Hohler | Der Stein | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Hohler Der Stein

Erzählungen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08136-2
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-641-08136-2
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In jedem Stein liegt eine eigene Geschichte

Manchmal ist das, was uns als Zufall erscheint, voller Zwangsläufigkeit. Im Rückblick betrachtet, zumindest. Oder auch umgekehrt kann das, was wir für Notwendigkeit halten, in Wahrheit nichts als Zufall sein. Enorm unterhaltsam und mit dem ihm eigenen Sinn für das, was sich unserem Alltag nicht fügen will, kreisen Franz Hohlers Erzählungen um das, womit niemand rechnet, das aber umso zielstrebiger geschieht.
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DIE RAUCHERECKE


Charles hatte die Schwierigkeit, schnell eine Zigarette rauchen zu können, unterschätzt.

Gerade wollte er sich im Hotelzimmer eine anzünden, als er das Schild mit dem Hinweis sah, dass es sich um ein Nichtraucherzimmer handelte und dass dem Gast, sollte es sich herausstellen, dass er trotzdem geraucht habe, eine Gebühr von 200 Euro für die professionelle Entlüftung und Reinigung des Zimmers berechnet werde.

Er steckte also sein Päckchen ein, fuhr mit dem Lift aus dem obersten Stockwerk, in dem sein Zimmer lag, eine Etage nach der andern hinunter, um festzustellen, dass jeder Stock mit einem Nichtraucherzeichen versehen war.

Als er im Erdgeschoss die Bar gefunden hatte, und auch dort von der Decke ein Nichtraucherschild wie ein Kronleuchter herunterhing, unterstützt durch kleine Stellkartons auf dem Tresen und den Tischchen, schwand seine Hoffnung, in diesem Haus eine Zigarette anzünden zu können, und er trat durch die Drehtür auf die Straße hinaus.

Ein harscher Wind wehte, Charles hatte nur seine Jacke an, aus der er nun sein Zigarettenpäckchen zog, doch als er die Zigarette im Mundwinkel hatte und sein Feuerzeug mehrmals anzuknipsen versuchte, trat eine Hostess von der andern Straßenseite auf ihn zu und machte ihn freundlich, aber mit Nachdruck darauf aufmerksam, dass er sich in einer Nichtraucherstraße befand. Er musste etwas verstört gewirkt haben, denn sie bat ihn nun, seinen Blick auf die Hauswand gegenüber zu richten, auf welcher große Zigarren mit roten Kreuzen übermalt waren.

»In Ordnung«, sagte er, betrat mit klammen Fingern wieder die Eingangshalle des Hotels und fragte die junge Frau an der Rezeption, ob es hier irgendwo eine Raucherecke gebe. »In der Tiefgarage vielleicht?« fügte er halb ironisch, halb hoffnungsvoll hinzu.

»Dort nicht«, entgegnete sie, neigte sich ein bisschen vor und sagte leise: »Explosionsgefahr.«

Dann drehte sie sich um, griff sich aus einer Schublade ein Blatt, legte es vor ihn hin und sagte: »Aber selbstverständlich dürfen Sie bei uns rauchen, wenn Sie sich der Gefahr bewusst sind, der Sie sich aussetzen. Darf ich das annehmen?«

Flüchtig betrachtete er das Blatt und nickte stumm. Alle Fotos von Raucherlungen, Geschwüren und Beinstümpfen hatten bisher nicht vermocht, jene Lust auf diesen Moment der Entspannung zu bändigen, der mit dem Einatmen dieses kleinen, kribbelnden Spiralnebels verbunden ist und den er nicht als eine Bedrohung, sondern vielmehr als eine Liebkosung seiner Atemwege empfand.

»Und das«, sagte die Rezeptionistin, »ist ein Plänchen, wie Sie unsere Raucherecke finden, sowie« – und nun bekam ihre Stimme etwas Mitfühlendes – »eine Statistik über den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs. « Sie schob ihm zwei weitere Blätter hinüber.

