E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
Hoffmann Stasi-Kinder
12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8437-0168-6
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aufwachsen im Überwachungsstaat
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
ISBN: 978-3-8437-0168-6
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ruth Hoffmann, geboren 1973 in Hamburg, ist Absolventin der Henri-Nannen-Journalistenschule. Sie schreibt als freie Journalistin für DIE ZEIT, Stern, Brigitte und den Deutschlandfunk.
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Erwachen
Mitte der Siebzigerjahre ziehen die Herbrichs in eine kleine Stadt nordöstlich von Berlin, direkt an der polnischen Grenze: Der Vater ist mittlerweile Hauptmann in der gerade neu gegründeten Abteilung XXII: »Terrorabwehr«. Dort arbeitet er als Ausbilder tschekistischer Untergrundkämpfer, die für terroristische Aktionen in der Bundesrepublik eingesetzt werden sollen. Gerade hat er einen Abschluss an der Hochschule des MfS in Potsdam-Eiche gemacht und trägt nun den Titel Dr. jur. Drei Jahre lang war er darum immer nur an den Wochenenden zu Hause. Paradiesische Zeiten waren das, findet Stefan. Jetzt steht er wieder unter Dauerbeobachtung, und die triste Neubausiedlung entspricht exakt seinem Lebensgefühl. Immerhin hat er inzwischen gelernt, sich zu wehren. Einmal war er sogar mutig genug, dem Vater mit einem erhobenen Stuhl zu drohen, als der ihn wieder mal verprügeln wollte. Seitdem hat zumindest der körperliche Terror ein Ende.
Es dauert lange, bis Stefan in der neuen Schule Freunde findet. Jeder scheint zu wissen, was dahintersteckt, wenn er sagt, sein Vater sei beim MdI. Der Sechzehnjährige spürt die Vorbehalte, sieht die wachsame Vorsicht in den Augen der anderen. Und er kann sie verstehen. Er weiß ja selbst nicht, was sein Vater eigentlich macht, wenn er frühmorgens in Zivil das Haus verlässt.
Jana scheint immer alles richtig zu machen. Zumindest hat sie nicht halb so viel Ärger mit dem Vater wie Stefan. Vor allem mit dessen schulischen Leistungen ist Hauptmann Herbrich nach wie vor unzufrieden: Wem nützt eine Eins in Deutsch? Im wirklichen Leben geht es schließlich auch nicht zu wie im Roman. Wenigstens konnte er den Kollegen in Berlin schon melden, dass sein Sohn wie geplant eine Laufbahn beim MfS anstrebe und dafür nach Abschluss seiner Lehre die Offiziershochschule der NVA in Löbau besuchen werde. Vor diesem Hintergrund ist der Notendurchschnitt zwar immer noch beschämend, findet der Vater, aber auch nicht mehr ganz so entscheidend.
»Ich habe damals gar nicht weiter nachgedacht und alles hingenommen, wie es eben war«, sagt Stefan. »Ich hatte ja auch keine eigene Meinung, geschweige denn irgendwelche Vorstellungen oder Wünsche für mein Leben. Ich konnte noch gar nicht wirklich ›ich‹ sagen. War ja immer kleingehalten worden, auch äußerlich: alle vier Wochen mit Vattern zum Friseur, ich sah aus wie ’ne Rolle Drops.« Mit siebzehn lässt er sich die Haare wachsen, wie seine Kumpels. »Das erledigt sich, wenn du bei der Armee bist«, sagt der Vater.
Den ersten richtigen Knacks bekommt das Verhältnis, als Stefan volljährig ist und seine Freundin Bettina heiraten will. Ihr gegenüber hatte sich Siegfried Herbrich immer reserviert verhalten. Jetzt lässt er durchblicken, warum: Sie habe Verwandtschaft im Westen und sei daher kein Umgang. Bisher habe er noch ein Auge zugedrückt, jetzt wo es ernst werden soll, müsse er aber einschreiten. Als angehender Tschekist habe Stefan schließlich eine Verantwortung zu tragen. Er solle sich also entscheiden, ob er eine Stütze der Gesellschaft werden oder in eine vermutlich staatsfeindliche Familie einheiraten wolle.
