E-Book, Deutsch, 168 Seiten
Hofmann Promotionsfabriken
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86284-365-7
Verlag: Ch. Links Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Doktortitel zwischen Wissenschaft, Prestige und Betrug
E-Book, Deutsch, 168 Seiten
ISBN: 978-3-86284-365-7
Verlag: Ch. Links Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Immer wieder wurden in den letzten Jahren Politiker des Plagiats bei ihren Doktorarbeiten überführt. Friedrich Hofmann zeigt, dass diese skandalträchtigen Einzelfälle Symptome eines Promotionsbetriebes sind, der nicht dem Ideal der Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse entspricht. Hofmann, emeritierter Professor und langjähriger Vorsitzender eines Promotionsausschusses, erklärt, welche Abläufe, Verfahren und Rahmenbedingungen für die Doktorarbeit in Deutschland gelten, welche Problemfelder bestehen und warum eine unsaubere oder plagiierte wissenschaftliche Veröffentlichung kein Kavaliersdelikt ist. Abschließend formuliert er zwölf Forderungen zur Zukunft der Promotion in Deutschland.
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Einführung
Es war eine jener Nächte gewesen, die man als Arzt am liebsten schnell wieder vergisst: Auf der Intensivstation musste ein Herzinfarktpatient betreut werden, zwei Stockwerke höher war ein alter Mann mit einer schweren Gallenkolik zu versorgen und später ging es um einen Patienten mit lang anhaltenden asthmatischen Beschwerden. Der anschließende Tagdienst war auch recht anstrengend, und so war ich froh, als ich nach 32 Stunden Dienst die Klinik endlich verlassen durfte. Doch nach Hause konnte ich nicht. Ich hatte noch einen Termin im Notariat zu erledigen, weil ich ein paar Tage zuvor zum Vorsitzenden eines Sportvereins gewählt worden war.
Nachdem mir der Notar einen langen Vortrag über den entsprechenden Verwaltungsakt gehalten und mich ermahnt hatte, mit Vor- und Nachnamen sowie mit Doktortitel zu unterschreiben (was ich bis dato nie getan hatte), durfte ich schließlich nach Hause fahren und mich ins Bett legen. Doch kaum war ich ein wenig eingenickt, wurde ich schon wieder geweckt – es sei bei der notariellen Beglaubigung etwas schief gelaufen, hieß es, als ich das Telefongespräch entgegennahm. So setzte ich mich wieder ins Auto, um erneut die 25 Kilometer zum Notariat zu fahren. Der Notar erklärte mir bei meiner Ankunft, meine Unterschrift sei nicht vollständig; denn man müsse immer mit Titel unterschreiben, der Doktortitel gehöre in Deutschland zum Namen dazu – das habe er mir schon vor zwei Stunden erklärt. Auf meinen Einwand, ich hätte doch meine Unterschrift in der gewünschten Form geleistet, machte er mich darauf aufmerksam, dass ich mit »Dr. Dr.« zu unterschreiben hätte und fügte, ohne eine Miene zu verziehen, hinzu: »Wer hat, der hat«. Um die Angelegenheit schnell zu erledigen, widersprach ich ihm nicht. Denn dass der Doktortitel in Deutschland und seinen Nachbarländern ein akademischer Grad, aber kein Namensbestandteil ist, war ihm wohl während seiner juristischen Ausbildung entgangen.
