Hohlbein Hohlbein Classics - Die Spiegelwelt
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-1437-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Damona King Roman
E-Book, Deutsch, Band 23, 64 Seiten
Reihe: Hohlbein Classics
ISBN: 978-3-7325-1437-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jetzt zum ersten Mal als E-Book verfügbar: Die Reihe 'Hohlbein Classics' versammelt die frühen Werke von Wolfgang Hohlbein, die seinerzeit im Romanheft erschienen sind.
Damona King riß das Steuer des Wagens herum, trat hart auf die Bremse und stellte das Fahrzeug quer. Fünf Meter schwarz lackiertes Blech blockierte den Weg der Erscheinung. Der Mann, der auf die Straße trat, schien den Dodge gar nicht wahrzunehmen. Seine Bewegungen waren eckig und erfolgten wie in Trance. Er schaute nach rechts und links, machte dann einen Schritt auf die Fahrbahn und ging mit weit ausgreifenden Schritten los. Er nähert sich dem schwarzen Auto ... Schritt für Schritt ... und ging hindurch! Solche und ähnliche Dinge gehören in der Welt, in die es Damona King verschlagen hat, zum Selbstverständlichen. Wo diese Welt liegt? Im Nirgendwo.
'Die Spiegelwelt' erschien erstmals am 24.08.1981 unter dem Pseudonym Henry Wolf in der Reihe 'Damona King'.
Der Autor: Wolfgang Hohlbein ist der erfolgreichste deutschsprachige Fantasy-Autor mit einer Gesamtauflage von über 40 Millionen Büchern weltweit.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die Spiegelwelt
Gespensterkrimi von Henry Wolf
Die Stimme vibrierte durch das Nichts zwischen den Dimensionen. »Es ist geschehen!«
Vielleicht dauerte die Botschaft eine Stunde, vielleicht nur wenige Augenblicke; vielleicht eine Million Jahre oder eine Zeitspanne, die zu kurz war, als dass ein menschlicher Geist sie überhaupt erfassen konnte. Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart – selbst das Verstreichen der Zeit an sich waren hier Illusion. Es gab nur das Jetzt, ein Jetzt das zeitlos und endlos zugleich war.
»Es ist geschehen!« sagte die Stimme noch einmal.
»Nichts wird wieder so sein, wie es war.«
Obgleich lautlos, war die Stimme mächtig. So mächtig, dass die gesamte Schöpfung im Klang der Worte zu erbeben schien.
ER spürte, dass die Worte ihm galten. ER musste antworten.
»Moron?«
Zustimmung. Wortlos, lautlos aber unwiderruflich.
»Das Tor wurde geöffnet. Keine Macht des Universums vermag es wieder zu schließen. Was geschehen muss, geschieht.«
Er zögerte. Und er spürte, wie ein neues, bohrendes Gefühl in ihm emporkroch. Angst?
Angst.
»Ihr kennt eure Aufgabe.« Die Worte kamen sanft, mit der Geduld eines Intellekts, der in unendlichen Zeitspannen zu rechnen gewohnt war.
»Erfüllt sie.«
Wieder vergingen Stunden/Jahre/Minuten/Jahrmillionen/Augenblicke, ehe die Stimme fortfuhr:
»Ihr könnt ihr nicht helfen. Niemand kann das. Selbst eurer Macht sind Grenzen gesetzt. «
Er begriff.
Trauer und Mitleid wehten aus dem Nichts zu ihm hinüber, ein Gefühl, das weit über menschliches Mitleid hinausging und mit dem unerschütterlichen Wissen gepaart war, hilflos zu sein ...
Nikolaos Triadi öffnete widerstrebend die Augen. Durch die schmalen, schießschartenähnlichen Fenster über ihm fiel heller, goldgetönter Sonnenschein in die Kammer. Die Luft war stickig und warm, und die dünne Leinendecke schien wie eine Zentnerlast auf ihm zu liegen. Trotzdem fror er.
Aber es war eine Kälte, deren Wurzeln tief in seinem Inneren lagen. Langsam, so, als koste ihn jede Bewegung unendliche Mühe, schlug er die Decke beiseite und stand auf. Der Steinboden war kalt und feucht, trotz der stickigen Wärme, die durch die Mauern hereinkroch. Er ging zu der einfachen, hölzernen Waschschüssel in der Ecke, spritzte sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht und verließ die Kammer.