Doch die Drohung zwischen den Zeilen verfehlt ihre Wirkung. Das spürt Siegfried Herbrich, auch wenn Stefan sich nicht traut, ihm direkt zu widersprechen. Er sei mit der Hochzeit einverstanden, räumt der Vater schließlich ein, vorausgesetzt, Stefan vermeide jeden Kontakt zu Bettinas Verwandtschaft. Und ja: Das Kontaktverbot betreffe selbstverständlich auch ihre Eltern. Wenn er verspreche, sich daran zu halten, und jetzt wie geplant die Offiziersschule besuche, ginge das beim MfS schon in Ordnung. Er könne das regeln.
Stefan zuckt mit den Schultern, so weit denkt er noch gar nicht. Vor allem aber stellt er überrascht fest, dass er sich nicht mehr so eingeschüchtert fühlt wie früher. Vielleicht liegt es daran, dass es in seinem Leben zum ersten Mal etwas gibt, woran der Vater nicht rühren kann: Bettina ist schwanger. Und als ein paar Monate später Alexander zur Welt kommt, ist Stefan plötzlich klar, dass er die Ausbildung in Löbau nicht antreten wird. Denn das hieße schließlich, Frau und Kind drei Jahre lang fast gar nicht zu sehen. »Das war keine politische Entscheidung«, sagt er heute. »Ich wollte bloß nicht auf meine Familie verzichten.«
Stefan ist mulmig, als er das Gebäude des Wehrkreiskommandos betritt. Er hat einen Termin beim Leiter der Abteilung, um seinen Verzicht auf die Ausbildung zu erklären. Reine Formsache, denkt er, reine Formsache, die Worte wie einen Bannspruch im Kopf. Ich habe mich eben umentschieden, aus rein privaten Gründen. Das wird doch wohl möglich sein. Ist es nicht, wird er belehrt, dafür sei es jetzt zu spät. Als Stefan entgegnet, dass er einen kleinen Sohn habe und die Erwartungen, die das Kollektiv zu Recht an einen Offiziersanwärter stelle, ohnehin nicht erfüllen könne, fängt der Oberst an zu schreien: »Für wen halten Sie sich eigentlich? Was bilden Sie sich ein, hierherzukommen und rotzfrech einen Ausbildungsplatz zurückzuweisen, nach dem sich Tausende die Finger lecken würden? Sie werden von uns hören!«
Als Stefan danach wieder auf der Straße steht, noch ganz benommen von »DDR konkret«, wie er es heute nennt, kommt ihm zum ersten Mal der Gedanke, dass es die Menschlichkeit des Sozialismus, an die er immer geglaubt hatte, in Wirklichkeit vielleicht gar nicht gibt. Für seine Zukunft jedenfalls macht er sich nach diesem Erlebnis keine allzu großen Hoffnungen mehr.
Siegfried Herbrich ist stinksauer: Wie steht er denn jetzt vor den Kollegen da? Und was sollen seine Vorgesetzten denken? Tatsächlich kann es für hauptamtliche MfSler schwierig werden, wenn sich ihre Kinder nicht staatskonform verhalten, denn das lässt auch ihre eigene Linientreue in zweifelhaftem Licht erscheinen. Um ihre Karriere und – wie es immer heißt – »das Vertrauensverhältnis zu den Vorgesetzten« nicht zu gefährden, treten viele daher die Flucht nach vorn an und geben bereitwillig Auskunft. In den Akten haben diese Familiendramen immer wieder Spuren hinterlassen: »Aus einem Gespräch meiner Ehefrau mit meiner Tochter Ulrike wurde Folgendes bekannt«, beginnt zum Beispiel ein Oberst Gassner sein Schreiben an die nächsthöhere Dienststelle, um dann ausführlich den »Personenkreis« zu schildern, mit dem Ulrike Umgang hat, darunter Musiker, die ein illegales Jazzfest veranstaltet hätten.
