Hollinghurst | Des Fremden Kind | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 688 Seiten

Hollinghurst Des Fremden Kind


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-07608-5
Verlag: Blessing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 688 Seiten

ISBN: 978-3-641-07608-5
Verlag: Blessing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Sommer 1913 verbringt der junge aristokratische Dichter Cecil Valance ein Wochenende bei der Familie seines Cambridge-Kommilitonen George Sawle. Besonders Georges kleine Schwester Daphne ist sofort von dem gut aussehenden Gentleman eingenommen, und Cecil widmet ihr ein Gedicht. Es wird zum lyrischen Symbol einer ganzen Generation. Nach Cecils Tod im Ersten Weltkrieg ranken sich immer neue Mythen und Geheimnisse um die Person und das Werk des Dichters. Cecils Leser und sogar seine Familie stehen vor einem Rätsel.

In den folgenden Jahrzehnten werden nicht nur Daphne und George, sondern vor allem Cecils literarischer Nachlass von Öffentlichkeit, Biografen und Wissenschaft instrumentalisiert – entsprechend der jeweiligen literarischen und kulturellen Mode der Zeit. Doch dann macht sich ein junger Literaturfreund daran, Cecils Geheimnis zu lüften, und ein Antiquar macht eine überraschende Entdeckung ...

Ein sinfonischer Roman um eine schillernde und geheimnisvolle Figur – brillant erzählt in sinnenfreudigen Bildern und kommentiert mit ironischem Witz.
Hollinghurst Des Fremden Kind jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


5

George kam als Letzter nach unten, blieb aber trotzdem kurz auf der Treppe stehen. Sie waren fast fertig. Er sah das Hausmädchen mit einem Salzfässchen durch die Halle eilen, roch den gekochten Fisch, hörte Cecils vorlautes Lachen – und er erschrak vor seiner eigenen Kühnheit, diesen Mann in sein Elternhaus eingeladen zu haben. Dann fiel ihm wieder ein, was Cecil im Park zu ihm gesagt hatte, während der halben Stunde, die sie sich mit der Ausrede, er habe den Zug verpasst, ergaunert hatten, und spürte bei der süßen, heimlichen Vorfreude ein Kribbeln im Kopf, in den Schultern, im ganzen Körper. Auf Zehenspitzen ging er die letzten Stufen hinunter und schlich sich in den Salon; die Gefahren, die auf ihn lauerten, raubten ihm schier die Sinne. »Ah, George«, murmelte seine Mutter leicht vorwurfsvoll; er zuckte die Schultern und zierte sich, als wäre es sein einziges Vergehen, dass er sie hatte warten lassen. Hubert, mit dem Rücken zum leeren Kaminrost, hatte die Anwesenden in ein Gespräch über den öffentlichen Nahverkehr verwickelt. »Ihr seid also in Harrow und Wealdstone gestrandet, ja?« Er strahlte über den Rand seines Champagnerglases hinweg, als wäre er auf die Unbilden des Lebens in Stanmore so stolz wie auf dessen Segnungen.

»Was uns aber überhaupt nichts ausgemacht hat«, bemerkte Cecil, der Georges Blick auffing und verlegen lächelte.

»Wie sagte mal ein Witzbold so schön? Harrow und Wealdstone klingt eher nach mittelalterlichen Folterinstrumenten.«

»Oh, bitte, erspart mir den Wealdstone!«, sagte Daphne theatralisch.

»Witzbolde können über Harrow und Wealdstone sagen, was sie wollen, wir sind ihnen jedenfalls treu ergeben«, erwiderte seine Mutter.

George stand neben Cecil, schaute in das Glas seines Freundes, drückte ihm eine Hand ins Kreuz und trommelte mit den Fingern, wie um die heimlichen Töne der Abbitte und Verheißung anzuschlagen. »Nutze den Tag, lautet das Motto der Valances«, sagte Cecil. »Wir sind dazu erzogen worden, keine Zeit zu vergeuden. Ihr wärt erstaunt, was man in einer halben Stunde so alles treiben kann, selbst auf einem Vorstadtbahnhof.« Er zeigte ihnen allen sein strahlendes Lächeln, und als Daphne fragte: »Was denn für Sachen?«, lächelte er einfach weiter, als hätte er sie überhört.

»Dann müsst ihr über Bentley Priory gekommen sein.« Hubert schien wild entschlossen, ihren Weg Schritt für Schritt nachzugehen.

