E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Hilton Shangri-La
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-03820-882-2
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Irgendwo in Tibet
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-03820-882-2
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
James Hiltons Kultroman liest sich spannend wie ein Abenteuerroman. Seine Utopie, in den unsicheren Jahren zwischen den Weltkriegen entstanden, spiegelt den Wunsch nach Frieden und Harmonie wider und hat bis heute nichts von ihrer Anziehungskraft verloren.
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I. Kapitel
Während jener dritten Maiwoche hatte sich die Lage in Baskul bedrohlich verschlimmert, und am Zwanzigsten trafen weisungsgemäß aus Peschawar Flugzeuge des Luftgeschwaders ein, um die Europäer zu evakuieren. Deren waren ungefähr achtzig, und die meisten wurden heil und sicher in Truppentransportflugzeugen über das Gebirge gebracht. Auch andere Maschinen verschiedener Bauart wurden verwendet, darunter ein Kajütenflugzeug, das der Maharadscha von Tschandapur geliehen hatte. Etwa um zehn Uhr vormittags bestiegen es vier Passagiere: Miss Roberta Brinklow von der Fernostmission, Henry D. Barnard, amerikanischer Staatsbürger, Captain Hugh Conway, königlich-britischer Konsul, und Charles Mallinson, königlich-britischer Vizekonsul.
Dies die Namen, wie sie später in indischen und englischen Zeitungen erschienen.
Conway war siebenunddreißig. In Baskul hatte er zwei Jahre lang einen Posten bekleidet, der, im Licht der Ereignisse besehen, als nichts anderes erscheint denn ein hartnäckig wiederholter Einsatz auf das falsche Pferd. Ein Abschnitt seines Lebens war zu Ende. In einigen Wochen oder vielleicht nach ein paar Monaten Urlaub in England würde er anderswohin gesandt werden: nach Tokio oder Teheran, Manila oder Maskat; Menschen seines Berufs wissen ja nie, was kommt. Er hatte zehn Jahre im Konsulardienst gestanden, lange genug, um seine eigenen Aussichten ebenso klug abschätzen zu können wie die anderer Leute. Er wusste, dass die Rosinen im Kuchen nicht für ihn bestimmt waren, aber es war ein ehrlicher Trost und waren nicht nur saure Trauben, wenn er sich sagte, dass Rosinen nicht sein Geschmack seien. Er zog die weniger förmlichen, dafür aber malerischen Posten vor, die zu haben waren, und da das fast nie gute Pöstchen waren, schien er andern zweifellos ein herzlich schlechter Kartenspieler zu sein, während er die Karten nach seinem Geschmack gar nicht übel ausgespielt zu haben glaubte; er hatte ein abwechslungsreiches und nicht unerfreuliches Jahrzehnt verlebt.
Conway war hochgewachsen, dunkel gebräunt, mit kurz geschorenem braunem Haar und schieferblauen Augen. Er neigte dazu, streng und grüblerisch dreinzusehen, bis er lachte, und dann – aber das war selten – sah er jungenhaft aus. Nahe seinem linken Auge saß ein leichtes nervöses Zucken, meist bemerkbar, wenn er zu angestrengt arbeitete oder zu viel trank. Und da er einen ganzen Tag und eine ganze Nacht vor der Evakuierung Schriftstücke verpackt und vernichtet hatte, war dieses Zucken sehr auffällig, als er das Flugzeug bestieg. Er war erschöpft und überaus froh, dass er in dem luxuriösen Eindecker des Maharadschas Platz gefunden hatte statt in einem der überfüllten Truppentransportflugzeuge. Genießerisch rekelte er sich in dem Korbsitz, während das Flugzeug höher stieg. Er gehörte zu den Menschen, die sozusagen als Entschädigung für die großen Strapazen, an die sie gewöhnt sind, kleine Annehmlichkeiten erwarten. Die Unbill der Straße nach Samarkand etwa konnte er gut gelaunt ertragen, aber seine letzte Zehnpfundnote für einen Platz im Goldenen Pfeil von London nach Paris ausgeben.
