Hinkson | Verdorrtes Land | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 534 Seiten

Hinkson Verdorrtes Land

Kriminalroman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-948392-37-6
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 534 Seiten

ISBN: 978-3-948392-37-6
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Dry County ist die dunkle Vision amerikanischer Religion und Politik und das Porträt eines Mannes, der bereit ist, alles zu tun, um an der Macht festzuhalten - einschließlich Mord. Richard Weatherford ist ein erfolgreicher Kleinstadtprediger in den Ozarks von Arkansas. Stolzer Ehemann und Vater von fünf Kindern. Er hat hart gearbeitet, um seine treue Herde mit Predigten und Öffentlichkeitsarbeit zu vergrößern. Aber während Weatherford ein Mann mit Einfluss und Macht ist - und eine große Kraft in der lokalen Politik - ist er auch ein Mann mit Geheimnissen. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2016 ist Weatherfords Welt bedroht, als er von einem ehemaligen Liebhaber erpresst wird. Das Geld aufzubringen ist eine fast unmögliche Leistung, besonders an einem Osterwochenende, wenn alle Augen auf ihn gerichtet sind. Also muss sich Weatherford in einem verzweifelten Versuch, seine Welt vor dem Zerfall zu bewahren, in die dunkelsten Ecken der kleinen Stadt gehen. Dry County erkundet ein geteiltes Land und eine rissige Fassade aus den wechselnden Perspektiven von Weatherford, seiner Frau, seinem Geliebten und anderen Stadtbewohnern und erzählt eindringlich, wie weit einige gehen, um alles zu behalten, was sie wissen - und um den Schein zu wahren.

ake Hinkson ist der preisgekrönte Autor von vier Romanen. Seine Romane wurden bereits ins Französische und Italienische übersetzt. 'Sans Lendemain' wurde 2018 mit dem renommierten Grand Prix des Littératures Policières ausgezeichnet und 'L'enfer de Church Street' war 2016 der Gewinner des Prix Mystère de la Critique. Er lebt in Chicago. Dort unterrichtet er kreatives Schreiben an der Chicago Academy for the Arts.
Hinkson Verdorrtes Land jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1


Richard Weatherford


Kurz vor Tagesanbruch vibriert das Handy auf meinem Nachttisch. Zuerst befürchte ich, dass einem Mitglied meiner Gemeinde etwas zugestoßen sei. Mehr als nur einmal bin ich von schlechten Nachrichten geweckt worden, wie einem Autounfall draußen auf dem Highway oder einer durch einen Wohnungsbrand obdachlos gewordenen Familie oder jemand, der von einer Krebsdiagnose erschüttert worden war. Ich brauche immer nur einen Moment, mir den Schlaf aus den Augen zu reiben und mich für jede dieser Krisen zu stählen, doch als ich den blau leuchtenden Bildschirm ans Gesicht hebe und Garys Nummer sehe, fluche ich beinahe. Ich schlüpfe mit dem zuckenden Telefon in der Hand unter den Laken heraus und schaffe es hinüber ins Bad, ohne meine Frau zu wecken.

»Kannst du reden?«, fragt er.

Meine nackten Füße tappen über den kalten Boden, als ich vorbei an den Zimmern, in denen meine Kinder schlafen, den Flur hinunterhaste. Auf der Treppe nehme ich zwei Stufen auf einmal. Sicher unten angekommen, gehe ich in die Küche und flüstere: »Es ist vier Uhr morgens!«

»Fünf«, korrigiert er. »Eher fünf.«

Ich werfe einen Blick auf die Digitalanzeige der Mikrowelle. 4:56.

Ich möchte ihn anbrüllen, was aber nicht geht, also wird es eher so etwas wie ein ersticktes, wütendes Krächzen. »Ich liege mit meiner Frau im Bett.«

»Redest du aus dem Bett mit mir?«

»Nein. Ich bin aufgestanden und runtergegangen, als mein Handy anfing zu vibrieren.«

Obwohl ich versuche, leise zu sprechen, hallt meine Stimme durch die großen, leeren Räume meines Hauses. Mir gefiel schon immer, dass unsere riesige Küche in das Esszimmer übergeht, das wiederum ins Wohnzimmer führt, welches sich fast über die gesamte Vorderseite des Hauses erstreckt. Jetzt jedoch scheint all dieser Raum mein Flüstern zu einer Stadiondurchsage zu verstärken.

Ich eile den Flur hinunter zur Tür in den Keller.

Er sagt: »Du solltest dich doch gestern mit mir treffen.«

Ich schließe leise die Tür hinter mir. »Und du meinst, es wäre wirklich klug, mich in aller Herrgottsfrühe zu Hause anzurufen?«

»Hat Penny das Telefon klingeln gehört?«

»Nimm ihren Namen nicht in den Mund.«

Ich stampfe die Holzstufen der Kellertreppe hinunter und gehe auf dem Betonboden zwischen der Hantelbank der Jungs und verstaubten Kartons voller altem Krempelkram, die an der Wand aufgestapelt sind, auf und ab.

»Kapiert?«, sage ich. »Du nimmst ihren Namen nicht in den Mund.«

»Gereizt, ja?«, sagt er. »Was, wenn ich jetzt einfach auflege? Was dann?«

Ich lehne mich an einen Karton mit der Aufschrift in Pennys mustergültiger Handschrift. Ich sage: »Nein. Mach das bitte nicht.«

»Wir müssen reden«, sagt er. »Heute noch.«

Ich hole tief Luft und denke: .

