Hohlbein Hohlbein Classics - Der Meister des Satans
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-1433-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Damona King Roman
E-Book, Deutsch, Band 21, 64 Seiten
Reihe: Hohlbein Classics
ISBN: 978-3-7325-1433-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jetzt zum ersten Mal als E-Book verfügbar: Die Reihe 'Hohlbein Classics' versammelt die frühen Werke von Wolfgang Hohlbein, die seinerzeit im Romanheft erschienen sind.
Die Story: Dass ein Sterblicher seine Seele dem Satan verschreibt, ist zwar ungewöhnlich, aber durchaus begreifbar.Wünschen dieser Art war die Hölle noch nie abgeneigt, und bereitwillig haben die Sendboten des Bösen bei solchen Geschäften mitgespielt. Ungewöhnlicher ist es da schon, wenn ein Sterblicher der Hölle Bedingungen stellt - weil er sich mächtiger dünkt als Asmodis selbst. Sein Name war Ulthar, und er hatte eine Waffe gefunden, mit der er sogar den Satan persönlich glaubt bedrohen zu können. Der Satan geht auf die Bedingungen Ulthars ein, verspricht dieser doch ihm Damona King, die weiße Hexe, auf einem Silbertablett zu servieren. Und was die Hölle bisher nicht geschafft hat, scheint tatsächlich zu gelingen. Damona wird in eine Falle gelockt, aus der es kein Entrinnen mehr gibt ...
'Der Meister des Satans' erschien erstmals am 27.07.1981 unter dem Pseudonym Henry Wolf in der Reihe 'Damona King'.
Der Autor: Wolfgang Hohlbein ist der erfolgreichste deutschsprachige Fantasy-Autor mit einer Gesamtauflage von über 40 Millionen Büchern weltweit.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Der Meister des Satans
Gespensterkrimi von Henry Wolf
Die See war an diesem Tag so ruhig, dass selbst das leise Geräusch der ins Wasser tauchenden Ruderblätter wie das Tosen eines Wasserfalles zu klingen schien. Es war dunkel, aber es war eine seltsame, wattige Dunkelheit, in der nicht nur Licht, sondern auch die Geräusche des Hafens und der Stadt zu versickern schienen. Selbst der Mond wirkte fremd und beunruhigend – eine bleiche, fleckige Scheibe, die kein Licht spendete, sondern wie ein scharf ausgestanztes Loch im Himmel aussah. Bettalina hatte den Entschluss, Sheldon auf diesem nächtlichen Ausflug zu begleiten, schon lange bereut. Aber sie hatte bisher einfach nicht den Mut aufgebracht, ihm zu sagen, dass sie sich hier nicht wohlfühlte, dass ihr die Umgebung Unbehagen bereitete und sie im Grunde Angst hatte und nach Hause wollte. Sie versuchte, das langsam aufkeimende Gefühl der Furcht zu ignorieren und drehte sich um, um zum Ufer zurückzusehen.
Sie waren erst vor wenigen Augenblicken losgefahren, aber die Kaimauer war längst im Dunkel versunken und zu einem Teil der Nacht geworden. Rechts von ihrem Boot glänzte ein Meer heller Lichter, durchsetzt von kleinen, bunten, auf- und abblitzenden Sternen; der Yachthafen. Musikfetzen und undeutliche Stimmen wehten durch die Nacht zu ihnen herüber. Dahinter erhob sich die Lichtglocke der Riesenstadt New York, deren City zu dieser Uhrzeit erst richtig erwachte. Aber selbst der Glanz der Millionenstadt schien gedämpft, als hätte jemand einen unsichtbaren, lichtabsorbierenden Schleier über der Stadt ausgebreitet.
Bettalina schauderte.
Sheldon bemerkte ihr Zusammenzucken, aber er schien es falsch auszulegen. Er hob die Ruder aus dem Wasser, schälte sich umständlich aus seiner Jacke und legte sie um Bettalinas Schultern. »Es wird rasch kalt hier draußen«, sagte er überflüssigerweise.
Bettalina erwiderte sein Lächeln flüchtig und starrte an ihm vorbei zum gegenüberliegenden Ufer. Nacht und Entfernung hatte es zu einer drohenden, zweidimensionalen Silhouette werden lassen; eine schwarze, kompakte Masse aus unidentifizierbaren Umrissen und bizarren Türmen. Das Bild erinnerte Bettalina an jene Art von Schlössern, die man häufig in Zeichentrick- oder Märchenfilmen sieht: Schwarze Ungeheuer aus Stein und Materie gewordener Furcht, bewohnt von dunklen Zauberern und Magiern, und fast immer auf unbeschreibbaren Gipfeln oder inmitten grundloser Seen gelegen.