Sie waren schon über eine Stunde geflogen, als Mallinson sagte, er glaube, der Pilot halte keinen geraden Kurs. Mallinson, der ganz vorn saß, war ein junger Mensch Mitte zwanzig, mit rosigen Wangen, intelligent, ohne ein Intellektueller zu sein, mit allen Beschränkungen, aber auch allen Vorzügen englischer Internatserziehung. Eine nicht bestandene Prüfung war der Hauptgrund, dass er nach Baskul gesandt wurde, wo Conway sechs Monate viel mit ihm zusammen gewesen war und begonnen hatte, ihn gernzuhaben.
Aber Conway hatte keine Lust zu der Anstrengung, die ein Gespräch im Flugzeug erfordert. Schläfrig öffnete er die Augen und erwiderte, der Pilot werde wohl am besten wissen, welchen Kurs er einzuhalten habe.
Eine halbe Stunde später, als Müdigkeit und das Dröhnen des Motors ihn fast in Schlaf gelullt hatten, störte ihn Mallinson abermals. »Hören Sie, Conway, ich dachte, Fenner führt unser Flugzeug?«
»Na, tut er das nicht?«
»Der Mann wandte soeben den Kopf, und ich könnte schwören, dass es nicht Fenner ist.«
»Lässt sich durch die Glaswand schwer feststellen.«
»Fenners Gesicht erkenne ich überall.«
»Tja, dann muss es wohl ein andrer sein. Das macht doch keinen Unterschied.«
»Aber Fenner sagte mir, dass diese Maschine ganz bestimmt er lenken werde.«
»Es wird eben eine Änderung getroffen und ihm eine andre gegeben worden sein.«
»Wer ist dann der Mann vorn?«
»Mein lieber Junge, woher soll ich das wissen? Sie glauben doch nicht, dass ich mir das Gesicht eines jeden Fliegerleutnants merke?«
»Ich kenne jedenfalls eine ganze Menge, aber diesen Menschen da nicht.«
»Dann muss er eben zu der winzigen Minderheit gehören, die Sie nicht kennen«, lächelte Conway.
»Wir werden ja bald in Peschawar sein, da können Sie seine Bekanntschaft machen und ihn über ihn selbst ausfragen.«
»Auf diese Art werden wir überhaupt nicht nach Peschawar kommen. Der Mann ist ganz von seinem Kurs abgewichen, und das überrascht mich auch nicht – er fliegt so verdammt hoch, dass er nicht sehn kann, wo er ist.«
Conway kümmerte sich nicht weiter darum. Er war Luftreisen gewöhnt und nahm alle diese Dinge für gegeben. Überdies gab es für ihn in Peschawar nichts Dringendes zu tun und niemand Nennenswerten zu besuchen, also war es ihm ganz gleichgültig, ob die Reise vier oder sechs Stunden dauerte. Er war unverheiratet, keine zärtliche Begrüßung erwartete ihn bei der Ankunft. Er hatte Freunde dort, und ein paar von ihnen nahmen ihn dann wohl in den Klub auf einige Drinks mit; das war eine ganz angenehme Aussicht, aber nicht gerade eine, nach der man im Vorgefühl seufzte.
Auch der Rückblick auf das ebenso angenehme, aber nicht ganz befriedigende vergangene Jahrzehnt entlockte ihm keinen Seufzer. Veränderlich, dazwischen Schönwetterperioden, im Großen und Ganzen recht unbeständig. So fasste er meteorologisch seine eigene Lage und die der ganzen Welt während dieser Zeit zusammen. Er dachte an Baskul, Peking, Macao und die anderen Städte – er hatte seinen Aufenthalt hübsch oft gewechselt. Am allerfernsten lag Oxford, wo er nach dem Krieg zwei Jahre Lektor gewesen war, über die Geschichte des Orients gelesen, in sonnigen Bibliotheksräumen Staub geatmet und sein Fahrrad durch die Straßen gelenkt hatte. Dieser Rückblick zog ihn an, ohne ihn zu erregen. In gewissem Sinn fühlte er sich noch immer als Teil von alledem, was er hätte sein können.