»Ja, stimmt«, sagte Cecil sehr sanft.

»Queen Adelaide hat da früher mal gewohnt«, führte Hubert weiter aus und runzelte umgehend die Stirn, wie um zu demonstrieren, dass er kein Aufhebens darum machen wollte.

»Das habe ich auch gehört«, sagte Cecil, der sein Glas bereits geleert hatte.

»Ich glaube, später war es ein exzellentes Hotel«, sagte Mrs Kalbeck.

»Heute ist es eine Schule«, näselte Hubert pikiert.

»Ein trauriges Schicksal!«, sagte Daphne.

Meine Güte!, dachte George, brachte es aber nur zu einem gequälten Schmunzeln. Er ging durch den Salon, goss sich den Rest Pommery ein und sah zum Fenster, in dem sich der erleuchtete Raum spiegelte und sich, erhaben und doppelt so groß, bis in die Tiefen des im Dunkeln liegenden Gartens erstreckte. Seine Hand zitterte, und er kehrte den anderen den Rücken zu, als er das randvolle Glas anhob und es mit der anderen Hand stützte. Solche Schwäche wäre bei Cecil unvorstellbar, und die Erkenntnis verstärkte Georges Scham unterschwellig nur noch mehr. Er drehte sich um und sah die anderen an, und plötzlich schien es, als würden umgekehrt alle ihn ansehen, als hätten sie sich auf seine Bitte hier eingefunden und warteten auf eine Erklärung. Er hatte nur ein friedliches Abendessen im Kreis der Familie geplant, um sie mit seinem Freund bekannt zu machen. Natürlich hatte er nicht mit der alten Kalbeck gerechnet, die Two Acres anscheinend als ein Hotel betrachtete – es war wirklich impertinent, wie sie sich auf ihre gerissene, scheinheilige Art eine Einladung erschlichen hatte, und seine Mutter hatte ihr auch noch edelmütig eine Stola geliehen und sie in ihre Coty-Parfümwolke gehüllt. Mit Schrecken hörte er sie Cecil jetzt nach den Dolomiten ausfragen, den Kopf zur Seite geneigt; ihre großen braunen Zähne machten ihr Lächeln zugleich linkischer und drohender. Wenige Minuten später schwatzte Cecil munter auf Deutsch mit ihr und adelte dadurch ihre Anwesenheit. Cecil wohnte in Berkshire, es bestand also keine Gefahr, dass Frau Kalbeck jemals kurz vor dem Dinner auf Corley Court auftauchten würde. Cecil sprach ganz gut Deutsch und achtete pedantisch darauf, das langsam näher rückende Satzende nur ja nicht aus dem Auge zu verlieren. Als die Haushälterin das Dinner ankündigte, tat Mrs Kalbeck so, als würde sie die Zusammenkunft zweier verwandter Seelen unliebsam unterbrechen.

»Wenn Sie sich bitte hierhersetzen würden, Mrs Kalbeck«, sagte Hubert, der vor seinem Stuhl am Kopfende des Tisches stand und dünn lächelnd den anderen bei der Suche nach ihren Plätzen zusah. George, nach dem Glas Champagner etwas durcheinander, lächelte ebenfalls. Ein stechender Schmerz überkam ihn, ein Anflug von Scham und Trauer, dass er keinen Vater mehr hatte und dass er für immer damit zurechtkommen musste. Vielleicht war es auch nur die Erinnerung an Corley mit seinem riesigen, orientalisch anmutenden Speisezimmer, die das Ambiente hier so beengt und stickig erscheinen ließ. In einer sicher unbewussten Geste angesichts der bescheidenen Größenordnungen auf Two Acres hatte sich Cecil beim Betreten des Raums gebückt. Ein Vater wie der von Cecil, eine Kapazität in der Kurzhornrinderzucht, mit Reichtum gesegnet, hätte bei so einem Dinner Ruhe ausgestrahlt. Er hatte einen stattlichen Schnurrbart, die Enden pinselartig aufwärtsgezwirbelt. Hubert war zweiundzwanzig, hatte einen schlaffen rötlichen Schnauzer und fuhr täglich mit dem Zug zur Arbeit in ein Büro. Das hatte der Vater auch gemacht, und George versuchte, sich ihn auf Huberts Platz vorzustellen, zehn Jahre älter als beim letzten Mal, da er ihn gesehen hatte; doch das Bild verschwamm, wie jede häufig abgerufene Erinnerung, und der Blick aus den blassblauen Augen verlor sich zwischen den Blumen und Kerzen, mit denen der Tisch vollgestellt war.

