E-Book, Deutsch, Band 2, 434 Seiten
Reihe: Die Magikk-Saga
Hirsch Die Krähe und der Blumenprinz
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-0300-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 2 der Magikk-Saga
E-Book, Deutsch, Band 2, 434 Seiten
Reihe: Die Magikk-Saga
ISBN: 978-3-8192-0300-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Leo Hirsch, geboren 1996, begeistert sich seit ihrer Kindheit für Magie und fantastische Welten. Wenn sie nicht gerade in ihren Tagträumen versinkt, widmet sie sich dem Zeichnen oder besucht Festivals und Konzerte. Die Magikk-Saga ist ihr Herzensprojekt und zugleich ihr Romandebüt. Auf TikTok findet man sie unter @_leo.hirsch, auf Instagram unter @_leo.hirsch.schreibt.
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2
Irma klatschte sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht und knotete anschließend ihr immer noch bräunlich getöntes Haar zusammen. Unzufrieden betrachtete sie sich im Spiegel.
Augenringe bis nach Timbuktu.
Es fühlte sich beinahe an wie ein Déjà-vu. Erst letzten Sommer war Irma regelmäßig aus den Träumen hochgeschreckt, die ihr die Mondgöttin Belisana geschickt hatte. Genau wie damals wurde sie auch jetzt nicht schlau daraus. Kein bisschen. Das gackernde Lachen von Baba Jaga hallte noch in ihrem Kopf, und Irma bekam den grotesken Anblick des Fuchses mit den Hühnerbeinen nicht aus dem Kopf.
Wieso kapiert Belisana denn nicht, dass sie sich gefälligst klar ausdrücken soll?
»Wir haben ein Telefon, weißt du?«, zischte Irma, ihre Augen gen Himmel gerichtet, wo sie die Göttin vermutete. »Du könntest auch einfach anrufen und sagen, was du von mir willst!«
Irma war so frustriert, dass sie die Mondgöttin am liebsten angebrüllt hätte. Bevor sie dazu kam, hörte sie allerdings, dass noch jemand zu nachtschlafender Zeit durch die Wolfswacht schlich. Irma verließ das Badezimmer und stieg barfuß und in ihrem schlabberigen Schlafshirt die knarzende Holztreppe hinunter. Selmas Zimmertür stand offen. Iven schien wohl ebenfalls wach zu sein.
Soll ich es wagen?
Auch wenn Irma befürchtete, sofort wieder abgewiesen zu werden, beschloss sie, zu ihm zu gehen. Aus dem Wohnzimmer drang gedämpftes Licht in den dunklen Flur, und Irma schlich leise durch die Tür. Als sie Iven erblickte, der mit dem Rücken zu ihr zwischen den Gardinen aus dem Fenster lugte, schluckte sie schwer. Er trug kein T-Shirt und seine Haut war aschfahl. Ivens Schulterblätter standen scharfkantig hervor, er sah mittlerweile noch kränklicher aus als kurz nach seiner Befreiung aus dem Verlies im Feuerberg. Als wären die Verletzungen, die ihm die scharfen Klauen der Wolfsmänner verpasst hatten, sowie die Folter unter Helia noch nicht genug gewesen, setzte Iven nun selbst alles daran, nicht wieder gesund zu werden. Er hatte seinen Lebenswillen verloren.
Unsicher, was sie sagen sollte, räusperte sich Irma und fragte leise: »Kannst du auch nicht schlafen?«
Daraufhin drehte sich Iven zu ihr um und betrachtete sie für einen Augenblick. Er musste sie schon von Anfang an bemerkt haben, und Irma schöpfte Hoffnung, endlich mit ihm sprechen zu können. Die dunklen Schatten unter seinen müden Augen erschienen wie ein Spiegel ihrer eigenen. Doch ihre kurz aufgekeimte Hoffnung wurde zerschmettert, als er seinen Blick abwandte und sich wortlos daran machte, das Wohnzimmer zu verlassen.
Irma reichte es allmählich. Sie stellte sich ihm in den Weg und flüsterte: »Wieso meidest du mich?«
Iven schien nicht sonderlich beeindruckt und blieb gar nicht erst stehen. Er ging einfach an ihr vorbei und steuerte auf die Tür zu. Irma folgte ihm hinaus in den Flur.
Obwohl ihr bewusst war, dass er sie schon beim ersten Mal gehört hatte, fragte sie nun lauter: »Wieso sprichst du nicht mit mir?«
Daraufhin hielt Iven endlich inne und drehte sich zu ihr um. Seine Augen funkelten zornig und er fletschte die Zähne. Irma rechnete fast damit, dass er ihr gleich an die Kehle gehen würde. Doch sie würde sich nicht von ihm einschüchtern lassen. Im Gegenteil, sie spürte nun ebenfalls Wut in sich brodeln, und ihre Wangen begannen zu glühen.
Giftig spuckte sie aus: »Was ist dein verdammtes Problem mit mir?«
Iven entfuhr ein animalisches Knurren und sie musste all ihren Mut zusammennehmen, um nicht zurückzuweichen.
Falsche Frage, Irma. Falsche Frage.
»Was mein verdammtes Problem ist?«, flüsterte er bedrohlich.
Irma hielt seinem nunmehr hasserfüllten Blick stand. Sie nickte trotzig.
»Du hast einfach über mich, meinen Körper und mein Leben bestimmt«, begann Iven mit kratziger Stimme. »Ich hätte das nicht gewollt.«
Zur Verdeutlichung hob Iven den restlichen Teil seines rechten Armes an.
»Iven, es gab keine andere verdammte Möglichkeit!«, zischte Irma. »Denkst du, ich hätte das so gewollt? Denkst du, ich sehe dich gerne leiden?«
Iven ging nicht auf ihre Rechtfertigung ein.