Ein wohlbekannter Ruck in den Eingeweiden sagte ihm, dass das Flugzeug tiefer zu gehen begann. Er fühlte sich versucht, Mallinson wegen seiner Besorgnis aufzuziehen, und hätte es vielleicht getan, wenn der junge Mann nicht plötzlich aufgesprungen wäre, dass er mit dem Kopf gegen die Decke stieß, und Barnard, den Amerikaner, geweckt hätte, der in seinem Sitz auf der anderen Seite des schmalen Mittelganges döste. »Um Himmels willen«, rief Mallinson, durch das Fenster blickend, »sehen Sie da hinunter!«
Conway sah hinunter. Der Anblick war keinesfalls der erwartete – falls er überhaupt etwas erwartet hatte. Statt der säuberlich geometrisch angelegten Baracken und der größeren Rechtecke der Hangars war nichts zu sehen als trüber Dunst, der eine ungeheure sonnigbraune Einöde verschleierte. Das Flugzeug sank zwar mit großer Geschwindigkeit, befand sich aber noch immer in einer für gewöhnliche Flüge außerordentlichen Höhe. Lange, zackige Bergketten wurden wahrnehmbar, fast zwei Kilometer näher als die wolkigen Kleckse der Täler: die unverkennbare Grenzlandschaft, obgleich Conway sie nie zuvor aus solcher Höhe gesehen hatte. Es fiel ihm auf, dass diese Gegend, soweit er sich erinnerte, nirgends in der Nähe von Peschawar sein konnte. »Diesen Teil der Welt kenne ich nicht«, bemerkte er, und dann flüsterte er leiser, um die andern nicht zu beunruhigen, Mallinson ins Ohr: »Sieht aus, als hätten Sie recht, – der Mann hat sich verflogen.«
Das Flugzeug sauste mit gewaltiger Geschwindigkeit abwärts. Die Luft wurde immer heißer; die versengte Erde unten war wie ein Backofen, dessen Tür plötzlich geöffnet wird. Eine Bergspitze nach der andern erhob sich in zackigem Schattenriss über den Horizont. Der Flug ging nun längs eines gewundenen Tals, dessen Boden mit Felsblöcken und dem Geröll ausgetrockneter Wasserläufe bedeckt war. Es glich einem mit Nussschalen bestreuten Fußboden. Das Flugzeug schwankte und rüttelte, wenn es in Luftlöcher geriet, so unangenehm wie ein Ruderboot bei Wogengang. Alle vier Passagiere mussten sich an den Sitzen festhalten.
»Mir scheint, er will landen«, rief der Amerikaner heiser.
»Kann er nicht!«, gab Mallinson zurück. »Wenn er das versucht, ist er einfach verrückt! Er wird abstürzen, und dann –«
Aber der Pilot landete doch. Eine kleine freie Fläche öffnete sich neben einer Schlucht, und mit beträchtlicher Geschicklichkeit wurde die Maschine dort zum Stillstand gebracht. Aber was danach geschah, war noch verwunderlicher und beunruhigender. Ein Schwarm bärtiger, turbantragender Einheimischer kam von allen Seiten herbei, umzingelte das Flugzeug und verhinderte, dass irgendwer außer dem Piloten ausstieg. Der kletterte aus dem Sitz auf die Erde und begann ein erregtes Gespräch mit ihnen; es wurde klar, dass er jedenfalls nicht Fenner, ja nicht einmal Engländer und wahrscheinlich überhaupt kein Europäer war. Inzwischen wurden aus einer nahen Hütte Benzinkannen herbeigeschleppt und in die außergewöhnlich geräumigen Tanks gefüllt. Die Rufe der vier eingeschlossenen...




