E-Book, Deutsch, 704 Seiten
Hill Wellness
24001. Auflage 2024
ISBN: 978-3-492-60549-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Ein großer Ehe-Roman von internationalem Rang
E-Book, Deutsch, 704 Seiten
ISBN: 978-3-492-60549-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nathan Hill, geboren 1975, lebt mit seiner Frau in Naples, Florida. Seine Erzählungen erschienen in zahlreichen Magazinen und Zeitungen, sie waren nominiert für den Pushcart und den Barthelme Preis. »Geister« ist sein erster Roman und wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt.
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Er wohnt allein im dritten Stock eines alten Backsteinhauses, ohne Ausblick auf den Himmel. Aus dem Fenster sieht er nur ihr Fenster, kaum mehr als eine Armlänge entfernt auf der anderen Seite der Gasse, wo sie im dritten Stock des alten Nachbarhauses wohnt. Keiner von beiden kennt den Namen des anderen. Sie haben nie miteinander gesprochen. Es ist Winter in Chicago.
In die enge Gasse fällt kaum Licht, ebenso wenig wie Regen oder Schnee, Graupel oder Nebel oder dieses knisternde, nasse Januarzeug, das die Einheimischen als Wintermix bezeichnen. Die Gasse ist dunkel und still und wetterlos. Sie ist scheinbar ohne jede Atmosphäre, eine in die Stadt gestickte Leerstelle mit dem einzigen Zweck, Dinge von anderen Dingen zu trennen – wie der Weltraum.
Sie ist zum ersten Mal an Heiligabend erschienen. Er ging früh zu Bett und tat sich schrecklich leid – der einzige Mensch in diesem lauten Gebäude, der nirgendwo anders hinkonnte –, als auf der anderen Seite der Gasse eine Lampe angeschaltet und das gewohnte gähnende Dunkel des Fensters durch einen schwachen warmen Lichtschein ersetzt wurde. Er stand auf, trat ans Fenster und spähte hinaus. Da war sie, richtete sich ein, zog mit raschen Bewegungen kleine, leuchtend bunte Kleider aus zwei großen, zueinanderpassenden Koffern. Ihr Fenster war dem seinen so nah, sie war ihm so nah – man hätte die Kluft zwischen ihren Wohnungen mit einem beherzten Sprung überwinden können –, dass er ein, zwei Meter zurückwich und sich im Dunkel verbarg. Doch in den vergangenen Wochen ist er öfter, als er sich eingestehen möchte, zu dieser Bühne vor seinem Fenster geschlichen. Manchmal sitzt er minutenlang im Dunkeln und sieht ihr zu.
Zu sagen, dass er sie schön findet, wäre zu einfach. Natürlich findet er sie schön – objektiv, klassisch, offensichtlich schön. Selbst ihr Gang – elastisch und beschwingt – verzaubert ihn. Sie gleitet in dicken Socken über den Boden, macht hier und da eine kleine Pirouette, sodass sich ihr Rock für einen Augenblick bauscht. An diesem tristen Ort bevorzugt sie Kleider, bunte, geblümte Sommerkleider, die gar nicht in die heruntergekommene Gegend und den kalten Winter passen. Sie schlägt die Beine unter, wenn sie in ihrem Plüschsessel sitzt; sie hat ein paar Kerzen angezündet, ihr Gesicht ist kühl und gelassen, sie hält in der einen Hand ein Buch, während die Finger der anderen über den Rand eines Weinglases streichen. Er sieht, wie sie das Glas berührt, und fragt sich, wie eine Fingerspitze so große Sehnsucht erzeugen kann.
Ihre Wohnung ist dekoriert mit Postkarten von Orten, wo sie, wie er annimmt, mal gewesen ist – Paris, Venedig, Barcelona, Rom –, und gerahmten Postern von Kunstwerken, die sie, wie er annimmt, im Original gesehen hat – David, die Pietà, das letzte Abendmahl, Guernica. Ihr Geschmack ist weit gefächert und schüchtert ihn ein. Er selbst hat noch nicht mal das Meer gesehen.
Sie ist eine unmäßige Leserin, sie liest zu allen Tages- und Nachtzeiten, schaltet um zwei Uhr morgens ihre gelbe Nachttischlampe ein und arbeitet sich durch große, unhandliche Fachbücher – Biologie, Neurologie, Psychologie, Mikroökonomie –, durch Dramen oder Gedichtsammlungen oder dicke Wälzer über Kriege und Imperien oder grau gebundene wissenschaftliche Veröffentlichungen mit unentzifferbaren Titeln. Sie hört Musik, klassische Musik nach der Art zu urteilen, wie sie den Kopf wiegt. Er versucht, Buchumschläge und Plattencover zu identifizieren, und eilt am nächsten Tag in die Bibliothek, um all die Autoren zu lesen, die ihr nachts den Schlaf rauben, und all die Symphonien zu hören, die sie unentwegt, wie es scheint, abspielt: die Haffner, die Eroica, die Aus der Neuen Welt, die Unvollendete, die Fantastique. Er stellt sich vor, dass er, wenn sie tatsächlich mal miteinander sprechen, irgendetwas über die Symphonie fantastique sagen wird, und sie wird beeindruckt sein und sich in ihn verlieben.
Wenn sie tatsächlich miteinander sprechen.