Welche – nicht selten unangemessen große – Bedeutung außerhalb der Universität man hierzulande dem Doktortitel zumisst, wird auch deutlich, wenn man die politischen Ereignisse der letzten Jahre rekapituliert: Während die Bundeswehr in Afghanistan mehr als einmal in gefährliches Fahrwasser zu geraten schien, stürzte der verantwortliche Minister nicht etwa darüber, dass er falsche militärpolitische Entscheidungen getroffen hatte, sondern er musste 2011 zurücktreten, weil er seinen Doktortitel offensichtlich mit unlauteren Mitteln erworben hatte. Und auch der Wissenschaftsministerin Annette Schavan, die den tiefen Fall des Freiherrn Karl-Theodor zu Guttenberg noch oberlehrerhaft kommentiert hatte, wurde zwei Jahre später der Doktortitel entzogen, weil sie bei der Abfassung ihrer Dissertation nicht korrekt zu Werke gegangen sein soll. Ihre Karriere als Ministerin endete damit ebenfalls. Im Jahr 2015 verhedderte sich zu Guttenbergs Nach-Nachfolgerin Ursula von der Leyen schließlich wegen ihrer Doktorarbeit in Widersprüche und Plagiatsvorwürfe. Ihre Heimatuniversität hat ihr im März 2016 bescheinigt, zwar fehlerhaft zitiert, aber kein bewusstes Fehlverhalten an den Tag gelegt zu haben.
Politische Karriere und Doktortitel gehören gar nicht so selten zusammen: 2005 besaß jeder sechste Bundestagsabgeordnete einen Doktortitel, sechs Jahre später war es sogar jeder fünfte (115 Personen), der sich mit den beiden offensichtlich heiß begehrten Buchstaben schmücken konnte.1 Derzeit sitzen im Parlament 118 Abgeordnete, die über mindestens einen Doktortitel verfügen.2 In der seit 2013 amtierenden Bundesregierung verfügt genau die Hälfte der Kabinettsmitglieder über einen Doktortitel (Angela Merkel, Thomas de Mazière, Barbara Hendricks, Gerd Müller, Wolfgang Schäuble, Frank-Walter Steinmeier, Ursula von der Leyen, Johanna Wanka), in der schwarz-gelben Vorgängerregierung waren fast alle Mitglieder promoviert – zumindest zu Beginn.
Dass unlautere Verhaltensweisen von höchsten politischen Repräsentanten beim Erwerb des Doktortitels kein rein deutsches Phänomen sind, bewiesen auch ein ungarischer Staatspräsident und ein rumänischer Ministerpräsident, die wegen betrügerischer Machenschaften rund um ihre Doktortitel schwere politische Stürme zu bestehen hatten: Der Ungar Pal Schmitt musste schließlich seinen Hut nehmen und das Präsidentenpalais verlassen, und der Rumäne Victor Ponta gab nach langem Hin und Her im Herbst 2015 sein Amt auf, wobei er nicht nur über diverse Korruptionsvorwürfe, sondern eben auch über seine obskure Doktorarbeit gestolpert war.
In der Öffentlichkeit hat sich dank der Berichterstattung über spektakuläre Fehltritte bekannter Politiker mittlerweile der Eindruck festgesetzt, dass das Plagiieren das einzige Problem im Zusammenhang mit einer Doktorarbeit darstelle und auf die fehlende charakterliche Eignung des oder der Entlarvten zurückzuführen sei. Dass diesen Sündenfällen aber strukturelle Probleme des Promotionswesens zugrunde liegen, wird zu wenig diskutiert. Mit der Akademisierung der Gesellschaft, die beispielsweise von der OECD ausdrücklich gewünscht wird, steigt auch die Nachfrage nach Titeln – ein Prozess, der sich voraussichtlich noch beschleunigen wird. Dass viele Promovenden am Existenzminimum herumkrebsen, dass ihre Betreuer oft völlig überlastet und nicht selten auch nicht besonders interessiert an ihren Schützlingen sind, dass sich deshalb Doktorarbeiten oft über viel zu viele Jahre hinziehen und so massiv Lebenszeit verschwendet wird, dass zahlreiche Promotionsvorhaben am Ende scheitern, weil die universitären Strukturen an einigen Hochschulen völlig antiquiert sind, dass man nicht einmal genau weiß, wie viele Doktoranden es hierzulande gibt – all das wird ausgeblendet, wenn das Problem »Promotion« auf das Stichwort »Plagiat« reduziert wird. In puncto Doktorarbeit liegt vieles im Argen. Guttenberg & Co. sind dabei nur das Symptom tiefer liegender, in der Regel nur wenig bekannter Ursachen.
