Hille | Die Hassenburg | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 150 Seiten

Hille Die Hassenburg


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2798-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 150 Seiten

ISBN: 978-3-8496-2798-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Ein historischer Roman aus dem Teutoburger Wald. Peter Hille starb 1904 in Berlin.

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Um diese Zeit kam Weihnacht mit vorzüglichem Zeugnis aus der Rentei zurück, worin er seine Ausbildung gesucht hatte.

Als er ins Haus kam, war nur Puljohann und die alte Karoline da, die ihn mit ihren verwitterten Mienen froh, wie einen Erlöser fast, zitterig und hustend willkommen hießen. Das war alles so große Bestimmtheit an ihm: was der wollte, das geschah, nun konnte nichts mehr schiefgehen. Als Hassenburg vom Felde kam, wo er sich über die halbverfaulten Hafergarben geärgert hatte, fand er seinen Jugendgenossen auf- und abgehen. Dieser faßte in seine Brusttasche, holte ein Papier heraus und überreichte es:

"Mein Attest!"

Walter hatte den Stock über den linken Arm gehängt und las das Schriftstück bedächtig durch. Dann meinte er:

"Das stimmt. Dann kann's ja losgehen. Aber wieviel willst du eigentlich Gehalt haben? Und wenn du so gut sein wolltest, mir zu sagen, woher ich's nehmen soll. Und zu verwalten gibt es vorläufig nichts als Schulden. Meine Schulden nämlich beim Wirt: hundert Mark. Mehr pumpt er nicht, hat er heute gesagt. Also, wie ist's? Willst du auf Kredit deine Stelle antreten? Essen kannst du, solange was da ist, und von Stuben hast du die Wahl. Du kannst auch Ludmillas haben. Die steht nun leer. Du mochtest sie ja gerne leiden. Das war eine angenehme Erinnerung. Wär's nicht? Welche willst du? Du hast die Wahl."

Weihnacht mußte die Stuhllehne erfassen, um sich zu halten; ihm schwindelte. Feurige Räder kreisten vor seinen Augen.

"Ludmilla fort? – Wohin denn?"

Tonlos, in langen Pausen kamen diese Fragen von blassen Lippen.

"Mensch, was ist dir: Du zitterst ja! Setz dich doch. Soll ich dir einen Kognak geben?"

Schwach wehrte der Sitzende ab.

"Ja, weißt du es nicht? Ludmilla ist seit einem Vierteljahre verheiratet mit dem Kurdirektor von Pyrmont, dem Grafen von Hersdorf. Hast du denn keine Karte bekommen? Da muß es übersehen sein bei dem Trubel. Übrigens hättest du auch mal herüberkommen können all die Zeit!"

Wie abwesend starrte Weihnacht vor sich aus. Die Linke hatte er auf seinen Schenkel gestützt. Die geballte Faust zog sich zusammen wie bei einem Raubvogel, der in der Falle gesessen hat, die Klaue, die Nägel drangen ihm ins Fleisch, er aber merkte nichts davon.

"Also Ludmilla ... verheiratet!"

Dann bestimmter:

"Nun gut: ich nehme an. Auf alle Fälle nehme ich an. Und will dir helfen, wie ich nur kann. Vielleicht geht's, daß ich hin und wieder auch etwas Geld beschaffe. Ich habe so meine Verbindungen."

In ungestümer Dankbarkeit sprang Walter auf ihn zu, berührte mit seinen gesundroten die weißen kalten Hände des Hoffnungsmachers: "Mensch, Mensch! Geld sagst du, Geld? Du willst welches beschaffen? O dann ist uns ja geholfen! Dann sind wir über den Berg; und wieviel wohl?"

"Sachte!" meinte der andere. "Ich habe gesagt: Ich will sehen, daß ich etwas beschaffe. Sicher ist noch gar nichts. Überhaupt ist es eine sehr schwierige Geschichte. Aber ich will sehen: ich will tun, was ich tun kann. Ja, das will ich. Aber ... Eine Sicherheit muß ich haben. Du mußt mir eine Quittung geben. Die muß ich dem Gelddarleiher – das heißt, wenn ich einen bekomme – vorzeigen. Und meinen Namen muß die Quittung tragen, deshalb, weil der etwaige Darleiher das Geld mir gibt: nicht dir. Ich verbürge mich, ich stehe für alles. Auch habe ich in der letzten Zeit die Schwankungen bei der Börse genauer studiert und meine da ein Gesetz entdeckt zu haben, dem vorsichtig nachgehend man sich vor Verlusten hütet. Da denke ich denn mit Kleinigkeiten mich und, falls du es wünschest, auch dich zu beteiligen. Es würde mich sehr freuen, wenn es uns auf diese Weise gelingen sollte, Grävenburg wieder flottzumachen."

Und wieder brach das Freudenungestüm Walters aus: "Aber natürlich! Natürlich, ich unterschreibe alles, was du willst. Wie du willst. Nur Geld, Geld, schnell Geld sonst verkaufen sie uns das Haus über dem Kopfe. All mein Saatkorn hab ich schon verkaufen müssen. Ich stehe blank da. Und wenn wir uns manchmal gekabbelt haben, na – wie so Jungens sind. Es waren Jungenstreiche. Nun sind wir Männer."

