belagerten, konnten nur durch das Eingreifen des Grafen Odo aus dem Haus der Robertiner besiegt werden. Der ostfränkische Herrscher Karl III. der Dicke, der für kurze Zeit das Karolingerreich wieder vereinigt und die Kaiserkrone errungen hatte, zeigte sich unfähig, die Wikinger aufzuhalten; daher setzten die Großen des Reichs ihn ab. Mit dem erwähnten Odo wurde 888 im Westfrankenreich zum ersten Mal ein Nichtkarolinger König. Zuvor waren alle Bemühungen gescheitert, einzelne Anführer der Wikingerbanden in das fränkische Reich zu integrieren: Kaiser Ludwig der Fromme gab 826 dem Dänen Harald Klak, der bereit war, das Christentum anzunehmen, Land in Friesland und wurde sein Taufpate; doch dieser erwies sich als wenig zuverlässig und unterstützte 833/34 die Rebellion von Ludwigs Sohn Lothar. Auch das Abkommen Lothars mit dem Wikinger Rorik, der 850 das friesische Handelszentrum Dorestad erhielt, war nur von kurzer Dauer. Ähnlich erging es dem westfränkischen König Karl II. dem Kahlen (gest. 877), der dem Bretonenführer Salomon die Halbinsel Cotentin, den westlichsten Teil der späteren Normandie, abtrat und ihm sogar den Königstitel zugestand, um ihn zur Abwehr der Skandinavier zu bewegen. Ebenfalls erfolglos blieb der Versuch des ostfränkischen Herrschers Karls III., durch die Abtretung eines Teils von Friesland einen Wikingeranführer in das Reich zu integrieren, der nach der Taufe den Namen Gottfried annahm und 882 die Karolingerin Gisela heiratete. Die Geburt der Normandie Mehr Glück hatte dagegen zu Beginn des 10. Jahrhunderts der westfränkische König Karl III. der Einfältige (gest. 929). Ihm gelang es, Rollo (Hrolfr/Rolf), den Anführer der Wikinger, die sich an der unteren Seine angesiedelt hatten, in sein Reich zu integrieren. Der Vertrag, der 911 in Saint-Clair-sur-Epte zwischen beiden geschlossen worden sein soll, gilt im modernen Rückblick als die Geburtsurkunde der Normandie. Überliefert ist er nur durch den Chronisten Dudo von Saint-Quentin (in der Picardie). Dessen lateinische Geschichte der Herzöge der Normandie entstand aber erst zwischen 994 und 1015 im Auftrag von Rollos Enkel, dem normannischen Herzog Richard I. (gest. 996). Dudo erzählt, dass König Karl, um Frieden und Wohlstand in seinem Reich zu erhalten, keine andere Wahl geblieben sei, als mit Rollo, dem «Herzog der Heiden», ein Friedens-, Beistands- und Freundschaftsbündnis zu schließen. Dieses sei durch die Taufe des Wikingers, der den christlichen Namen Robert annahm, und seine Heirat mit der Königstocher Gisela besiegelt worden. Der Vermittler der Vereinbarung sei Erzbischof Franco von Rouen gewesen; an ihr habe auch Herzog Robert von Francia teilgenommen. Karl habe Rollo das Land von der Epte, die circa 90 km südöstlich von Rouen in die Seine fließt, bis zum Meer sowie die gesamte Bretagne übergeben; dieser habe seine Hände in die des Königs gelegt. Der vom christlichen Bildungskanon geprägte Dudo verfügte als Kaplan und Kanzleibeamter Herzog Richards II. (1011 ist er als capellanus und 1015 als cancellarius bezeugt) zwar über gute Informationen, doch moderne Historiker haben seiner Darstellung wenig Glauben geschenkt, da Rollo noch nicht den Herzogstitel führte; das tat erst sein Enkel Richard I. Auch war Robert von Francia (gest. 923) nicht Herzog – das war erst sein Sohn Hugo der Große, gest. 956 –, sondern nur Markgraf von Neustrien, dem Gebiet zwischen Seine und Loire. Das lehnsrechtliche Ritual, bei dem der Lehnsmann seine Hände in die seines Lehnsherrn legte, ist zudem ein Brauch, der erst später aufkam. Und auch die Nachricht über Rollos Ehe mit einer Tochter König Karls und die Vergabe der Bretagne an ihn schienen Erfindungen des Chronisten zu sein. Zweifellos ist der sogenannte Akt von Saint-Claire-sur-Epte eine literarische Fiktion Dudos, mit der dem normannischen Herzogtum aus der Rückschau ein «programmatischer Gründungsakt» geliefert wurde (van Eickels). Andererseits hat Pierre Bauduin (2004) gezeigt, dass an Dudos Geschichte bei Weitem nicht alles erfunden ist: Rollo wurde tatsächlich ein Vasall des fränkischen Königs, auch wenn er die Normandie nicht als Lehen, sondern als Eigentum erhielt. Sein Freundschafts- und Heiratsbündnis mit Karl sowie seine Konversion zum Christentum sind ebenfalls keine Erfindungen des Geschichtsschreibers, auch wenn die 911 vereinbarte Ehe mit der damals erst drei- oder vierjährigen Königstochter nicht zustande kam. Was Dudo verschweigt, ist die Tatsache, dass Rollo sich schon lange vor 911, vermutlich um 876, an der unteren Seine niedergelassen und dort enge Verbindungen mit führenden fränkischen Adelsfamilien geknüpft hatte. Um 890 heiratete er Popa, eine Tochter des Grafen Berengar von Bayeux aus dem Geschlecht der Unruochinger, dessen prominentestes Mitglied, der Markgraf Berengar I. von Friaul (gest. 924), im Jahre 888 König von Italien und 915 sogar römischer Kaiser wurde. Aus Rollos Ehe mit Popa gingen ein Sohn, Wilhelm, und eine Tochter hervor, die zuerst Gerloc genannt wurde, dann aber den christlichen Namen Adele erhielt. ...