Buch, Deutsch, Band Enzyklopädie des Wiener Wissens, Bd. II, 134 Seiten, GB, Format (B × H): 150 mm x 210 mm
Forschungen zur Wiener Volkskultur im 20. Jahrhundert
Buch, Deutsch, Band Enzyklopädie des Wiener Wissens, Bd. II, 134 Seiten, GB, Format (B × H): 150 mm x 210 mm
Reihe: edition seidengasse · Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN: 978-3-902416-05-6
Verlag: Bibliothek der Provinz
»Kunde vom Volk« versucht einen über Forschungen zur Wiener Volkskultur im 20. Jahrhundert. Dabei liegt der Gedanke nahe, dass diese Zielsetzung in eine Geschichte der volkskundlichen Forschung mit Wien-Bezügen mündet. Allein, Volkskunde, wie sie am Universitätsstandort Wien betrieben wurde, lenkte den Blick allzu lange an urbanen Phänomenen vorbei. Volkskunde war bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg eine rückwärts gewandte Wissenschaft, die nach dem Ursprünglichen suchte, nach Phänomenen, die von der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierung schon fast völlig verdrängt worden und allenfalls in ländlichen Gebieten noch präsent waren. Wer nach älteren Wiener Stadtvolkskunden sucht, muss den Blick daher aufweiten und den Rahmen der Fachdisziplin Volkskunde sprengen.
Vom Volk kündeten eben nicht nur die Volkskundler selbst, sondern auch Sozialreporter wie Max Winter, politische Lebensreformer und Volkbildner wie Otto Neurath oder Kulturhistoriker wie Gustav Gugitz. Forscherpersönlichkeiten, deren Arbeiten spät aber doch in der einen oder anderen Form von der Volkskunde aufgegriffen worden sind und daher in einem Überblick über die Geschichte der Wiener Volkskulturforschung nicht ausgeschlossen bleiben dürfen.
Dabei ist charakteristisch, daß alle Erkenntnisbestrebungen bezüglich der Wiener Volkskultur stets von spezifischen Menschen- und Gesellschaftsbildern geprägt waren. Die frühen Kulturhistoriker frönten dem Pittoresken und Antiquierten und entwarfen ein Gegenbild zu der von raschem Wandel geprägten Zeit. Der engagierte Sozialreporter indessen blickte vor allem auf Lebensformen, die ihm als soziales Elend erschienen und wollte Bewusstsein für die Lebenslage der Unterprivilegierten wecken. Otto Neurath indessen lieferte Gesellschaftsanalysen, auf deren Grundlage neue Lebensformen entwickelt werden und neue Stadtstrukturen entstehen sollten. Der früh verstorbene Helmut Paul Fielhauer schließlich bemühte sich um die Einführung sozialwissenschaftlicher Aspekte und um eine kritische Heimatkunde.
Volkskulturforschung reflektiert somit stets den Zeitgeist, aus dessen Mitte heraus sie sich konstituiert. Dies ist auch in der Gegenwart nicht anders. Gerade auf dem Weg in eine Erlebnis-, Medien- und Wissensgesellschaft wird es daher zunehmend wichtig werden, kulturwissenschaftliches Tun selbstkritisch zu hinterfragen und die analytische Formel »wer tut was auf welche Weise und in welchem Interesse« nicht nur in Bezug auf die Forschungsgegenstände, sondern auch auf das forschende Subjekt anzuwenden.
[Enzyklopädisches Stichwort]