»Danke«, sagte er benommen, »vielen Dank – haben Sie Streichhölzer?«

Sie musste sich so tief bücken, dass sie einen Moment ganz verschwand. Als sie mit gerötetem Gesicht wieder auftauchte, übergab sie ihm ein Schächtelchen mit der schwarz umrandeten Aufschrift »RAUCHEN TÖ-TET! «

Charles hatte inzwischen einen Blick auf die Skizze geworfen, die er nicht gleich verstand, und fragte, während hinter ihm die Koffer einer chinesischen Reisegruppe aufgetürmt wurden, wo genau er sich die Rezeption vorstellen müsse.

»Ihr Standort ist hier«, sagte die Empfangsfrau und zog einen kleinen Kreis um ein blasses Viereck, »und Sie müssen der gestrichelten Linie folgen.«

Auch diese Linie war kaum zu erkennen, so schlecht war der ganze Plan kopiert. Gut sichtbar war einzig das Ziel der Linie. Ein Pfeil wies auf ein dick ausgezogenes Quadrat, in dem ein Totenkopf prangte.

»Ist dort auch ein Notarzt bereit?« fragte er, und zu seiner Überraschung war die Frau nicht beleidigt, sondern verneinte höflich, drehte das Statistikblatt um, auf dessen Rückseite die Nummer eines örtlichen und eines nationalen Beratungsdienstes notiert war und sagte ihm, während der Reiseleiter der Chinesen seinen Unterarm neben ihm auf den Tresen legte und mit den Fingern zu trommeln begann, ihr Partner habe sich zum Beispiel mit Erfolg dorthin gewandt, was ihn, der vor ihr stand, jedoch nicht daran hindern solle, seine Zigarette zu genießen.

Er bahnte sich nun, mit seinen Blättern in der Hand, einen Weg zwischen den Koffern und den fernöstlichen Hotelgästen hindurch, die einen erschöpften Eindruck machten, und versuchte den Plan so zu halten, dass das, was er sah, mit dem Schema übereinstimmte. Das gelang ihm nicht vollständig, und schließlich entschied er sich, eine Türe im Hintergrund, die durch ein grünes Männchen als Notausgang gekennzeichnet war, als Beginn der gestrichelten Linie anzunehmen, er öffnete sie, und dahinter führten ein paar Treppenstufen hinunter in einen langen, schlecht beleuchteten Gang, der in einer weiteren Türe endete. Allerdings gab es keinen Hinweis darauf, dass man sich hier auf dem Weg zur Raucherecke befand, die Pfeile zu einem Totenschädel, die er eigentlich erwartet hatte, fehlten ebenso, wie eine gestrichelte Linie am Boden.

Inzwischen war seine Lust auf einen Zug an einer Zigarette ins Unzähmbare gestiegen, denn Charles war im Flugzeug angereist, hatte am Flughafen sofort ein Taxi genommen und zu spät gesehen, dass es ein Nichtrauchertaxi war. Er war Musiker und sollte zu einer Aufnahme in den Rundfunk, die Zeit wurde langsam knapp, also dachte er, statt auf der Suche nach einer Raucherecke zu versauern, könne er geradesogut in diesem Gang eine rauchen.

Diesmal gelang ihm das Anknipsen des Feuerzeugs problemlos, doch kaum führte er das Flämmchen gegen die Zigarette, erklang eine Alarmsirene, an der Decke begann sich ein orange blinkendes Warnlicht zu drehen, und Sprinklerdüsen versprühten dünne Wasserfontänen.

Sofort rannte er zur Tür am Ende des Ganges, riss sie auf und fand sich in der Garage, wo er eilends zwischen verschiedenen Wagenreihen durchging, über eine Wendeltreppe in eine tiefer gelegene Parkfläche steigen konnte, diese aufs Geratewohl durchquerte und so unauffällig wie möglich eine weitere Tür öffnete.

Nun stand er in einem kleinen Lift, der nur für eine Person Platz bot, und auf dessen winzigem Schaltteil ein Pfeil nach oben zeigte und einer nach unten. Er drückte auf den Pfeil nach oben.

