Hoffer Bei den Bieresch
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-85420-887-7
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-85420-887-7
Verlag: Literaturverlag Droschl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
"Bei den Bieresch" spielt 'in einem rätselhaft-unheimlichen Niemandsland' (Wolfgang Hildesheimer), dem Seewinkel, also dem Ostufer des Neusiedler Sees; der Erzähler Hans gerät, einem Ethnologen gleich, in eine fremdartige und doch vertraute Volksgruppe, eben die Bieresch, wo er, einem archaischen Brauch zufolge, ein Jahr lang die Rolle seines soeben verstorbenen nächsten Verwandten zu spielen hat. Diese Welt, die er allmählich zu enträtseln versucht, ist ein labyrinthischer Alptraum aus wechselseitigen Deutungen und Interpretationen, aus Fremdbeobachtungen und Ritualen, aus Kafka und Kabbala, aus Erzählungen, Anekdoten und Mutmaßungen, der ihn immer fester und unausweichlicher umfängt.Klaus Hoffer erhielt 1979 und 1980 sowohl den Rauriser Literaturpreis als auch den Alfred Döblin Preis für diesen Roman – von dem gerade der erste Teil erschienen war –, und das Werk wurde von der Kritik und der Kollegenschaft als Ereignis gefeiert; drei Jahre später erschien der zweite Teil. 'Ich glaube, es gehört zum Interessantesten überhaupt, was man heute so lesen kann', schrieb Friederike Mayröcker. Bei den Bieresch blieb ein Geheimtipp – viel zu unvergleichlich war das, was dieser Autor fernab aller Erwartungen und Konventionen dem Leser vorlegte.'Wir leben nicht, wir erklären das Leben', sagt einer der Bieresch einmal, den Reichtum und den Fluch dieser Existenzweise benennend. Wie nur wenige große Bücher ist Bei den Bieresch nicht nur die Beschreibung einer bestimmten condition humaine, sondern ihre Verkörperung, gleichermaßen in seiner Struktur, in seinen Sätzen und Bildern – ein außergewöhnliches, fremdartiges Kunstwerk von Rang!
Autoren/Hrsg.
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Erstes Kapitel
ANKUNFT
DREI HÄUSER STANDEN LEER, als ich in Zick ankam, die Familie in einem vierten stattete sich gerade mit dem Nötigsten aus, in einem fünften und sechsten fehlten noch Tische und Stühle, der wichtigste Hausrat. Auf den Fußböden warteten Matratzen auf Bettgestelle und -einsätze.
Meine Ankunft in Zick war der Auftakt zur Plünderung, denn bis zum Eintreffen des »Stellvertreters« oder »Verwalters«, wie man den Erbfolger in einfältiger Ironie auch nannte, war das Haus des Verstorbenen eine verbotene Sache, und erst in der Nacht, die seiner Einsetzung folgte, durfte mit den Raubzügen begonnen werden.
Am Bahnhof, der von außen wie aus den Überbleibseln einer Barackensiedlung und nur zu dem Zweck, mich aussteigen zu lassen, zusammen- und aufgefahren zu sein schien, erwarteten mich außer der Tante, die, mir zur Begrüßung, neben sich auf dem Gleiskörper eine Scheibtruhe abgestellt hatte, die Oberhäupter und Gefolge der sechs betroffenen Familien, vielleicht, um die Stärke des zukünftigen Gegners zu prüfen, vielleicht, um ihn einzuschüchtern. Der Tante, die etwas abseits alleine dastand, rannen die Tränen über das Gesicht, als sie mich, den kleinen, schwarzen, nur von einer Schnur zusammengehaltenen Pappendeckelkoffer in der Hand, auf dem Trittbrett des noch fahrenden Zuges entdeckte. Ich sprang ab, winkte ihr zu und eilte hin zu ihr, als der Zugführer auch schon das grüne Signal hob und so das Zeichen zur Weiterfahrt gab.
