E-Book, Deutsch, Band 430, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
Hochleitner Alpengold 430
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-6682-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Herz muss schweigen
E-Book, Deutsch, Band 430, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-7517-6682-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit ernstem Gesicht steht der Bauer vom Erlingerhof vor seiner Tochter. »Traudl, du musst endlich ans Heiraten denken. Und ich hätt' auch schon den passenden Mann - den Barneck-Jochen. Wenn du den nimmst, dann hast du ausgesorgt.«
Traudls Herz trafen diese Worte wie ein Dolchstoß. »Ich mag den Jochen net, Vater«, flüstert sie und denkt an den Baltus, dem ihre ganze Liebe gehört.
»Was heißt mögen«, unterbricht der alte Mann sie hart. »Die Liebe wächst mit der Zeit. Nimm den Jochen. So ein Glück kommt net alle Tage.«
Der Erlinger meint es gut mit seiner Tochter. Wie hätte er ahnen können, dass gerade dieser Mann seiner Traudl unsagbares Leid zufügen wird?
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Ein Herz muss schweigen
Ergreifender Roman um einen mutigen Weg
Von Christian Hochleitner
Mit ernstem Gesicht steht der Bauer vom Erlingerhof vor seiner Tochter. »Traudl, du musst endlich ans Heiraten denken. Und ich hätt' auch schon den passenden Mann – den Barneck-Jochen. Wenn du den nimmst, dann hast du ausgesorgt.«
Traudls Herz trafen diese Worte wie ein Dolchstoß. »Ich mag den Jochen net, Vater«, flüstert sie und denkt an den Baltus, dem ihre ganze Liebe gehört.
»Was heißt mögen«, unterbricht der alte Mann sie hart. »Die Liebe wächst mit der Zeit. Nimm den Jochen. So ein Glück kommt net alle Tage.«
Der Erlinger meint es gut mit seiner Tochter. Wie hätte er ahnen können, dass gerade dieser Mann seiner Traudl unsagbares Leid zufügen wird?
Lange Zeit war das junge Madl nicht mehr oben am Hochwald gewesen. Aber an diesem sonnigen Herbsttag, der den Sommer noch einmal heraufbeschwor, hielt es sie nicht auf dem kleinen Hof des Vaters. Zu Fuß machte sie sich auf den Weg.
Traudl Erlinger wusste nicht, warum sie nicht den breiten Reitweg nahm. Stattdessen wählte sie den beschwerlichen Pfad durch die enge Bergschlucht.
Und sie war noch keine hundert Meter in dieser Schlucht, als das Verderben über sie hereinzubrechen schien.
Grollend und polternd erhob sich ein mächtiges Getöse über ihr und verstärkte sich immer mehr. Mit pochendem Herzen nahm das Madl wahr, dass ein heftiger Steinschlag einsetzte.
Mit Mühe nur gelang es Traudl, einen schützenden Felsvorsprung zu erreichen. Er ragte wie ein kleines Dach aus dem Massiv heraus. Gerade groß genug, um einen notdürftigen Unterschlupf zu bieten. Aber eben nur einen behelfsmäßigen Schutz, wie sie bald darauf feststellen musste.
»Jessas!«, entfuhr es ihr, als die ersten Gesteinsbrocken an dem Dach vorbei mit einem Höllenspektakel in die tiefe Schlucht stürzten.
Eng presste Traudl sich an die Felswand, um von den Steinen nicht getroffen zu werden.
Immer dichter folgte jetzt Stein auf Stein, kleine und große Brocken, manchmal riesige Klumpen dazwischen, die einen Menschen erschlagen konnten.
»Helft mir doch, helft mir hier heraus!«, schrie das Madl in entsetzlicher Angst und wusste selbst nicht, an welche Adresse ihre jammernd ausgestoßenen Worte gehen sollten. Sie rief und schrie ganz unbewusst um Hilfe. Und sie wusste genau, dass es menschliche Hilfe auf diesem verlassenen Pfad kaum geben würde.
