E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Hohnsträter Qualität!
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7106-0558-1
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von der Kunst, gut gemachte Dinge zu entdecken, klug zu wählen und genussvoll zu leben
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-7106-0558-1
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dirk Hohnsträter ist Kulturwissenschaftler, Autor und Experte für kulturelle Aspekte der Wirtschaft. Er leitet die Forschungsstelle Konsumkultur an der Universität Hildesheim und lehrte an Hochschulen im In- und Ausland, darunter drei Jahre als Gastprofessor an der Universität der Künste Berlin, fünf Jahre in Budapest und ein Jahr in den Vereinigten Staaten. Zu seinen aktuellen thematischen Schwerpunkten zählen ästhetische Ökonomie, materielle Kultur und Textproduktion.
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DREI FORMEN DER WACHSTUMSKRITIK
1972 erschien der erste „Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“. Das Zukunftsszenario einer Forscherinnengruppe um den amerikanischen Ökonomen Dennis L. Meadows trug den Titel Die Grenzen des Wachstums. Den Kern der darin angestoßenen Kritik bildete die Einsicht, dass eine endliche Welt kein unendliches Wachstum verkraftet. Zum einen sind die natürlichen Ressourcen irgendwann verbraucht, zum anderen ist die Aufnahmefähigkeit der Erde für Schadstoffe und Abfall begrenzt. Die Ver- und Entsorgungskapazitäten des blauen Planeten stoßen an ihr Limit. Schöpften alle Länder so sehr aus dem Vollen wie die frühindustrialisierten Staaten, wären die natürlichen Lebensgrundlagen bald aufgezehrt. Quantität bedeutet hier: zu viel Unverzichtbares entnehmen und zu viel Unbrauchbares zurücklassen.
So sehr dieser Grundgedanke der ökologischen Wachstumskritik einleuchtet, so kontrovers verläuft die von ihm angestoßene Debatte. Optimistische Stimmen bringen effizienzsteigernde, ‚grüne‘ Technologien ins Spiel, die die Grenzen des Wachstums zumindest aufschieben und vielleicht sogar auffangen könnten. Skeptikerinnen antworten darauf mit dem sogenannten Rebound-Effekt: Durch Innovationen gewonnene Entlastungen werden von vermehrtem Wachstum an anderer Stelle wieder aufgezehrt, das eingesparte Geld in neuen Konsum gesteckt. Der Nachhaltigkeitsforscher Reinhard Loske bringt das Argument auf den Punkt: „Zwar gibt es effizientere Autos, aber immer mehr und größere Autos, effizientere Elektrogeräte, aber immer mehr elektrische Anwendungen, effizientere Heizungen, aber immer mehr zu beheizende Wohnfläche.“
Die zweite Form der Wachstumskritik bezieht sich auf das Glücksversprechen der economy of scale. Können wir Don Draper trauen, dem ebenso charismatischen wie haltlos taumelnden Werber aus der Fernsehserie Mad Men, wenn er gleich in der ersten Folge formuliert: „Glück – das ist der Geruch eines neuen Autos“? Bedeutet die Maximierung der Möglichkeiten einen Anstieg unseres Wohlergehens, oder stagniert, ja sinkt die Lebenszufriedenheit ab einem gewissen Punkt wieder? Studien der psychologischen Glücksforschung und der Verhaltensökonomik deuten auf Letzteres hin. So hat der Ökonom Manfred Max-Neef die sogenannte Schwellenhypothese aufgestellt, derzufolge oberhalb einer bestimmten und gesicherten Höhe des Lebensstandards weitere Steigerungen keinen entsprechenden Zuwachs an Lebensqualität mehr mit sich bringen. Bekannt ist auch das bereits 1974 von dem Wirtschaftswissenschaftler Richard Easterlin aufgestellte, in der Forschung allerdings nicht unumstrittene Easterlin-Paradox. Es besagt, dass Einkommenszuwächse ab einer bestimmten Stufe keine Steigerung des subjektiven Glücksgefühls mehr zur Folge haben. Neuere Untersuchungen beziffern diesen Grenzwert auf ein Jahreseinkommen von 75 000 US Dollar, bisweilen auch höher. Zu den Gründen, warum Easterlin richtigliegen könnte, zählen die sogenannten Tretmühleneffekte. Um ein gewisses Anspruchsniveau zu halten oder es sogar weiter zu steigern, müssen die meisten Menschen große Anstrengungen unternehmen. Diese führen vielfach zu Erschöpfung und senken das Wohlbefinden unterm Strich mehr, als die zugewonnenen Annehmlichkeiten es heben. Kein Wunder, dass immer mehr Berufstätige in einem Sabbatical nach Sinn suchen oder sogar ganz auf Stress erzeugende Spitzenpositionen verzichten.
Für Qualitätsinteressierte besonders aufschlussreich sind Untersuchungen, die sich mit einer Überfülle an Wahlmöglichkeiten auseinandersetzen. Dazu zählt die von den Entscheidungstheoretikerinnen Sheena Iyengar und Mark Lepper aufgestellte These von der Wahlüberlastung (choice overload) ebenso wie das sogenannte Auswahlparadox (paradox of choice), mit dem der Psychologe Barry Schwartz bekannt geworden ist. Iyengar und Lepper fanden heraus, dass zu viele Alternativen eine Entscheidung erschweren, Schwartz verallgemeinerte diese Einsicht und behauptet: Etwas Auswahl ist besser als gar keine, aber eine zu breite Angebotspalette schmälert die Zufriedenheit. Beiden Positionen geht es um die Qual der Wahl, wenn Menschen mehr Optionen zur Auswahl haben, als sie bewältigen können. Überfülle überfordert, Überforderung lähmt, Lähmung führt zu Aufschub, und Aufschub verleitet zu Abkürzungen wie beispielsweise der Wahl des billigsten oder buntesten, aber nicht bestmöglichen Produktes. Besonders bemerkenswert ist die Beobachtung von Schwartz, dass sich Unzufriedenheit sogar dann einstellt, wenn eine gute Wahl getroffen wurde, da die Menge an Möglichkeiten unsere Erwartungen steigert und suggeriert, vielleicht etwas noch Besseres verpasst zu haben.
