Hinton | Im Herzen des Tals | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 302 Seiten

Hinton Im Herzen des Tals

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-552-05909-2
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 302 Seiten

ISBN: 978-3-552-05909-2
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein ganzes Tal ist durch einen Schneesturm von der Außenwelt abgeschlossen. Auf abenteuerlichen Wegen rettet sich ein kleiner Vogel in eine sichere Scheune. Ein Jahr lang begleiten wir den winzigen Vogel: beim erfolgreichen Überstehen des eiskalten Winters, bei der Suche nach einem Gefährten und der Gründung einer Familie.
„Von Anfang an wird man mitgezogen vom unwiderstehlichen Erzählstrom dieses wundervollen Romans, der wirklich zum Schönsten gehört, was ich je gelesen habe.“ Quint Buchholz

Hinton Im Herzen des Tals jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1


Das bitterkalte Wetter setzte in der dritten Januarwoche ein. Bis dahin war der erste Winter der Heckenbraunelle relativ angenehm verlaufen. Der lange, goldene Herbst hatte beinahe bis Ende November gedauert. Einige scharfe Nachtfröste hatten wohl die Insekten etwas dezimiert, aber während der strahlenden Sonnentage hatte sie reichlich Samen gefunden. Es folgte ein ungewöhnlich milder und nicht allzu feuchter Dezember, der einige Insekten wieder hervorlockte, und sie konnte sich satt fressen. Zu Jahresbeginn war sie rund und kräftig. Dann hatte Ostwind eingesetzt und die Temperatur war unter den Nullpunkt gesunken.

Während der ersten drei Tage hatte sie fast die ganze Zeit im dichten Gestrüpp ihres Schlehdornbusches gehockt, um ihre Kräfte zu schonen. Am vierten Tag, kurz vor Morgengrauen, ließ der heulende, böige Wind nach und es begann zu schneien. Quälender Hunger und plötzlich erwachte böse Vorahnungen trieben sie auf Futtersuche hinaus.

Im grauen Morgenlicht färbten die dichten Flocken bald alles weiß und veränderten die Formen der Dinge. Sie strich am Rand des Birkenwaldes entlang und suchte nach Samen, bevor sie unter der Schneedecke verschwanden. Der Schnee erfüllte sie mit Entsetzen. Die ständige, verschwommene Bewegung verwirrte sie, so dass sie oft grundlos zurückschreckte und in ein Versteck floh. Einmal war ihr Gesichtskreis jedoch so eingeengt, dass sie sich noch auf dem Boden befand, als neben ihr plötzlich eine große Gestalt aus dem Flockenspiel hervorschoss. Es war nur ein Kaninchen, das einen kurzen Ausflug aus seinem Bau unternahm, doch dieses Erlebnis machte sie noch ängstlicher und sie saß oft lange im Gebüsch versteckt und spähte misstrauisch in das wirbelnde Weiß hinaus. Sie sehnte sich danach, in die Sicherheit ihres Schlafplatzes zurückzukehren, aber zuerst musste sie ihren Hunger stillen.

Wieder flog sie in die gefahrvolle offene Landschaft hinaus und flatterte eilig den Hang zu einem kleinen Bach hinunter. Gewöhnlich bescherte ihr die weiche Erde an seinen Ufern Regenwürmer, und oft fand sie dort auch Samen, die der Bach weiter oben in seinem Lauf mitgerissen hatte. Heute jedoch waren die Würmer in dem zerklüfteten, hart gefrorenen Boden eingeschlossen, und dass der Bach noch floss, war nur an den perlenden Luftblasen unterhalb der zentimeterdicken Eisschicht zu erkennen.

Sie huschte den Bach entlang von Busch zu Busch, bis ein scharfes, warnendes tick-tick-tick sie innehalten ließ. Ein Rotkehlchen schoss aus dem Farndickicht und plusterte sein rotes Brustgefieder auf. Es hob den Kopf, stieß noch einmal seinen Warnruf aus und hüpfte dann über den Schnee angriffslustig auf sie zu. Sie senkte unterwürfig den Kopf und floh hangaufwärts aus seinem Revier.

Die dem Wind abgewandte Seite einer Birke bot etwas Schutz vor demwirbelnden Weiß, und als sie dort landete, hämmerte ihr Herz vor Verstörung und Angst. Unruhig zuckte ihr Kopf hin und her, während sie versuchte die entsetzliche Veränderung zu begreifen, die über ihre Welt hereingebrochen war. Nichts war so wie vorher — die Luft war von herabfallenden Gestalten erfüllt, die sie zwar nicht unmittelbar bedrohten, wie sie nach und nach erkannte, die aber die Außenwelt noch gefährlicher machten. Irgendwo dort draußen lauerten ihre Feinde und strichen herum, ihren Blicken verborgen, bis es vielleicht zu spät war.

Der Schnee hatte sich so schnell angehäuft, dass er zu beiden Seiten des kleinen, freien Flecks, auf dem sie saß, beinahe die Höhe ihrer Augen erreichte. Jetzt war es nicht mehr möglich, darunter Futter zu finden, und der nagende Hunger wurde schlimmer. Sie pickte auf dem kleinen, freien Fleck rings um sie probeweise einige Dinge mit dem Schnabel auf und ließ sie wieder fallen.