Minutenlang stürzten die Steinmassen herab, aber Traudl schien es, als stehe sie seit Stunden so da.
Dann endlich schien sich der böse Spuk zu legen. Still lagen Berge und Wald im Herbstsonnenschein. Nur vom Tale her waren die Geräusche von den Höfen zu hören. Dort lag das Haus des Vaters. Und dort, weit drüben, war der Hof des mächtigen Großgrundbesitzers.
Traudl schüttelte sich, wenn sie an den grobschlächtigen, egoistischen und harten Mann dachte. Und an dessen Sohn. Nein, sie waren nicht beliebt, die Herren von Barneck. Hannes von Barneck senior herrschte wie ein Tyrann über seine Pächter.
Und Josef Erlinger, Traudls Vater, war einer von ihnen. Karg ging es bei ihnen zu, fast ärmlich. Aber meistens reichte die spärliche Ernte gerade für das, was der Vater und die Kinder zum Leben brauchten. Und wenn schon einmal etwas zum Verkauf auf dem Markt übrig blieb, ging es für den hohen Pachtzins drauf.
Ausbeuter!, dachte Traudl, als sie ängstlich nach oben sah und sich fragte, ob der Steinschlag wirklich zu Ende war. Oft folgte bei solchen Naturkatastrophen einer der gefürchteten Nachzügler, denen man dann völlig wehrlos ausgesetzt war.
Sie entschloss sich, doch noch den Hochwald aufzusuchen. Aber zu ihrem Entsetzen musste sie feststellen, dass der enge Pfad über viele Meter hin fast verschüttet war.
Mit Mühe räumte sie die großen und kleinen Hindernisse aus dem Weg, schob Gesteinsbrocken bis an den Rand der Schlucht und ließ sie in die Tiefe sausen.
Schließlich konnte Traudl ihren Weg fortsetzen. Die Erinnerung an die Kindheit stieg vor ihr auf. Wie oft war sie dort oben gewesen, und meistens nicht allein. Schon als Kinder waren sie unzertrennlich gewesen, die Traudl vom Erlingerhof und der Baltus Hembacher. Doch der war weit weg jetzt, drunten in der Stadt, wo er studierte.
Mit einem Seufzer erinnerte sich das Madl der vielen gemeinsamen Stunden von früher. Nie war ein böses Wort zwischen ihnen gefallen. Zwischen ihnen hatte immer Eintracht geherrscht, als sie Kinder gewesen waren, als sie heranwuchsen, als sie sich den ersten zaghaften Kuss gegeben hatten!
Wann war das?, fragte sich das Madl. Drei, vier Jahre war es jetzt her. Und heute war sie zweiundzwanzig Jahre alt. Ja, es war vier Jahre her, als sie zum ersten Mal gespürt hatten, dass sie nicht nur Freunde bleiben würden.
Scheu, ganz langsam, wie der erste Sonnenstrahl über dem aufglänzenden Morgentau, war ihre Liebe in ihnen herangewachsen. Und sie hatten oft gesprochen, damals, wie es später einmal sein würde ...
Jetzt aber waren sie getrennt, und manchmal beschlichen bange Zweifel das Madl, ob einmal Wahrheit werden könnte, was sie sich immer so sehnlich gewünscht hatten.
Ob der junge Mann in der Stadt noch manchmal an sie dachte? Oder hatte ihn das Studium von jedem Gedanken an sie entfernt?
Traudl fühlte sich in diesen Minuten im Hochwald ganz elend und unglücklich.
Baltus, dachte sie nur. Und sie sprach seinen Namen leise vor sich hin, wie ungewollt, ganz ohne Absicht. Doch ihr Herz war dabei, als sich die Lippen zu diesem Namen formten.
»Baltus. Ich bin so allein!«
Dann kam sie zu ihrer Lieblingsbank. Sie ließ sich dort nieder und gab sich ihren Gedanken hin. Die Bilder verwirrten sich ein wenig, als sie auf das majestätische, friedliche Panorama vor sich sah.
