E-Book, Deutsch, Band 1, 560 Seiten
Hill Schattenrisse
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-311-70176-7
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auftritt für Inspector Serrailler
E-Book, Deutsch, Band 1, 560 Seiten
Reihe: EIn Fall für Inspector Serrailler
ISBN: 978-3-311-70176-7
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Susan Hill wurde 1942 in Yorkshire geboren. Ihre Geistergeschichten und die Kriminalromane um Simon Serrailler haben sie zu einer der populärsten britischen Schriftstellerinnen gemacht. Ihr Gothic-Roman Die Frau in Schwarz läuft als Theateradaption seit über dreißig Jahren im Londoner West End und wurde 2012 erfolgreich mit Daniel Radcliffe in der Hauptrolle verfilmt. Für ihre Romane, Erzählungen und Jugendbücher wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Somerset Maugham Award, und zum Commander of the British Empire ernannt. Susan Hill lebt in Norfolk in einem alten Bauernhaus, in dem in jedem Winkel Bücher stehen, die im Winter gut isolieren.
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1
Ein Donnerstagmorgen im Dezember. Halb sieben. Immer noch dunkel. Neblig. So war es den ganzen Herbst über gewesen, mild, feucht, bedrückend.
Angela Randall fürchtete sich nicht vor der Dunkelheit, aber zu dieser trostlosen Uhrzeit und am Ende einer schwierigen Nachtschicht durch die dicke Nebelsuppe heimzufahren, war anstrengend. Im Stadtzentrum waren bereits Menschen auf den Beinen, doch die wenigen Lichter wirkten wie ferne, flauschige kleine Inseln aus Bernstein, deren Glühen weder Licht noch Trost spendete.
Sie fuhr langsam. Am meisten fürchtete sie sich vor Radfahrern, die plötzlich vor ihr auftauchten, aus der Dunkelheit oder dem Nebel, für gewöhnlich ohne reflektierende Streifen an der Kleidung, oftmals sogar ohne Licht. Sie war eine recht gute, aber keine selbstsichere Fahrerin. Die Angst, nicht so sehr vor dem Zusammenstoß mit einem anderen Auto, sondern davor, einen Fahrradfahrer oder Fußgänger zu überfahren, war immer gegenwärtig. Sie hatte allen Mut zusammennehmen müssen, um überhaupt Fahren zu lernen. Manchmal dachte sie, es sei das Mutigste, dass ihr je abverlangt werden würde. Sie wusste, wie viel Entsetzen und Schock und Trauer ein tödlicher Autounfall bei den Hinterbliebenen auslöste. Immer noch hörte sie das Klopfen an der Haustür, sah die Polizeihelme durch die Milchglasscheibe.
Damals war sie fünfzehn gewesen. Jetzt war sie dreiundfünfzig. Es fiel ihr schwer, sich an ihre Mutter als lebendigen Menschen zu erinnern, gesund und glücklich, denn die Bilder wurden für immer von diesen anderen überlagert – das so sehr geliebte Gesicht, zerschlagen und zusammengeflickt, und der kleine, flache Körper unter dem Laken im kalten, blau-weißen Licht der Leichenhalle. Niemand sonst hatte Elsa Randall identifizieren können. Angela war ihre nächste Angehörige. Sie hatten eine Einheit gebildet, waren einander alles gewesen. Angelas Vater war gestorben, als sie ein Jahr alt war. Sie hatte kein Foto von ihm. Keine Erinnerung.
Mit fünfzehn war sie plötzlich auf niederschmetternde Weise vollkommen allein gewesen, hatte aber in den folgenden vierzig Jahren gelernt, das Beste daraus zu machen. Keine Eltern, Geschwister, Tanten oder Cousinen. Die Vorstellung einer Großfamilie war ihr völlig fremd.
Bis vor Kurzem hatte sie geglaubt, sie käme nicht nur sehr gut mit dem Alleinleben zurecht, sondern wolle es auch nie mehr anders haben. Für sie war es ein natürlicher Zustand. Sie hatte wenig Freunde, mochte ihre Arbeit, hatte ein Fernstudium absolviert und gerade mit einem zweiten begonnen. Vor allem segnete sie den Tag vor zwölf Jahren, als es ihr endlich gelungen war, aus Bevham wegzuziehen und mit ihrem Ersparten, zusammen mit dem Erlös aus dem Verkauf ihrer Wohnung, das kleine Haus im zwanzig Meilen entfernten Lafferton zu kaufen.
