E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Holmes Mit Aussicht auf Glück
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7517-4218-4
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-7517-4218-4
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
In letzter Minute sagt Laurie ihre Hochzeit ab. Sie ist, glaubt sie, nicht dafür gemacht, ihr Leben mit einem anderen Menschen zu teilen. Als dann ihre geliebte Tante Dot stirbt, übernimmt Laurie es, ihren Besitz im Küstenstädtchen in Maine zu sortieren. Denn zu Dot flüchtete sie als Kind, wenn es in der eigenen Familie zu trubelig wurde. In einer Holztruhe findet sie eine bemalte Holzente. Und einen Brief, in dem es heißt: »Denk dran: Wenn du mal verzweifelt bist, gibt es immer noch die Enten. In Liebe, John.« Neugierig geworden macht sie sich zusammen mit ihrem Jugendfreund Nick auf die Suche nach dem mysteriösen John und entdeckt dabei nicht nur eine andere Dot, sondern auch sich selbst.
Linda Holmes ist Podcasterin, Autorin, Radiomacherin, Interviewerin, ehemalige Anwältin, A capella-Sängerin (wenngleich nur ein einziges Mal im College), gelegentliche Brotbäckerin, Amateurfotografin, kurz: eine Verrückte (wie sie selbst von sich sagt), die im Leben sehr viel Glück gehabt hat.
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1
Genauso gut hätte sie die Ente auch nicht finden können. Sie hatte ganz zuunterst in der alten Wäschetruhe aus Zedernholz gelegen, und Laurie hätte sie überhaupt nicht bemerkt, wenn sie nicht, anders als die Prinzessin auf der Erbse, alle Decken und Laken einzeln herausgenommen hätte, um zu schauen, ob sich ein besonders schönes Exemplar darunter befand.
Die Ente war aus Holz, maß ungefähr dreißig Zentimeter und lag viel leichter in der Hand als erwartet. Es ließ sich schwer sagen, wie alt sie sein mochte, denn sie befand sich in so tadellosem Zustand, als habe sie seit Jahren unberührt in der Truhe gelegen. Laurie konnte keinen einzigen Kratzer entdecken, die Oberfläche war so glatt gearbeitet, dass sie jeden feinen Pinselstrich des Farbauftrags unter den Fingern spüren konnte. Die Farben leuchteten kräftig: der grüne Kopf, die rotbraun gesprenkelte Brust, ein warmes Senfgelb an den Seiten und das dunkle Blau und Grün der Flügel. Laurie ging damit in den Flur. »Warum«, begann sie, die eine Hand in die Hüfte gestützt und in der anderen die Ente, »sollte eine Frau von dreiundneunzig Jahren diese Holzente in einer Truhe unter drei Häkeldecken und einem Quilt versteckt aufbewahren?«
»Als Krafttier? Oder um damit auf die andere Seite zu gelangen?«, fragte June aus dem Wohnzimmer zurück.
»Es ist mir echt ein Rätsel, allerdings nicht so eins.«
Laurie ging mit der Ente ins Wohnzimmer, wo June sich durch den ersten Schwung Bücher arbeitete. Das ganze Haus war voller Bücher, sie standen dicht an dicht in den hohen Wandregalen oder türmten sich in schwankenden Stapeln auf dem Boden, sodass man immer Sorge hatte, einen umzuwerfen. »Ich nehme an, sie hatte diese Ente aus demselben Grund, weshalb sie auch vier Federboas besaß und ein Autogramm von Steve McQueen.«
»Und der wäre?«
»Sie war dreiundneunzig. Warum sollte sich da nicht auch eine Ente unter ihren Schätzen finden?«
Laurie nahm ihr Telefon, um ein paar Fotos zu machen und ihrer Mutter zu schicken. »Das ist ein wirklich schönes Stück. Ich frage mich, warum sie in der Truhe lag und nicht irgendwo im Haus steht, so wie alles andere auch.«
Überall in Dots Haus fanden sich Erinnerungsstücke, die sich im Laufe eines langen Lebens angesammelt hatten. In mit buntem Stoff bezogenen Schachteln hatte sie Postkarten und Briefe aufbewahrt. Filmrollen, deren vergilbte Etiketten mit Kugelschreiber beschriftet waren, lagerten in Metallwannen, Reisesouvenirs gaben Aufschluss über die wechselnden Phasen ihrer Sammelleidenschaft. Es gab die Eierbecher- und die Löffelphase, später waren es kleine Teller mit handgemalten Landschaften. Sie war in Rom gewesen, in Bangkok, Buenos Aires und Mexico City. Im Sommer 1952 hatte sie mit zwei Freundinnen im Yellowstone-Nationalpark Campingurlaub im Wohnwagen gemacht, 1994 war sie, damals schon über sechzig, allein durch China gereist. Auf einem Foto, das jemand anders gemacht haben musste, sah man sie in heller Jeansjacke mit einem Elton-John-Aufnäher am Ärmel und die grauen Haare locker zusammengebunden auf der Chinesischen Mauer stehen.
