Himmelrath | Hausaufgaben - Nein Danke! (E-Book) | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

Reihe: Preselect

Himmelrath Hausaufgaben - Nein Danke! (E-Book)

Warum wir uns so bald wie möglich von den Hausaufgaben verabschieden sollten
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-03822-020-6
Verlag: hep verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Warum wir uns so bald wie möglich von den Hausaufgaben verabschieden sollten

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

Reihe: Preselect

ISBN: 978-3-03822-020-6
Verlag: hep verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Sie sind sozial ungerecht, pädagogisch fragwürdig und persönlich belastend: Hausaufgaben gehören seit Jahrhunderten zum Standardrepertoire von Lehrpersonen – dabei wird ihre Wirkung für den Lernprozess völlig überschätzt. Weil nicht alle Elternhäuser die gleiche Unterstützung bei den Hausaufgaben anbieten können, wirken sie sozial selektierend: Wer als Schülerin oder Schüler Probleme und nicht die richtige Hilfe im Hintergrund hat, verliert durch die Hausaufgaben – und nicht etwa trotz der Aufgaben – schnell den Anschluss an die Unterrichtsinhalte. Das zeigen Forschungen etwa des Wissenschaftszentrums Berlin. Ausserdem hat sich in der Pädagogik längst der Trend zu einem möglichst individuellen Lernen entwickelt – und diesem Ansatz widersprechen Hausaufgaben mit ihren gleichmacherischen Methoden völlig. Es wird also höchste Zeit, sich von diesem veralteten Instrument zu lösen – und stattdessen echte 'Schulaufgaben' im besten Sinne des Wortes zu entwickeln und einzusetzen.

Das Werk gliedert sich in vier Hauptteile:

1. Hausaufgaben – der nicht hinterfragte Standard
2. Sinnvoll oder Selektion? Hausaufgaben im Fokus der Wissenschaft
3. Praxiserfahrungen – so kann es anders laufen
4. Von Haus- zu Schulaufgaben: ein alternatives Gesamtkonzept

