Horváth | Szabó bleibt stehen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Horváth Szabó bleibt stehen


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-99047-046-6
Verlag: Wieser Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-99047-046-6
Verlag: Wieser Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Szabó versucht den Schmerz über den Tod seiner Ehefrau A. zu überwinden. Er kann die Erinnerung an sie fast nicht ertragen, lebt aber doch in stetiger Angst, diese Erinnerungen an das gemeinsame Leben könnten verblassen. Ist er dann ein Verräter? Das Buch erzählt viel über A. und über die Beziehung zwischen den beiden Liebenden. Und er weiß: Der Preis für eine große Liebe ist der Schmerz. Es tut unendlich weh, dass nichts mehr so ist, wie es war. Aber es ist gut, dass es war.

Otto Horváth, geboren 1967 in Novi Sad (Vojvodina), studierte in Novi Sad, Erlangen und Berlin. Er schreibt und übersetzt Poesie aus dem Ungarischen, Deutschen und Italienischen ins Serbische. Veröffentlichungen auf Deutsch: Kanada. Gedichte (1999), Die neuen Mieter. Fremde Blicke auf ein vertrautes Land, Hrsg. I. Mickiewicz (2004). Ulaznica/Eintrittskarte. Serbien: Panorama der Lyrik des 21. Jahrhunderts. Hrsg. D. Dedovi? (2011). Er lebt und arbeitet in Florenz. Dies ist sein erster, in Serbien bereits mehrfach preisgekrönter Roman.
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Tizians himmlische und irdische Liebe lässt Ihnen seit der Kindheit keine Ruhe?


