E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Hoffmann Geschichten aus dem Tintenfass
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-38916-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Erzählungen für brave Leser
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-347-38916-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Andreas Hoffmann geboren 1958 in Rudolstadt/Thüringen erlernte, nach Abschluss der Schulzeit, den Beruf des Schriftsetzers. Später entschied er sich für die Arbeit mit behinderten Menschen. Das Schreiben kam dabei nie zu kurz. Jedes Jahr entstand ein Theaterstück, welches mit behinderten Darstellern aufgeführt wurde. 2015 veröffentlichte er seinen ersten Roman "Böhmische Elegie". Andreas Hoffmann lebt heute mit seiner Frau in Rudolstadt.
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Der große Nikolas
Professor Gummeltwist öffnete das Fenster, streckte sich davor ausgiebig, beobachtete im Nachbargarten einen Grünspecht, kehrte zurück ins frisch gelüftete Zimmer, griff erneut nach dem Füllhalter.
Seine Gedanken kamen trotzdem nicht so recht in Bewegung. Und dass, bei dem Kapitel über Rudolf Ditzen, der sich später Hans Fallada nannte und dessen Zeit als Gymnasiast in Rudolstadt. Eigentlich schreibt er über die Suizidalität in der Literatur vor 1914, benötigte passende Biografien.
Nervös drehte er an seinem Ehering.
Drehen am Ehering hatte sich in fünfundvierzig Ehejahren als Gedankenfluss fördernde Methode bewährt.
„Es muss werden! Es muss!“
Er hustete und wischte sich in den Augen, seufzte, fuhr mit der rechten Hand über das leere Papier, schaute nach dem Tintenfass auf seinem Schreibtisch, als würde aus dem bauchigen Glas dunkelblau Hilfe emporsteigen.
Professor Gummeltwist hatte Prinzipien.
„Das lasse ich mir nicht nehmen, ich schreibe mit Füller.“ Er hustete und drehte ein zweites Mal am Ring.
„Es ist zu spät, mein Kopf benötigt Ruhe, mehr Bewegung, mehr frische Luft.“ Professor Gummeltwist schüttelte seinen Kopf, dachte an einen Spaziergang, hustete ein weiteres Mal, schob mit der linken Hand das leere Blatt Papier zur Seite und beschloss, für heute die Arbeit am Buch zu beenden.
Am nächsten Tag, gerade als er sich ausgiebig streckte, kamen Erinnerungen an seine Zeit im Yogakurs. Der Professor öffnete das Fenster, glaubte zu spüren, wie sofort die Gedanken in Bewegung kamen:
„Es muss werden! Es muss!“
Schon floss ein Satz aus seinem Füller, ein Satz mit zwanzig Kommas, der kein
Ende nahm. Professor Gummeltwist erschrak beim einundzwanzigsten Komma:
„Vielleicht ist es das falsche Thema?“
Er schüttelte seinen Kopf, hüstelte verlegen.
„Noch nie habe ich in den vielen Jahren meiner Professur das falsche Thema bearbeitet. Das letzte Buch über Objektivität gelangte in die Top Ten der wissenschaftlichen Belletristik: Dafür hatte ich ein ganzes Tintenfass leergeschrieben.“
In kreativen Zeiten drehte er oft am Ehering, lüftete mehrmals am Tag das Zimmer, aß fast ausschließlich Rohkost und trank den von seiner Frau selbstgepflückten und mit Liebe aufgebrühten Tee.
Bei seinem neuen Buch waren bisher hundertsiebenundvierzig Seiten zusammengekommen, das Tintenfass zum Drittel geleert.
„Es muss werden! Es muss!“
Der viel zu lange Satz wurde kurz vor dem zweiundzwanzigsten Komma abgebrochen.
Das dritte Drehen am Ehering sorgte zumindest für Ideenfluss: Hatte nicht ein kluger Mensch irgendwann vorgeschlagen, man solle von Zeit zu Zeit das kindliche Element im Leben aktivieren. Eine regelmäßige Portion Unschuld schmiert den Geist.
Er zog die Schultern nach vorn und sprach zu sich selbst:
„Ich verschwinde jetzt aus dieser Studierstube ins Kinderzimmer und gönne mir eine
Pause von mehreren Tagen.“
Dabei schaute er sich vorsichtig in der Wohnung um, wollte nicht, dass seine Frau von diesem Plan etwas mitbekam. Dann trank er, als Liebesbeweis, eine Tasse Kräutertee von ihr, diesmal in der Zusammenstellung von Linde, Brombeere, Himbeere, Pfefferminze, Holunder und Mädesüß. Professor Gummeltwist beobachtete erneut nachdenklich sein bauchiges Tintenfass und dachte dabei:
„Am Anfang war die Erde wüst und leer, doch es gab Tinte und einen passenden Füllhalter. Der erste nackte Mensch konnte beides nutzen. Und aus den Neandertalklecksen entwickelten sich lesbare Buchstaben.“
Plötzlich glaubte er, einen dunkelblauen Buben mit Kräuselhaaren aus dem Glas heraushuschen zu sehen. Professor Gummeltwist juchzte:
„Aha, ich beginne die Welt mit der Phantasie eines Kindes zu betrachten! Hervorragend! Das ist der richtige Zeitpunkt, um Kinderliteratur wiederzuentdecken. Genau!“
Sofort lief er auf den Dachboden, wo eine Kiste mit Kinderbüchern stand. „Ich greife da jetzt hinein und das Schicksal wird entscheiden.“ So geschah es, und das Schicksal entschied sich für:
„Geschichten vom Struwwelpeter“ aufgeschrieben von Heinrich Hoffmann.
