Hohmann | Sprich Liebe Musik | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 282 Seiten

Hohmann Sprich Liebe Musik

Roman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-3668-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 282 Seiten

ISBN: 978-3-7578-3668-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lucrezia liebt Musik so sehr, dass sie "Musik spricht". Sie spricht aber auch gerne über Musik, so wie über die Liebe und viele Facetten des Lebens - mal gefühlvoll, mal scharfsinnig, mal provokant. Mit ihren Gedanken und Gefühlen fordert sie alle in ihrem Umfeld heraus, steht sich mitunter aber auch selbst im Weg. Wir begleiten sie durch Freude, Verliebtheit, Verzweiflung, Trauer - und auch der Humor kommt nicht zu kurz. Geschrieben wurde dieser Roman 1998/99.

Sandra Hohmann ist freie Autorin. Sie schreibt neben Belletristik auch Sachbücher, insbesondere Lern- und Unterrichtsmaterial für Deutsch als Fremd- bzw. Zweitsprache.

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1
TALENT UND TAUFE „Ach, sieh doch nur, all die Farben ... Hörst du sie nicht?“ Dolores wusste keine Antwort darauf, sie wusste nicht einmal, ob Lucrezia sie das wirklich gefragt hatte. Es waren die letzten Worte, die ihre Freundin zu ihr sagte. Nicht dass Dolores das in jenem Moment auch nur geahnt hätte. Doch vielleicht ist es besser, bei Lucrezias Geburt zu beginnen. „Eieiei...“, machte der Vater mit einem Ausdruck höchsten Unwohlseins, als er seine Tochter zum ersten Mal auf den Arm genommen hatte. Die Mutter war indes damit beschäftigt, die umstehenden Verwandten und Bekannten von der schier unvergleichlichen Schönheit und auch Intelligenz dieses Kindes zu überzeugen. Lucrezias Mutter hielt es für eine göttliche Fügung, dass ihr mit immerhin achtunddreißig Jahren noch der Wunsch erfüllt worden war, ein Kind zur Welt zu bringen, hatte sie doch zuvor eigentlich schon alle Hoffnung zu Grabe getragen. Das Kind war eine Gabe Gottes, zweifelsohne. Dass sie es dann wiederum ausgerechnet auf den Namen Lucrezia taufen lassen wollte, weil sie in einem der letzten Gottesdienste am Rande irgendwo diesen Namen aufgeschnappt und für überaus schön befunden hatte, hielt Lucrezias Vater für eine eher naive Fügung merkwürdiger Umstände, doch hatte er dem Vorschlag nichts entgegengesetzt. Alles, was in Lucrezias ersten Lebensjahren aus dem Rahmen fiel, war ihr Name. Zweifellos war er ungewöhnlich, zweifellos war er derart beschaffen, dass ihn sich ein jeder, auch ein Mensch mit eher löchrigem Gedächtnis, merken konnte. Und da dieser Name später dann mit Musik verknüpft werden sollte, erfüllte er immerhin den segensreichen Dienst, dass sich plötzlich Menschen für Musik interessierten, die bis dahin taub durch ihr Leben gegangen waren. Die Herren Plönz und Rattler sind in die Annalen der dörflichen Kirchengeschichte eingegangen, da sie die ehrenwerte Aufgabe hatten, diesen Namen bei der Taufe zu verkünden. Im Grunde ging die gesamte Taufe nicht nur in die dörfliche Kirchengeschichte, sondern auch die Familiengeschichte und nicht zuletzt das Kompendium humoristischer Ereignisse ein. Vermutlich haben Plönz und Rattler – ihres Zeichens bis dahin ebenso unbescholtene wie unauffällige Kirchenmänner, die nur dadurch auffielen, dass sie alles gemeinsam machten – in ihrem Leben nicht so viel geflucht wie in diesen wenigen Stunden. Lag es daran, dass der Name sie verdächtig an Luzifer erinnerte oder daran, dass sie dabei an Lucrezia Borgia dachten, die sie nach wie vor für eine Hexe hielten – und an dieser Stelle fügten sich diese beiden Gedanken magisch, ja geradezu genial zu einem Ganzen zusammen –, jedenfalls hatten sie größte Schwierigkeiten, die acht Buchstaben über die Lippen zu bringen. Auf Plönzens Stirn zeichneten sich bereits Schweißtropfen ab, noch ehe er zu dem entscheidenden „Ich taufe dich auf den Namen ...“ anheben wollte oder musste, Rattler stand wie angewurzelt daneben, seine Blicke hefteten sich förmlich auf dem kleinen Kind fest, das in den Armen seines Vaters lag, die Augen friedlich geschlossen. Hätte das Kind die Augen geöffnet, wäre Rattler gewiss ein diabolisches Blitzen aufgefallen. Schließlich war er es auch gewesen, der gleich nach dem Bekanntwerden des Namens bemerkt haben wollte, wie das Kind mit seinen fünf Tagen, die es alt war, teuflisch gegrinst und dem Herrn Rattler einen schrecklichen Blick zugeworfen hat. Plönz war immer noch im Begriff, Luft zu holen, Rattler dachte, dass Plönz mit einem Male gigantische Lungen zu haben schien, dabei war ihm nur entgangen, dass Plönz bereits zum dritten Mal ansetzte. Rattler starrte auf das Kind, Plönz holte zum vierten Mal Luft, die Mutter beugte sich erwartungsvoll nach vorne, der Vater schaute etwas misstrauisch von einem zum anderen. Die ganze Szene war so abstrus, dass um ein Haar die energische Großmutter der Lucrezia, ihres Zeichens eine stolze Lucinde, aufgesprungen wäre und den Herrn Plönz wahrlich am Talar gezogen hätte. Da war Lucinde nämlich ganz praktisch und schrak auch vor selbsternannten Heiligen nicht zurück. Doch just in diesem Moment entfleuchte dem Plönz ein zartes „Ich ...