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Die Hausaufgaben-Debatte der 1980er Jahre 1982, also 22 Jahre später, war es erneut der „Spiegel“, der das Hausaufgabenthema aufgriff – in Form einer Titelgeschichte („Schularbeiten – Alptraum der Familie“) und unter der plakativen Überschrift „Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch“3. Da war die Rede von Schülern, die mehr Stunden pro Woche beschäftigt waren als ihre Vollzeit arbeitenden Eltern; von strengen und leistungsorientierten Vätern und Müttern, die ihren Nachwuchs zu Hause noch durch zusätzliche Übungsstunden triezten, damit sie nur ja gute Schulleistungen erreichten; von der vermeintlichen alten Weisheit, dass nur Übung den Meister mache. Und schon damals, vor über 30 Jahren, stellten die Autoren fest: „Wissenschaftler haben erhebliche Zweifel an der gängigen Hausaufgaben-Praxis.“ Die Frage muss erlaubt sein: Warum um alles in der Welt hören wir dann heute immer noch dieselben, schon lange widerlegten Argumente? Warum sind die Hausaufgaben nicht längst flächendeckend abgeschafft, besser noch, schulgesetzlich verboten worden? Argumente hätte es schon Anfang der 1980er Jahre genug gegeben – und zwar nicht nur auf der Ebene individueller Anekdoten von Schülerinnen und Schülern, die täglich an Nachmittagen und Abenden unter der Last von mehrstündigen schulischen Arbeitsaufträgen stöhnten, sondern auch von wissenschaftlicher und schulpraktischer Seite. So hatte die Arbeitsstelle für Schulentwicklungsforschung an der Universität Dortmund schon damals herausgefunden, dass ein Fünftel aller Schüler täglich mehr als zwei Stunden für die Erledigung der Hausaufgaben benötigte; dass fast die Hälfte der Schüler zwischen einer und zwei Stunden täglich zu Hause über den Schulbüchern saß; dass sogar knapp 40 Prozent der Grundschüler mindestens eine Stunde lang Hausaufgaben machen mussten. 1980 hatte hatte ein Kölner Erziehungswissenschaftler in einer anderen Studie verglichen, wie sich ein unterschiedliches Hausaufgabenpensum bei Schülerinnen und Schülern in deren schulischen Leistungen niederschlug - nämlich so gut wie gar nicht. Und einige der Schüler mit vielen Aufgaben schnitten sogar schlechter ab, mutmaßlich wegen Arbeitsüberlastung. „Im Grunde unzumutbar“ sei diese Arbeitsbelastung, schimpfte der Hildesheimer Psychologieprofessor Dieter Lüttge damals. Doch allen erziehungswissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz konnten sich die Hausaufgabenkritiker mit ihren Einschätzungen nicht durchsetzen – unter anderem auch wegen der Eltern, die ja selbst in aller Regel mit Hausaufgaben als selbstverständlichem Teil des Schullebens aufgewachsen sind und bis heute zusammen mit den Lehrern zur stärksten Lobbygruppe gegen die Veränderung der Hausaufgabenpraxis gehören. Eigentlich erstaunlich, denn die heutigen Eltern gehörten in den frühen 80er Jahren mit einiger Wahrscheinlichkeit genau zu der Generation von Schülerinnen und Schülern, die im „Spiegel“-Artikel über die hohe Arbeitsbelastung klagten. Heutige Mütter und Väter übernehmen damit Positionen, die schon ihre Eltern bezogen haben. So berichtet der Artikel über eine Umfrage unter Eltern einer Gesamtschule im rheinland-pfälzischen Kastellan, bei der 71 Prozent der Erziehungsberechtigten davon überzeugt waren, dass „die Fülle des Stoffes nicht zu bewältigen“ sei, wenn die Kinder keine Hausaufgaben zu erledigen hätten. Und bei einer Untersuchung des Pädagogen Thomas Hardt aus Münster4, für die er 1978 knapp 1000 Eltern von Kindern aus den Klassen sechs und neun befragt hat, zeigen sich sogar mehr als 95 Prozent der Mütter und Väter davon überzeugt, dass Hausaufgaben nützlich sind. Ein knappes Drittel der Eltern hält sie sogar für „unbedingt notwendig“. Dass Hausaufgaben dazu dienen, den Schulstoff zu vertiefen und sich einzuprägen und dass sie darüber hinaus das selbstständige Arbeiten trainieren, ist für die allermeisten der Befragten völlig klar. „Und neun von zehn Eltern halten Hausaufgaben auch für geeignet, dem Kind Ordnung und Arbeitsdisziplin beizubringen“, heißt es in dem aufschlussreichen Artikel. Weitgehend ausgeblendet wurde offensichtlich schon damals, was für eine enorme Zumutung Hausaufgaben für die Familien bedeuten – dass sie, damals wie heute, Stress und Spannungen auslösen, Konflikte heraufbeschwören und ganz nebenbei den Eltern die Verantwortung für das Gelingen der kindlichen Schullaufbahn in einem Maß aufbürden, wie das aus schulpädagogischer Sicht zwar seit Jahrhunderten praktiziert wird, erziehungswissenschaftlich aber kaum seriös zu begründen ist. Dass Eltern die Hausaufgaben wahlweise überwachen oder miterledigen, sich für die schulische Heimarbeit verantwortlich fühlen und als unangenehme Antreiber ihrer Kinder auftreten, ist kein neues Phänomen und war auch vor fünf Jahrzehnten bereits gang und gäbe. Wo heute die Rede von überehrgeizigen Helikopter-Eltern ist, spottete 1982 der Hamburger Erziehungswissenschaftler Wolfgang Schulz über „Diplommütter“, die die Förderung ihrer Kinder als „Management“ verstünden – ein Begriff, der zumindest damals so gar nicht zur Vorstellung von Kindheit passte. Und ein Beamter des Düsseldorfer Kultusministeriums formulierte während der Recherche der „Spiegel“-Reporter jenen schon erwähnten Schlüsselsatz, der bis heute Gültigkeit hat: „Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch.