E-Book, Deutsch, 100 Seiten
Reihe: Reclams Universal-Bibliothek
Hoffmann / Hohoff Der Sandmann. Studienausgabe
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-15-961354-3
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paralleldruck der Handschrift und des Erstdrucks (1817) - Hoffmann, E.T.A. - Deutsch-Lektüre, Deutsche Klassiker der Literatur - 19509
E-Book, Deutsch, 100 Seiten
Reihe: Reclams Universal-Bibliothek
ISBN: 978-3-15-961354-3
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Format: EPUB
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E. T. A. (Ernst Theodor Amadeus) Hoffmann (24.1.1776 Königsberg - 25.6.1822 Berlin) war ein deutscher Schriftsteller der Romantik, der seinen dritten Vornamen Wilhelm aus Bewunderung für Mozart durch Amadeus ersetzte. Erst nach der Vollendung seiner großen Oper 'Undine' 1814 widmete sich der Jurist, Komponist, Kapellmeister und Maler ganz der Literatur. Er beschränkte sich fast ausschließlich auf Prosagattungen, schrieb Geschichten, Novellen, Märchen und die zwei großen Romane 'Elixiere des Teufels' und 'Kater Murr'. Hoffmanns romantischer Enthusiasmus und seine Hinwendung zu der Nachtseite der menschlichen Existenz lassen die Grenze zwischen Schein und Wirklichkeit verschwimmen.
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[? D] [H 5] Der Mutter Antwort befriedigte mich nicht, ja in meinem kindischen Gemüthe entfaltete sich deutlich der Gedanke, daß die Mutter den Sandmann nur verlaügne, damit wir uns [ vor ihm] nicht fürchten sollten; ich hörte ihn ja immer die Treppe heraufkommen. Voll Neugierde über diesen Sandmann und seine Beziehung auf uns Kinder zu erfahren frug ich endlich die alte Frau, die meine jüngste Schwester wartete, was denn das für ein Mann sey, der Sandmann. [? D] »Ey Thanelchen, erwiederte diese, [ weißt du das noch / nicht?] das ist ein böser Mann, der komt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett’ gehen wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, daß sie zum Kopfe blutig heraus springen, [ die nimt er und denn wirft er die Augen] sie in den Sack und trägt sie in den Halbmond, da sitzen seine Kinder zur Atzung für seine Kinderchen die sitzen dort im Nest, und haben krumme Schnäbel wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf. – [? D] Gräßlich mahlte sich nun mir im Innern das Bild des grausamen MondSandmanns aus; so wie ich es Abends auf der Treppe hinaufpoltern hörte zitterte ich vor Angst und Entsetzen. Nichts, als den unter Thränen hergestotterten Ruf: der Sandmann, der Sandmann konte die Mutter aus mir herausbringen, ich lief vorauf in das Schlafzimmer, und wälzte mich oft noch lange von der fürchterlichen Erscheinung des Sandmanns gequält schlaflos auf dem Lager umher. – Schon alt genug war ich worden um einzusehen, dass das mit dem Sandmann und seinem Kinder Nest im Halbmonde so wie es die KindeWartefrau mir erzählt hatte wohl nicht ganz seine Richtigkeit haben könne; indeßen blieb der Sandmann mir ein fürchterliches Gespenst, und Grauen und Entsetzen erfüllten mich ganz und gar, wenn ich ihn nicht allein die Treppe heraufkommen sondern auch später meines Vaters Stubenthüre aufmachen und hinein treten hörte. [? D] Manchmahl blieb er lange fort, dann kam er öfter hintereinander, Jahre lang dauerte das, und nicht gewöhnen konte ich mich an den unheimlichen Spuk, nicht bleicher wurde in mir das Bild des grausigen Sandmanns. – Sein Umgang mit dem Vater fing an / mehr und mehr meine Fantasie zu beschäfftigen, den Vater darum zu befragen hielt mich eine unüberwindliche Scheu zurück, aber selbst – selbst das Geheimniß zu erforschen – den fabelhaften Sandmann zu sehen, dazu [ keimte] [H 6] keimte mit den Jahren immer mehr die Lust in mir empor. – [? D] Der Sandmann hatte mich auf die Bahn des Wunderbaren, Abentheuerlichen gebracht, das so schon leicht im kindlichen Gemüth sich einnistet. Nichts war mir lieber / als schauerliche Geschichten von Kobolten, Hexen, Däumlingen pp aber oben an stand immer der Sandman, den ich in den seltsamsten abscheuligsten Gestalten überall auf Tische und Wände mit Kreide – Kohlen hinzeichnete. – Im zehnten Jahre wies mich die Mutter aus der Kinderstube in ein Kämmerchen, das auf dem Corridor unfern von meines Vaters Zimmer lag. – [? D] Noch [ immer] mußten wir uns, wenn jener Unbekante auf den Schlag Neun Uhr sich [ auf der Treppe] hören ließ schnell entfernen. – In meinem Kämmerchen