E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Hohmann Ich sehe, was du brauchst
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-451-83260-4
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie wir Kinder heute in die Welt begleiten
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-451-83260-4
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eltern wollen ihre Kinder liebevoll in die Zukunft begleiten. Dennoch greifen sie manchmal auf Verhaltensweisen zurück, die sie eigentlich nicht mögen. Dann fühlen sie sich unwohl und fragen sich, wie es anders geht: wie sie mit ihrem Kind auf Augenhöhe bleiben und respektvoll kommunizieren können. Für solche Eltern auf der Suche hat die Beziehungsexpertin und Pädagogin Kathrin Hohmann dieses Buch geschrieben. Darin zeigt sie, wie Väter und Mütter auf der Grundlage bedürfnisorientierter Elternschaft ihr Kind besser verstehen können. Überzeugend macht die Autorin deutlich, dass der Weg zu einem erfüllten Miteinander über das Verständnis der eigenen Prägungen und das Hinterfragen unserer – teils problematischen und dennoch akzeptierten – Gewohnheiten im Umgang mit Kindern führt. Anhand vieler Szenen und Berichte von Eltern erfahren die Leser:innen, wie der ehrliche und liebvolle Blick auf die Bedürfnisse aller einen neuen Weg frei macht: hin zu Vertrauen, Wertschätzung, Leichtigkeit und Glück. Ein einfühlsamer Ratgeber für positive Familienbeziehungen.
Mit einem Vorwort der Bestseller-Autorin Danielle Graf
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Ich sehe,
was du brauchst!
Bedürfnisorientierung als Weg
Werden wir Eltern, tritt eine riesige Veränderung ein, von der wir zuvor nicht ahnten, was diese mit uns macht. Jede Reise durch die Elternschaft ist individuell und nicht mit einer anderen vergleichbar. Was uns vereint, ist vermutlich, dass wir ein bestimmtes Bild oder ein gewisses Ideal in uns tragen, wie wir uns ein Leben mit Kind(ern) vorstellen.
Je nach unseren Erfahrungen und Vorbildern stehen wir den Herausforderungen gelassen oder eher angespannt gegenüber. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich, als ich vor vierzehn Jahren das erste Mal Mutter wurde, keine Sekunde daran zweifelte, dass mir diese Aufgabe spielend von der Hand gehen würde. Ich war mir sehr sicher, für diesen „Job“ gewappnet zu sein, schließlich hatte ich Kindheitspädagogik studiert und bereits viele Erfahrungen im Umgang mit Kindern gesammelt. Was ich dabei völlig außer Acht ließ, war, dass ich im Job die Verantwortung nur stundenweise trug. Ich wusste so viel – und irgendwie gleichzeitig auch nichts. Und obwohl im Laufe der Jahre meine Erfahrungen als Mutter wuchsen, so fühlte und fühle ich mich durch neue Entwicklungsschritte immer wieder neu auf die Probe gestellt. Auch meine anfängliche Überzeugung, dass ich mit jedem weiteren Kind und wachsender Erfahrung gelassener werden würde, musste ich überdenken, denn mit jedem weiteren Kind, das ich in unserer Familie begrüßen durfte, lernte ich ein neues und einzigartiges Individuum kennen.
Welche Eltern wir sind und wie wir unsere Elternschaft empfinden, hängt mit so vielen Faktoren zusammen und anders als anfangs gedacht, war mein Studium nicht der Garant dafür, die „perfekte“ Mutter zu sein. Um unserer Wunschvorstellung von dem Elternteil, das wir gerne sein würden, zu entsprechen, befinden wir uns auf einer – ich würde meinen – lebenslangen Reise, auf der es keine Pausen gibt. Manchmal fühlt sich diese wie Urlaub an und manchmal wie schwere Arbeit. Und all das darf sein und ist okay!