Den Koffer legte ich in die Scheibtruhe, deren Griffe fein ausgeführt waren und in zwei menschliche Hände aus Holz ausliefen, darüber den schwarzen Regenschirm mit dem schön verzierten Horngriff. Ich umarmte die Tante, wir küssten einander auf beide Wangen, ich wurde bekannt gemacht, nannte dem offenbar Ältesten, der mich als erster begrüßte, meinen Namen – er wandte sich kurz von mir ab, der Scheibtruhe zu und sah sich mein Reisegepäck an, den Schirm, der obenauf lag, darunter den Koffer, drehte sich wieder zu mir um und sagte unter einer knappen Verbeugung, die eine kleine Unordnung in sein reiches, gescheiteltes und nach hinten gekämmtes Haar brachte: »Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen, Herr Verwalter!« Danach trat er mit einem weiten Schritt in die Reihe der Versammelten zurück, um dem Nächstältesten Platz zu machen. Auch dieser grüßte mich, die Hände an den Falten seines glockig geschnittenen Uniformrockes, den Kopf leicht gesenkt. Noch viermal wiederholte sich diese Prozedur, bis ich schließlich allen »Göds« – so nannte man die Verwalter, die nach Ablauf ihrer Karenzzeit bei ihren Familien blieben – vorgestellt war. Unter ihnen fielen mir besonders zwei auf, die ein gutes Stück jünger sein mussten als ich, aber alle, die Älteren wie die Jungen, legten eine gleichbleibende, ernste Höflichkeit an den Tag, die sie und ihr Verhalten streng von dem der Restfamilien schied.
Nach einer kurzen Pause, in der wir nur dastanden und uns schweigend anschauten, während sich die übrigen Familienmitglieder durch sinnloses Hinundherschießen der Hände und unbegreifliches Schnappen der Münder Luft machten, empfahl sich der älteste Göd mit einer Verbeugung und nach ihm die anderen, und der Zug der Familien verschwand im Schatten des Bahnhofsausganges, der von einem schweren Milchglasvordach überwölbt war.
Ich nahm die Scheibtruhe, in die die Tante wegen der Nachmittagshitze ihren dünnen, durchsichtigen Regenschutz gelegt hatte, an beiden Griffen auf, und diese legten sich leicht in meine Hände, so dass es schnell zwischen den Tischen und Stühlen quer durch den Bahnhofwartesaal ging, der zu einer geräumigen Ausschank umgebaut war. Bekannte meiner Tante, die uns da und dort kaum merklich zunickten, drängten sich um die Tische, und in einer kleinen Loge, die vom übrigen Raum durch eine Kleiderablage getrennt war, erkannte ich welche, die mir noch von meinem ersten Besuch als kleiner Bub her erinnerlich waren: einen jungen, bärenstarken Burschen in einem sackfarbenen Wollleibchen und mit einem borstigen Schnauzbart, der, die Ärmel bis über die Ellbogen aufgestrickt und die Ellbogen auf den Tisch gestemmt, mit der rechten Hand, als wollte er eine Erinnerung wegwischen, immer wieder über sein Gesicht fuhr, während ihm ein zweiter, an den ich mich noch erinnerte, weil er immer wieder die Augen schloss und unter den geschlossenen Liddeckeln rollte, als wollte er einen Schrecken verjagen, eine Geschichte erzählte, die immer wieder im Lachen eines dritten, mir unbekannten, dicken Mannes, der schwarz gekleidet war und das Aussehen eines Messdieners hatte, unterging. – Ich wollte stehenbleiben, um ihnen zuzuschauen und vielleicht den Blick eines der Bekannten aufzufangen und zu erwidern, aber die Tante zerrte heftig an meinem Rockärmel und zog mich weg, wobei sie ärgerlich mit gedämpfter Stimme sagte: »Schau nicht dahin!«
Sie bahnte uns den Weg zwischen den Stühlen der Wirtshausbesucher hindurch, die unsere Anwesenheit kaum zur Kenntnis nahmen, sondern nur nachdenklich auf ihren Stühlen nach vorne wippten oder, wenn nötig, diese ein Stück tiefer unter ihre Tische rückten, wenn ihnen die Tante, fast zärtlich, die Hand auf die Schulter legte.
Wir traten ins Freie. Die Schwingtüre des Bahnhofs schlug hinter uns zu. Die helle, breite Straße, die vom Bahnhof wegführte, hatte tiefe Schlaglöcher, in denen sich nach dem letzten starken Regen eine braune, ölige, stechend riechende Flüssigkeit gesammelt hatte. Die Tante ging rechts von mir, immer ein bis zwei Schritte vorne weg und drehte sich manchmal, während sie mit mir sprach, zu mir um.
