E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Hoffmann Böhmische Elegie
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7497-3901-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-7497-3901-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
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Andreas Hoffmann geboren 1958 in Rudolstadt/Thüringen erlernte, nach Abschluss der Schulzeit, den Beruf des Schriftsetzers. Später entschied er sich für die Arbeit mit behinderten Menschen. Das Schreiben kam dabei nie zu kurz. Jedes Jahr entstand ein Theaterstück, welches mit behinderten Darstellern aufgeführt wurde. 2015 veröffentlichte er seinen ersten Roman 'Böhmische Elegie'. Andreas Hoffmann lebt heute mit seiner Frau in Rudolstadt.
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1 Im silbernen Toaster von Ehepaar Ringel hört man den späten Herbstwind singen. Er singt einen Choral, denn es ist Sonntagmorgen.
Vom Frühstückstisch aus lässt er das fertig getoastete Brot meterweit durch den Raum schwirren. So ist das im Oktober bei besonders preiswerten Geräten. Schnäppchenpreise sorgen jetzt für genügend Schwungkraft. Und Konkurrenz belebt das Geschäft: Wessen Schnittchen fliegen weiter? „Wir sollten uns ein besseres Gerät leisten“, seufzt Bärbel Ringel und sammelt die beiden fertigen Scheiben wieder vom Fußboden auf. „Weißt du, Eduard, Schmückrings haben einen guten Toaster!“ „Der ist mir zu grün! Quietschgrün!“ urteilt Eduard Ringel. Aber seine Frau kämpft um den Fortschritt: „Dort wo Preis und Leistung stimmen, macht man sich einen korrekten Beamten zu Diensten.“ Er runzelt die Stirn, zieht seine kräftigen Augenbrauen hoch: „Ja, wenn die Werbung es will, spricht das Brot mit dir. Schiebt den gebräunten Oberkörper aus der Versenkung und sagt: Mein Name ist Jonny und ich bin fertig.“ „Du willst dich nur nicht von diesem Billigteil trennen!“ Bärbel tröstet sich mit Sauerkirschmarmelade. Sauerkirschmarmelade ist nicht so sentimental wie jene fette Nougatcreme, bei deren Anblick Eduard Ringel behauptet: „Immer muss diese braune Masse mit auf dem Tisch stehen. Es ist zum Heulen! Die Tischdecke bekommt davon nur Flecken.“ Doch eine richtige Tischdecke zählt ihre Flecken, deutet damit die eigene Wertigkeit und brüstet sich später in der Waschtrommel gegenüber den Bettlaken. Manchmal gibt es auch Verlierer unter den Tischdecken. Nicht so Eduard Ringel, auch wenn er erst beim dritten Schlag mit dem blauen Plastiklöffel die Schale seines gekochten Frühstückeis zum Reißen bringt. Kein Handwerk für Sanftmütige! Freundliches Eierlöffelschwingen reicht bei solchen Dickschädeln leider nicht aus. Alois, ihren gelbgrünen Singsittich, scheint dieses Ritual zu nerven: Kaum fängt sein Herrchen mit Eierlöffelschwingen an, startet er eine hochfrequentierte, lautstarke Schimpfkanonade. Er benötigt auch keine zweieinhalb Tassen Kaffee mit wenig Milch und viel Zucker, sondern schüttelt sich zufrieden über trüb abgestandenem, im Glücksfall nur zwei Tage altem Wasser. „Es geht nichts über Weichkäse mit grünem Pfeffer“, meint Eduard genüsslich. Bärbel stört das nicht, denn die ganze Welt des kernlosen Glücks findet sie in ihrer Sauerkirschmarmelade. Nur heute ist etwas anders: Es gibt keine wirkliche Begründung für Eduards plötzlich auftretenden Schwindelanfall. Der Kaffee ist nicht zu stark, das Frühstücksei besiegt, die gemeinsamen Gespräche fließen noch geruhsam. Da bekommt die Muskulatur seines Mundes ein zitterndes Eigenleben, provoziert unangenehm starken Speichelfluss. Bärbel schüttelt den Kopf: „Nun lass dich nicht gehen. Wie dein Vater?“ Doch nicht genug: Hinter seinen plötzlich angeschwollenen Lippen wird ein Ausbruch vorbereitet. Schon besetzen erste Vorboten der Rebellion jede seiner Bewegungen im Gesicht. Aber was wird passieren? Schnell ist es Bärbel klar. Aus irgendwelchen Rachen-, Mund-, Gehirnhöhlen steigen Worte, ausgemergelte Gestalten, welche ohne Rücksicht jedes Hindernis überwinden und auf die weiße Feiertagstischdecke stürzen. Dabei formieren sie sich pfeilschnell zu ganzen Zeilen, Strophen, zeigen so ihre Stärke. Der Sonntagmorgen bleibt irritiert. Eduard, vom Verlust seines Bewusstseins überzeugt, wird zum Medium ihrer Revolte. Er muss, mit geschlossenen Augen, die ans Tageslicht gerückten Zeilenaussprechen. Eine einzige verzweifelte Rezitation:
„Sie jagen die Gerechtigkeit
Über die alten, treuen Wege ins Gebirge,
streifen ihr die Haut über den Kopf,
verbrennen das letzte Versteck im Schnee –
auch alle Jacken, Hosen, Röcke und den Lebensmut
ziehen sie uns aus - werfen ihn mit den Strümpfen ins Feuer.–
Bluthunde lecken die Verzweiflung unserer Tage auf, lästern,
zahlen Gold für jede giftige Schlange.“
Fertig! Er ist fertig! Auftrag erfüllt! Die Worte wurden in die Welt gesendet. Zuerst allerdings beschränkt auf die Wohnküche von Ehepaar Ringel.