Lafferton war genau das Richtige für sie. Der Ort war klein, aber nicht zu klein, hatte breite, begrünte Straßen, ein paar hübsche viktorianische Reihenhäuser und im Kathedralenhof schöne georgianische Häuser. Die Kathedrale selbst war prachtvoll – Angela nahm von Zeit zu Zeit am Gottesdienst teil –, und es gab gute Geschäfte, gemütliche Cafés. Ihre Mutter hätte außerdem gesagt, mit diesem komischen, steifen kleinen Lächeln, dass Lafferton »eine angenehm gehobene Einwohnerschicht« habe.
Angela Randall fühlte sich wohl in Lafferton, angekommen, zu Hause. Sicher. Als sie sich im Frühling dieses Jahres verliebt hatte, war sie zuerst verwirrt gewesen, ein Neuling auf dem Gebiet dieser überwältigenden, alles verzehrenden Gefühle, war aber rasch zu der Überzeugung gelangt, dass ihr Umzug nach Lafferton Teil eines Plans war, der zu diesem Höhepunkt führte. Angela Randall liebte mit einer Versunkenheit und Hingabe, die inzwischen ihr Leben beherrschten. Bald, das wusste sie, würde es auch das Leben des anderen beherrschen. Wenn er akzeptierte, was sie für ihn empfand, wenn sie bereit war, ihre Gefühle zu enthüllen, wenn der Augenblick stimmte.
Bevor sie ihn kennengelernt hatte, war ihr das Leben allmählich etwas hohl vorgekommen. Furcht vor zukünftiger Krankheit, Gebrechlichkeit, Alter war am Rande ihres Bewusstseins aufgetaucht und hatte sie angegrinst. Es hatte sie erschreckt, in ein Alter zu kommen, das ihre Mutter nie erreicht hatte. Sie hatte das Gefühl, kein Recht darauf zu haben. Aber seit diesem Tag im April, als sie ihn kennenlernte, war die Hohlheit einer intensiven und leidenschaftlichen Gewissheit, dem festen Glauben an das Schicksal gewichen. An Einsamkeit, Alter und Krankheit verschwendete sie keinen Gedanken mehr. Sie war gerettet worden. Schließlich war dreiundfünfzig nicht dreiundsechzig oder dreiundsiebzig, sondern die Blüte des Lebens. Mit fünfzig war ihre Mutter regelrecht alt gewesen. Heutzutage blieben die Menschen viel länger jung.
Als sie die schützenden Mauern des Stadtzentrums hinter sich ließ, schlossen sich Dunkelheit und Nebel um das Auto. Sie bog in die seltsamerweise nur Domesday genannte Straße und dann links in den Devonshire Drive. In einigen Schlafzimmern der großen Einfamilienhäuser brannte Licht, das aber nur trüb durch den Nebel schien. Sie reduzierte das Tempo auf dreißig und dann auf fünfundzwanzig Stundenkilometer.
Bei diesem Wetter ließ sich unmöglich erkennen, dass dies einer der anziehendsten und begehrtesten Stadtteile Laffertons war. Sie wusste, wie glücklich sie sich schätzen konnte, das kleine Haus im Barn Close gefunden zu haben, eins von nur fünf Häusern hier, und noch dazu zu einem Preis, den sie aufbringen konnte. Es hatte nach dem Tod des alten Paares, das hier über sechzig Jahre lang gewohnt hatte, mehr als ein Jahr lang leer gestanden. Damals war Barn Close noch keine Sackgasse gewesen, und die meisten der beeindruckenden Häuser am Devonshire Drive waren erst später gebaut worden.
Das Haus war nie modernisiert worden und hatte sich in ziemlich schlechtem Zustand befunden, aber Angela Randall war kaum hinter der jungen Immobilienmaklerin eingetreten, da hatte sie gewusst, dass sie hier leben wollte.