Dot hatte praktisch jeden Kurs belegt, der am Community College im Laufe der Jahre angeboten wurde. Sie hatte auch sämtliche Kursverzeichnisse aufgehoben, und die Früchte ihrer kreativen Anstrengungen lagerten in einem der ungenutzten Schlafzimmer: Keramik, Kreuzstichstickerei, Stricken, Häkeln, Sammelalben mit schablonierten Titeln wie »Weihnachten 2003: Arktische Kälte«. Malen, Zeichnen, Kalligrafie, Ketten aus Perlen und Angelschnüren. Ganz unten, unter all den anderen Kisten und Kartons, stand eine große blaue Wanne aus Kunststoff, die mit In Arbeit/Unvollendet beschriftet war. Unvollendet würden diese Arbeiten jetzt auch bleiben.
Laurie fand ein kleines Bündel Liebesbriefe von Männern, mit denen Dot über die Jahre zusammen gewesen war: Paul, der Lehrer, John, der Chemiker, Andrew, der Journalist. Ein Brief hatte keinen Umschlag mehr und war nur mit M. unterzeichnet, die Handschrift ließ auf eine Frau schließen. (Und wieder der Gedanke: Sie war dreiundneunzig geworden. Warum sollte sich nicht auch eine Frau unter ihren Liebschaften finden?) Laurie legte die Briefe beiseite, ohne auch nur einen einzigen gelesen zu haben, aus dem einfachen Grund, dass sie selbst es nicht wollen würde, wenn nach ihrem Tod jemand ihre Korrespondenz las. Sie wegzuwerfen wäre ihr aber auch nicht richtig erschienen, weshalb sie sie einfach wieder in den mit Private Briefe beschrifteten Karton zurücklegte und diesen zur Seite stellte.
»Lass uns eine Pause machen«, sagte Laurie zu June und ließ sich mit der ominösen Ente in der Hand auf die Couch fallen. »Ich bin mit ihrem Schmuck durch, und bevor ich mir die Kiste Kameras & 8-Spur-Kassetten vornehme, brauche ich dringend eine kleine Stärkung.«
»Kuschel du ruhig ein bisschen mit deiner Ente«, meinte June, stand zwischen den am Boden liegenden Büchern auf und ging hinüber in die Küche. »Möchtest du einen Eistee?«
»Du bist die beste aller besten Freundinnen, habe ich dir das schon gesagt?«
»Laurie, es ist bloß Eistee.«
»Du weißt, was ich meine«, erwiderte Laurie. »Ich mache das jetzt seit gut zehn Tagen. Ich habe überall Katzer an den Händen, und langsam tut mir auch die Schulter weh, frag mich nicht, warum. Aber ich mache es gern, und ich muss es tun. Du hingegen bist deshalb hier, weil du einfach ein guter Mensch bist.«
»Du wirst es nicht glauben«, sagte June über das hell klirrende Geräusch der in Gläser fallenden Eiswürfel, »aber wenn du als einzige Angehörige herkommst und dich um alles eigenhändig kümmerst, bist du auch ein guter Mensch.«
Laurie seufzte. »Was hätte ich machen sollen? Ich wollte nicht, dass ihre ganzen Sachen einfach so verschwinden, nur weil sie nicht verheiratet war und keine Kinder hatte. Und außer mir hatte eben niemand Zeit.«
June brachte den Eistee in zwei von Dots hohen Kristallgläsern mit Rautenmuster. »Das verstehe ich nicht. Du hast vier Brüder, und alles bleibt an dir hängen?«, sagte sie und setzte sich zu Laurie. »Trotzdem freue ich mich, mal wieder Zeit mit dir zu verbringen. Ist eben doch was anderes, als immer bloß zu telefonieren, findest du nicht auch? Ich hätte fast vergessen, wie hübsch du bist.«
»Das ist wirklich lieb von dir, auch wenn ich gerade bestimmt furchtbar aussehe, ganz verschwitzt und voller Staub. Ich hatte eigentlich gehofft, dich auf meiner Hochzeit zu sehen, aber da wurde ja nichts draus, wie du weißt. Im Grunde bin ich ganz froh, ein paar Wochen abtauchen und alte Freunde treffen zu können. Außerdem will ich auf gar keinen Fall, dass meine Freunde in Seattle aus Mitleid eine Party zu meinem Vierzigsten schmeißen und mich insgeheim total bedauern, meine letzte Chance vertan zu haben, nicht so eine verschrobene Alte zu werden.«
»Ich bezweifle sehr, dass irgendjemand außer dir selbst das denkt.« June verdrehte die Augen.