Die Berge und das Tal. Das war ihre Heimat. Dort wollte sie bleiben.
Der Baltus müsste jetzt hier sein, dachte Traudl. Die Sehnsucht, die ich hab, wird immer größer. Ich kann's nicht ausdrücken, ich hab nicht die Worte der feinen studierten Leute. Aber ich weiß schon, was ich spüre.
Eine Stunde lang mag sie so gesessen haben, mit ihren Gedanken beschäftigt, als sie sich erhob und den Rückweg antrat. Diesmal aber auf dem anderen, dem »richtigen« Weg, fern von der Schlucht.
***
Traudl war gerade erst ein paar Minuten gegangen, als ihr ein junger Mann entgegenkam, den sie in diesen Minuten am allerwenigsten zu sehen wünschte.
Er blieb stehen, als er sie erkannte, stemmte die Hände in die Seiten und grinste sie an. Ganz der Vater, dieser Jochen von Barneck.
»Grüß dich, Traudl!«, rief er ihr entgegen. »Wie schaust denn du aus? Bist du in den Steinschlag gekommen?«
Verwundert sah sie ihn an.
»Servus, Jochen. Woher weißt du denn das, hm?«
»Ich hab grad gehört davon. Ein Förster hat's da rumpeln hören, da drüben. Und da ich grad bei deinem Vater war, hab ich erfahren, dass du zum Wald wolltest. Durch die Schlucht, die damische. Hättest nie allein da durchgehen sollen, mein ich.«
»Es ist mir ja nix passiert, bis auf ein paar Schrammen.«
»Na, Gott sei Dank«, sagte er darauf. »Jedenfalls hab ich deinem Vater gesagt, da fahr ich los und seh mal nach, ob der Traudl nix passiert ist.«
»Wirklich, Jochen?«, fragte sie erstaunt. »Du bist meinetwegen hierherauf gekommen?«
»Freilich! Hab den Wagen da unten, wirst gleich sehen. Ich werd dich nämlich nach Haus fahren, schön langsam.«
»Warum langsam?«, wollte sie wissen.
»Na, hör mal! Wo ich doch froh bin, dass ich dich wieder mal sehen kann. Kommt ja sonst so selten vor. Machst dich arg rar bei mir, gell?«
Traudl wusste ihm nicht direkt darauf zu antworten und lenkte ihn von dem Thema ab, indem sie vom Steinschlag erzählte.
»Fast hätt's mich erwischt, sag ich dir. Nur so ein kleiner Vorsprung war da am Fels, da hab ich mich unterstellen können.«
»Das machst du nicht wieder, Madl. Ist viel zu gefährlich. Schaust ja arg zerzaust aus.« Er lachte unbekümmert. »Siehst du, da ist schon der Wagen. Und der Braune ist schon ganz ungeduldig. Komm, ich heb dich rein in die Kutsche.«
Er machte Anstalten, das Madl hochzuheben, doch Traudl wich schnell zwei Schritte zurück.
»Anrühren tust du mich net, ist das klar? Meine Füße sind schließlich nicht kaputt, die kann ich gebrauchen.«
»Ist ja gut«, lenkte Jochen ein. »Dann steig auf.«
Traudl nahm in der Kutsche Platz, er setzte sich auf den Kutschbock. Als er mit der Zunge schnalzte, zog das Pferd langsam an.
Unterwegs sprachen sie nur wenige Worte. Nur einmal drehte sich der Sohn des Großgrundbesitzers zu ihr um.
»Bald ist das große Gutsfest bei uns, da musst du kommen«, sagte er. »Viele Leute sind da eingeladen, und ich wünsch mir, dass du meine Tänzerin bist.«
»Da werd ich erst den Vater fragen müssen«, wich das Madl aus.
»Ach was, Traudl, wozu meinst du, dass dies nötig ist? Hab ihn längst gefragt, deinen alten Herrn. Und...