Eine seltsame, unnatürlich anmutende Stille hatte sich in den Gängen des Felsenklosters eingenistet. Selbst das Geräusch seiner nackten Fußsohlen auf dem Boden schien gedämpft. Es war, als klinge der Traum noch in ihm nach, als hätte diese fremde, unfassliche Welt des Schweigens und der Dunkelheit ihren Schatten bereits über Yor-Marathaar ausgebreitet. Aber Triadi wusste nur zu gut, dass das, was er erlebt hatte, kein Traum gewesen war.
Sie hatten auf dieses Zeichen gewartet, er und seine Brüder. Und vor ihnen hatten andere darauf gewartet, Generation um Generation. Sie hatten es gleichermaßen herbeigesehnt, wie sie sich davor gefürchtet hatten.
Triadi ging die steile, in den gewachsenen Fels gehauene Treppe hinunter, zögerte und wandte sich schließlich nach rechts, anstatt in die Richtung zu gehen, wo seine Brüder auf ihn warteten.
Warmer Wind wehte vom Tal herauf, als er ins Freie trat und sich über die Brüstung lehnte. Irgendwo zwitscherte ein Vogel, und das goldene Licht der gerade aufgegangenen Sonne schien die Welt in einen sanften, weichen Schimmer zu tauchen.
»Nichts wird wieder so sein, wie es war«, flüsterte Triadi die Worte, die die Stimme ihm im Traum zugeflüstert hatte. Der Wind trug sie mit sich, riss sie hinauf über die Wolken, hoch empor über eine Welt, die immer noch unbekümmert vor sich hindämmerte und keine Ahnung von dem Unheil hatte, das sich da irgendwo zusammenbraute.
Triadi blinzelte, lehnte sich weiter über die Brüstung und starrte an den Flanken des Felsenklosters hinunter. Die Spalten und Felsformationen, die jäh aufklaffenden Schlünde, die Kamine und Steilwände schienen ihm schroffer und härter als zuvor. Feindlicher. Fast, als spüre die Natur bereits das Nahen des Bösen.
Triadi lächelte. Nicht die Natur hatte sich verändert. Sondern er. Er war es, der die Dinge plötzlich anders sah.
»Nichts wird wieder so sein, wie es war ...«
Er drehte sich um, schlurfte mit hängenden Schultern ins Innere des Felsenklosters zurück und ging zu seinen Brüdern. Aber seine Gedanken waren woanders.
Er dachte an Damona King, und zum ersten Mal, seit die sehenden Wächter die weiße Hexe in ihrem Kampf gegen das Böse unterstützten, erfüllte ihn dieser Gedanke nicht mit väterlicher Liebe und Stolz, sondern mit Trauer.
Er wusste, dass die junge Frau den schwersten Kampf ihres Lebens zu bestehen hatte. Einen Kampf, der so aussichtslos war, dass selbst Triadi und seine Brüder davor zurückgeschreckt wären.
Und er wusste auch, dass es nichts, absolut nichts gab, das er für sie tun konnte ...
***
So ähnlich, dachte Damona, musste sich ein Mensch fühlen, der eines Tages nach Hause kommt und feststellt, dass er zu einem Fremden in seinem eigenen Heim geworden ist.
Der schmale Holzsteg schien sich wie eine Brücke in eine fremde und bizarre Welt über die Sandbank zu erstrecken. Aber sie zögerte noch, ihn zu betreten. Über den Steg zu gehen, hieße, den Schritt in die andere Welt endgültig zu tun.
Endgültig?
Damona musste unwillkürlich auflachen, als ihr klar wurde, wie absurd dieser Gedanke war. Sie hatte den Schritt in das Land hinter den Spiegeln schon längst getan. Dass sie jetzt zögerte, war nur ein Zeichen ihrer Angst, ein alberner und naiver Versuch, sich vor der Wahrheit zu verkriechen, indem sie sie verleugnete.
