E-Book, Deutsch, Band 20, 304 Seiten, EPUB, Format (B × H): 170 mm x 240 mm
Horn "Ich lerne sehen"
EPUB
ISBN: 978-3-89896-803-4
Verlag: wbv Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zu Rilkes Lyrik
E-Book, Deutsch, Band 20, 304 Seiten, EPUB, Format (B × H): 170 mm x 240 mm
Reihe: Beiträge zur Kulturwissenschaft
ISBN: 978-3-89896-803-4
Verlag: wbv Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
"Theoria" bedeutet ursprünglich "Schauen". Malte Laurids Brigge entdeckt eines Tages: 'Ich lerne sehen'. Teilhard de Chardin sagt über das Neue in der Moderne, 'daß Angst der Preis ist, den der moderne Mensch dafür bezahlt, daß er die Welt neu zu sehen lernt'. Dass Rilke immer wieder das Wort 'schauen' (und seine Komposita) benutzt, hängt aufs Engste mit seiner Auffassung von der Beziehung zwischen Dichter und Welt zusammen. Das Auge ist Teil des Bewusstseins.
Mit dem Begriff der "Epiphanie" bezeichnet James Joyce ein plötzliches Sehen und Erkennen einer zunächst so nicht verstandenen Situation. Rilkes Weg vom Sehenlernen (z. B. bei Rodin und Cezanne) zum 'Herzwerk' der späten Gedichte wird anhand einiger Gedichte als Stationen auf diesem Weg nachgezeichnet.
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2 Durch die Sprache sehen lernen: Der Panther
Es ist bekannt, dass Rainer Maria Rilke die Neuen Gedichte während seiner Pariser Zeit verfasste, als er als Rodins Sekretär tätig war. Er wurde jedoch auch von dem Bildhauer in dem Maße beeinflusst, dass er sich veranlasst fühlte, eine Monografie über ihn zu schreiben, in der er versuchte, das »Wesen« von Rodins Kunst zu erfassen (5, 135–280). Dieses erblickte er in einer Ästhetik des Schauens, die darauf abhob, das Wesen eines Dings zu erkennen und im Medium seiner Kunst, dem Stein, adäquat darzustellen. Damit wollte er aber keineswegs einem einfachen Realismus das Wort reden, der ein Ding in seiner Allgemeinheit beschrieb, als die Besonderheit dieses einzelnen Dinges, wie es sich ihm präsentierte.
Das Motto, »Ich lerne zu sehen«, könnte man auch dem Zyklus Neue Gedichte voranstellen, die ja überwiegend in Paris entstanden sind. Die Spezifizität des Ortes wird in den Gedichten selbst angedeutet: So steht z. B. unter dem Titel des Gedichts Das Karussell »Jardin du Luxembourg« und Der Panther trägt im Untertitel den Hinweis auf den Ort, wo Rilke diesen Panther gesehen hat, nämlich »Im Jardin des Plantes, Paris«.
Es erscheint bezeichnend, dass Rilke die Spezifizität des Raums angibt, doch die der Zeit auslässt. Sollen die Leser daraus ableiten, dass Rilke die Dinge in ihrem zeitlosen Wesen zeigen will, was durch die Verwendung des zeitlosen Präsens bestätigt wird? Ein weiterer Grund könnte sein, dass Rilke an diesen Gedichten gearbeitet hat wie Rodin am Stein, dass sie somit wie aus der Sprache gemeißelt erscheinen, was Rodins Arbeitsethos widerspiegelt, das sich in seinem Prinzip von »Arbeit und Geduld«, das sich Rilke zu eigen gemacht hat, äußerte. Kunst ist nicht, wie er bisher geglaubt hatte, einfach Erleben und Warten auf eine Inspiration: »und es soll nicht aufhören, so zu sein. Dann soll das nicht mehr Leben heißen sondern: Arbeiten«.[1] In einem Brief vom 13. Oktober 1907 schreibt er: »Ich bin auf dem Weg, ein Arbeiter zu werden, auf einem weiten Weg vielleicht und wahrscheinlich erst beim ersten Meilenstein.« (Br. ü. C. 40) Eudo C. Mason (1964b, 58) sieht als eines der versteckten Themen »die Bedrängung seines inneren dichterischen Allmachtsgefühls durch die engen Schranken der stumpfen äußeren Alltagswelt.«
Diese Arbeitsweise steht im Gegensatz zu Rilkes späten Gedichten wie den Duineser Elegien und Die Sonette an Orpheus, von denen er ganze Gedichte in einer Zeitspanne von ein paar Tagen ohne Veränderungen niedergeschrieben hat, wie die Manuskripte beweisen.
Doch sehen wir uns das Gedicht nun genauer an. Wie beschreibt Rilke den Panther, nicht einen beliebigen Panther, in seinem So-sein und wie manifestiert sich das sprachlich in der Lexik, Semantik, Syntax, aber auch in den klanglichen Mitteln des Rhythmus und Metrums, des End- und Binnenreims, der Assonanz und Alliteration? Verwendet Rilke Metaphern und Symbole oder bevorzugt er einen ungeschmückten, sachlichen Stil?
Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
Sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
Drei vierzeilige Strophen, durch einen Kreuzreim strukturiert, der die Stäbe des Zookäfigs widerspiegelt, an denen der Panther endlos vorübergeht. Leppmann (2000, 54–56) macht auf den Wechsel in der Perspektive in der ersten Zeile – »Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe« – aufmerksam, »so daß nicht der Blick des Tieres an den Stäben, sondern diese an seinem Blick vorübergehen«. Ryan (1972, 24) sieht in den Zeilen »Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt« eine Darstellung der Kontaktlosigkeit zwischen Panther und Welt. »Nicht nur scheint die Welt für den Panther nicht zu existieren, sondern der Panther hat auch kein Bewußtsein des eigenen Daseins.«[2] Kramer-Lauff (1969, 64) weist auf die Alliteration und Assonanz als Mittel der Intensivierung einer Vorstellung hin, auf die Wiederholung des Vokals »ä« und den Binnenreim, wodurch die endlose Folge von Stäben, die den Blick des Panthers gefangen halten, entsteht.
Die Strophen kreisen jeweils um die Themen der Augen, des Ganges und des Blicks. Der Gang wird außerdem mit einem Tanz verglichen, in dessen Mitte »ein großer Wille« steht. Dieser Wille ist aber »betäubt«,[3] genauso wie die Augen in der ersten Strophe »müde« sind. Dadurch wird eine Verbindung zwischen den ersten beiden Strophen hergestellt.
Beda Allemann (1976, 15) sieht in der leeren Mitte etwas reduktionistisch das eigentliche Thema des Gedichts, »die er [der Panther] umkreist und die direkt nicht greifbar ist«. Allemann meint, dass dieses Bild des metaphysischen Sinnverlusts sich über das Buddha-Gedicht in den Neuen Gedichten bis in Die Sonette an Orpheus erstreckt, wo es von der Tänzerin, Wera Ouckama-Knoop, der die Sonette gewidmet sind, heißt: »Du wußtest noch die Stelle, wo die Leier sich tönend hob –; die unerhörte Mitte«. Bezeichnend erscheint mir jedoch, dass die Mitte nur ex negativo aufscheint; sie ist nur verschlossen wie im Fall des Buddha, oder betäubt im Fall des eingesperrten Panthers oder sie war der sehr jungen Tänzerin noch vertraut, die jedoch viel zu früh gestorben ist. Nirgends ist sie jedoch gegenwärtig. So könnte man sagen, dass auch Rilkes Himmel entvölkert ist und dass sich Gott zurückgezogen hat und wir sein Schlaf sind wie Rilke es einmal eindringlich formulierte, um damit den Verlust eines verbindlichen Mythos für die Moderne zu umschreiben.[4] (Vgl. Allemann 1976, 12) Ryan (1972, 24) behauptet: »im Panther geht aus dieser Wendung kein positives Moment hervor. Die Rolle des Panthers als tote Mitte wird nur verstärkt, indem auch der sinnliche Eindruck der Welt in seinem Herzen vernichtet wird.«
Interessant erscheint außerdem, dass Rilke den »Tanz um eine Mitte, / in der betäubt ein großer Wille steht« durch ein »wie« einleitet; es handelt sich somit um einen Vergleich. Damit wird das uneigentliche Sprechen in der ersten Strophe »Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt« wieder aufgenommen. Das impliziert aber, dass der Beobachter hier sein Inneres auf den Panther projiziert.
Denn durch den Vergleich mit dem Willen wird dem Panther eine menschliche Eigenschaft zugeschrieben, obwohl – wenn man Nietzsche folgt – der »Wille zur Macht« selbst noch im primitivsten Organismus waltet, indem sich der stärkere Organismus gegen den schwächeren dadurch durchsetzt, dass er ihn sich z. B. einverleibt. Dass Rilke Nietzsche intensiv gelesen hat, ist durch Lou Andreas-Salomé bezeugt, die selbst eine Studie zu Nietzsche verfasst hatte, Friedrich Nietzsche in seinen Werken (1884) (Niemeyer 2009, 308f.).[5]
Der Panther ist ja ein Raubtier, das seine Beute durch eine geschickte Jagdtechnik reißt. Der »weiche Gang geschmeidig starker Schritte« scheint dem Ansatz zum Sprung auf eine Antilope z. B. vorauszugehen, also einem Akt der Gewalt, die jedoch durch die Gefangenschaft im Käfig verhindert wird. Dadurch wird das Wesen des Raubtierseins allerdings durch die menschliche Gesellschaft geleugnet. Schank (1995, 91) macht darauf aufmerksam, dass für Rilke »Kindheit« und »Kerker« nahe beieinanderliegen.[6]
Man könnte in der Übertragung menschlicher Eigenschaften auf den Panther eine Personifizierung sehen; es ist, als ob der Dichter sich mit dem Panther vergliche, doch scheint Rilke durch die Perspektivlosigkeit des Panthers in der ersten Strophe, dem Willen in der zweiten und dem Blick, der im Herzen aufhört zu sein, eine Relation zwischen dem Menschen und dem Tier herzustellen. Das Tier erscheint somit nicht einfach als »Ding«, sondern als lebendiges Wesen, das Intelligenz, einen Willen und Emotionen besitzt. Dies ist das »Wesen« des Panthers, obwohl es sich gerade in der Grazie und Stärke seines Leibes äußert.
In der dritten Strophe passiert dann das Unvorhergesehene, das das Gedicht so wie das Leben des Panthers wie ein Blitz durchzuckt: Der »Vorhang der Pupille [schiebt] sich lautlos auf« und es »geht ein...




