E-Book, Deutsch, 120 Seiten
Hofmann Denken in Prozessen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-947502-30-1
Verlag: Verlag für psychosoziale Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Paradigma für bewegte Zeiten
E-Book, Deutsch, 120 Seiten
ISBN: 978-3-947502-30-1
Verlag: Verlag für psychosoziale Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dr. phil. Tony Hofmann, Diplom-Psychologe, geb. 1980, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Würzburg (Institut für Sonderpädagogik), sowie Gründer und Inhaber der Werkstatt für berufliche Profilbildung. Hier unterstützt er Menschen dabei, systematisch Freiräume zu schaffen, um Visionen umzusetzen.
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Prozessgeflüster
Als meine Großmutter in ihren letzten Lebensjahren war, sagte sie manchmal zu mir, mit einem leisen Seufzen: „Ich passe nicht mehr in die Welt, Tony.“ Sie hatte das Gefühl, den Anschluss verloren zu haben. Die Welt hatte sie überrundet. Sie freute sich mehr über die Blumen auf dem Balkon und über ihre Katze, als zu versuchen, alles, was „da draußen“ so vor sich ging, noch verstehen und mitgestalten zu wollen.
Nicht nur Menschen im hohen Alter empfinden dies so. Auch viele Jüngere können kaum Schritt halten mit dem schneller werdenden Takt der Veränderung. Der Wandel der Welt, und die Krisen, die sich daraus ergeben, bringt viele an ihre Grenzen. Die Herausforderung, mit globalen Veränderungen umzugehen, zeigt sich auf drei Ebenen1:
(1) Wir können die Natur im Kleinen beherrschen, im Großen jedoch nicht. Folgt man den Prognosen der Wissenschaft, so deutet alles darauf hin, dass wir uns „warm anziehen“ müssen: Der Klimawandel ist nicht mehr aufzuhalten. Es geht nicht mehr darum, sich die Natur verändert, sondern nur noch darum, und was die sozialen, gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen sein werden. Auch die wichtigsten materiellen Ressourcen, auf denen unsere Kultur aufbaut (z.B. das Erdöl), gehen langsam zur Neige. Die technische Entwicklung kann das nicht kompensieren. Die Erde kann nicht fast acht Milliarden Menschen ernähren, wenn jeder auf dem Niveau der westlichen Gesellschaften leben möchte. Wir brauchen neue Möglichkeiten, um von einer imperialen Lebensweise2 zu einem verträglicheren Umgang zu kommen. Die Frage ist nur - wie soll uns etwas gelingen, was sich zunächst wie Verzicht anfühlt? Aufgrund der Entwicklung von resistenten Keimen und der internationalen Vernetzung von Reiseströmen kann es zudem immer wieder zu unvorhersehbaren weltweiten Pandemien kommen, die auch mit Antibiotika oder anderen „klassischen“ Medikamenten nicht oder nicht kurzfristig zu behandeln sein werden. Wie können wir medizinischen Herausforderungen - wie etwa die der Corona-Krise im Jahr 2020 - zukünftig adaptiv begegnen, ohne im Vorfeld auch nur erahnen zu können, was uns erwartet?
(2) Wir versuchen, Fragen wie diese mit wissenschaftlichen Fakten zu untermauern. Das ist sehr begrüßenswert. Wissenschaft kommt dabei jedoch selbst an ihre Grenzen. Es gibt so viel Fachwissen, so viele Expertinnen und Experten für spezifische Themenfelder, dass es schier unmöglich ist, einen Überblick zu bekommen. Vielfältig sind die Perspektiven, die Positionen, die unterschiedlichen Fachsprachen. Wissen als die Ansammlung von bloßer Information ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Wir versuchen heute, fachübergreifend in großen Zusammenhängen zu denken. Wir müssen uns eingestehen, dass wir nicht sicher „wenn a, dann b“ sagen, sondern bestenfalls in Wahrscheinlichkeiten sprechen können. Die Welt ist voll von Wechselwirkungen, und die sind eben nur sehr schwer vorherberechenbar. Auch dann nicht, wenn wir vernetzte Supercomputer mit künstlicher Intelligenz einsetzen. Das Paradoxe dabei: Es wäre keine Lösung, uns dafür zu entscheiden, unwissenschaftlich zu sein, wenn wir Veränderungsprozesse systematisch durchdringen und verstehen wollen. Offen bleibt dann die Frage, wie gute Wissenschaft möglich ist und wie aus ihren Erkenntnissen stimmige Handlungskonzepte abgeleitet werden können.
(3) Auch das Zusammenleben von Menschen ändert sich. Die Digitalisierung beispielsweise verändert die Art, wie wir kommunizieren, grundlegend. Althergebrachte, starre Strukturen brechen vielerorts auf - egal, ob wir das Verschwinden der deutschen Kleinfamilie in den Blick nehmen oder die Auflösung des indischen Kastenwesens. Die typische „Normfamilie“ - zwei Eltern, zwei Kinder, ein Auto, Haus, Garten und Hund - gibt es heute immer seltener. Menschen leben in unterschiedlichsten Konstellationen zusammen. Es gibt kein Standardmodell, viele Menschen sehnen sich nach einer Offenheit, die es ihnen erlaubt, sich in ihrer Individualität zu entfalten. Diese Offenheit macht uns jedoch verletzlich und mündet oft in fatale Dynamiken, die uns in Form von „negativen Beziehungen“ den Boden unter den Füßen wegziehen3. Auch die Demokratie wagt sich derzeit in Randgebiete vor, die brüchig sind. Menschen wie Donald Trump, Vladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan verstehen es gekonnt, auf demokratischen Mechanismen zu spielen wie auf einer Klaviertastatur. Dies zeigt, wie empfindlich die Demokratie als Staatsform ist. Wie können wir die Chancen der Demokratie nutzen, ohne innerhalb ihrer Strukturen in alte, autoritäre Bahnen zurückzufallen?