»Sag das mal Harry und Sally.«
»Was meinst du damit?«
»Erinnerst du dich an die Szene, wo Sally im Bademantel ist, und Harry schaut bei ihr vorbei, und sie heult sich die Augen aus, weil ihr Exfreund heiratet – du weißt schon, dieser Typ, der Gerald Fords Sohn ist?«
»Das ist der Sohn von Gerald Ford?«
»Ja, ist er. Sie ist richtig fertig deswegen, fängt an zu heulen und jammert: ›Und nicht mehr lang, dann bin ich vierzig!‹ Darauf er: ›Wann genau?‹ Und sie: ›Irgendwann.‹ Das ist die erste Pointe. Die zweite kommt, als er sagt, dass sie doch erst in acht Jahren vierzig wird.«
June schüttelte den Kopf, als Laurie sie erwartungsvoll ansah. »Ich versteh’s nicht, worauf willst du hinaus?«
»Der Witz ist natürlich, dass sie allen Ernstes glaubt, für sie wäre der Zug abgefahren, dabei hat sie noch acht ganze Jahre. Und glaub mir, wenn du den Film noch mal einen Monat vor deinem Vierzigsten schaust, sieht man diese Szene mit ganz anderen Augen. Ich meine, warum kann er nicht einfach sagen: ›Na und? Vierzig werden wir doch alle früher oder später, und entweder wir sind dann Single, oder wir sind verheiratet, wen interessiert es, und hast du dir schon mal überlegt, dass Gerald Fords Sohn und seine Verlobte auch irgendwann vierzig werden?‹ Ich habe mich immer gefragt, warum er das nicht getan hat.«
June zog eine Augenbraue hoch. »Hast du dich das wirklich schon immer gefragt oder erst in letzter Zeit?«
»Versuch jetzt bitte nicht clever zu sein«, sagte Laurie und sah ihre Freundin mit zusammengekniffenen Augen an. »Ich wollte darauf hinaus, dass sie es nicht so hätten darstellen sollen, als hinge alles nur daran, ob sie die große Liebe findet oder nicht.«
»Na ja, es ist eine Liebeskomödie.«
»Ich weiß. Aber manchmal stelle ich mir vor, wie ich Billy Crystal erzähle, dass ich meine Hochzeit abgeblasen habe, und zu ihm sage: ›Und nicht mehr lang, dann bin ich vierzig!‹, worauf er mich fragt: ›Wann genau?‹ und ich: ›In einem Monat!‹ und er nur: ›Krass.‹« Junes leises, melodisches Lachen zu hören tat so gut. Sie hatten sich viel zu lang nicht mehr gesehen. »Lach nicht, wenn ich mich über Altersdiskriminierung aufrege.«
»Tut mir leid, ich dachte nur gerade … Nein, es hat nichts mit dir zu tun. Ich meine, du würdest nicht im Bademantel herumsitzen und heulen. Du würdest dir einen Drink genehmigen und dir einen Film anschauen, verstehst du, was ich meine? Meg Ryan war in dem Film Single und deswegen ganz...




