Hoffmann | Lesebuch | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 130 Seiten

Hoffmann Lesebuch

Satiren, Erzählungen und Romanauszüge
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-5893-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Satiren, Erzählungen und Romanauszüge

E-Book, Deutsch, 130 Seiten

ISBN: 978-3-7519-5893-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses Lesebuch enthält eine Auswahl Texte des literarischen Schaffens des Klaus W. Hoffmann. Es sind Satiren, Erzählungen und Romanauszüge aus Büchern, die er für jugendliche und erwachsene Leserinnen und Leser in den vergangenen 20 Jahren geschrieben hat.

Klaus W. Hoffmann ist seit 1981 als freiberuflicher Autor und Liedermacher tätig. Er schrieb zahlreiche Romane, Novellen, Erzählungen, Satiren und Lieder für Kinder, die in Büchern, auf Tonträgern, im Rundfunk und im Fernsehen veröffentlicht wurden.. Klaus W. Hoffmann erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Er ist Mitglied im PEN, im VS, im FBK, in der Gema und in der VG Musikedition.
Hoffmann Lesebuch jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Startverzögerung


Radan betrat den Airbus. Er erwiderte den Gruß des Stewards und der Stewardess und folgte den anderen Passagieren durch die Business-Klasse in den Economy-Bereich. Dann stand er im Stau. 

In dem Bereich, den Radan übersehen konnte, war kein Platz mehr frei. Er wusste, dass diese Fluggesellschaft in ihren Maschinen keine nummerierten Sitzplätze anbot. 

Radan wartete geduldig, denn die vor ihm im Gang stehenden Fluggäste waren dabei, ihr Handgepäck, Jacken und Mäntel in den Boxen über den Sitzen zu verstauen und ihre Plätze zu besetzen.

Er atmete durch. Seinen Auftrag hatte er erfüllt. Ninko war tot. Zwei Kugeln hatten gereicht. Alles war wie am Schnürchen gelaufen. 

Als der Weg im Gang frei war, fand Radan einen freien Sitzplatz. Es war einer am Gang. Er legte seine Zeitung, die serbische Vesti, auf den Platz und schob seinen kleinen Koffer und seinen Ledermantel in die Gepäckbox. Dann setzte er sich. Er nahm seine Zeitung und nickte der neben ihm auf dem mittleren Platz sitzenden Frau und dem am Fenster sitzenden jungen Mann zu. Die Frau erwiderte seinen stummen Gruß mit einem „Hallo“. Der junge Mann beachtete ihn nicht. Er war in ein Buch vertieft.

Radan versuchte in seiner Zeitung zu lesen. Er konnte sich aber nicht konzentrieren, musste wieder an Ninko denken. Der war ohne seine Gorillas zum Treffpunkt gekommen, um mit ihm, Radan, dem Vertrauensmann seines Konkurrenten Stepanovic, die Neuregelung des Kokain-Marktes zu besprechen. 

Ninko hatte wirklich geglaubt, dass Stepanovic ihn als Mitbewerber respektieren würde. Radan musste schmunzeln.

Er hörte die Stimme der neben ihm sitzenden Frau: „Entschuldigen Sie, wenn ich mitlese. Der Artikel ist wirklich zum Schmunzeln.“

„Welcher Artikel?“, dachte Radan. Dann las er leise: „Amerikanischer Verlag streicht Israel aus dem Schulatlas für Schulen im Nahen und Mittleren Osten.“

Radan sah sie Frau an und sagte: „Ja, zum Schmunzeln. Sie dürfen gern mitlesen. Können Sie denn Serbisch?“

„Kann ich“, antwortete sie lächelnd. „Sonst hätte ich den Artikel ja nicht lesen können.“

„Auch wahr“, sagte Radan. Er sah die Frau immer noch an, fand sie nicht besonders hübsch, aber doch attraktiv. Ihm gefielen ihr leicht gebräuntes Gesicht, ihr kleiner Mund und ihre langen, schwarzen Haare. Auch ihre schlanke Figur, die in ihrem grauen Kostüm, wie er fand, gut zur Geltung kam. Radan schätzte ihr Alter auf Mitte vierzig.

„Darf ich Sie bitten, mich einmal vorbeizulassen“, sagte die Frau und erhob sich von ihrem Sitz. 

