Höra | Das Ende der Welt | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Höra Das Ende der Welt


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8458-0322-7
Verlag: arsEdition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-8458-0322-7
Verlag: arsEdition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Daniel Höras großer dystopischer Zukunftsroman. Düster, hart, nachdenklich und mit funkelndem Humor erzählt. Spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Seit der Großen Katastrophe kann man die Sonne als giftig-gelben Schein hinter dem schmutzigen Grau des Himmels nur noch erahnen. Kjell ist fast fünfzehn und Soldat bei den Schwarzen Jägern. Es ist eine große Ehre, in dieser Einheit kämpfen zu dürfen. Wenn gerade kein Krieg herrscht, jagen sie Terroristen, Kriminelle und Abweichler oder schlagen Arbeiteraufstände nieder. Als die Senatswahlen anstehen, werden sie zum Schutz der Kandidaten nach Berlin verlegt. Laut und sittenlos soll es in der Hauptstadt zugehen, in den Ruinen und verlassenen Stadtteilen verstecken sich Flüchtlinge und Gesetzlose aller Art. Kjell kann es nicht erwarten, die wanzige Stadt wieder zu verlassen. Doch dann gerät er in ein Komplott und muss auf einmal ganz schnell weg, ausgerechnet zusammen mit der unerträglichen Kanzlertochter Leela. Es beginnt eine Flucht quer durch das verwüstete Land, die nicht nur Kjells Leben auf den Kopf stellen wird.

Daniel Höra, geboren in Hannover, wuchs in einer Hochhaussiedlung am Stadtrand auf. Er machte in seiner Jugend selbst Erfahrungen mit Polizei und Justiz. Nach der Schule arbeitete er am Fließband, war Möbelträger, Altenpfleger, Taxifahrer und TV-Redakteur. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Bei arsEdition sind die Jugendbücher Das Ende der Welt, Braune Erde, Gedisst und Das Schicksal der Sterne erschienen.
Höra Das Ende der Welt jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


01


An meinem fünfzehnten Geburtstag würde ich das erste Mal einen Menschen töten. Einen Mörder oder einen Terroristen. Meine Beute würde etwas Vorsprung bekommen, aber das würde ihr nichts nützen, denn ich war für die Jagd ausgebildet. Ich würde mein Opfer Tag und Nacht jagen und es dann mit dem Messer zur Strecke bringen. Erst wenn ich diese Probe bestanden hätte, würde ich als erwachsen gelten. Doch bis dahin sollte es fast noch ein Jahr dauern.

Seit meinem siebten Lebensjahr war ich in einem Internat der Armee. Bis dahin hatte ich bei meiner Mutter gelebt, aber seit ich Soldat war und sie einmal im Jahr besuchte, war mir die Frau mit den feinen Zügen fremd geworden und ich fuhr nicht gern zu ihr. Wir stritten jedes Mal, auch weil sie darauf bestand, mich bei meinem richtigen Namen zu nennen. Dabei hieß ich seit meinem Eintritt in die Armee: Kjell! Der Name hatte keinerlei Bedeutung. Er war kurz und klang wie ein Befehl. Nur darauf kam es an. Denn in der Schlacht, wenn der Tod in Form einer Kugel oder eines Messers auf dich zurast und du nach deinen Kameraden schreist, hast du keine Zeit für einen Jonathan oder einen Konstantin.

Es war nicht meine Schuld, dass ich Soldat geworden war. Die Ärzte hatten mich für tauglich erklärt, und hätte Mutter sich geweigert, wäre unsere Familie entehrt gewesen und verstoßen worden. Aber anstatt sich zu freuen, dass ich die Möglichkeit hatte, ein berühmter Kämpfer zu werden, hielt sie mir immer wieder meinen Vater vor, der im Krieg gefallen war.

Das Leben in der Kaserne war hart. Schon in der ersten Woche mussten wir lange Märsche machen, und wenn wir nicht in Reih und Glied marschierten, schlugen uns unsere Vorgesetzten. Abends bekamen wir dann muffiges Wasser und schimmlige Kartoffeln vorgesetzt. Damals habe ich viel geweint. Das taten alle neuen Rekruten. Man durfte sich nur nicht erwischen lassen, denn dann setzte es Schläge. Und geschlagen wurden wir beim geringsten Vergehen. Dazu benutzten unsere Ausbilder eine Rute, einen langen dünnen Stock mit einer Bleikugel an der Spitze. Das sollte uns gegen Schmerzen unempfindlich machen.