Wo ist sein Raum für Trauer in diesen Tagen? Ein Raum, in dem er sich mit ihr ohne Schmerz und Trauer befände, in dem er aber gleichzeitig trauern und um sie weinen könnte? Während seiner Hungarologie-Studien hat er bei Kostolányi (der, wenn ihn jetzt jemand nach seine Meinung fragte, zuckersüß war) gelesen, dass die Toten nur in unseren Herzen eine Adresse haben. Das klingt für ihn jetzt banal und süßlich bis zum Erbrechen, aber so lautete der Satz, wenn er sich richtig erinnert. Und er ist nicht sicher, ob er erleichtert ist, nur weil er weiß, wo ihre Adresse ist. Zerrissenheit. Der geplatzte Gral. Ein Stachelfeld, über das er jeden Tag barfuß schreitet. Er denkt über sie nach, als lebe sie noch, weint aber gleichzeitig um sie, weil sie tot ist. Er ist in derselben Wohnung geblieben, mit denselben gemeinsamen Gewohnheiten, als würde sie morgen zurückkehren, weint aber gleichzeitig um sie, weil sie tot ist. Er fragt mich, wie er sie ansprechen soll, ohne dabei sich selbst anzusprechen. Er sagt mir, nein, er wiederholt sich ständig, immer das Gleiche, er fühle sich verloren und einsam. Er raucht und trinkt jeden Abend, nicht gerade in Maßen, aber ausdauernd und diszipliniert. (Schließlich hat er nicht umsonst als Obergefreiter bei der Jugoslawischen Volksarmee Disziplin gelernt und sich manisch an sie gehalten!). Verloren und vereinsamt. Das sagt er mir nicht, man sieht es ihm eindeutig an, wenn ich ihn mir so anschaue. Er raucht und trinkt, wenn er von der Arbeit aus der Bibliothek zurückkehrt. Nur auf diese Weise kann er den bleiernen Abend ertragen, der auf ihn herabfällt, und nur so stürzt er nicht in die Abgründe der Nacht. Auf der geräumigen Terrasse ist er von Zypressen und Sternen umgeben. Verloren und vereinsamt, so fühlt er sich, obwohl das Lächeln auf seinem Gesicht bei der Verabschiedung täuschen kann. Weder die Zigaretten noch der Wein bekommen ihm dieser Tage. Er hustet ständig. Sein Kopf tut weh, er klagt darüber, den Eindruck zu haben, dieser höre gar nicht mehr auf zu schmerzen, aber weder der Morgen noch der Abend tun ihm gut. Er hat also gar keine Wahl. Verloren und vereinsamt, wie er mir gegenüber betont, tut er jedoch auch nichts, um das zu ändern, denn er kann es nicht, und irgendwie verstehe ich ihn auch, obwohl ich ihn nicht mit der Tatsache zurechtweise, es gebe kein ich kann nicht, im Gegensatz zu ich will nicht. Er findet keine Erklärung für sein Bedürfnis, in den bekannten Zustand der Verzweiflung und des nahezu körperlichen Schmerzes zurückzukehren. In das bekannte Trauma. Durchzudrehen. Je häufiger er sich alltäglich daran erinnert, durchlebt er ihr Leiden wieder von neuem. Ihre körperliche Hölle. Die Hölle, in die ihre Seele hinabgestürzt war. Auf dem Krankenbett. Von dem sie am Ende monatelang nicht aufstehen konnte. Er war ein hilfloser und wahnsinnig gewordener Zuschauer und Betrachter, und nicht jemand, so denkt er, der sie heilen sollte und musste. Oder wenigstens eine Art für sie finden, geheilt zu werden. Er hat es nicht begriffen. Hat er gezweifelt? Es muss Zeichen oder Andeutungen gegeben haben. Oder nicht? Und wann? Und welche? Er hat versagt. Schlicht und einfach gesagt. Er, der Verräter. Er, der Einzige. Er kann all ihre Monate nicht so einfach hinter sich lassen, das spürt er, er denkt nicht. Er kann sie nicht vergessen, auslöschen. Er kann sie nicht ganz allein auf der weiten Flur des Vergessens lassen. Er will es nicht, er kann es nicht, und er versucht auf vielerlei Weise das Grauen zu mindern, das sie gelebt hat, und an das er sich noch sehr gut erinnern kann. Von dem er glaubt, sie habe es gelebt. Sie hat die Hölle durchlebt, physisch und psychisch, sagt er mir sofort darauf und fragt mich, ob ich wisse, wie viele Dreiergruppen von Tagen in diesen elf Monaten stecken? Ungefähr einhundertundzwölf, antwortet er statt meiner selbst. Nie hat sie nach drei Tagen Erlösung erlebt, nie Erleichterung, und sie war elf Monate gekreuzigt. Und dann fragt er mich rhetorisch, ob er ihr Leiden nur verlängert, ob er ihre Hölle, ihren Schmerz nur fortsetzt, auch weiterhin, wenn er darüber nachdenkt, redet? Sie hat das größtmögliche Leiden durchlebt und es als Strafe empfunden. Strafe wofür, fragte er sie einmal und bekam keine Antwort. War nicht all ihr Leiden ein klares Zeichen der Abwesenheit Gottes? Seiner Nicht-Existenz oder Seiner unbegreiflichen und skandalösen Gleichgültigkeit? Der Schmerz, der noch größer und furchtbarer ist, eben weil er der offensichtlichste Beweis Seiner Abwesenheit ist? An den sie glaubte und ihn anrief? Der sie ohne Antwort zurückließ? Sie verließ? Aber ich kann sie nicht einfach so zurücklassen und aufhören, über all das zu reden, denn das würde heißen, dass ich aufhöre, jenen