Nach einer überraschend schnellen Fahrt öffnete sich die Tür und entließ ihn aus seiner Kapsel auf eine Plattform, die dem obersten Stock vorgelagert war und die aus nichts Weiterem bestand als aus einem durch ein einfaches Geländer geschützten Gitterrost; schaute man auf seine Füße, sah man lotrecht in die Tiefe hinunter. Da Charles nicht schwindelfrei war, fasste er sofort mit den Händen das Geländer und schloss einen Moment die Augen. Als er sie vorsichtig wieder öffnete, erblickte er an einem Geländerpfosten so etwas wie einen Aschenbecher.

»Hier dürfen wir«, sagte eine Stimme neben ihm.

Sie gehörte, wie er feststellte, als er seinen Kopf umwandte, einer Frau; diese trug einen Mantel mit einem Pelzkragen, ihr Kopf war mit einer Fellmütze bedeckt, und zwischen ihren Fingern, die in Lederhandschuhen steckten, hielt sie eine Zigarette an einem elfenbeinfarbigen Mundstück. Sie lachte und fragte ihn dann mit etwas verrauchter Stimme: »Haben Sie Feuer?«

»Sicher«, sagte er, versuchte seinerseits ein Lachen und tastete dann in seiner Jackentasche nach seinem Feuerzeug. Er merkte nun, dass er vom Sprinklerwasser durchnässt war, und der Wind hier oben wehte stärker als vorhin auf der Straße. Zitternd holte er sich eine Zigarette aus dem Päckchen und klemmte sie sich zwischen die Lippen. Dann steckten die beiden ihre Köpfe zusammen, und er knipste das Feuerzeug an. War es der Wind, der das Flämmchen gar nicht erst entstehen ließ, oder war vielleicht der Sprit aus?

»Moment«, sagte er und holte das Streichholzschächtelchen heraus, das er bei seiner Brieftasche versorgt hatte.

»Sie wissen Bescheid?« fragte Charles, indem er ihr die Aufschrift hinhielt. Sie lächelte nur, und als er nun ein Streichholz über den Anzündstreifen zog, brach es entzwei, ebenso ein zweites und ein drittes. Die Hölzchen mussten mit Absicht so dünn gemacht worden sein, dass sie auch nicht dem geringsten Druck standhielten. Er packte das nächste Streichholz direkt am Köpfchen, es entzündete sich und brannte ihn an der Fingerkuppe, so dass er es mit einem Fluch fallen ließ. Als Gitarrist konnte er sich keine Wunden an den Fingern leisten.

»Tut mir leid«, sagte er, » ich – «

Sein Handy klingelte, und aus dem Studio hörte er, dass die andern schon da seien und man nur noch auf ihn warte. Er versprach sofort zu kommen, entschuldigte sich bei der Frau und suchte nach dem Knopf für den Lift.

»Es gibt keinen Knopf«, sagte die Frau, »man muss warten, bis er von selbst kommt.«

Ungläubig blickte er sie an. »Und wie lang haben Sie gewartet?«

»Sie haben sich ganz schön Zeit gelassen – etwa eine halbe Stunde.«

Zum Glück stand die Nummer des Hotels auf der Streichholzschachtel, und er tippte sie ein. Von der Frau an der Rezeption verlangte er, dass sofort ein Lift zur Raucherecke hochgeschickt werde.

Sie reagierte erstaunt. Da gebe es gar keinen Lift, behauptete sie. Als er ihr schilderte, wo er war und dass er da nicht allein war, sagte sie, das sei ein Notfalllift für die Feuerwehr, und um den in Gang zu setzen, müsse sie erst den Code freigeben lassen, und das könne schon etwas dauern.

»Wie lange?« fragte er tonlos.

»Bis zu einer Stunde«, sagte sie ungerührt.

»Bis dann bin ich erfroren!«, schrie er.

Aber es half nichts.

Als er im Studio anrief, wollte man ihm nicht recht glauben, und der Produzent sagte, zufällig sei...


Hohler, Franz
Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren. Er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Alice-Salomon-Preis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis. Sein Werk erscheint seit über fünfzig Jahren im Luchterhand Literaturverlag.



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