Mein persönlicher Weg veränderte sich grundlegend, als ich begann, mich mit einer achtsamen und bedürfnisorientierten Begleitung von Kindern zu beschäftigen und diese in mein Leben zu integrieren.3 In diesem Buch möchte ich dich ohne Anspruch auf Vollständigkeit ein Stück an meinen Erkenntnissen teilhaben lassen, die für mich im täglichen Miteinander einen Unterschied machen. Und bei all dem ist das Entscheidende nicht, was wir tun, sondern vielmehr, wie wir es tun. Unsere innere Haltung ist ausschlaggebend. Hierbei spielen drei Grundpfeiler für mich eine wichtige Rolle: unsere Gefühle, unsere Bedürfnisse und unsere Grenzen.4
Die eigenen Gefühle spüren, erkennen und ausdrücken zu können und letztlich zu regulieren, ist für unsere Gesundheit wichtig. Denn wenn wir auf unsere Gefühle nicht hören, diese unterdrücken oder auch fehldeuten, versperren wir den Gefühlen ihre wichtige Funktion. Gefühle sind in uns spürbar, sie gehören uns selbst, und auch wenn es sich oft anders anfühlen mag, sie werden nicht von außen hervorgerufen. Mein Ärger und meine Wut gehören mir, genauso wie meine Freude. Sie entstehen zum einen durch Gedanken, denn je nachdem, wie wir über etwas denken, so fühlen wir auch.5 Stell dir vor, du hast es gerade eilig und denkst: „Ich komme sicher zu spät und dann bekomm ich richtig Ärger.“ Vermutlich wirst du angespannter und ängstlicher sein, als wenn du denkst: „Wenn ich Ruhe bewahre, schaffe ich alles. Ich brauche mir keine Sorgen zu machen, alles ist gut so, wie es ist.“
Zum anderen entstehen Gefühle durch Bedürfnisse. Wir können unsere Gefühle wie einen inneren Kompass nutzen, denn sie zeigen uns an, ob unsere Bedürfnisse erfüllt sind oder um Erfüllung bitten oder gar drängen. Daher ist es in der bedürfnisorientierten Begleitung ein Ziel, die Kinder in ihren Gefühlen feinfühlig wahr- und ernst zu nehmen, sodass sie lernen, ihre eigenen Gefühle zu verstehen, zu übersetzen und zu regulieren. Hierbei weisen mir verschiedene Grundsätze den Weg.
Jedes Gefühl darf sein. Gute oder schlechte Gefühle gibt es nicht. Natürlich gibt es Gefühle, die wir lieber fühlen als andere. Verstehen wir hingegen die Funktion von Gefühlen, dann erkennen wir, dass ihre Bewertung uns daran hindert, sie ganz neutral als Signalgeber zu nutzen. Im Grunde fühlen wir immer, auch im Schlaf, und tun somit uns selbst und auch unseren Kindern Gutes, wenn wir lernen, unsere bunte Gefühlspalette anzunehmen, statt sie zu unterdrücken oder zu beurteilen. Dadurch können wir – mit etwas Übung – diese innere Kraft, die unsere Gefühle mit sich bringen, für uns gebrauchen. Studien haben gezeigt, dass bereits circa sechs Monate alte Babys Ärger und auch Angst empfinden, wenn sie einen entsprechenden Reiz wahrnehmen. Während Angst uns Menschen beschützen will, motivieren uns Ärger und Frustration, für uns einzustehen und Grenzen zu setzen. Spüren wir Trauer, dann bedauern oder betrauern wir etwas, was uns sehr am Herzen liegt. Und bei jedem Gefühl werden bestimmte Körperreaktionen ausgelöst.
Körperliche Reaktionen auf Gefühle
- Ärger/Wut: schnellere Atmung, Hitze, Anspannung, Weinen, Erstarrung, Überreaktion etc.
- Trauer: Schluchzen oder Weinen, gesenkte Schultern, Wortlosigkeit, tiefes Atmen, Rückzug etc.
- Angst: erstarrter Gesichtsausdruck, Herzklopfen, Anspannung, Erstarrung, Zusammenzucken oder Zittern etc.
- Scham: Errötung des Gesichts, Vermeidung von Blickkontakt, Bewegungslosigkeit, aber auch Lachen oder Grinsen etc.
- Freude: lebhafter Gesichtsausdruck, gespannte Körperhaltung, Lachen etc.