zu beschuldigen, den sie angerufen hat, der aber nicht antwortete, sondern sie allein ließ, sagt er oft laut vor dem Spiegel, gesteht er mir eines Abends auf seiner Terrasse. Er klagt ihr Schicksal an, verflucht sich selbst, zitiert die menschliche Ohnmacht. Wenn er sich zwingen würde, jene zwei letzten Jahre ihres Lebens zu vergessen, die der Horror waren, wenn er sich nicht mehr daran erinnern würde, würde das bedeuten, dass er nicht versucht, das zu verstehen, was man weder aus der noch aus irgendeiner anderen Perspektive verstehen kann, was man nicht vergessen kann, was durch nichts entschuldigt werden kann. Die Metaphysik kann vielleicht einen Trost bieten, aber einen falschen, fügt er direkt hinzu, und zwar nur für diejenigen, die nicht leiden, weder physisch noch psychisch. Diejenigen, die kein direktes Objekt und auch kein Subjekt metaphysischer Fragen sind. Die Metaphysik versagt vor der Physik des Schmerzes und des Leidens. Jedoch sagt er und stellt mir, als habe er mich eben nicht gefragt, wieder dieselbe Frage, in welchem Maße er selbst ihr physisches Leiden, ihr psychisches Leiden nährt und verlängert, indem er darüber redet, sich daran erinnert? Indem er ihnen Raum gibt, seinen ganzen zeitlichen und mentalen Raum? Damit aufzuhören würde doch bedeuten, auch mit der Erinnerung an seine A. aufzuhören? Und erreicht man gezielte Amnesie? Sich an dies erinnern, an das andere nicht? Ist das denn kein Trugbild, was er von ihr erhalten will? Ein manipuliertes Fragment, vergrößert bis zum Maßstab des Gesamtbildes? Wo das Leben kein Ende hat, sondern ohne Erklärung endet, mit einem unklaren und märchenhaften Ende? Wäre es möglich für ihn, nur darum zu wissen, um dieses Nicht-Ende, und nicht um alles andere? Könnte er dann damit leben, wohl wissend, dass das nur ein Teil ihres Lebens ist? Könnte er dann leichter damit leben, dass sie nicht mehr da ist? Genauer gesagt: Könnte er leichter leben? Denn darum geht es ja, um das Leben trotz alledem, dessen er sich nicht sicher ist. All dies schießt ihm durch den Kopf, während er sich im großen Spiegel ihres gemeinsamen Badezimmers betrachtet. Er sollte sich mal rasieren, sieht aber nur seine dunklen Augenringe, den schwarzen, bereits mit Schnee durchwirkten Stoppelbart, seinen mageren Torso, sowie das saubere Hemd, die Hose und die Unterwäsche hinter sich auf dem Schrank. Die sie so an ihm mochte. Er steht im Strudel und wartet darauf, an die Oberfläche des Tages zurückzukehren. Von Zeit zu Zeit wird er mit der Genauigkeit eines Metronoms von der Vergangenheit aufgesaugt, die ihn auf spitze, salzige Klippen wirft. Die Wellen bedecken ihn, stark und unvorhersehbar. Später steht er da, mit Wunden übersät. Verloren und vereinsamt. In einer Wüste, die keine Wüste ist. Einer Welt, die keine Welt ist. Sie ist ganz ausgefranst, weit und breit ist niemand. Nur er, in der finsteren Leere. Dem Abgrund der Einsamkeit. Auf einmal wird ihm klar, dass er sich zu dem Treffen in der Stadt verspäten wird, mit einer Frau, die in derselben Bibliothek arbeitet. Aber er beeilt sich nicht, es gibt keinen Grund mehr für Eile. Passione, fuoco, ardere, fiamme, bruciare, waren zu unbekannten Wörtern für ihn geworden. Die Zeit, die er mit dieser verbringt, wird aus dem Raum der Trauer und des Schmerzes nach jener herausgerissen, die nicht mehr da ist. Das ist ihm klar, er macht sich nichts vor. Er versteht es, vor Trauer und Schmerz zu fliehen. Vor Verzweiflung und Schmerz zu fliehen. Und in diese Beziehung. Was ihn bei all diesen Fluchtversuchen wundert, ist, dass er den Sex mit anderen Frauen nicht als Betrug an ihr erlebt. Aber er ist auch nicht froh oder glücklich, mit keiner von ihnen. Später ist er nur noch verzweifelter. Er vergisst nicht, er kann und will nicht vergessen. Er spielt ein Spiel mit sich selbst, in dem er der einzige Verlierer ist, da er hofft, da er gerne unter seiner Hand ihren Hinterkopf spüren würde, mit seinem Bauch ihren Bauch spüren, mit dem Fuß ihre Füße spüren, ihre Hüften erkennen, mit seiner Zunge die Rauheit und Form ihrer Zunge erkennen, in ihre Augen schauen würde. Und er hat keine...


Otto Horváth, geboren 1967 in Novi Sad (Vojvodina), studierte in Novi Sad, Erlangen und Berlin. Er schreibt und übersetzt Poesie aus dem Ungarischen, Deutschen und Italienischen ins Serbische. Veröffentlichungen auf Deutsch: Kanada. Gedichte (1999), Die neuen Mieter. Fremde Blicke auf ein vertrautes Land, Hrsg. I. Mickiewicz (2004). Ulaznica/Eintrittskarte. Serbien: Panorama der Lyrik des 21. Jahrhunderts. Hrsg. D. Dedovic (2011). Er lebt und arbeitet in Florenz. Dies ist sein erster, in Serbien bereits mehrfach preisgekrönter Roman.



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