Und Generalmajor Neumann meldet diensteifrig die illegale Ausreise seiner Tochter Grit, deren Ursache auch in seinem eigenen Versagen zu suchen sei. »Wir beide – auch meine Frau – verurteilen diesen Schritt des Verrats an unserem Staat.« Die »Konsequenzen« dieser Angelegenheit müsse er seiner Frau jedoch »schonend klarmachen, da es für uns nur eine endgültige Trennung oder für mich eine Entlassung aus dem MfS geben kann«.
Auch Siegfried Herbrich, inzwischen Major, bemüht sich um Distanz zum abtrünnigen Sohn: Über das Wohnungskontingent des MfS besorgt er der jungen Familie eine neue Bleibe. Stefan ist für ihn der Nestbeschmutzer, der Schandfleck auf der makellosen Außenfassade, und das lässt er ihn auch spüren: »Meine Tür ist erst mal zu!«
Im Winter 1978 bekommt Stefan die Einberufung zum regulären Wehrdienst: erst in Prenzlau, dann als Bausoldat bei Neuruppin – noch einmal anderthalb Jahre »DDR konkret«. Zur Tristesse des Kasernenlebens kommen die gebellten Befehle und Erniedrigungen der Vorgesetzten. Stefan hat sie bis heute im Ohr: »Seien Sie froh, dass Sie überhaupt hier sein dürfen! Sie sind nämlich das Allerletzte, merken Sie sich das! Ihnen sollen die Eier abfaulen!« Das hier ist also das richtige Leben, denkt er. So klingt es, so schmeckt es, so fühlt es sich an – im Friedensstaat, der sich den Humanismus sogar in die Verfassung geschrieben hat. »Langsam dämmerte mir, dass das, was in den Zeitungen und auf den Losungsfahnen der Parteitage steht, herzlich wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat.«
Ein Kamerad schenkt ihm ein Buch des regimekritischen Schriftstellers Günter Kunert, das Stefan gleich mehrmals hintereinander liest. Ein Staat, schreibt Kunert, könne in den Träumen seiner Untertanen zwar viel finden, habe dort aber nichts zu suchen. Die Formulierung bleibt dem Neunzehnjährigen im Gedächtnis, genau wie ein Satz von Adorno: »Es gibt kein richtiges Leben im falschen«, von dem er das Gefühl hat, er richte sich direkt an ihn. In der Bibliothek besorgt er sich Hermann Hesse und Thomas Mann, liest mehrmals »Stiller« von Max Frisch. »Durch die Bücher habe ich zum ersten Mal kapiert, dass es nicht den einen, einzig wahren Weg gibt. Dass man die Dinge hinterfragen und selber denken muss.«
Zwar sitzt ihm noch immer die vertraute Mischung aus Angst und Gehorsam in den Knochen und hindert ihn am offenen Aufbegehren. Doch jetzt gibt es Worte für das Unbehagen – erst geliehene, bald aber auch eigene: Stefan fängt an, Tagebuch zu schreiben, füllt abends die linierten Seiten kleiner DIN-A5-Hefte mit Zitaten und seinen Gedanken. »Unsere, die DDR-Gesellschaft, steckt jegliches Individuum in die ihr genehme Zwangsjacke«, notiert er am 25. April 1979. »Wer imstande ist, sich aus ihr zu befreien, oder es zumindest versucht, muss, laut Fahneneid der NVA, mit der Verachtung aller Werktätigen des Staates und jeder denkbaren Bestrafung rechnen, welche ihm der Zwangsjacken-Staat auferlegt.« Und: »Eigener Wille kann Berge versetzen, heißt es, doch wie überwindet man die Gletscher der Autorität und der deutschen Bürokratie?«
...