hörte ich, wie er bey dem Vater hineintrat und bald darauf war es mir denn, als verbreite sich im Hause ein feiner / seltsam riechender Dampf – Immer höher wuchs mit der Neugierde, der Muth / auf irgend eine Weise des Sandmanns Bekantschaft zu machen. [? D] Ich öf schlich mich schlich mich oft schnell aus dem Kämmerchen auf den Corridor, wenn Mutter vorbeigegangen, aber nichts konte ich erlauschen, denn immer war der Sandmann schon zur Türe hinein, wenn ich den Platz erreicht hatte, wo er mir sichtbar werden konte. Endlich beschloß ich / von unwiderstehlicher Gewalt unwiderstehlichem Drange getrieben mich im Zimmer des Vaters [ selbst] zu verbergen und [ dort] den Sandmann zu erwarten. [? D] An des Vaters ech Stillschweigen, an der Mutter Traurigkeit merkte ich eines Abends, daß der Sandmann kommen werde, ich schüzte daher große Müdigkeit vor, und ging schon vor Neun Uhr aus dem Zimmer, verbarg mich indeßen dicht neben der Thüre in einen Schlupfwinkel. Die Hausthüre knarrte, es fing an auf / im Fl durch den Flur ging es schweren langsamen schweren dröhnenden Schrittes nach der Treppe, die Mütter [ Mutter] eilte mit meinem Geschwister mir vorüber. Leise – leise öffnete ich des Vaters Stube – der Vater saß wie gewöhnlich stumm und starr mit dem Rücken nach der Thüre hin, er bemerkte mich nicht, schnell war ich hinein und hinter der Gardiene, die nebe [ einem] gleich neben der Thüre über stehenden offnen Schrank, worin meines Vaters Kleider hingen vorgezogen war. [? D] Näher und näher dröhnten die Tritte – es hustete und schnarrte und brummte draußen – das Herz bebte mir vor Angst und Erwartung – Heftig wurde die Thüre aufgerißen, mich mit Gewalt er- [H 7] mannend kukte ich behutsam hervor, der Sandmann stand mitten in der Stube vor meinem Vater – es war der mir wohlbek der helle Schein der Lichter fiel brannte ihm ins Gesicht – der Sandmann – der fürchterliche Sandmann war der alte Advokat Coppelius [ Coppelius Coppola; (Eigenschaft als Advokat] der manchmahl bey uns Mittag zu eßen pflegte! – [? D] Aber die gräßlichste Gestalt hätte in mir nicht das tiefe tieferes Entsetzen erregen können, als eben dieser Coppelius. – Denke dir einen großen breitschultrigen Mann mit einem unförmlich großen Kopf, erdgelbem Gesicht, buschigten graun Augenbraunen, unter denen ein paar schwarze kleine Augen Katzenar grünliche KatzenAugen hervorfunkeln, großen großer dicker übr die Oberlippe hervorgezogener Nase – der Mund verz das schiefe Maul verzieht sich oft zum hämischen Lächeln, dann werden auf den [den ] Backen ein paar dunkelrothe Flecke sichtbar und es zischt ein seltsam zischender Ton führt durch die zusammengekniffenen Zähne. [? D] Coppelius erschien immer in einem altmodisch zugeschnittenen Rock gr aschgrauen Rocke, eben solcher Weste und gleichen Beinkleidern, aber dazu schwarze Strümpfe und Schue mit kleinen Steinschnallen. Die kleine Perücke bedekte [bedekte ] kaum den Ko reichte kaum über den Kopfwirbel heraus, die Kleblocken standen, hoch über den großen roten Ohren hinweg, und ein großer breiter verschoßener Harbeutel starrte von dem Nacken weg / so daß man die Steinschnalle silberne Schnalle sah, die die gefaltelte [ gefältelte] Halsbinde schloß. [ Zur Winterszeit pflegte er ganz weiß zu gehen – selbst Hut, Rock / und Uhrband waren von weißer Farbe – Ich glaube, er hätte weiße Schue tragen / mögen wär’ das nur irgend Sitte gewesen – Noch entsetzlicher starrte dann war / dann sein haßlich’ Gesicht anzuschauen. – Uns Kindern war er dann wie ein scheußlicher / Schneemann, dem man das Gesicht mit Ziegel gefärbt und Kohlen statt der / Augen eingesezt.] Die ganze Figur war [ überhaupt] widrig und abscheulig, aber vor allem waren uns Kindern die [die ] großen knotig Coppelius große knotige haarigte Faüste zuwider, so daß wir, was er damit berührt, nicht mehr anfaßen mochten. [? D] Das hatte er bemerkt, und nun war es seine Freude irgend ein Stückchen Kuchen, oder eine süße Frucht, die uns die gute Mutter heimlich auf den Teller gelegt unter diesem, jenem Vorwande zu berühren, daß wir, helle Thränen in den Augen, die Näscherey, womit uns die der wir uns erfreuen sollten, nicht mehr genießen mochten vor Ekel und Abscheu. Eben so machte er es, wenn uns an Feyertagen der Vater ein klein Gläschen süßen Wein eingeschenkt hatte, [? D] dann fuhr er schnell mit der Faust herüber oder kostete wohl gar davon das Glas an die blauen Lippen bringen [...