Sie ist genau der kultivierte, weltgewandte Mensch, den er in dieser beängstigend großen Stadt zu finden gehofft hat. Der offensichtliche Fehler in diesem Plan ist, wie ihm jetzt bewusst wird, dass eine so kultivierte, weltgewandte Frau wie sie keinerlei Interesse an einem so provinziellen und gewöhnlichen Burschen wie ihm haben kann.
Sie hatte nur einmal Besuch. Einen Mann. Bevor er kam, verbrachte sie erschreckend viel Zeit im Badezimmer, probierte sechs Kleider an und entschied sich schließlich für das engste, ein dunkelrotes. Sie steckte ihr Haar auf. Sie legte Make-up auf, wusch es wieder ab, legte es erneut auf. Sie duschte zweimal. Sie sah vollkommen fremd aus. Der Mann brachte ein Sixpack Bier mit, und sie verbrachten zwei, wie es schien, unerfreuliche, unheitere Stunden. Beim Abschied schüttelten sie sich die Hand. Danach kam er nicht mehr.
Als er gegangen war, zog sie sich ein schlunziges altes T-Shirt an, aß Frühstücksflocken ohne alles und saß wie in einem Anfall innerer Trägheit da. Sie weinte nicht. Sie saß nur da.
Über die sauerstofflose Gasse hinweg beobachtete er sie und fand, dass sie in diesem Augenblick schön war, obgleich das Wort »schön« mit einem Mal zu klein schien, um die Situation zu beschreiben. Schönheit hat ein öffentliches und ein privates Gesicht, dachte er, und es geschieht leicht, dass das eine das andere auslöscht. Auf eine Postkarte von Chicago schrieb er: Bei mir müsstest du dich nicht verstellen. Er warf sie weg und versuchte es erneut: Du müsstest niemals jemand sein, der versucht, jemand anderes zu sein.
Aber er hat sie nicht abgeschickt. Er schickt sie nicht ab.
Manchmal bleibt ihre Wohnung dunkel, und er verbringt den Abend für sich – seinen gewöhnlichen, hermetischen Abend – und fragt sich, wo sie wohl ist.
Dann beobachtet sie ihn.
Sie sitzt im Dunkel, er kann sie nicht sehen.
Sie beobachtet ihn, studiert ihn, bemerkt seine Stille, seine Ruhe, die bewundernswerte Tatsache, dass er stundenlang mit gekreuzten Beinen auf dem Bett sitzt und liest. Er ist immer allein dort drinnen. Seine Wohnung – eine trostlose kleine Schachtel mit kahlen weißen Wänden, einem Bücherregal aus Brettern und Ziegelsteinen und einem Futon auf dem Boden – ist kein Ort, wo man Gäste empfängt. Wie es scheint, hält die Einsamkeit ihn umschlossen wie ein Knopfloch.
Zu sagen, dass sie ihn gut aussehend findet, wäre zu einfach. Sie findet, dass er insofern gut aussieht, als ihm nicht bewusst zu sein scheint, dass er gut aussehen könnte: Ein dunkler Spitzbart verbirgt ein zartes Kindergesicht, weite Pullover verhüllen einen knabenhaften Körper. Sein Haar war vor Jahren kurz geschnitten und fällt ihm nun in fettigen, kinnlangen Strähnen ins Gesicht. Sein Kleidungsstil ist apokalyptisch: fadenscheinige schwarze Hemden, schwarze Kampfstiefel und dunkle Jeans, die dringend geflickt werden müssten. Sie sieht nichts, was darauf hindeutet, dass er eine einzige Krawatte besitzt.
Manchmal steht er vor dem Spiegel, mit nacktem Oberkörper, bleich und unzufrieden. Er ist so klein – schmächtig und anämisch und dürr wie ein Junkie. Er lebt von Zigaretten und gelegentlichen Mahlzeiten, meist ist es irgendwas aus einer Schachtel, in Plastik verpackt, für die Mikrowelle, manchmal auch etwas Getrocknetes, das mithilfe von Wasser zu etwas grenzwertig Essbarem wird. Wenn sie das sieht, hat sie dasselbe Gefühl wie beim Anblick der Tauben, die sich auf den tödlichen, stromführenden Drähten der Hochbahn niederlassen.
Er braucht Gemüse.
Kalium und Eisen. Fasern und Fruktose. Feste, knusprige Körner und Säfte in allen Farben. All die Elemente und Elixiere eines gesunden Lebens. Sie möchte eine Ananas mit Geschenkband umwickeln und ihm schicken. Mit einem Kärtchen. Jede Woche ein anderes Stück Obst. Auf dem Kärtchen würde stehen: Tu dir das nicht an.
Beinahe einen Monat lang verfolgt sie, wie Tattoos sich efeugleich auf seinem Rücken ausbreiten und in einem Aufruhr aus Mustern und Farben an seinen schlanken Armen hinunterwachsen. Sie denkt: Ich könnte damit leben. Tatsächlich hat so ein auffallendes Tattoo ja auch etwas Beruhigendes, besonders eins, das man sogar dann sehen kann, wenn der Besitzer ein zugeknöpftes Arbeitshemd trägt. Es verrät Selbstbewusstsein, findet sie, es spricht von einem Menschen, der starke...