“ Der hessische Ministerpräsident Holger Hörner nannte die Eltern wegen deren selbstverständlicher Eingebundenheit in die Hausaufgabenerledigung „Hilfslehrer der Nation“, für den Tübinger Pädagogikprofessor Walther Eifreund waren sie gar die „Sklaven unserer Schulen“. Der Erziehungswissenschaftler wählt scharfe Worte: „Sie sind es, die sich von einem steinzeitlichen Ausbildungssystem terrorisieren lassen, sich aber trotzdem arrangieren, weil sie ja ihre Kinder – koste es, was es wolle – irgendwann durch die Schule bringen müssen.“ Eltern als Getriebene eines Bildungssystems, die sich dem Druck auf ihre Kinder nicht entgegenstellen, sondern ihn noch verstärken – das klingt nicht unbedingt nur nach Anfang der 1980er Jahre. Vielleicht aber ist so zu erklären, dass viele Eltern diese Erwartungshaltung der Schule einfach adaptierten und sich zu willfährigen Handlangern der Lehrerinnen und Lehrer machten: Sie entwickelten selbst den Ehrgeiz, dass ihre lieben Kleinen besonders gut und erfolgreich sein sollten. Und befürworteten und unterstützten dann die Hausaufgaben, diesen flächendeckenden und massiven Zeitdiebstahl an der Freizeit der Kinder. So bewerteten 56 Prozent der befragten Eltern in der Studie von Thomas Hardt die Tatsache, dass ein Kind pro Tag weniger als eine Stunde Hausaufgaben erledigen muss, als Indiz dafür, dass dieses Kind von der Schule nicht ausreichend gefordert wird. Schließlich wird Eltern seit Jahrzehnten, wenn nicht seit Jahrhunderten, eingetrichtert, dass das häusliche Pauken am Nachmittag, in den Abendstunden und am Wochenende irgendwie der Reifung und Bildung der Kinder dient und dass die Hausaufgaben eine wichtige erzieherische Wirkung haben. Nur – welche das sein soll und ob sie tatsächlich eintritt, diesen Nachweis haben die Anhänger der Hausaufgaben nie geführt. Es reichte ihnen stets, mit schwammigen Formulierungen die Festigung des Erlernten zu beschwören und darauf zu verweisen, dass es schließlich schon immer so gemacht worden sei und dass die eigene Hausaufgabenzeit ja wohl niemandem geschadet habe. Eine Aussage, die bezweifelt werden darf – die aber in ihrer unspezifischen Belanglosigkeit fast wie ein Totschlagargument wirkt (und so ja auch wirken soll). Versuche der Aufklärung hat es immer wieder gegeben. So etwa durch den Lehrer Nilmar Schwemmer, der 1980 das Buch „Was Hausaufgaben anrichten“ herausbrachte, in dem er mit zahlreichen Beispielen und Erfahrungen aus seiner Arbeit die Folgen von Hausaufgaben schildert5. Intensiv setzt er sich mit „der Fragwürdigkeit eines durch Jahrhunderte verewigten Tabus in der Hausaufgabenschule unserer Zeit“ auseinander, befragte fast 500 Schülerinnen und Schüler und wertete die Bestimmungen der Bundesländer in der damaligen BRD aus. Schwemmers Fazit war eindeutig: Hausaufgaben sind „eine latente Gefahr für den Aufbau positiver, den Lern- und Erziehungsprozess begünstigender Beziehungen“, zusätzlich stellen sie „eine Beeinträchtigung der physischen Gesundheit der Schüler [dar], weil sie deren Rekreationsphase erheblich verkürzen und den notwendigen Bewegungsausgleich zur Sitzbeanspruchung während des Unterrichts einschränken“. Außerdem seien die Aufgaben „eine ständige Gefährdung der moralischen Entwicklung der Schüler, weil sie negative Verhaltensreaktionen wie das Lügen und Betrügen provozieren können“ – dann nämlich, wenn es darum geht, ob die Schüler die Aufgaben denn alle alleine geschafft haben. Doch auch ohne diese negativen Auswirkungen bei den Kindern und in deren Familien fehle die didaktische...


Himmelrath, Armin
Armin Himmelrath ist freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist und Moderator. Nach seinem Lehramtsstudium (Deutsch und Sozialwissenschaften) arbeitet er heute u. a. für Spiegel/SpiegelOnline, Deutschlandradio sowie für den WDR. Himmelrath hat bereits mehrere Bücher zu Bildungsthemen veröffentlicht.

Armin Himmelrath ist freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist und Moderator. Nach seinem Lehramtsstudium (Deutsch und Sozialwissenschaften) arbeitet er heute u. a. für Spiegel/SpiegelOnline, Deutschlandradio sowie für den WDR. Himmelrath hat bereits mehrere Bücher zu Bildungsthemen veröffentlicht.



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