Grundsätzlich sind beim Thema Promotion zwei Aspekte zu unterscheiden, von denen der erste – die gesellschaftliche Problematik – die Öffentlichkeit deutlich mehr interessieren dürfte als der zweite – die inneruniversitären Probleme, die den Betrug erleichtern, aber auch zahlreiche Doktoranden an ihrem Promotionsvorhaben verzweifeln und schließlich scheitern lassen.
Die gesellschaftliche Problematik liegt, was den deutschsprachigen Raum angeht, sicherlich in der allgemeinen Überbewertung des Doktortitels. Daraus resultiert der Massenandrang auf die Promotion, der wegen der Überforderung der Universitäten dazu führt, dass zahlreiche Promotionsvorhaben »extern«, und damit berufsbegleitend durchgeführt werden – mit Blick auf die weitere außeruniversitäre Karriere. Die Doktorarbeit ist also in solchen Fällen nur noch Mittel zum Zweck (nämlich des Titelerwerbs) und dient weder der universitären Qualifikation noch dem Erwerb wissenschaftlicher Erkenntnis. Im Zusammenhang damit stehen die »neuen« Geschäftsfelder der »Promotionsberater« und die zunehmende Tendenz zu Betrug und Plagiat.
Inneruniversitär ist der Massenandrang auf die Promotion deshalb als problematisch zu bewerten, weil es in der Regel an den Universitäten keine Folgestellen für die vielen Promovierten gibt. So entstehen problematische Erwerbsbiografien, gesellschaftliches Potenzial und öffentliche Mittel werden unnötig gebunden. Und dank schlecht geführter Statistiken weiß man häufig nicht einmal, wie lange die Promotion in den verschiedenen Feldern dauert und wie die Bezahlung funktioniert, ob es überhaupt eine Bezahlung gibt oder welche anderen Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Doktorvater und Doktorand bestehen.
Bisher entsteht häufig der Eindruck, dass die Folgen etwa eines Plagiats nur auf den Verfasser oder die Verfasserin selbst zurückfallen. Das ist falsch. Ich möchte vielmehr deutlich machen, dass die Unordnung im Promotionswesen erhebliche Folgen für Wissenschaft und Gesellschaft insgesamt hat. Wenn wir eine Wissensgesellschaft sein wollen, müssen wir an diesem zentralen Element wissenschaftlicher Ausbildung grundlegend etwas ändern.
Um dies zu erreichen, muss man aber von staatlicher Seite zunächst einmal die Datenlage hinsichtlich der Promotion verbessern; die Schätzungen, wie viele Promovenden es derzeit in Deutschland gibt, schwanken bedenklich – zwischen 140 000 und 200 000. (Davon wird später noch ausführlich die Rede sein, siehe Kapitel »Promovieren heute«.)
Ein wichtiger Grund für die Unsicherheit bezüglich der Statistiken dürfte in erster Linie in der Vielzahl der Institutionen liegen, die hierzulande die Hochschulpolitik steuern und Datenmaterial generieren: Vom Bundesbildungsministerium über die 16 Länderministerien bis hin zur Kultusminister- und zur Hochschulrektorenkonferenz, vom Wissenschaftsrat über das vom Bund und den Ländern finanzierte Hochschulinformationssystem HIS mit der Abteilung »Hochschulentwicklung« bis zum Statistischen Bundesamt reicht die Liste der am Thema Promotion beteiligten Organisationen und politischen Einrichtungen – ganz zu schweigen von den Hochschulen und ihren Institutionen selbst. In Abbildung 1 ist die grundsätzliche Struktur des Promotionswesens in Deutschland grafisch dargestellt.
Am Ende der Hierarchie steht als wichtigstes Gremium, das Behörde im Sinne des jeweiligen Landeshochschulgesetzes ist, der Promotionsausschuss. Wie gering allerdings das Interesse zahlreicher Beteiligter – von der Öffentlichkeit ganz zu schweigen – am Funktionieren des...




