Hirsch / Baum | Der Baum und der Hirsch | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Ullstein eBooks

Hirsch / Baum Der Baum und der Hirsch

Deutschland von seiner liberalen Seite

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Ullstein eBooks

ISBN: 978-3-8437-1311-5
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seit Jahrzehnten sind sie Vorkämpfer für Bürger- und Freiheitsrechte in Deutschland, Hüter des Grundgesetzes, liberales Gewissen der Republik. Vehement und erfolgreich streiten sie gegen Vorratsdatenspeicherung, Lauschangriffe oder Online-Durchsuchungen, aber auch für eine humane Asylpolitik und die universelle Geltung der Menschenrechte. Gerhart Baum und Burkhard Hirsch haben sich nie beirren lassen, weder durch den wechselhaften Kurs ihrer Partei, noch durch die Anwürfe politischer Gegner. Kämpferisch wie eh und je, aber auch humorvoll und launig erzählen sie im Gespräch mit den Journalisten Gabriela Herpell und Thomas Bärnthaler von Stationen ihres politischen Lebens, von ihrer Kindheit in Ostdeutschland, den Anfängen in der FDP, vom Aufbruch der 68er und von ihren Kämpfen für ein liberales Deutschland. Eine unterhaltsame, kurzweilige Tour d'horizon durch die Geschichte der Bundesrepublik.