Dennoch, seine Mutter war sehr hübsch, sogar eine echte Schönheit, verglichen mit Lady Valance, dem »General«, wie Cecil und sein Bruder sie nannten, manchmal auch den »Iron Duke«, aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit dem Duke of Wellington. Freda trug heute ihre Amethyst-Ohrringe, und ihr rotblondes Haar schimmerte wie ihr Weinglas im Kerzenschein. Der General war selbstverständlich strikte Abstinenzlerin, und George fragte sich, ob Cecil nicht vielleicht entsetzt darüber war, dass seine Gastgeberin bereits vor dem Essen Alkohol trank. Musste er sich eben daran gewöhnen, dachte er. Sie hatten sich wirklich ins Zeug gelegt für ihn, die Servietten mühevoll zu Lilien gefaltet, zahllose kleine, blank polierte Silberstücke, Schälchen und Döschen mit unbestimmtem Verwendungszweck zwischen die Gläser und Kerzenständer drapiert. George beugte sich vor und schob eine Vase mit weißen Rosen und Efeuranken, die ihm den Blick auf Cecil gegenüber versperrte, zur Seite. Cecil sah ihm lange in die Augen – und ein Ruck ging durch ihn hindurch, zugleich Signal der Vorsicht und Beruhigung. Dann zwinkerte sein Freund ihm zu und wandte sich an Daphne zu seiner Rechten.

»Habt ihr zu Haus auch eine Puddingkuppeldecke?«, hatte sie ihn gefragt.

»Auf Corley?«, sagte Cecil. »Ja, doch.« Corley sprach er aus wie andere das Wort »England« oder »The King«, mit einem gewissen ehrfürchtigen Elan in der Stimme und Vertrauen in die Sache.

»Wie sieht so was eigentlich aus?«, sagte Daphne.

»Ganz außergewöhnlich«, antwortete Cecil und schlug seine Serviettenlilie auf. »Obwohl es streng genommen keine Puddingformen sind und auch keine Kuppeldecke, sondern eine Kassettendecke mit vielen kleinen Kuppeln, die nur wie Puddingformen aussehen.«

»Es sind kleine Fächer in der Decke, stimmt’s?«, sagte George, dem es auf einmal peinlich war, dass er vor der Familie damit geprahlt hatte.

Hubert murmelte geistesabwesend vor sich hin und sah zu der Dienstmagd, die man dazugeholt hatte, um dem Hausmädchen beim Servieren auszuhelfen, und die jetzt Brötchen herumreichte und jedes mit einem kleinen Stoßseufzer der Erleichterung auf den vorgesehenen Teller platzierte.

»Sie sind bestimmt grellbunt, oder?«, sagte Daphne.

»Also wirklich, Kindchen«, sagte ihre Mutter.

Cecil sah belustigt über den Tisch. »Ich glaube, sie sind rot und golden, nicht, Georgie?«

Daphne seufzte schwer und schaute zu, wie sich die Suppe aus der Schöpfkelle auf Cecils Teller ergoss. »Ich wünschte, wir hätten auch eine Kuppeldecke in unserem Haus«, sagte sie. »Oder Fächer von mir aus.«

George verdrehte die Augen zu den Eichenbalken dicht über ihnen. »Die würde in dem Kunsthandwerkambiente von 2A ziemlich deplatziert wirken, altes Mädchen.«

»Red nicht so dummes Zeug«, sagte seine Mutter. »Als würden wir in zwei Kammern über einer Werkstatt hausen!«

Cecil lächelte verlegen und wandte sich wieder Daphne zu. »Du musst mal nach Corley kommen und sie dir ansehen.«

»Na, bitte, Daphne!«, sagte ihre Mutter vorwurfsvoll und triumphierend zugleich.

»Haben Sie noch Geschwister?«, erkundigte sich Mrs Kalbeck, die möglicherweise...


Hollinghurst, Alan
Alan Hollinghurst wurde 1954 in Stroud geboren. Er studierte in Oxford und arbeitete anschließend als Literaturkritiker für das Times Literary Supplement. Hollinghurst hat zahlreiche Preise erhalten, darunter den Sommerset Maugham Award und 2004 den Booker Prize für seinen Roman Die Schönheitslinie. Alan Hollinghurst lebt in London.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.