»Ich werde mich heute kaum freimachen können. Es ist die Jahreszeit, in der ich am meisten um die Ohren habe. Ich muss mich um Dinge kümmern. Eine ganze Menge Dinge. Ich kann nicht einfach so die Stadt verlassen.«

»Dann treffen wir uns eben in der Stadt.«

»Gary, nein.«

»Wir werden nur reden. Und es muss auch keine lange Unterhaltung werden. Aber es muss heute sein. Das ist mein Ernst. Und da lasse ich auch nicht mit mir verhandeln.«

Ich atme tief durch. »Wo sollen wir uns treffen?«

»In deinem Büro.«

»Wir treffen uns auf keinen Fall in der Kirche. Sei nicht albern.«

»Pass auf, was du sagst, Richard.«

»Ich wollte nicht … Hör zu, es tut mir leid. Ich sage doch nur, denk mal drüber nach. Es ist der mit Abstand schlechteste Ort für ein Treffen. Den ganzen Tag über werden dort Leute kommen und gehen.«

»An einem Samstag?«

»Morgen ist Ostern. Wir sind mit den letzten Vorbereitungen für das Passionsspiel beschäftigt. Musiker, Darsteller, die Leute für Ton und Licht. Die Damen des Frauenkreises werden ein und aus gehen, helfen, letzte Hand anzulegen.«

»Na schön. Dann eben hinter der Schule.«

»Du meinst die Senke dort?«

»Ja.«

»Aber wenn uns dort jemand zusammen sieht, wird das doch nur die Aufmerksamkeit auf uns lenken. Du weißt, was ich meine?«

»Hey, es ist deine Entscheidung. Wir können uns in aller Öffentlichkeit treffen und versuchen, nicht groß aufzufallen, oder wir treffen uns heimlich und versuchen, nicht erwischt zu werden. Du entscheidest.«

Ich reibe mein Gesicht. »Also hinter der Schule.«

»Wann kannst du kommen?«

»Je früher, desto besser. In einer Stunde, wie wär’s damit?«

»Ja.«

»Okay.«

»Richard?«

»Was?«

»Wenn du heute nicht aufkreuzt, werden wir zur nächsten Phase übergehen, die mit den Konsequenzen.«

Ich stehe da in meiner Schlafanzughose, einem alten T-Shirt, unter meinen Füßen der kalte Betonboden des Kellers, und ich habe unfassbare Angst angesichts der Gefahr, die dieser Junge für mich darstellt, aber dennoch klinge ich ungehalten, als ich antworte: »Ich werde da sein.«

Ich steige die Holzstufen hoch, meine Füße sind gefühllos und schmutzig. Ich gehe ins Obergeschoss und versuche, mich so leise wie nur möglich wieder in unser Schlafzimmer zu schleichen.

Während meiner Abwesenheit haben die ersten zarten Andeutungen der aufgehenden Sonne den Himmel draußen vor unserem Fenster zu einem dunstigen Grau aufgehellt. Penny dreht sich um und sieht mich an.

»Was ist?«, fragt sie.

In unser warmes Bett zurückkehrend sage ich zu ihr: »Terry Baltimore.«

Ich staune, wie leicht mir diese Lüge über die Lippen kommt, nicht nur wegen ihrer Schnelligkeit, sondern auch wegen ihrer Vollkommenheit. Terry Baltimore ist ein zerbrochener Überrest von einem Menschen, alles, was nach einem im Vollrausch vergeudeten Leben bleibt. Er ist einer jener Menschen, wie sie sporadisch in Kirchen auftauchen. Zwar hat er die Worte gelernt, die er sagen muss – so erklärt er mir, sein ruiniertes Leben in die Hand Christi gelegt zu haben und von nun an nur noch auf dem Pfad der Tugend wandeln zu wollen –, aber der Gestank haftet ihm immer noch an. Es ist nicht nur der Gestank von Alkohol, sondern vielmehr der Gestank der Niederlage. Ich glaube daran, dass Christus einen jeden erlösen kann, aber schon vor langer Zeit habe ich erfahren, dass er nicht jeden erlösen wird. Für die Terry Baltimores der Welt ist Jesus Christus nur ein weiteres Geschäft. Das weiß ich und ertrage es, weil es mein Job ist. Mein Job besteht nicht darin, Terry Baltimore zu retten; mein Job ist es, das Lied der Erlösung zu singen, bis Terry Baltimore sich endlich entschließt, weiterzuziehen. Das tun sie immer. Nachdem sie den guten Willen und die verfügbare Nächstenliebe einiger unserer älteren und gutgläubigeren Gemeindemitglieder aufgebraucht haben, verschwinden die Terry Baltimores immer ohne ein weiteres Wort, ohne die geringste Spur und man hört nie mehr von ihnen.

»Es ist fünf Uhr morgens«, informiert mich Penny.

»Ich weiß. Ich nehme an, Terry hatte eine lange Nacht.«

»Bäh.«

Und wieder beeindruckt mich die Perfektion meiner Lüge. Penny besitzt ein gutes Herz und ihr Glaube ist echt, aber ihr christliches Pflichtgefühl entfernt sich nie sehr weit von ihrer eigenen Komfortzone. Sie unterrichtet gern Drittklässler in der Sonntagsschule und speist mit den Damen zu Mittag, weil sie dort vorbeten kann. Sie ist niemand, der in der schmuddeligen, kaputten Welt der Terry Baltimores verweilt, Glaube hin oder her. Von all unseren Gemeindemitgliedern ist Terry derjenige, von dem sie am ehesten das Schlimmste denkt und mit dem sie höchstwahrscheinlich niemals darüber sprechen würde. Er ist die perfekte Ausrede.

»Nun«, sagt sie, »was wollte er von dir?«

»Er will sich mit mir treffen, will mit mir beten. Ich nehme an, er befindet sich in einer Glaubenskrise.«

»Wann?«

»Jetzt.«

»Jetzt? Es ist …«

»Ich weiß, wie viel...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.