E-Book, Deutsch, Band 30, 293 Seiten
Reihe: Schwabe reflexe
Jahreszeiten, Uhren und Kalender als Taktgeber der Literatur
E-Book, Deutsch, Band 30, 293 Seiten
Reihe: Schwabe reflexe
ISBN: 978-3-7965-3241-2
Verlag: Schwabe Basel
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Herbstmesse und Osterfest, Weihnachtstage, Mittsommernacht und etliche andere Zeitmarken bilden das Gerüst einer Kalenderordnung, die unserer säkularen Gegenwart als letzte ernsthafte Form der Frömmigkeit verblieben ist. Die alten Römer handelten (so Karl Philipp Moritz, frei nach Ovid) religiös richtig, indem sie mit der Zeit gingen, sich am Zyklus der Kulte und Festzüge orientierten. ‹Zeitfromm› ist heute – in einer grenzenlos vernetzten Welt, wo Prozessoren und Maschinen permanent in Betrieb sind – die Pietät gegenüber althergebrachten Sonderzeiten, erst recht aber der Glaube an die ultimative Gerichtsbarkeit von Terminen und deadlines.
Der Umstand, dass es Zeit 'gibt', wird in antiken Mythen als erklärungsbedürftiges Wunder behandelt und auf ein kosmisches Theater der Götter zurückgeführt. Auch in Gedichten, Liedern, Dramen und Erzählungen vergeht Zeit; dies meist in einer sorgfältig angeordneten Weise, als wohlgeformte, in sich gegliederte Abfolge. Die Lyrik akzentuiert das saisonale Wechselspiel der Elemente und Temperaturen, das Drama die handlungsentscheidende Funktion des Augenblicks, und im Roman kommt zutage, wie unterschiedlich gleiche Zeitstrecken erlebt oder genutzt werden.
Dieses Buch stellt Texte und Motivzusammenhänge vor, in denen die Zeit selbst im Vordergrund steht und in ihrer Mannigfaltigkeit zu Wort kommt. Die Studie setzt vor 1800 ein mit jener doppelten Neugründung astronomischer und gesellschaftlicher Zeit, die durch den französischen Revolutionskalender angestoßen und dann flankiert wurde von einer naturpoetischen Ästhetik des Jahreslaufs (Rousseau, Schiller, Hölderlin). Relativiert ist dadurch die kanonische Autorität des Kirchenjahres, dessen seelsorgerische Programmatik in Droste-Hülshoffs Geistlichem Jahr noch einmal zur existentiellen Entfaltung gelangt. Schon aber treibt Büchners Dramatik die melancholische und die komödiantische Seite eines durch Arbeit entleerten Daseins hervor. In der Moderne sind es die widerstreitenden Kräfte von langer Dauer und Plötzlichkeit (Thomas Mann), von archaischer Elementarzeit und Uhrenkunst (Ernst Jünger), die an den großen Zeitstrom unterhalb des Wechsels gesellschaftlicher Ordnungen erinnern, zuletzt in der Wiederkehr des Kalendererzählers am Schnittpunkt von historischer Dokumentation und politischer Einbildungskraft (Alexander Kluge).
Ein Buch über die Zeit als den Taktgeber der Literatur und des kulturellen Lebens. Es reflektiert in intensiven Auseinandersetzungen mit poetischen Werken das menschliche Bedürfnis, sich in gemeinsamen Rhythmen zu bewegen und zugleich darin die Zeitlichkeit einer je eigenen Geschichte zu erfahren
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Interdisziplinäres Wissenschaften Wissenschaften Interdisziplinär Zeit: Philosophische, Psychologische, Soziale Aspekte
- Geisteswissenschaften Literaturwissenschaft Literarische Stoffe, Motive und Themen
- Geisteswissenschaften Literaturwissenschaft Literaturgeschichte und Literaturkritik
- Geisteswissenschaften Literaturwissenschaft Literaturtheorie: Poetik und Literaturästhetik
Weitere Infos & Material
1;1. Die Zeit schreiben;9
2;2. Karl Philipp Moritz’ Anthusa;37
2.1;Der Kalender als Gegenstand der Kulturbetrachtung ;37
2.2;Eine zeit- und lebenszugewandte Religion;41
2.3;Umrandung von Ort und Zeit;47
2.4;Synchronisierte Rituale ;56
2.5;Geschichtliche Stellvertretungen ;61
3;3. Der französische Revolutionskalender;67
3.1;Die neue Zeit und ihr Kleid;67
3.2;Der Kalender als Medium;73
3.3;Revolution des Kalenders – Kalender der Revolution ;79
4;4. Hölderlin und Schiller;89
4.1;Im Chorus: Deutsche Literatur und Französische Revolution;89
4.2;Vermächtnis der Zeit: Empedokles am Krater;93
4.3;Schillers Eid-Genossen und der Funke der Brüderlichkeit;98
5;5. Johann Peter Hebels Kalendergeschichten;107
5.1;Der Kalendermann;107
5.2;Unverhofftes wieder sehen;120
6;6. Büchners Leonce und Lena;129
6.1;Fama oder fame – die Kunst und das Brot der Komödie ;129
6.1.1;Die närrische Lehre des Stundenschlags;135
6.1.2;Der Kampf zwischen Fastnacht und Fasten ;144
7;7. Annette von Droste-Hülshoffs Geistliches Jahr;151
7.1;Versammlung von Gedichten ;151
7.2;Geisterzeit und geistliche Zeit;155
7.3;Nach Christus, vor der Parusie;162
7.4;Glauben, Zweifeln, Fragen;168
7.5;Das weltliche versus das geistliche Jahr ;173
7.6;Ruhe vor dem Sturm: die mantische Dichterin;182
8;8. Zeitzeichen auf dem Zauberberg ;191
8.1;Die Unwirklichkeit der Sterne;191
8.2;Maß und Maßlosigkeit der Höhenzeit;194
8.3;Woraus nichts hervorgeht;200
9;9. Ernst Jünger, Paul Celan und die Nachkriegszeit ;203
9.1;Leben und Werk im Widerstreit ;203
9.2;An der Zeitmauer – und was dahinter bleibt;205
9.3;Der Sand in den Uhren ;209
9.4;Der Sand aus den Urnen;217
10;10. Alexander Kluges Chronik der Gefühle;229
10.1;Das Capitol in Trümmern ;230
10.2;Oper an der Front;233
10.3;Eine Kalendergeschichte in mehreren Angriffswellen;236
10.4;Die Chronik der Zwischenfälle;242
11;Nachweise;251
11.1;Anmerkungen;253
11.2;Literaturverzeichnis;283
11.3;Abbildungsverzeichnis;294
11.4;Dank und Drucknachweise ;295