Radan nickte, stand auf und ließ sie vorbei. Sie lächelte ihn an und ging langsam in Richtung Toilette.

Radan blieb im Gang stehen. Er musste wieder an den gestrigen Abend denken, fragte sich, ob es klug war, seine Pistole am Tatort zurückzulassen. Was konnte die Polizei bei der Untersuchung der Pistole und des Schalldämpfers finden? Seine Fingerabdrücke oder DNA-Spuren? Sicher nicht, weil er Handschuhe getragen hatte. Die Seriennummer? Die hatte er vorher ausgefeilt. Trotzdem quälte ihn das Gefühl, am Tatort etwas hinterlassen zu haben, das die Polizei auf seine Fährte führen könnte.    

Radan erinnerte sich, dass er das abgelegene Fabrikgebäude, so schnell er konnte, unbemerkt verlassen hatte. Er war zurück zum Hotel gegangen, um noch einmal zu übernachten. Heute Morgen hatte er dann ein Taxi zum Dortmunder Flughafen genommen. Dort war alles glattgegangen. Die Sicherheitskontrollen hatte er problemlos passieren können. 

Die Frau kam zurück. Radan ließ sie vorbei. Er blieb noch einen Moment stehen und schaute zu, wie sie mit grazilen Bewegungen ihren Platz einnahm und den Gurt anlegte. Auch er setzte sich auf seinen Platz und las wieder in der Vesti.

„Schnallen Sie sich bitte an“, wurde er von der Stewardess ermahnt, die auf einmal vor seinem Platz im Gang stand. Ihm war noch gar nicht aufgefallen, dass er noch nicht abflugbereit war.

Hinter Radan sagte einer: „Seine Rückenlehne sollte er auch senkrecht stellen. Ich krieg hier kaum noch Luft, bin eingezwängt, wie eine Ölsardine.“

Der Mann hörte nicht auf zu schimpfen, bis Radans Nachbarin mit lauter Stimme sagte: „Beachten Sie den Schreihals nicht. Ihre Rückenlehne steht senkrecht. Der hat sicher Flugangst.“

„Glaube ich auch“, erwiderte Radan und grinste.

Der Schreihals hatte sich wieder beruhigt. Radan las weiter in seiner Zeitung.

„Die Vesti lese ich auch manchmal“, sagte die Frau. 

„Ist Ihr Serbisch denn so gut?“, fragte Radan.

„Ja, schließlich arbeite ich in Belgrad seit drei Jahren für die GIZ.“

„GIZ? Kenne ich nicht.“

„Wir sind im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung tätig, helfen der serbischen Regierung beim Aufbau einer wettbewerbsfähigen Marktwirtschaft.“

„Interessanter Job.“ 

Radan konnte sich keine langweiligere Tätigkeit vorstellen.

„Vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Tanja Kessler.“

„Goran Anicic“, log Radan. Im Erfinden von Namen war er unübertroffen.

„Was machen Sie beruflich, wenn ich fragen darf?“

„Dürfen Sie. Import-Export. Ich war in Deutschland, um meinen Bruder und seine Familie zu besuchen.“

„Ich pendele auch zwischen Belgrad und Deutschland hin und her. Habe in Dortmund noch eine kleine Wohnung.“

Aus dem Lautsprecher war leicht verzerrt die Stimme des Piloten zu hören: „Meine Damen und Herren, mein Name ist Marcus Weller. Ich bin der Flugkapitän hier an Bord. Wir starten pünktlich um 14.50 Uhr. Unser Flug wird ruhig verlaufen. Turbulenzen sind nicht zu erwarten. Um 16.55 Uhr werden wir in Belgrad landen. Dort erwarten uns angenehme Frühlingstemperaturen von 18 Grad und Sonnenschein. Meine Crew und ich wünschen Ihnen einen guten Flug.“ 

Nach der Ansprache des Flugkapitäns stellten sich der Steward und Stewardess in den Gang und führten die Rettungswesten vor. Der Ton dazu kam über die Lautsprecher.