Bundesrepublikanische Geschichte einmal anders. Gerhart Baum und Burkhard Hirsch, zwei der profiliertesten Politiker unseres Landes, sind seit sechzig Jahren politische Weggefährten. Erstmals äußern sie sich im gemeinsamen Gespräch über ihre Kämpfe für ein liberales, weltoffenes Deutschland - streitbar, kontrovers, unterhaltsam. Ein Lesevergnügen der besonderen Art.
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Kriegskinder Sie beide waren Kriegskinder. Wie erinnern Sie sich an Ihre Kindheit? Hirsch: Ich bin 1930 in Magdeburg geboren, aber in Halle aufgewachsen. Mein Vater war Richter. Seine Eltern kamen aus der Lausitz und aus Oberschlesien. Die Vorfahren meiner Mutter lebten seit Menschengedenken in der Gegend um den Harz. Mein Großvater mütterlicherseits hatte die größte Bahnspedition in Magdeburg, einen Riesenladen mit teilweise 150 Pferden in der Weimarer Zeit. Baum: Tatsächlich? Meine Großeltern hatten auch eine Spedition. In Plauen im Vogtland. Vielleicht hatten sie Geschäftsbeziehungen. Hirsch: Mein anderer Großvater war Lehrer gewesen. Er kam aus einem Dorf mit dem schönen Namen Spreeaufwurf und war für heutige Begriffe ein Grüner. Wir hatten zwei Gärten. Beide pflegte mein Großvater. Es gab den Garten meines Vaters mit Rabatten, Pergola, großem Brunnen, einer Liegewiese und einer prächtigen Laube, und daneben gab es den wilden Garten meines Großvaters, auch mit einer Laube, darauf ein Windrad, das er selber gebastelt hatte. Stachelbeeren, Johannisbeeren, Sauerkirschen, Süßkirschen, Erdbeeren – alles machte er zu Wein. Ich schoss mit einem Kleinkalibergewehr Spatzen, die haben wir dann am Feuer gebraten und gegessen. Dieser Großvater hat uns Schreiben und schnelles Kopfrechnen beigebracht – er war ein Lehrer der alten Schule. Wir bewohnten eine Etage in dem Speditionshaus, hatten Auto, Telefon und Radio. Anfang der dreißiger Jahre war das ein Luxus. Meine Erinnerung geht zurück bis zu meinem zweiten Lebensjahr. Damals wurden die Weihnachtsbäume nicht nur mit Kugeln und Kerzen geschmückt, sondern mit Äpfeln, Zuckerstangen und Süßigkeiten. Ich bin zu unserem Baum gekrabbelt, da hing ein wunderschöner Apfel dran, in den habe ich reingebissen. Da kippte der Riesenbaum mit allem Schmuck auf mich – und vorbei war der Weihnachtszauber. Wie wurden Sie erzogen? Hirsch: Geschlagen wurden wir nicht. Nur einmal hat meine Mutter uns geschlagen, weil wir uns am Stall, in dem die Pferde standen, einen Herd aus Ziegelsteinen gebaut und darin Feuer gemacht hatten. Mein Bruder, zwei Jahre älter, und ich. Um so etwas für die Zukunft auszuschließen, hat sie uns, wie man damals sagte, nach Strich und Faden versohlt. Mein Vater war eher distanziert und kühl, der Herr im Haus. Ein Patriarch, würde man heute sagen. Obwohl er eigentlich zu jung dafür war. Meine Mutter war eine sogenannte »höhere Tochter«, Lyzeum und anschließende Haushaltslehre, natürlich in einem privaten Haushalt im Harz. Sie sprach ein klassisches Hochdeutsch. Ich habe sie nie ein Wort im Dialekt sprechen hören. Es war ein gutbürgerlicher Haushalt, in dem übrigens nicht über Politik geredet wurde. Und trotzdem erinnere ich mich: Ich wurde 1940 Pimpf, da war ich zehn Jahre alt. Ich hatte diese Pimpfuniform an und lief die Albrechtstraße in Halle entlang. An der Ecke zum Friedrichsplatz stieß ich fast mit einer Frau zusammen, die sich ängstlich an die Hauswand drückte. Ich sehe sie heute noch vor mir: graue Haare, schmales, fahles Gesicht, langer grauer Mantel mit einem großen gelben Stern. Keiner hat mir zu Hause gesagt, was es damit auf sich hatte. Keiner. Haben Sie gefragt? Hirsch: Ja. Ich habe mich wirklich bemüht rauszukriegen, was mit dieser verängstigten Frau los war. Es kamen nur Ausreden. Wo standen Ihre Eltern politisch? Hirsch: Mein Vater war 1933 beamtenüblich Parteimitglied geworden. Er wollte als Richter unpolitisch sein und war es in seinem Selbstverständnis auch. Später hat er mich gefragt: Was sollten wir denn machen? Er hat sich konsequent geweigert, als Richter an Strafsachen mitzuwirken. Nur Ehescheidungen, Zivilrecht. Ich habe ihn nach dem Grund hierfür gefragt, aber keine wirkliche Antwort bekommen. Ich habe allerdings auch nicht so nachgebohrt, wie man das vielleicht bei anderen getan hätte. Das macht man bei den Eltern nicht. Er empfand sich jedenfalls als unpolitisch. So war die ganze Generation. Sie hatten ihren Paul Laband im Kopf, aber Georg Jellinek, Hans Kelsen und Rudolf Smend nicht gelesen oder jedenfalls nicht verstanden. Sie begriffen nicht, dass es auch eine politische Entscheidung ist, unpolitisch sein zu wollen. Sie taten nichts für die Erhaltung der Demokratie und waren bass erstaunt, als sie ihnen plötzlich abhandengekommen war. Erinnern Sie sich an den Kriegsausbruch? Hirsch: Wir machten eine Schlesien-Tour mit dem Auto, im Frühsommer ’39 war das, und fuhren durchs Sudetenland, Schneekoppe, Eger, Marienbad, Karlsbad. Auf der Rückfahrt nach Magdeburg kamen uns große Militärkolonnen entgegen, mit abgedunkelten Scheinwerfern. Oben drauf Soldaten mit Stahlhelm. Wir hatten eine Cabrio-Limousine und fröhlich das Dach offen. Das klappten meine Eltern jetzt zu und redeten auf