“, beinahe nur aus Versehen, denn er blickte sich verschämt um, als hätte nicht er diesen Laut von sich gegeben, sondern der Heilige Geist. Aber nun gab es kein Zurück. Alles, was Plönz jetzt noch möglich war, war das Hinauszögern des Augenblicks, in dem er dieses Wort aussprechen sollte. Und er hatte sich auch vorgenommen, es dann ganz, ganz schnell über die Lippen zu bringen, wenn es erst einmal so weit war. Vielleicht, so dachte Plönz nämlich, vielleicht würde der liebe Herrgott es dann ja nicht hören, wenn er es wirklich ganz, ganz schnell –und vielleicht auch nicht so deutlich wie notwendig – ausstoßen, schon mehr ausspucken als aussprechen würde. Es spricht für die Kurzsichtigkeit oder das schlechte Gedächtnis der beiden, wahrscheinlich also insgesamt gegen sie, dass Plönz und Rattler die gute Lucinde, die in der ersten Reihe saß, aus ihren Gedanken und ihrer Wahrnehmung gestrichen hatten. Lucinde schaute Plönz immer argwöhnischer an, je näher er dem entscheidenden Wort kam. Plönz versuchte seinerseits angestrengt, andächtig zu wirken und war damit so beschäftigt, dass er fast nicht nur die Großmutter Lucinde, sondern sogar das zu taufende Kind vergessen hätte. Lucindes Blick wurde immer bohrender. Rattler war es, der auf einmal bemerkte, wie die Alte förmlich durch ihn durch auf Plönz starrte, aber da war es bereits zu spät. Just in diesem Augenblick haspelte Plönz den Namen. Oder das, was er davon übriggelassen hatte. Es war wohl nicht seine Absicht, sich als Schöpfer weiblicher Vornamen zu betätigen, aber das, was er von sich gegeben hatte, klang etwa wie „Luca“, was freilich mit dem ursprünglichen Namen nicht mehr allzu viel zu tun hatte. Plönz war heilfroh, es, wie er meinte, hinter sich gebracht zu haben. Innerlich hatte er soeben zu einem besonders frommen Vaterunser angesetzt, als Lucinde, die für einen Schreckensmoment wie erstarrt vor der Holzbank gestanden hatte, wie eine Furie nach vorne stob. Sie fauchte Plönz an, auf welchen Namen er das Kind bitte getauft habe. Plönz bemühte sich ungeschickt, den Namen nicht aussprechen zu müssen, und erklärte, natürlich auf den, den die Eltern gewünscht hatten. Ach, zeterte die aufgebrachte Großmutter, welcher das denn gewesen sei? Sie habe ihn nämlich sehr schlecht verstanden und schwerhörig sei sie keinesfalls. Plönz wollte um nichts auf der Welt diesen Namen laut aussprechen und Lucinde wollte ihn um nichts in der Welt ungeschoren davonkommen lassen. Warum er den verdammten Namen nicht aussprechen wollte, kreischte sie. Und sie fragte, ob der Name etwa verhext sei. Damit tat sie einen gewaltigen Schritt nach vorn und stand Plönz beinahe auf den Füßen. Dieser, den Oberkörper skurril nach hinter gebeugt, stand dort wie ein verunglücktes Fragezeichen und fand einfach keine Antworten mehr. Aus den Schweißtropfen auf Plönzens Stirn waren inzwischen wahre Sturzbäche geworden und er keuchte Lucinde seine Verzweiflung ins Gesicht. Plönz stand dort, die Arme um die Bibel geknotet, den Oberkörper nach hinten gebeugt, die Augen weit aufgerissen, den Mund leicht geöffnet, schwer atmend und schweißgebadet. Vor ihm, die Hände in die Hüften gestemmt, mit zornrotem Kopf und feurigen Augen, die Lippen zusammengekniffen, den Oberkörper nach vorne gebeugt und mit herausforderndem Blick stand Lucinde. Rattler sah daneben aus wie der Dorftrottel, schaute von Plönz zu Lucinde, von Lucinde zu Plönz und war sich nicht sicher, ob er eingreifen oder sich besser zurückziehen solle. Plönz wurde immer bleicher. In die Stille der Kirche hauchte er zögernd ein „Lllll...“, woraufhin Lucinde ihn noch herausfordernder anblickte. Rattler war inzwischen zu der Überzeugung gekommen, dass es wohl das Beste sei, den unseligen Namen einfach auszusprechen, um sich von diesem Leid zu erlösen. Danach könnten sich er und Plönz ja auch gegenseitig die Absolution erteilen. So kam es, dass Rattler Plönz nicht mehr nur anblickte, sondern auch aufmunternd seine Laute wiederholte. „Llll...“, machte Plönz. Und „Llll...“, zischte Rattler. Plönz bemerkte ihn zunächst gar nicht und machte „Llluu...“ Rattler machte ebenfalls „Llllluuu...“, nur noch etwas langgezogener. Daraufhin stierte Plönz ihn an, als sei Rattler geistesgestört. Dieser erwachte nach Plönzens scharfem Blick aus seiner Trance und schaute verlegen zu Boden. Er blickte die nachfolgende Zeit überhaupt nur noch auf den Boden und Laute gab er auch nicht mehr von sich. Lucinde jedoch ließ sich von Plönzens Seitenblick nicht irritieren und starrte ihn erbarmungslos an. Plönz schickte einen Blick gen Himmel, schloss die Augen und unter Aufbringung seiner ganzen Kraft stieß er hervor: „Lucrezia!“, um...



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