Der Gedanke erschien ihr so albern und kindisch, dass sie normalerweise laut darüber gelacht hätte. Aber heute war ihr nicht zum Lachen. Es war, als ob sich mit der Dunkelheit eine schwarze, erstickende Decke ausgebreitet hatte, etwas, das sich wie eine unbegreifliche und unsichtbare Barriere zwischen sie und die reale Welt geschoben hatte und langsam ihr Denken vergiftete.
Das Ufer kam rasch näher, als Sheldon sich mit der ganzen Kraft seines jugendlichen Körpers in die Riemen legte. Gleichzeitig fielen die Geräusche des Yachthafens und die Lichter der Stadt zurück.
Der Bootsrumpf fuhr scharrend über Sand und Kies, als sie das Ufer erreichten. Es war das einzige Geräusch weit und breit.
Sheldon zog die Ruder ein, sprang leichtfüßig auf den Strand hinaus und half Bettalina beim Aussteigen. Dann zog er das Boot ganz auf den feinkörnigen Sandstrand hinauf und überzeugte sich pedantisch davon, dass es nicht von einer unvorhergesehenen Welle mitgerissen werden konnte.
»Da wären wir«, sagte er dann. »Coney Island – das größte Vergnügungsparadies der Stadt. Und heute Abend ganz allein für uns zwei geöffnet.« Er grinste, und für einen Moment fühlte sich Bettalina von seinem überschäumenden Tatendrang mitgerissen.
Aber nur für einen Moment. Zu Anfang hatte sie Sheldons Idee, einfach ein Boot zu nehmen und zu dem stillgelegten Vergnügungspark hinüber zu rudern, begeistert. Aber mit jedem Schritt, den sie tiefer in die Geisterstadt aus Bretterbuden und verrottenden Wellblechhütten eindrangen, schien sich das Gefühl der Bedrohung, des Unwirklichen, zu verstärken.
Coney Island war eine regelrechte Stadt mit Straßen, Plätzen und Gebäuden. Das fahle Mondlicht ließ die Farben verblassen, aber es legte auch einen barmherzigen Schleier über die überall sichtbaren Zeichen des Verfalls; abgeblätterter Lack, heruntergefallene Dachziegel. Türen, die schräg und halb verfault in ihren Angeln hingen. Sie kamen an einer verlassenen Geisterbahn vorbei. Jemand hatte die Bretter, mit denen der Eingang zugenagelt gewesen war, heruntergerissen, und der gähnende schwarze Schlund erschien ihr wie ein Tor zu einer fremden, geheimnisvollen Welt. Sie blieb stehen.
Über dem Eingang glotzten sie die Augen eines Fantasiemonsters an, ein hornköpfiges, geschupptes Ungeheuer, vor dem sich wahrscheinlich nicht einmal kleine Kinder erschrecken würden. Daneben war etwas, das vage an eine menschliche Gestalt erinnerte, aber Regen und Zeit hatten die lackierte Oberfläche aufgebrochen und den Pappmachékörper zu einer verquollenen, weißgrauen Masse werden lassen. Das Einzige, was noch zu erkennen war, war eine Hand; eine Laune der Witterung hatte sie vor dem Zerfall bewahrt. Sie ragte weiß und zu einer Klaue verkrümmt aus dem Rest der aufgeschwemmten Masse, fast so, als hätte hier ein fantastisches Protoplasmawesen einen Menschen verschlungen.
Bettalina schüttelte sich. Obwohl der Anblick sie entsetzte, verspürte sie gleichzeitig eine morbide Faszination. Die drängende, an Panik grenzende Angst wich allmählich jener Art wohligen Grauens, das sie im Kino oder bei der Lektüre eines besonders gelungenen Horrorromans empfand. Sie spürte, wie ihr Herz wild und hart zu hämmern begann. Ihre Finger krallten sich so fest in Sheldons Oberarm, dass der junge Mann zusammenzuckte.