Endgültig ... Es war nicht das erste Mal, dass Damona in eine fremde Welt verschlagen wurde. Sie hatte längst begreifen müssen, dass es außer der realen, fassbaren Welt der Menschen noch andere Welten gab: Welten, die der Erde zum Verwechseln ähnlich sahen und sich manchmal nur in winzigen Details von ihr unterschieden, Welten, deren geschichtliche Entwicklung an irgendeinem Punkt in der Vergangenheit eine andere Wendung genommen hatten, aber auch Welten, die ganz, ganz anders waren als alles, was sich Menschen vorstellen konnten. Aber irgendwie war dieser Übergang anders gewesen. Kein Sterblicher hätte diese Grenze jemals überschreiten dürfen. Und auch ihr wäre es nicht gelungen, wenn Ulthars Macht nicht für einen winzigen Augenblick erschüttert worden wäre.
Aber sie hatte es gespürt, als sie aus der Bewusstlosigkeit erwacht war – das Gefühl, dass hinter ihr eine Tür zugeschlagen wurde, das endgültige und unwiderrufliche Schließen einer Lücke im Netz der Schöpfung, als hätte irgendwo ein gigantisches und mächtiges Etwas die Bruchstelle entdeckt, durch die die Bewohner dieser Welt manchmal in andere, für sie verbotene Bereiche vorgedrungen waren, und mit einer fast beiläufigen Bewegung verschlossen.
Das Gefühl hatte etwas Endgültiges gehabt.
Damona atmete tief ein und trat mit entschlossenen Bewegungen auf den Steg hinaus. Das Holz knarrte unter ihrem Gewicht; irgendwo löste sich ein Gegenstand und fiel mit seltsam dumpfem Platschen ins Wasser.
Damona blieb stehen. Die Wellen bewegten sich sonderbar träge und schwerfällig. Für einen Augenblick hatte sie das Gefühl, die Zeitlupenaufnahme einer Meeresbrandung zu betrachten. Sie kniete nieder, beugte sich vor und tauchte die Finger ins Wasser. Es war überraschend warm und es fühlte sich kaum wie normales Wasser, sondern eher wie eine zähflüssige, sirupartige Flüssigkeit an. Damonas Hand bewegte sich gegen ihren Willen, als die nächste Welle heranrollte.
Sie stand stirnrunzelnd auf, betrachtete die glitzernde Flüssigkeit auf ihren Fingerspitzen und ging weiter. Diese Welt würde noch mehr Überraschungen und Rätsel für sie bereit haben. Und sie hatte das Gefühl, dass die wenigsten angenehmer Natur sein würden.
Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken, als sie an die vergangene Nacht dachte. Sie hatte die Nacht hier auf Coney Island verbracht, um nicht irgendwo in einer unbekannten Welt voller unbekannter Gefahren von der Dunkelheit überrascht zu werden. Obwohl alles, was sie in den letzten Tagen auf der ehemaligen Vergnügungshalbinsel erlebt hatte, nur unangenehme Erinnerungen in ihr wachrief, schreckte sie instinktiv davor zurück, das Festland zu betreten. Coney Island bot trotz all seiner Schrecken den Schutz des Vertrauten, Bekannten. Es gab genug leer stehende Gebäude, in denen sie übernachten konnte. Seltsamerweise befand sich diese spiegelverkehrte Ausgabe des Vergnügungsparks in einem viel weniger fortgeschrittenen Stadium des Zerfalls. Auch hier waren die Zeichen des beginnenden Zusammenbruchs deutlich – abblätternde Farben, zerbrochene Fensterscheiben, fingerdicke Staubschichten auf dem Boden, Holzwände und Balken, die sich unter dem Gewicht der Jahre zu biegen begannen. Aber es war, als wäre die Zeit hier vor dreißig oder vierzig Jahren einfach stehen geblieben. So oder ähnlich musste Coney Island ausgesehen haben, kurz nachdem es aufgegeben worden war.
Damona hatte schließlich in einer verlassenen Geisterbahn Schutz vor der hereinbrechenden Nacht gesucht. Der Eingang war mit Brettern vernagelt gewesen, aber es war nicht sonderlich schwer, sie zu entfernen.
Dahinter lag das Nichts ...
Selbst jetzt spürte sie noch ein beklemmendes Gefühl, als sie an das schockierende Bild dachte. Die Schienen, auf denen die Wagen durch...