der Weiterfahrt ein paar Stunden lang kein Wort mit uns. Ganz still waren sie. Sie hatten in diesem Moment begriffen: Es gibt wieder Krieg. Sie hatten den Ersten Weltkrieg erlebt. Mein Vater markierte auf Landkarten die Frontlinien mit Nadeln. Am 20. Juli 1944 wurde mir klar, dass wir den Krieg verlieren werden. Wir hatten beim Jungvolk gelernt, wie man einen T34 knackt, diesen sowjetischen Panzer, wo man aufspringen und wo die Haftladung anbringen muss. Aber was sie uns nicht sagten: Wenn die T34 kommen, werden da Soldaten drauf sein. Dann kamen zum Glück nicht die Russen, sondern die Amerikaner. In Halle wurde wenig gekämpft, die Wehrmacht rauschte in wilder Aufmachung durch die Stadt nach Osten. Die Amerikaner verhafteten meinen Vater, meinen Bruder und mich, wir kamen in den Roten Ochsen in Halle, ins Polizeigefängnis. Mein Bruder und ich wurden am nächsten Tag entlassen, unser Vater nicht. Die Amerikaner nahmen ihn mit. Zwei Monate später kamen die Russen. Es gab Plünderungen und Ermordungen. Es hatte in Halle zwölf Landgerichtsdirektoren gegeben. Zehn fielen den Russen in die Hände. Sie sind nach Bautzen gekommen, keiner von ihnen hat überlebt. Als mein Vater nach eineinhalb Jahren Post bekommen konnte, haben wir die Briefe an Verwandte meiner Mutter in Westfalen geschickt, und die haben sie an ihn weitergeschickt, damit er glaubte, wir seien schon in Westfalen. Wo war Ihr Vater zu der Zeit? Hirsch: Zuletzt war er in Kornwestheim, in einem amerikanischen Lager. Um manche inhumanen Vorgänge in diesen Lagern zu verstehen, muss man bedenken, dass die Amerikaner schockiert waren von dem, was sie zum Beispiel in Buchenwald und Dachau vorgefunden hatten. Herr Baum, welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit? Baum: Erinnerungen an meinen Vater habe ich so gut wie keine. Ich habe ihn wahrgenommen, als er Fronturlaub hatte, ganz kurz. Ich habe kein anderes Bild von ihm. Mein Vater war Rechtsanwalt in Dresden wie schon sein Vater. Er wurde 1941 vor die Entscheidung gestellt, in die Kriegsgerichtsbarkeit einzutreten, das hat er abgelehnt. Daraufhin wurde er eingezogen. Wenn ich am Dresdner Bahnhof ankomme, denke ich immer an die Abschiedsszene. Gegenüber vom Bahnhof gibt es heute noch einen Aufgang, da stand mein Vater mit all den anderen als Schütze Baum in Feldgrau, mit Gasmaske und Karabiner, und verabschiedete sich von uns. Ich begriff gar nicht wirklich, was passierte. Wie alt waren Sie? Baum: Acht. Warum hat Ihr Vater die Kriegsgerichtsbarkeit abgelehnt? Baum: Das war anrüchig. Später hat sich ja auch deutlich herausgestellt, dass das ein Herrschaftsinstrument der Nazis und keine echte Gerichtsbarkeit war. Die Familie väterlicherseits war eine sächsische Familie und hatte ihren Ursprung und Hauptsitz in Plauen im Vogtland. Mein Urgroßvater hatte dort eine Schmiede und Pferde beschlagen. Irgendwie ergab es sich über die Pferde, dass er eine Spedition gründete, zunächst natürlich mit Pferdewagen. Er hatte den klugen Gedanken, seine Söhne ans Geschäft zu binden. Der eine wurde Tierarzt, später renommierter Veterinäranatom und Rektor der Universität Leipzig. Es gibt heute noch ein Standardwerk über die Anatomie der Haustiere von ihm. Der andere wurde Jurist. So konnte mein Urgroßvater auf den fachlichen Rat seiner Söhne zurückgreifen. Es war eine richtige sächsische Familie. Der Stammbaum reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Meine Mutter war in dieser Familie eine Exotin: Tochter eines russischen Unternehmers und einer polnischen Mutter aus Lodz, in Moskau geboren. Bis zu ihrem Lebensende fühlte sie sich als Russin. Sie hatte viele russische Freunde und versuchte, mir nach dem Krieg Russisch beizubringen, was ich dummerweise verweigert habe. Ich dachte, wozu brauchst du das? Hirsch: Ich habe noch Russisch in der Schule gelernt. Das hat aber auch nicht viel genützt. Man hatte ja dann nie Gelegenheit, es zu sprechen. Baum: Mütterlicherseits waren das also Deutschrussen. Ich denke heute oft daran, dass mein Großvater in Charkow geboren wurde, er hat wohl Ukrainisch gesprochen als Kind. Er hatte eine florierende Textilfabrik in Moskau, eine wunderbare Wohnung, dann kam die Revolution, und alles war weg. Die Dienstboten zogen in den herrschaftlichen Teil der Wohnung. Die Familie blieb noch eine kurze Weile und emigrierte dann nach Berlin. Mein Großvater väterlicherseits, Rudolf Baum, ein Rechtsanwalt, ist im Ersten Weltkrieg gefallen, mein Vater dann im...


Gerhart Baum, geboren 1932 in Dresden. Seit 1954 Mitglied der FDP, dort dem linksliberalen Flügel angehörend. 1978 bis 1982 unter Helmut Schmidt Bundesinnenminister, 1982 bis 1991 stellvertretender Parteivorsitzender der FDP. Bis in die jüngste Zeit zusammen mit Burkhard Hirsch zahlreiche erfolgreiche Verfassungsbeschwerden gegen staatliche Überwachungsmaßnahmen.

Burkhard Hirsch, geboren 1930 in Magdeburg. Seit 1949 FDP-Mitglied, wie Baum zum linksliberalen Flügel zählend. 1973 bis 1998 Mitglied des FDP-Bundesvorstands, 1979 bis 1983 Landesvorsitzender der FDP Nordrhein-Westfalen, 1994 bis 1998 Vizepräsident des Deutschen Bundestages.


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