Der andere sah seinen schwachen Genossen, der nicht einmal die Kraft, die Ausdauer, das Gedächtnis des Hassens hatte, eigen an.

"Ja, wir sind Männer!" wiederholte er mit eigener Betonung. Bei sich aber dachte er: ich bin ein Mann, du aber – nun ist die Zeit da. Nun rechnen wir ab.

Plötzlich fiel ihm Ludmilla ein –: ein Stich war das.

Ein Schnitt vielmehr, ein ganz langsamer Schnitt. Und um diesen Schnitt zu verwinden, zu verbinden, ein langes schmerzliches Lächeln.

"Wie siehst du wieder aus, Mensch! Jetzt trinkst du aber einen Kognak! Ich trinke immer einen Kognak, wenn mir nicht recht ist."

Weihnacht nickte langsam mit dem Kopfe:

"Ja, gib mir einen!"

In freudiger Bereitwilligkeit schenkte Walter ein. Weihnacht trank.

"Siehst du wohl, das bekommt. Das frischt die Lebensgeister auf. Noch einen?"

Weihnacht verneinte.

"Ja, dann können wir auch die Hassenburg wieder aufkaufen und herrichten lassen!" meinte mit immer fröhlicher, höher lodernder Hoffnung Walter.

"Was sollen wir mit so einem alten Kasten? Da haben wir das Geld nötiger! Praktisch muß man sein!"

Walter aber meinte: "Du weißt nicht, was unsereinem ein Stammschloß ist. Dafür würden wir, gerade wie unsere Väter, das Letzte hingeben. Und nächsten Sonntag ist goldener Sonntag in Pyrmont. Da wollen wir hin und Ludmilla besuchen. Es ist freilich nicht viel los mit ihr nun. Du weißt –" Weihnacht konnte nur nicken: er hatte etwas zu zerbeißen: den bittersten Schluck seines Lebens.

Das war ein anderes Kauen, als wie es die Weinkenner mit ihren Auslesen machen, um auf den Geschmack zu kommen.

Doch meinte er zögernd nach einer längeren Pause:

"Wie du meinst... wenn wir nicht stören."

Walter fühlte das Bedürfnis, vertraulich zu werden:

"Eine alberne Geschichte, das mit dem Hersdorf. Da sind wir gründlich reingefallen. Wir dachten, so'n Mensch in der Stellung muß doch ein gutes Einkommen haben. Aber nein ... Schulden mehr wie Haar auf dem Kopfe und übrigens keinen roten Heller. Aber die Sache war schon zu weit, abschnappen konnten wir nicht mehr gut. Meine Schwester hatte sich's mal in den Kopf gesetzt, Frau Gräfin zu werden, also hü! So schlimm allerdings hätten wir uns die Sache denn doch nicht vorgestellt. Hätten wir das gewußt, damals ... ich hätte sie ebenso gerne dir geben können."

Weihnacht war aufgesprungen, rief mit heftig abwehrender Gebärde:

"Ach, laß die Sache! Geschehen ist geschehen."

Nach einer Weile fing Walter an, in leisem, erklärendem Tone:

"Weißt du, das ist zum Teil auch deine eigene Schuld. Hättest du dich nur einmal sehen lassen! Wenn man einander mehr sieht, so denkt man schon eher an so was."

Weihnacht ging zur Tür:

"Ich bin höllisch müde: ich will sehen, ob ich etwas schlafen kann."

Walter reichte ihm die Hand:

"Wie du willst! Sag Karoline, daß sie das Bett bezieht."

"Schlaf wohl!"

Alarm



Wie rasend bellte Karo mitten in der Nacht auf. Sein altes Ohr hatte durch den wütenden Sturm, der ein Gewitter davonjagte, wie man wohl einen zornmütigen Menschen aus dem Hause weist, Schritte gehört und Pochen.

In einem Nu war der Traum von allen den Knochen, den guten Knochen, die er hier im Hause hin und wieder gehabt, von den noch bessern Abfällen in der Glanzzeit des Wirtshauslebens – aber auch von allen Püffen und Knüffen, die er erhalten –, dann angenehmer: von den kleinen Obstdieben, den Landstreichern und Hausierern, die er hatte beißen dürfen – in einem Nu war dieser Traum abgeschüttelt, gleich einer alten Decke, und Karo stand, wie man aus dem Bellen hörte, in atemlos geifernder Wut gegen die Tür und gierte nach den Waden, die er jenseits wußte.

Fluchend und brummend erhob sich Puljohann: "Na ja, sachte an, ich komme ja schon!" gerade als ob der Hund es hätte hören und verstehen können.

Auf dem Flur bewehrte er sich mit einem riesigen Besenstiel, den die alte Karoline da vergessen hatte, und öffnete die Tür.

Zuvor hatte er angefragt: "Wer ist da? Was ist denn noch los? Zu so nachtschlafener Zeit weckt man doch keine Leute auf!"

"Der Depeschenbote!" hatte es geantwortet.

Nur widerstrebend, mißtrauisch und unsicher ließ sich der Schlüssel im Schlosse drehen.

Der Wind warf sich mit einer Heftigkeit auf die eben geöffnete Tür, daß sie dem alten Knecht aus der Hand flog und der ganze Anprall durch das Haus ging, daß alle Türen heulten. Die Nacht warf ihr Unheimliches, ihre...



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