„Genau das richtige Buch!“
Professor Gummeltwist schlug eine Seite auf und landete bei der Geschichte von den „Schwarzen Buben“.
„Ach ja, das sind die richtigen Geschichten“, sprach er vergnügt.
Und er las die Strophe, die ihm sein Schicksal spontan vor Augen führte:
„… bis übern Kopf ins Tintenfaß, taucht sie der große Nikolas.“ Sein Blick fiel wieder auf das Tintenfass auf seinem Schreibtisch.
„Am Anfang war das Tintenglas“, sprach der Mann und spürte große Müdigkeit. Sein
Blick auf die Uhr verriet ihm, es ist für Kinder zu spät.
„Aha, genau die richtige Zeit ins Bett zu gehen.“
Seiner Frau, die erst gegen zweiundzwanzig Uhr von der Arbeit nach Hause kommen sollte, schrieb er einen Zettel:
„Ich schlafe bereits.“
Und Professor Gummeltwist schlief so schnell ein, wie es nur ein artiges Kind tat, das nicht in die Hände und ins Tintenfass des großen Niklas geraten möchte.
Er träumte von einem schwarzen Buben, der in der Schule verspottet wurde. Drei Klassenkameraden waren frech und brutal, Professor Gummeltwist bekam richtig Wut im Schlaf. Er musste in dieser Nacht laute Selbstgespräche geführt haben, denn seine Frau war in den Nachbarraum ausgezogen.
Noch beim Aufwachen am Morgen spürte er Aufregung.
„Du hast auf mich eingeboxt, dass ich in den Nachbarraum bin“, bestätigte Frau Gummeltwist. Zum Glück sah man keine Blessur in ihrem Gesicht. Der Professor zuckte unschuldig mit den Schultern.
„Deshalb benötige ich heute Ruhe und Entspannung. Ich werde durch den Wald springen und Hasen aufscheuchen.“
„Was willst du machen?“
„Irgendetwas Anderes, Verrücktes, etwas, was Kinder gern tun.“
„Aha!“
Langsam scheint er mir überstudiert, dachte sie besorgt.
Professor Gummeltwist trank zum Frühstück Kakao und aß ein Pflaumenmussbrot.
„Heute lege ich eine Pause ein, weil mir das guttut.“
Dabei zog er Jacke und Schuhe an, verließ zufrieden lächelnd die Wohnung.
Er beobachtete den Grünspecht im Nachbargarten, pflückte eine Birne, ließ deren Saft beim Reinbeißen links und rechts aus den Mundwinkeln laufen.
Anschließend rannte er in den nahegelegenen Wald, verzichtete aber auf das Hasenaufscheuchen und Springen, denn das ungewohnte Rennen brachte ihn an körperliche Grenzen. Die spürbare Erschöpfung sorgte für ein Glücksgefühl.
„Ach ist das herrlich, unbekümmert durch die Natur zu laufen.“
Heute sprudelten die Ideen in seinem Kopf: Als Erstes ergriff er einen Stock und fuchtelte mit diesem wild in der Luft herum.
„Ich bin ein Ritter! Wo bist du, schöne Prinzessin.“ Außer einem Eichelhäher, der mit krächzender Stimme von oben herab warnte, reagierte niemand. So konnte der Ritter ungestört seine Prinzessin befreien. Nur musste die Schöne sofort die Flucht ergriffen haben, denn zu sehen war sie nicht. Dann balancierte er gewagt über einen Baumstamm, stellte sich auf eine Wurzel, um der Welt eine Rede zu halten, klopfte an alle möglichen Hölzer, komponierte neue Tonreihen. Um die dicke, im Weg stehende Buche spielte er allein Verstecken, legte sich anschließend zufrieden ins Moos, hatte aber Mühe wieder aufzustehen. Die alten Knochen knarzten gar nicht so kindlich.
„Herrlich! Genau die richtigen Ideen!“ Der Eichelhäher warnte wiederholt.
Nach seiner Waldtour verspürte er das Verlangen, an einer Grundschule vorbeizulaufen, dachte dabei an das Gebäude in der Nachbarschaft.
Das Schicksal wollte, dass dort die große Pause begann.
Er erkannte auf dem Pausenhof sofort Gruppenspiele aus seiner Kinderzeit.
„Sie spielen Fangens und Verstecken. Das ist ja wirklich hervorragend.“
Doch eine andere Beobachtung störte das unschuldige Bild: Wilhelm, der Junge von nebenan, schlug mit einem Gegenstand auf einen schwarzen Jungen mit Kräuselhaaren und machte sich lustig, dass dieser weinte.
Professor Gummeltwist war entsetzt, wollte dem schwarzen Buben zur Hilfe eilen.
„Das sind nicht die richtigen Spiele!“
Doch die pädagogisch stoppende Hand einer Lehrerin verwies ihn des Platzes. Kopfschüttelnd entfernte er sich, lief nach Hause, konnte das Gesehene nicht aus seinen Gedanken verbannen.
„Dieser Wilhelm, dieser Raufbold. Das ist ja genauso wie in der Geschichte von den schwarzen Buben.“
Seiner Frau erzählte der Professor von der Schulhofbeobachtung, zog sich anschließend ins Schlafzimmer zurück, um mit...