Seit meinem zwölften Lebensjahr war ich Offiziersanwärter. Mit meinem Vorgesetzten hatte ich Glück. Er hieß Sönn und schlug uns Kadetten selten. Und wenn, schien es ihm keinen Spaß zu machen im Gegensatz zu den anderen Offizieren. Sönn war ein ruhiger Mann, mit tiefen Furchen im Gesicht und dunklen Haaren, in denen sich schon das Grau des Alters ankündigte. Er war lang und dünn wie eine Peitsche und ebenso gefährlich. Sein Gesicht war mit blauen Strichen tätowiert. Für jedes Opfer einen. Sönns Augen waren kalt und mitleidlos und es schien, als würde er niemanden mögen. Doch wenn er mich sah, stahl sich etwas Warmes in seinen Blick.

Unsere Einheit nannte sich die Schwarzen Jäger. Schwarz, weil unsere Uniformen und unsere Standarte schwarz waren. Wir waren auf den Partisanenkampf spezialisiert und bekämpften unsere Gegner aus dem Hinterhalt. Herrschte gerade kein Krieg, jagten wir Terroristen, Kriminelle und Abweichler. Manchmal schlugen wir auch Aufstände der Zefs nieder. Zefs nannten wir die Arbeiter und alle, die keine Soldaten oder Senatsbürger waren.

Ich mochte die schmutzigen Zefs nicht. Sie waren dumm und verschlagen. Immer wenn sie uns anrücken sahen, flitzten sie in alle Himmelsrichtungen auseinander, wie Ungeziefer, das man unter einem Stein aufscheucht.

Dieses Mal waren wir auf der Suche nach einem jungen Zef namens Roger. Er hatte sich einem Aufseher widersetzt und sollte bestraft werden.

Aufgefädelt wie Patronen auf einem Munitionsgurt, marschierten wir im Morgengrauen in einer langen Reihe auf die Siedlung der Zefs zu. Im Osten ging gerade ein giftig-gelblicher Schein am Horizont auf: die Sonne! Jeden Tag versuchte sie sich durch die grauen Wolken zu mogeln, die undurchdringlich am Himmel klebten. Und nie schaffte sie es. Seit der Großen Katastrophe konnte man die Sonne hinter dem schmutzigen Grau nur noch erahnen. Früher hatte sie den Lebensrhythmus auf der Erde bestimmt. Es soll sogar verschiedene Jahreszeiten gegeben haben, aber das hielt ich für ein Märchen. Und selbst wenn, jetzt lebten wir unter diesem Himmel wie unter einer Leichendecke begraben. Wir alle waren bleich wie die Maden. Die Ärzte hatten uns erzählt, dass im Sonnenlicht ein wichtiger Stoff steckte, der uns jetzt nicht mehr erreichte, deshalb gaben sie uns Vitamine zu schlucken. Aber das Zeug machte müde und bösartig, deswegen schmiss ich es oft weg.

Ich zerrte mir den nassen Uniformstoff von der Haut, um mir etwas Luft zu verschaffen. Durch den ständigen Nieselregen waren unsere Kleider immer feucht. Wenigstens sanken die Temperaturen nie unter 10 Grad, so dass es nicht richtig eisig wurde.

Verkohlte Baumstümpfe standen am Weg, der uns zur Zef-Siedlung führte. Rechts davon erstreckte sich, wie ein schmutziges Meer, ein fruchtloser Acker, der an einem dichten Wald endete. Zu meiner Linken zerplatzte blubbernd eine Blase auf dem breiigen Sumpf. Mücken schwirrten in der Luft herum und machten uns das Leben schwer. Immer wieder hörte ich ein Klatschen, gefolgt von einem Fluch.

Als wir an einem Autowrack vorbeikamen, schoss ein pilzübersäter Hund hervor und kläffte uns an. Sönn erschlug ihn mit seinem Knüppel.

Die Schlote der Eisengießerei waren bereits in Sicht, als Sönn Prüm und mich zu sich winkte. »Ihr beide nehmt den Gesuchten fest«, sagte er.

Das war eine große Ehre für uns Jungen, denn normalerweise führten wir solche Aufträge nur in Begleitung älterer Soldaten aus. Nachdem wir die Hütten durchsucht hatten, bekamen wir einen Tipp: das Gemeindehaus.

»Du gehst vorn rein«, befahl Prüm und machte mir Zeichen, dass er die Hintertür nehmen würde.

Ich hasste Prüms Befehlston. Schließlich waren wir ebenbürtig. Aber ich gab nach, um einen Streit zu vermeiden. Vorsichtig stieß ich die Tür mit meinem Schlagstock auf und wartete einen Augenblick, bis meine Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. Ich probierte den Lichtschalter, was ziemlich sinnlos war, da es um diese Zeit noch keinen Strom gab. Zwar hatten die Fabriken eigene Kraftwerke für ihre Maschinen, aber die Zefs bekamen nur am Abend für zwei Stunden Strom.