»Ich hätte von vornherein nicht gewollt, dass du Hals über Kopf in den Feuerberg stürmst, um mich zu befreien«, fuhr er fort. »Ich hätte nicht gewollt, dass du das Leben anderer für mich aufs Spiel setzt!«
Irma schüttelte den Kopf.
Hör auf, das zu sagen.
Sie zuckte zusammen, als Iven einen Schritt auf sie zukam und schrie: »Ich habe dich nicht darum gebeten!«
Irma schüttelte weiterhin den Kopf. Sie musste gegen den kindlichen Impuls ankämpfen, sich die Ohren zuzuhalten.
»Schrei mich nicht an«, flüsterte sie stattdessen.
Iven schnaubte.
Er hörte tatsächlich auf zu schreien. Erneut war seine Stimme nicht mehr als ein heiseres Flüstern.
»Du hättest mich einfach sterben lassen sollen, Irma. Wenn schon nicht in diesem Verlies, dann wenigstens hier.«
Daraufhin drehte er sich um und ging ohne ein weiteres Wort zurück in Selmas Zimmer.
Irmas Ohren rauschten, ihr Kopf schien wieder einmal wie unter Wasser.
Sie hatte alles riskiert, um Iven aus Helias Fängen zu befreien. Sie hatte nicht nur ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, sondern auch das ihrer Familie und Freunde. Sie hatte einen Wächter getötet, um alle in Sicherheit zu bringen.
Wie fühlt es sich an, bei lebendigem Leib zu verbrennen?
Dumpf drang der Schmerzensschrei des Wächters aus der Erinnerung zu ihr durch. Die Mauer aus Mondfeuer, die nach Selmas Tod aus Irma hervorgebrochen war und ihnen die Flucht zur Wolfswacht ermöglicht hatte, hatte eine Art Blockade in ihrer Magikk gelöst. Das war Irma bewusst geworden, sobald sie sich erholt und ihre Kräfte wieder gesammelt hatte. Ohne große Anstrengung hatte sie eine Mondlichtprojektion in das Zuhause von Emil und Maren schicken können, die Kopfschmerzen, die sie sonst nach kürzester Zeit heimgesucht hatten, waren gänzlich ausgeblieben. Die Sorge um ihre Freunde im Kaltengrim hatte Irma zuvor tagelang um den Schlaf gebracht. Als sie die beiden Anderswesen mit ihrem Sohn dann wohlauf vorfand, war sie in ein erleichtertes Schluchzen ausgebrochen. Die Neuigkeiten, die sie ihr überbracht hatten, waren jedoch nicht so erfreulich gewesen. Nicht alle Anderswesen hatten die Rettungsmission überstanden, und ein Teil von ihnen war in den Feuerberg verschleppt worden. Auch von Kian gab es kein Lebenszeichen. Irma wusste nicht, ob sie sich wünschen sollte, dass ihr bester Freund noch am Leben war; sie wollte sich nicht ausmalen, was Kian in diesem Fall im Feuerberg erwartete.
Was Irma nach ihrer Mondlichtprojektion in den Kaltengrim allerdings ganz sicher wusste, war, dass solche Besuche jetzt nicht mehr so einfach möglich waren. Die Späher waren mittlerweile auf ihre Mondmagikk sensibilisiert, und Corvus hatte Irmas Mondlicht-Ich gespürt. Glücklicherweise hatte Leonhard, der Mausgestaltwandler mit dem strubbeligen braunen Haar, Helias Henker rechtzeitig bemerkt und war in die Hütte seiner Freunde geeilt, um sie zu warnen. Irma konnte nur hoffen, dass sie Corvus nicht direkt zu ihnen geführt hatte. Sie wagte es jedenfalls nicht, noch einmal nach ihnen zu sehen.
So viel Leid. Und das alles nur wegen meiner Entscheidung.
Sie hatte schon lange geahnt, dass Iven mit seiner Rettung nicht einverstanden war. Dass er den Verlust seiner Arme nicht akzeptieren konnte und ihr die Schuld daran gab.
Es nun aus seinem Mund zu hören, hatte Irma dennoch den Boden unter den Füßen weggezogen.
Du hättest mich einfach sterben lassen sollen.
Ivens Worte hallten in ihrem Kopf nach. Ihre Brust fühlte sich vollkommen leer und gleichzeitig viel zu eng an.
Nein. Nein, das darf er nicht denken. Einzig und allein die Tatsache, dass Iven am Leben ist, kann meine Entscheidung rechtfertigen.
Doch eine Entschuldigung für die Folgen gibt es nicht.
So viele Opfer.
So viel Leid.
Wie viel davon ist meine Schuld?
Irma wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit Iven sie im Flur hatte stehen lassen. Sie wusste nicht, wie lange sie schon benommen auf dem Boden saß und ihren Oberkörper vor und zurück wippte. Anselms Stimme konnte sie nur gedämpft hören, und sie reagierte auf Autopilot, als er sie hochzog und in die Küche der Wolfswacht führte. Ein paar Schlucke von Anselms Beruhigungstee wirkten Wunder und holten Irma ins Hier und Jetzt zurück. Erst da bemerkte sie auch Klara-Luise, deren verstrubbeltes Haar und Pyjama darauf schließen ließen, dass Irmas Auseinandersetzung mit Iven sie und Anselm geweckt haben musste. Auch ihr Cousin stand lediglich in Boxershorts und einem alten Hockey-T-Shirt in der Küche. Er betrachtete Irma besorgt aus seinen tannengrünen Augen. Klara-Luise hingegen blickte eher stinksauer drein.
»Jetzt reicht es aber! Ich...