Bärbel schaut ihn zu Recht besorgt an: „Hast du schlecht geträumt?“
„Ich habe gar nicht geträumt.“ Es regt ihn auf, jetzt nach einer Rechtfertigung zu suchen. Vielleicht hatte sich ein emotional schon länger in seinem Unterbewusstsein hängen gebliebenes Gedicht eben erbrochen. „Ach so“, lenkt sie versöhnlich ein, „du brauchst mehr Ruhe. Schalte doch wenigstens heute einmal ab. Es ist unser Tag: Zeit für dich und mich.“ Diese fette Nougatcreme, denkt er es muss einem ja dabei komisch werden. Einen Erklärungsversuch für das spontan aufgesagte Gedicht gibt es noch: Sein guter alter Literaturlehrer Klebe, dieser beeindruckende Mensch mit der Märchenerzählerstimme – er ist schuld. Hat ihm einst, in schulischer Vorzeit, lyrische Werke von Eichendorff, Storm, Mörike, Uhland, aber auch Goethe und Schiller, und Rilke, mit Hilfe pädagogischer Zwangsmaßnahmen ins Gedächtnis eingebrannt. Rilke ist schuld- und natürlich Klebe. Ich bin das literarische Opfer, werde nach Jahrzehnten wieder gequält von lebensfernen Gedichten. Eduard Ringels Gesundheit leidet darunter, die Nerven, das Gedächtnis: Gedichte machen nachdenklich und einsam!
Was ihm auffällt, ist die plötzlich eingetretene, unglaubliche Stille im Raum. Selbst das nächste Toastbrot kann nicht zum Sprung aus dem angeschaltenen Toaster ansetzen. Die Wanduhr vergisst das Luftholen, bleibt in ihrem Lauf stehen: Und Alois, der nervende Singsittich, gibt keinen Ton von sich, nicht einmal einen quietschenden!
Bärbel stellt keine Fragen mehr, der Kaffee ist getrunken, das Frühstück damit beendet.
Ob man die Strophe wiederholen kann?
Eduard Ringel murmelt die Worte ganz leise noch einmal, wartet allerdings, bis Bärbel den Raum verlassen hat. Die Worte kommen wieder, der Text sitzt. Gelernt ist eben gelernt. Aber ich habe ihn nie gelernt, seufzt Eduard. Ist so ein starkes Langzeitgedächtnis nicht wie ein Geschenk, Grund zur grenzenlosen Dankbarkeit? Eduard grübelt in sich hinein: Wann habe ich denn von dieser Strophe überhaupt gehört? Mir ist es nicht bekannt!
Was hilft das Jammern! Nach dieser morgendlichen Stunde hat ihn das Schicksal auserkoren, mit einer tragischen Strophe im Kopf zu leben. Klassische Gedichte können bis zum Tod bereichern. Aber nicht Zeilen wie: „Sie jagen die Gerechtigkeit über die alten, treuen Wege ins Gebirge, streifen ihr die Haut über den Kopf …“ Eduard spürt eine tiefe Veränderung, glaubt fast dem plötzlichen Anfall von Schüttelfrost ausgeliefert zu sein.
Eben ist noch Oktober! Und im November prüft er manchmal, etwas ängstlich, die weitere Anwesenheit der Worte. Sie sind da, klettern aus ihrem Versteck, klar und eindeutig.
Bärbel scheint die Situation vergessen zu haben, spricht nicht mehr von seinem literarischen Überraschungsangriff. Da sie als Krankenschwester zur Schichtarbeit verpflichtet ist, bleibt wenig Zeit für das gemeinsame Sonntagmorgenfrühstück.
Eduards Zoohandlung fordert geregelte Zeiten, das heißt von 9 Uhr bis 18.30 Uhr. Zum Glück! Denn wer will schon abends um 22 Uhr Nymphensittiche oder Farbmäuse kaufen. Natürlich bleibt er oft länger im Geschäft, betreibt gewissenhaft Inventur, schreibt Bestelllisten, überprüft vorhandene Bestände, widersteht jeder Form von Müdigkeit.
Es ist Ende November, Sonntag und Frühstückszeit. Bärbel hat frei. So können sie das morgendliche Ritual wieder gemeinsam pflegen. Mit dem dritten Schlag des blauen Eierlöffels ist die Schale des Fünf-Minuten-Frühstückseies gerissen. Warum gelingt das Bärbel beim ersten Mal – und dann noch unspektakulär auf der Tischkante. Mit Kaffee, dazu viel Milch und Zucker, kann er den aufkommenden Neid wegspülen. In dem Moment, in dem Eduard zu schwingen beginnt, startet Alois, der Singsittich, seinen nervenden Singsang.
Die ersten zwei Scheiben Weißbrot springen aus dem Toaster. Es ist wie immer. Erneut steht Sauerkirschmarmelade auf dem Tisch, diesmal gleich neben einem neuen Trockenblumengesteck. Nougatcreme, die alte Bekannte, leuchtet selbstbewusst und fett. Wenn doch nur ihr Glas endlich leer würde! In diesem Moment verspürt Eduard ein starkes Hungergefühl. Wieder bilden sich unerwartet Schweißperlen auf der Stirn, reagiert das Gesicht schlagartig mit blassen Zuckungen. Besonders die Mundpartie ist betroffen. „Geht es los, Eduard? Trink etwas! Schnell! Bring den Anfall hinter dich!“ Nein, er sieht nicht mehr, wie Bärbel ihm ein Glas Wasser reicht. Es ist gerade jener Augenblick, wo das Bewusstsein,...