Ein Eichhörnchen rannte über einen der unteren Äste der Birke und sprang auf den nächsten Baum. Die Braunelle nahm die Bewegung aus den Augenwinkeln wahr, drückte sich auf den Boden und erstarrte. Sobald das Eichhörnchen abgesprungen war, schnellte der Ast wieder in die Höhe und überschüttete die Braunelle mit einem Schneeschauer. Von Panik erfüllt, flog sie auf, in das wirbelnde Chaos hinaus, ohne auf die Richtung zu achten.

Am östlichen Ende des Waldes war das Farndickicht auf der Hügelkuppe bereits vollkommen von Schnee bedeckt und sah aus wie eine Miniaturlandschaft aus weißen Tälern und Hügeln. Unter der Schneedecke waren jedoch noch braune Farnwedel zu erkennen und die Braunelle steuerte auf dieses letzte vertraute Merkmal ihrer Welt zu. Sie landete in dem Hohlraumunterhalb der Schneeschicht und hüpfte von dort auf den gebogenen Stängel eines Farns. Der Schnee hatte Farne und Brombeerranken niedergedrückt, so dass es im Gewirr des Unterholzes noch dunkler war als sonst. Aber hier war der Boden wenigstens noch schneefrei.

Sie wartete, vollkommen reglos, und spähte in die Finsternis. In einem so verfilzten Dickicht konnte unmöglich ein größeres Tier lauern. Sie hüpfte von Ranke zu Ranke immer tiefer in die Dunkelheit hinein, blieb nach jedem Sprung eine Weile sitzen und hielt Ausschau nach Gefahren. Als sie beinahe im Zentrum des Dickichts angelangt war, wagte sie endlich auf den Boden zu hüpfen. Der Frost war hier nicht so tief eingedrungen und sie begann an dem modernden Laub zu picken. Die oberste Lage war zu Klumpen gefroren, die sie nur mit Mühe umdrehen konnte, aber sie gab nicht auf, und es gelang ihr, einen kleinen Fleck freizulegen. Sobald sie das geschafft hatte, fiel es ihr leichter, den nächsten Klumpen zu wenden. Hier in dem zusammengepressten, verrottenden Blätterhumus fand sie endlich Nahrung — ein paar Samen und Schmetterlingspuppen.

In den nächsten Stunden arbeitete sie sich weiter, wendete die Blätter und suchte mit dem Schnabel nach ein paar Bröckchen Futter. Je mehr der Hunger nachließ, desto schärfer wurden ihre Sinne, und sie musterte immer wieder misstrauisch ihre Umgebung. Als ihr Magen endlich gefüllt war, genügte das Zittern eines Blattes, und schon floh sie auf den nächsten Ast. Ihr Verlangen, diesen dunklen, fremden Ort zu verlassen, wurde immer stärker, und die Sicherheit ihres Schlafplatzes erschien ihr immer verlockender. Als das zunehmende Gewicht des Schnees die Zweige plötzlich tiefer hinunterdrückte, flog sie erschrocken auf und schlüpfte durch die Öffnung des Dickichts ins Freie hinaus.

Es schneite noch stärker als zuvor, und sie steuerte fast im Blindflug am Waldrand entlang, bis sie den Schlehdornbusch erreichte, in dessen Mitte sich ihr Schlafplatz befand. Nahe dem Hauptstamm hatten sich lange Grashalme um den untersten Ast geschlungen und so einen schützenden Tunnel gebildet, der gerade groß genug für ihren kleinen Körper war. Sie zwängte sich hindurch und fand die Gemütlichkeit und Sicherheit ihres Heims wieder. Hier war sie vor dem Wind geschützt, das Futter in ihrem Magen wärmte sie und wohlig rückte sie sich zurecht und entspannte sich. Als sie ihr Gefieder aufplusterte, um so eine warme isolierende Luftschicht zu schaffen, spürte sie den tröstlichen Druck des Grases, das sich im Lauf der Monate ihrem Körper angepasst hatte.

Gegen neun Uhr abends hörte es zu schneien auf. Die Wolkendecke begann aufzureißen, gegen Mitternacht verschwanden auch die letzten zerfetzten Wolkenstreifen und der Mond strahlte hell aus der kalten, schwarzen Tiefe des Raums. Der Schnee knirschte leise und wurde infolge der strengen Kälte hart.

Eine Schleiereule flog geräuschlos durch den Wald. Sooft sie die Flügel hob, leuchteten die weißen Flaumfedern silbern im Mondlicht. Sie ließ sich auf dem Wipfel einer Birke nieder und kreischte. Der lang gezogene, unheimliche Schrei weckte die Braunelle, die vor Schreck leise zu zwitschern begann, dann unvermittelt abbrach und sich enger an den Stamm drückte. Die Eule beobachtete den Schlehdornbusch und lauerte auf die geringste Bewegung. Fünf Minuten lang rührte sie sich nicht, dann wendete sie den Kopf, ohne Körper und Beine zu bewegen, und ließ ihren Blick rundum über die weiße Weite schweifen. Dann, als hätte die vollkommene Reglosigkeit sie verärgert, kreischte sie plötzlich nochmals auf, senkte den Kopf, schwang ihn hin und her und klappte den Schnabel auf und zu. Das laute Schnappen hallte durch die Stille wie das Geräusch zerbrechender Knochen, so dass ein Feldsperling, der in einem Stechpalmenbusch saß, plötzlich die Nerven verlor. Er schlug mit den Flügeln und hüpfte auf...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.