Trotz der ökologischen und psychologischen Probleme, die ein auf Quantität ausgerichtetes Wirtschaftsmodell mit sich bringt, bemisst sich für viele Volkswirte und Politiker das Wohlergehen einer Nation an der Steigerung des Bruttoinlandsproduktes, kurz BIP. Dabei handelt es sich, grob gesagt, um den Gesamtwert der Güter, Waren und Dienstleistungen, die in einem Land innerhalb eines Jahres hergestellt werden. Steigt das BIP, so die Annahme, geht es einem Land gut. Doch das BIP ist qualitätsblind. „Atomunfälle, terroristische Anschläge und umweltschädlicher Konsum können allesamt im BIP positiv zu Buche schlagen. Wer das Auto nimmt, trägt mehr zum BIP bei, als wer mit dem Fahrrad fährt. Wer sein Auto gar auf dem Nachhauseweg zu Schrott fährt, ist ein Held des BIP“, bemerkt der Wirtschaftsphilosoph Oliver Schlaudt. Aufgrund solcher Schwächen hat eine Reihe renommierter Wissenschaftler, darunter die Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz und Amartya Sen, mit der Entwicklung alternativer Modelle der Wohlstandsmessung begonnen. Freilich stehen „Glücksindikatoren“ vor dem Problem, dass sich Lebensqualität letztlich nicht berechnen lässt. Am Ende bleiben deshalb auch weniger einseitige Indikatoren einem quantifizierenden Denken verhaftet. Sie „müssen sich nun ihrerseits die Frage gefallen lassen, wie überhaupt sich Wohlbefinden in Zahlen ausdrücken lasse: lässt sich denn behaupten, einer sei ‚doppelt so glücklich‘ wie ein anderer?“, fragt Schlaudt. Dieser Einwand führt zur dritten Form der Wachstumskritik: der Kritik an der Ausweitung quantitativer Maßstäbe auf Lebensbereiche, in denen zuvor mit guten Gründen vor allem qualitative Aspekte maßgebend waren.
Bereits 1912 äußerte sich der Soziologe und Ökonom Werner Sombart über „die rücksichtslose Vergrößerungs- und Quantifizierungstendenz des kapitalistischen Wesens“. Längst hat diese Tendenz so gut wie sämtliche Teilbereiche der Gesellschaft erfasst. Museen bemühen sich mit Blockbusterausstellungen um die Steigerung ihrer Besucherzahlen. Medien richten ihre Inhalte an Zuschauerquoten und Klickraten aus, selbst wenn sie sich über Gebührenpflicht finanzieren und einen Bildungsauftrag haben. Ganz ähnlich orientieren sich viele Politiker mehr an Umfragewerten als an vernunftgeleiteten und gemeinwohlorientierten Programmen. Und sogar in der akademischen Lehre und Forschung treten Inhalte zurück hinter Absolventinnenzahlen, Drittmittelsummen und der Häufigkeit, mit der ein wissenschaftlicher Aufsatz zitiert wird. Der Historiker Michael Hagner hat die Veränderungen treffend zusammengefasst: „Vereinfacht gesagt, wurde die Urteilskraft, die auf Lektüre basierte, durch quantitative Meßverfahren, Zitationsindices und Impact-Faktoren der Zeitschriften zurückgedrängt, was es nun auch solchen Akteuren, die von der Sache nichts verstehen, ermöglichen sollte, in der Beurteilung einzelner Wissenschaftler ein Wort mitzureden.“ Wo quantitative Vergleiche und Quoten karriereentscheidend werden, hat es zeitaufwendiges, umwegiges und eigensinniges Forschen und Lehren schwer.
Einen besonderen Schub erhielt die Quantifizierung der Welt durch den digitalen Wandel. An die Stelle qualitativ gefilterter und mit einem gewissen zeitlichen Abstand zusammengestellter Nachrichten tritt ein ununterbrochener Strom von Statusmeldungen. Überlaufende E-Mail-Postfächer und die Fokussierung störende Benachrichtigungskaskaden belasten viele Menschen beruflich ebenso wie privat. Die digitale Selbstverdatung der Quantified-Self-Bewegung mit ihrem „Kult des Allesmessens“ (Steffen Mau) schwankt zwischen subjektivem Wunsch und sozialem Erwartungsdruck. Suchalgorithmen sortieren Daten, um dem information overload im Internet zu begegnen, doch wird dabei weniger die Seriosität der Quelle als die Häufigkeit ihrer Verknüpfung gewichtet. Und das Konzept der „Schwarmintelligenz“ geht ausdrücklich davon aus, dass mehr Beteiligte auch zu besseren Ergebnissen führen. Der Informatiker und Künstler Jaron Lanier zweifelt daran: „Jedenfalls gibt es keinen Beleg dafür, daß im Bereich menschlichen Ausdrucks und menschlicher Leistung Quantität in Qualität umschlägt. Hier sind meines Erachtens andere Dinge entscheidend, nämlich ein Gespür für das Wichtige, eine effektive Konzentration des Geistes und eine zu Abenteuern bereite...