»Dein Onkel war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, es wird deshalb nicht leicht für dich sein, seine Stelle zu übernehmen und ihn zu ersetzen. Das aber wird von dir erwartet, nicht von mir – mir kannst du ihn nie ersetzen! –, aber von den andern. Man erwartet ja nicht viel: ein wenig Einfühlungsgabe, Hausverstand, Gruppengeist. Machst du mit, so wird’s dir gutgehn, sagt man bei uns. Das Leben soll weitergehen, man hasst alle Abwechslungen, jede Abwechslung bringt mehr vom selben. Wir brauchen keine Veränderungen, wir haben keine Zeit dafür: Sein Leben braucht man, bis man das Winzigste begreift. Das mag dir seltsam erscheinen – du kommst aus der Stadt! – Hier gilt der Städter nichts. Er lässt sich täuschen. Du bist nicht anders. Hast du nicht vorhin geglaubt, ich würde weinen? – Weine ich etwa?« fragte meine Tante und drehte mir mit einem Ruck ihr lachendes, irgendwie verdorben wirkendes Gesicht zu, in dem ihre zwei dunklen Augen frech aufleuchteten. Dann aber wurde sie wieder ruhig und sprach in einem rhythmischen, vom Takt ihrer schnellen, sicheren Schritte unterstrichenen Tonfall weiter: »Siehst du, du bist noch ein Kind. Du lässt dich irren. Nein, widersprich nicht. Ich habe dich geprüft. – Nimm zum Beispiel den zweiten Göd. Du hast gesehen, dass das Lid seines linken Auges schräg über das Aug herunterhängt, das macht nichts, es ist ein Schielauge, und ein Schielauge sieht nichts. Aber ich weiß, dass du auf nichts anderes geachtet hast, während er mit dir sprach. Das tun alle, damit rechnet er. Pass auf, wohin du trittst!« sagte meine Tante. Die Straße neigte sich leicht, und ich hatte alle meine Aufmerksamkeit auf die Scheibtruhe gerichtet, nur damit ich mit dem kleinen Holzrad den Schlaglöchern auswich, während ich selbst mit meinem linken Fuß beinahe in ein knietiefes Loch geraten wäre. »Er rechnet damit, dass man sein linkes Auge fixiert, aber er sieht mit dem rechten. Wir, die ihn schon lange kennen, machen einen Bogen um ihn und kommen von links, wenn wir ihn anreden. So bleibt uns ein kleiner Vorsprung. Er ist eine Wildkatze!«
Wir gingen ein Stück schweigend nebeneinander her. Die Tante nahm einmal kurz den Regenschirm aus der Scheibtruhe, um ihn auf seine Biegsamkeit zu prüfen. »Den müssen wir gut verstecken!« sagte sie und legte ihn zurück in die Truhe, nahm ihn aber gleich wieder heraus. Ich verstand nicht, was sie meinte, fragte sie aber nicht, sondern schob die Truhe vorsichtig die stark abschüssige Straße hinunter, während meine Tante frei vor mir ausschritt und ganz in Gedanken verloren schien. – Nur hier und da stocherte sie mit der Schirmspitze unter den Grasnarben und hob die Wurzelbüschel ein wenig in die Höhe. Ich musste den Karren zurückhalten, damit er mir nicht die Straße hinunter davonlief, und manchmal, wenn es mir gar zu schnell wurde, stellte ich mir vor, dass die Holzhände an den Truhengriffen meine Arme oberhalb der Ellbogen umfassten und festhielten, damit ich nicht hinfiel.
»Als erstes müssen wir dir etwas zum Anziehen herrichten. Das geht hier nicht!« sagte sie und hob dabei mit der Spitze ihres Schirmes die Schöße meines stark gemusterten Rockes hoch. – »Und was du für einen Hut aufhast!« lachte sie spöttisch. Es war ein breitkrempiger Sonnenhut, den ich auf Anordnung meines Arztes zu tragen hatte, weil ich hitzeanfällig war und auf Grund großer Blutarmut in der Sonne leicht das Bewusstsein verlor. »Gib ihn mir her« sagte die Tante. Aber als ich mich nach vorne beugte, um die Scheibtruhe kurz abzustellen, zog sie ihn mir selbst vom Kopf und stülpte ihn sich über. Mit ein paar Griffen drückte sie an drei Stellen die Krempe hinunter und gab ihm damit ein Aussehen, als wäre er von jeher ihr angemessen worden. Das Material, vorher steif, gab jetzt nach, und bei jedem ihrer weit ausholenden Schritte wippte die Krempe mit. Ich war sehr erstaunt darüber, wie sie sich Dinge gefügig zu machen verstand, und wie zur Antwort darauf drehte sie sich wieder lachend um und sagte in ihrem hochmütig-spöttischen Tonfall: »Du musst noch viel lernen!« – Auch ich wollte lachen, denn langsam, glaubte ich, ging mir ein Licht über...