Sind wir dabei, zu scheitern? Ein Moment des Scheiterns wäre kein Endpunkt. Jede Krise kann zugleich der Beginn sein von etwas Neuem. In diesem Buch soll ein Entwurf skizziert werden für eine neue, eine prozesshafte Denkweise. Prozessdenken kann dazu beitragen, Totpunkte des Scheiterns zu überwinden. Die Gedanken, die hier entfaltet werden, stammen in ihrem Ursprung nicht von mir, sondern von Eugene T. Gendlin, einem amerikanischen Philosophen, der in seiner frühen Jugend selbst ein Scheitern miterlebt hat. Als Kind wuchs er in Wien auf, seine Familie floh mit ihm vor den Nationalsozialisten in die USA. Die Geschichten, die sich um diese Flucht ranken, besagen, dass Gendlins Vater aus einer vagen Ahnung heraus gehandelt habe und dass sein Sohn, als er heranwuchs, sein ganzes Denken von dieser Grunderfahrung her aufbaute. Die Denkweise, die Gendlin in seinem Hauptwerk „Ein Prozess-Modell“4 entwirft, zeigt Wege auf dafür, wie ein Scheitern (Gendlin nennt das „Prozess-Stopp“) in etwas münden kann, was besser ist, als das, was vorher da war. Dies gilt für die kleinen Sackgassen des Alltags genauso, wie für große gesellschaftliche Krisen.
Das Versprechen dieses Modells: Prozessdenken trägt jedes Scheitern adaptiv voran - es zeigt, dass ein jedes Scheitern, wenn es in seinem Wesen bis ins Innerste durchdrungen wird, zugleich schon auf ein Gelingen hindeutet. Diese gedankliche Grundfigur ist von großer Relevanz für Bildung, für Psychotherapie und Beratung, aber auch für gesellschaftliche Fragestellungen, für digitale Prozesse, für Wirtschaft und Politik. Spezifische Totpunkte in den oben genannten Bereichen (Natur, Wissenschaft und Zusammenleben) können vielleicht überwunden werden, wenn wir das Scheitern verstehen und zulassen. Dann können zugleich die Möglichkeiten sichtbar werden, die inmitten der Totpunkte lebendige Perspektiven öffnen.
Wir müssten dafür auf einer sehr grundlegenden Ebene verstehen und zugeben, dass ohnehin alles immer in Veränderung begriffen ist, und nicht erst in jüngster Zeit. Wenn man es recht bedenkt, so gibt es eigentlich gar nichts, was nicht prozesshaft wäre. Wir selbst, aber auch unsere Vorgesetzten und Nachbarn, Politiker und Politikerinnen, Mitarbeiterinnen und Kunden, unsere Klienten und Patientinnen, unsere Kinder, Schülerinnen und Schüler, unsere Gemeinden und Institutionen - wir alle leben und arbeiten in Interaktionsprozessen. Und auch die Natur selbst ist ein vielschichtiges, dynamisches Gewebe aus Prozessen und Teilprozessen, und Teilprozessen von Teilprozessen und so fort, bis ins Innerste hinein. Sie war es schon immer, lange, bevor es die Menschheit gab.
Wenn wir es verstünden, prozesshaft zu denken, so könnten wir uns behutsam einfühlen in die Dynamiken und in die Möglichkeiten von dem, was da so vor sich geht. Wenn es uns gelänge, die Prozesse flüstern zu hören, so würden wir auch ein tieferes Verständnis für die schwierigen Prozessstopps erlangen. Wir verstünden die Stopps dann gewissermaßen „von innen her“. Jedes durchdringende Verstehen eines Problems ist schon der halbe Weg in Richtung einer stimmigen Lösung.
Das Denken in Prozessen bietet eine gedankliche Vorlage für einen professionellen Umgang mit situativer Komplexität. Überall da, wo es keine einfachen, planbaren Lösungen gibt, kann es weiterhelfen. Es kann für viele Berufsfelder, und auch für unseren „privaten“ Alltag hilfreich sein, das Denkenin-Prozessen gezielt zu kultivieren.
Prozessdenken ist eine neue Art des Denkens. Um dessen Qualität vom üblichen Denken, wie wir es gewohnt sind, abzugrenzen, werde ich das herkömmliche Denken in diesem Buch als bezeichnen. Prozesshaftes Denken und logisches Denken werden auf diese Weise immer wieder als Kontraste gegenübergestellt. Ich möchte zeigen, dass das Prozessdenken nicht unlogisch, sondern mehr-als-logisch ist.
Das Denk-Modell, das im vorliegenden Buch entwickelt wird, ist keine einfache Zusammenfassung von Gendlins Prozessmodell. Es ist nicht möglich, ein solches Werk zusammenzufassen. Es ist selbst ein organischer Wachstumsprozess, in dem jeder kleine Schritt zählt. Würde man einen dieser Schritte weglassen, so würde das große Ganze in sich zusammenbrechen und sich in isolierten, beliebigen Details verlieren. Es ist jedoch...