Es gibt Situationen, in denen wir uns unseren Gefühlen hingeben, während wir sie in anderen eher unterdrücken, überspielen oder uns von ihnen ablenken. Meist holen uns die Gefühle früher oder später ein und machen auf sich aufmerksam, sofern wir sie nicht zugelassen haben. Das kann Minuten, Tage oder auch Jahre später sein, und schlimmstenfalls führt eine Unterdrückung von Gefühlen zu psychischen Störungen. Daher ist es umso wichtiger, Kinder zu befähigen, ihren eigenen Kompass von Beginn an verstehen zu lernen und ihnen dabei als Übersetzer:in zur Seite zu stehen.
Als ich mir diese Aufgabe zu Herzen nahm, erkannte ich, dass dies bedeutete, dass ich zuerst meinen eigenen Kompass verstehen lernen und „verschüttete“ Gefühle neu entdecken musste. Begleiten wir also Kinder in ihren Gefühlen nach dem Grundsatz, dass jedes Gefühl willkommen ist, – so gilt dies auch für uns. Auch wir dürfen traurig, wütend, verärgert, einsam, ängstlich, fröhlich, glücklich und zufrieden sein. Während dies für einige Menschen so normal ist, wie zu atmen, so weiß ich aus meinen Fortbildungen und Beratungen, dass für andere Menschen der Weg zum Fühlen und Übersetzen der eigenen Gefühle verschlossen scheint. Sätze wie: „Sei nicht so wütend!“ oder „Du brauchst nicht traurig sein!“ führen dazu, dass wir Gefühle verkennen und verneinen und schlussendlich verlernen, sie als Signalgeber wahrzunehmen.
Alle Menschen haben die gleichen Bedürfnisse, nutzen hingegen unterschiedliche Strategien, sich diese zu erfüllen. Unsere Bedürfnisse sind unser Antrieb, und in jedem Augenblick versuchen wir, uns mit unserem Tun unsere Bedürfnisse bestmöglich zu erfüllen. Wir Menschen, unabhängig von Alter oder Herkunft etc., haben die gleichen Bedürfnisse und meist auch mehrere zur gleichen Zeit in unterschiedlicher Ausprägung. Um uns ein Bedürfnis zu erfüllen, gibt es viele unterschiedliche Wege, diese nennen wir Strategien. Wir Erwachsenen sind selbst verantwortlich für die Strategie, die wir zur Erfüllung eines Bedürfnisses wählen. Kinder benötigen hierbei oft Unterstützung. Beobachtest du beispielsweise, wie Sami auf dem Spielplatz ein anderes Kind schubst, ist das Schubsen die Strategie, mit der er sich ein Bedürfnis – möglicherweise nach Verbindung, Kontakt oder Spiel – erfüllen möchte. Während wir Strategien beobachten können, also beispielsweise das Schubsen, sind Bedürfnisse als solche nicht sichtbar. Dies macht es uns oft schwer, die Bedürfnisse hinter einer Handlung zu deuten. Unsere Bedürfnisse lösen keine Konflikte aus, sondern es sind vielmehr unsere Strategien, die mit der Strategie eines anderen kollidieren oder gar eine Grenze überschreiten können. So auch, wenn Sami schubst und damit das Spiel des anderen Kindes stört.
Stell dir vor, ich beginne, neben dir Seil zu springen, während du gerade ein Buch liest. Du erfüllst gerade dein Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung, wohingegen ich mich bewegen möchte. Unsere Strategien kommen sich vermutlich in die Quere und du spürst eine Grenze in dir, die sagt: „Ich will Ruhe und ich will nicht, dass du hier neben mir springst!“ Allein das Erkennen der eigenen und der Bedürfnisse anderer und das Wissen, dass unser Tun das Ziel hat, sich ein Bedürfnis zu erfüllen, kann Verständnis hervorrufen und befähigt uns, einander zu sehen und unsere Reaktion abzuwägen, statt in dem Konflikt zu verharren.
Jedes Verhalten hat einen Sinn und ist der Versuch, sich ein Bedürfnis zu erfüllen. Wir Menschen stehen für unsere Bedürfnisse...