Ich suchte auf dem staubigen Boden nach frischen Fußabdrücken, konnte in dem Dreck aber nichts erkennen. Langsam drehte ich mich um die eigene Achse, den Schlagstock erhoben. Tödliche Waffen durften wir gegen die Zefs nicht einsetzen, denn auch wenn sie nicht viel wert waren und sich sowieso wie die Kaninchen vermehrten, waren sie doch nützlich. Wer einen Zef tötete, musste mit einer empfindlichen Geldstrafe rechnen, es sei denn, es war Notwehr.

Vor mir über der Bar hing ein verschmierter Spiegel. Ich sah hinein und erkannte im Licht des herandämmernden Morgens meine kräftige Gestalt, die perfekt sitzende schwarze Uniform, das hohlwangige Gesicht mit den Pickeln unter dem militärischen Bürstenschnitt.

Meine Mutter war immer so stolz auf mein Haar gewesen. Es war blond und kräftig, und wenn es länger wuchs, bekam ich Locken und sah aus wie ein Mädchen.

In diese Gedanken versunken, sah ich im Spiegel hinter mir eine Bewegung und schnellte herum. Zu spät, etwas Hartes knallte mir an die Schläfe, und für einen Moment stürzte ich in ein tiefes, schwarzes Loch, bevor ich mich auf dem Boden wiederfand. Mein Gegner sprang auf mich und presste mir mit seinem Gewicht die Luft raus. Ich schlug blindlings um mich, traf etwas Weiches, hörte ein Knirschen und wusste, dass ich ihm die Nase gebrochen hatte. Augenblicklich tropfte mir fremdes Blut ins Auge und sogar in den Mund. Ich spuckte, um den metallischen Geschmack loszuwerden. Der Angreifer nutzte meine Schwäche und presste seine Hände wie eine Zange um meinen Hals. Blindlings tastete ich nach meinem Schlagstock, fand ihn aber nicht. Mir ging langsam die Luft aus, und meine Augen fingen an zu tränen. Hinter meinem Gegner sah ich eine dunkle Gestalt stehen. Der Todesengel, schoss es mir durch den Kopf. Ich würgte, und ein grelles Licht erschien als winziger Punkt vor meinen Augen, der größer und größer wurde. Ich wusste, er würde mich einsaugen, und dann wäre ich tot. Ein Teil meines Bewusstseins wollte aufgeben, sanft und widerstandslos hinübergleiten. Doch der andere Teil wollte überleben. Mit letzter Kraft riss ich das Knie hoch und traf meinen Gegner in die Weichteile. Er ließ mich augenblicklich los und krümmte sich auf dem Boden, wobei er sich die Hände zwischen die Beine presste und von einer Seite auf die andere rollte.

»Du hast mir die Eier zerquetscht«, stöhnte er.

»Du hast mich fast umgebracht«, röchelte ich und rieb mir den Hals. Das Schlucken war ein einziger Schmerz.

»Ich wollte nur abhauen.«

»Bist du Roger?«, fragte ich ihn.

»Ja!«, heulte er.

Er war ein wenig älter als ich. Stark wie ein Baum, aber kein erfahrener Kämpfer.

»Deine Leute werden mich umbringen, wenn sie erfahren, dass ich dich angegriffen habe«, sagte er.

»Das werden sie.« Und in diesem Augenblick wünschte ich mir, dass sie Roger in kleine Stücke schnitten und an die Schweine verfütterten.

»Ich wollte nur, was mir zusteht«, schluchzte er. »Der Vorarbeiter hat meine Stückzahl gefälscht, um das Geld für sich zu kassieren. Er ist ein Betrüger. Nur deswegen habe ich ihn geschlagen.«

Er sah mich mit seinen verheulten Augen an.

Ich wollte nichts davon hören. Was geht mich das Zefpack an, dachte ich.

»Deshalb soll ich bestraft werden. Zwanzig Peitschenhiebe«, jammerte Roger.

Das fand ich nicht...


Höra, Daniel
Daniel Höra, geboren in Hannover, wuchs in einer Hochhaussiedlung am Stadtrand auf. Er machte in seiner Jugend selbst Erfahrungen mit Polizei und Justiz. Nach der Schule arbeitete er am Fließband, war Möbelträger, Altenpfleger, Taxifahrer und TV-Redakteur. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Bei arsEdition sind die Jugendbücher Das Ende der Welt, Braune Erde, Gedisst und Das Schicksal der Sterne erschienen.

Daniel Höra, geboren in Hannover, wuchs in einer Hochhaussiedlung am Stadtrand auf. Er machte in seiner Jugend selbst Erfahrungen mit Polizei und Justiz. Nach der Schule arbeitete er am Fließband, war Möbelträger, Altenpfleger, Taxifahrer und TV-Redakteur. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Bei arsEdition sind die Jugendbücher Das Ende der Welt, Braune Erde, Gedisst und Das Schicksal der Sterne erschienen.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.