Radan schaute auf seine Uhr. 14.48 Uhr. Zwei Minuten noch bis zum Start. Er nahm wieder seine Zeitung und las. Zwischendurch sah er kurz zu seiner Nachbarin hinüber. Sie erwiderte seinen Blick, fühlte sich anscheinend animiert, das Gespräch mit ihm fortzusetzen und legte die Zeitschrift, in der sie geblättert hatte, auf ihren Schoß. 

„Ich habe Ärger mit dem Dortmunder Amtsgericht“, sagte sie. 

„Wegen eines Knöllchens?“, fragte Radan, der dieser Frau keine schwere Straftat zutraute. 

„Nein, als Zeugin“, antwortete Tanja.

„Als Zeugin?“

„Ja! Ich habe vor Wochen mal einen Diebstahl im Geschäft eines Juweliers beobachtet. Der Täter wurde vor Gericht gestellt, und ich sollte bei der Verhandlung als Zeugin aussagen. Ich habe aber unentschuldigt gefehlt.“

„Der Richter hat Ihnen sicher ein Ordnungsgeld verpasst.“ 

„Ja, das hat er.“ 

Radan erinnerte sich an einen Zeugen, der mal gegen seinen Auftraggeber Stepanovic vor Gericht aussagen sollte. Auch der hatte unentschuldigt gefehlt, weil er, Radan, ihm vorher einige Kugeln verpasst hatte.

„Warum sind Sie denn nicht zu der Verhandlung gegangen?“, fragte Radan.

„Weil ich in Belgrad war. Das Gericht hatte die Vorladung an meine Dortmunder Adresse geschickt hat. Ich wusste nichts davon.“

„Trotzdem werden Sie das Ordnungsgeld zahlen müssen.“

„Glauben Sie? Vielleicht sollte ich meinen Rechtsanwalt einschalten.“

„Bringt nichts.“

Der hinter Radan sitzende Mann war aufgestanden. Er legte seinen Gurt ab und öffnete die Gepäckbox.

Radan schaute sich um. Er sah einen fetten Kerl mit gerötetem Gesicht, der seinen Koffer öffnete. 

Die Stewardess kam und ermahnte ihn: „Setzen Sie sich bitte wieder hin und schnallen Sie sich an.“

„Erst, wenn ich meine Tabletten aus meinem Koffer geholt habe“, erwiderte der Mann trotzig. 

Nach einer Weile hatte er seine Tabletten anscheinend gefunden. Er setzte sich wieder. Die Stewardess schloss die Klappe der Gepäckbox.

„Es gibt doch immer wieder Fluggäste, die sich über alle Vorschriften hinwegsetzen“, sagte Tanja mit lauter Stimme. „Aber der ist ja noch harmlos. Haben Sie gelesen, wie sich der betrunkene Depardieu während eines Fluges benommen hat?“

„Nein.“

„Der hat doch in den Gang uriniert.“

„So ein Schwein.“ 

Radan schmunzelte, als er sich den pinkelnden Depardieu vorstellte. 

Er wollte wieder in seiner Zeitung lesen, aber Tanja redete weiter: „Ich wollte Ihnen ja noch erzählen, dass das Dortmunder Amtsgericht mir eine neue Vorladung geschickt hat.“ 

„Das interessiert mich nicht“, dachte Radan und hätte ihr das beinahe auch gesagt. Er hielt sich aber zurück. Auch der neben ihr auf dem Fensterplatz sitzende junge Mann schien sich nicht für Tanjas Erlebnisse mit dem Dortmunder Amtsgericht zu interessieren. Er hatte Ohrhörer in seine Ohren gesteckt und bewegte den Kopf im Rhythmus der Musik, die von seinem Smartphon kam. 

„Heute Morgen“, erzählte Tanja weiter, „stellen Sie sich das vor, kam der Brief. Kurz bevor ich mit dem Taxi zum Flughafen fahren musste. Heute Nachmittag um 16 Uhr soll die Verhandlung sein.“

„Haben Sie sich entschuldigt?“, fragte Radan. 

„Ja, per E-Mail. Ich habe geschrieben, dass ich heute Nachmittag nach Belgrad fliegen muss.“

„Wie kann man denn nur so blauäugig sein?“, dachte Radan. Die glaubt doch wohl nicht, dass der Richter das als Entschuldigung gelten lässt. 

Aber er fragte:...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.