Er grinste. »Na, habe ich zu viel versprochen? Deine ganz persönliche Horrorshow.«
Bettalina schüttelte den Kopf ohne zu antworten. Sheldons Stimme hatte seltsam laut und durchdringend geklungen, obwohl er sich Mühe gab, leise zu sein. Aber die verlassenen Gebäude schienen jedes Geräusch zu verstärken und tausendfach verzerrt zurückzuwerfen.
Nein, nicht jedes, verbesserte sie sich in Gedanken. Das Geräusch ihrer Schritte beispielsweise war kaum zu hören. Der Boden schien die Laute aufzusaugen.
Irgendwo klapperte etwas – ein loser Fensterrahmen vielleicht. Eine Tür, die sich im Wind bewegte. Bettalina fuhr zusammen, lächelte unsicher und schmiegte sich enger an Sheldon. »Gehen wir weiter«, sagte sie leise. Ihre Stimme bebte.
Sie drangen tiefer in das Labyrinth aus Geisterbahnen, Schießbuden, Riesenrädern und Schiffschaukeln und tausend anderen Jahrmarktsattraktionen ein. Bettalina versuchte sich vorzustellen, wie es hier ausgesehen haben mochte, als Coney Island noch nicht aufgegeben, sondern eine der größten Attraktionen New Yorks gewesen war. Coney Island, die Insel der Träume, auf der Illusionen und Wünsche für ein paar Stunden wahr werden konnten. Plötzlich glaubte sie Stimmen zu hören, das dumpfe Raunen einer riesigen Menschenmenge, die die engen Gassen bevölkerte. Kinderlachen, die Stimmen der Ausrufer, die sich gegenseitig zu überbrüllen versuchten, das Plärren von einem Dutzend Lautsprechern. In ihrer Fantasie wurde der Vergnügungspark mit all seinen Farben und Lauten, seinem Treiben, dem Lachen und den fröhlichen Kindern, die ihre Mütter um ein paar Cent für die Geisterbahn anbettelten, noch einmal lebendig. Dann verschwand die Illusion, und stattdessen tauchte noch einmal die weiße, verquollene Masse aus Pappmaché und Klebstoff auf. Eine verkrampfte menschliche Hand ragte daraus hervor. Die Musik in ihren Ohren wurde schrill und misstönend, eine kreischende Kakophonie des Grauens, und all die fröhlichen, heiteren Menschen, mit denen ihre Fantasie die Halbinsel bevölkert hatte, begannen sich auf erschreckende Weise zu verändern. Ihre Gesichter wirkten plötzlich verzerrt. In den Augen, die Bettalina Hilfe suchend anzustarren schienen, stand ein Ausdruck unbeschreiblicher Qual.
Bettalina ballte die Fäuste, riss die Augen auf und versuchte, den grässlichen Anblick zu verscheuchen. Ihr Blick tastete über das Stahlskelett des Riesenrades, das hoch über die zerrissene Skyline der Geisterstadt aufragte. Ein einzelner blasser Stern blinkte durch das Gewirr aus Trägern und Streben, von dem die verrosteten Gondeln wie die Körper Gehenkter baumelten. Sie hatte plötzlich das Gefühl, dass dieser Stern sie anstarrte; ein kaltes, gefühlloses Auge, das sie abschätzte wie ein Raubtier, bevor es seine Beute schlug.
Mit äußerster Willenskraft gelang es Bettalina, sich von der Vorstellung loszureißen. Die Bilder verblassten, die Musik verklang, würde dünner und hörte schließlich ganz auf.
Nein – nicht ganz.
Sie blieb stehen, schloss die Augen und lauschte angestrengt. Von irgendwoher wehte Musik zu ihnen hinüber, dünne, anspruchslose Musik, wie man sie nur auf Jahrmärkten hören konnte.
Sheldon war ebenfalls stehen geblieben. »Sag mal – hörst du das auch?« fragte er.
Bettalina nickte wortlos. Ohne einen vernünftigen Grund dafür benennen zu können, fürchtete sie sich plötzlich vor der Musik.
»Komm. Wir gehen nachsehen«, schlug Sheldon vor.
Bettalina zögerte. »Nein – ich würde lieber ...«
Sheldon wischte ihren Einwand mit einer gebieterischen Handbewegung fort. »Nun komm schon. Wahrscheinlich hat noch jemand den klaren Abend zu einem Ausflug genutzt.« Er grinste. »Vielleicht ist das eine ganz heiße Party. Gehen wir.« Er nahm sie an der Hand und zog sie hinter sich her.
Die Musik wurde lauter, als sie sich dem Zentrum...