»Ich fürchte, es müsste einiges daran getan werden.«
Doch das alles spielte keine Rolle, weil das Haus sie sofort auf ganz besondere Weise umfing.
»Hier haben glückliche Menschen gelebt«, sagte sie.
Die junge Frau warf ihr einen seltsamen Blick zu.
»Ich möchte ein Angebot abgeben.«
Sie ging in die frostige kleine, nilgrün gestrichene Küche mit dem Emaillegasherd und den braun lackierten Küchenschränken und sah daran vorbei aus dem Fenster, auf das Feld hinter der Hecke und den dahinter aufragenden Hügel. Die Wolken jagten das Sonnenlicht darüber, neckend, ließen die grünen Hänge erst aufleuchten, um sie dann wieder zu verdunkeln, wie spielende Kinder.
Zum ersten Mal seit jenem Klopfen an der Tür vor so vielen Jahren hatte Angela Randall etwas gespürt, das sie nach kurzem Zögern als Glück erkannte.
Ihre Augen brannten vor Müdigkeit und der Anstrengung, im wabernden Nebel durch die Windschutzscheibe zu schauen. Die Nacht war hart gewesen. Manchmal waren die alten Leute ganz ruhig und friedlich, und sie wurden kaum gerufen. Dann sahen sie nur alle zwei Stunden nach dem Rechten und sortierten ansonsten Wäsche oder erledigten andere Routinearbeiten, die ihnen die Tagschicht hinterlassen hatte. In solchen Nächten hatte Angela Randall im Personalraum des Pflegeheims einen Großteil ihrer Aufgaben für das Fernstudium erledigen können. Aber in der letzten Nacht war sie kaum dazu gekommen, ihre Bücher zu öffnen. Fünf Heimbewohner, einschließlich einiger der gebrechlichsten und schwächsten, waren an einer akuten Virusgrippe erkrankt, und um zwei Uhr hatten sie Dr. Deerborn rufen müssen, die eine der alten Damen direkt ins Krankenhaus bringen ließ. Mr Gantleys Medikamente hatten umgestellt werden müssen, und die neuen Tabletten hatten ihm Albträume beschert, wilde, Angst einjagende, schreiende Albträume, von denen die Bewohner der beiden angrenzenden Zimmer wach wurden. Miss Parkinson hatte wieder geschlafwandelt und war bis zur Haustür gelangt, hatte sie aufgeschlossen und entriegelt und war schon halb den Weg hinunter, bis irgendjemand – in der Aufregung über all die Krankheitsfälle – es bemerkte. Demenz war nicht schön. Man konnte nur Schadensbegrenzung betreiben und für sichere Unterbringung sorgen, natürlich zusammen mit einer sauberen, angenehmen Umgebung, vernünftigem Essen und freundlicher Betreuung. Angela Randall fragte sich, wie sie damit fertig geworden wäre, wenn ihre Mutter, hätte sie weitergelebt, eine Krankheit bekommen hätte, die einem die eigene Identität raubt – Persönlichkeit, Gedächtnis, Geist, Würde, die Fähigkeit, sich auf andere zu beziehen –, alles, was das Leben lebenswert macht, kostbar und wertvoll. »Sie nehmen mich doch hier auf, nicht wahr«, hatte sie mehr als einmal spaßhaft zu Carol Ashton gesagt, der Leiterin vom Four-Ways-Pflegeheim, »falls ich je so werden sollte?« Sie hatten gelacht und über etwas anderes gesprochen, aber Angelas Frage war wie die eines Kindes gewesen, das Bestätigung und Schutz sucht. Nun ja, darum brauchte sie sich jetzt keine Sorgen mehr zu machen. Sie würde nicht allein alt werden, in welchem Zustand auch immer, das wusste sie nun.
Als sie das Ende des Devonshire Drive erreichte, riss der Nebel auf und verwandelte sich von einer dichten Bank in dünnere Schwaden und Schleier, die sich um die Motorhaube des Wagens wanden. Jetzt wurden dunkle Flecken sichtbar, in denen Häuser und Straßenlaternen in deutlichem Orange und Gold leuchteten. Nach dem Abbiegen in den Barn Close konnte Angela Randall ihr eigenes, weiß gestrichenes Gartentor...




