Hill | Phantomschmerzen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 9, 384 Seiten

Reihe: EIn Fall für Inspector Serrailler

Hill Phantomschmerzen

Auszeit für Inspector Serrailler; Kriminalroman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-311-70124-8
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Auszeit für Inspector Serrailler; Kriminalroman

E-Book, Deutsch, Band 9, 384 Seiten

Reihe: EIn Fall für Inspector Serrailler

ISBN: 978-3-311-70124-8
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Simon Serrailler hat seinen letzten Fall nur knapp überlebt. Wird er körperlich und psychisch je wieder in der Lagesein, als Detective Chief Inspector zu arbeiten? Er sucht Abstand von seinem Leben in der gemütlichen südenglischen Stadt Lafferton mit ihrer schönen Kathedrale, von seiner Schwester, der Ärztin Cat und ihren drei Kindern, die gerade seinen Vorgesetzten Kieron Bright geheiratet hat, und von seinem Vater Richard und dessen viel zu junger französischer Freundin. Gibt es einen besseren Ort, um sich zu erholen, als das Zuhause alter Freunde auf einer abgelegenen schottischen Insel? Mit der Ruhe ist es allerdings schnell vorbei, als eine Frau unter mysteriösen Umständen ermordet wird und Serrailler als einziger Polizist vor Ort die Ermittlungen auf Taransay übernehmen muss. Und auch ein alter Fall in Lafferton holt ihn ein. Ist die 24 Jahre alte Kimberley Still ein weiteres Opfer des Serienmörders Lee Russon?

Susan Hill wurde 1942 in Yorkshire geboren. Ihre Geistergeschichten und die Kriminalromane um Simon Serrailler haben sie zu einer der populärsten britischen Schriftstellerinnen gemacht. Ihr Gothic-Roman Die Frau in Schwarz läuft als Theateradaption seit über dreißig Jahren im Londoner West End und wurde 2012 erfolgreich mit Daniel Radcliffe in der Hauptrolle verfilmt. Für ihre Romane, Erzählungen und Jugendbücher wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Somerset Maugham Award, und zum Commander of the British Empire ernannt. Susan Hill lebt in Norfolk in einem alten Bauernhaus, in dem in jedem Winkel Bücher stehen, die im Winter gut isolieren.
Hill Phantomschmerzen jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Prolog


Lange war da nur Schwarz gewesen, konturloses, grenzenloses Schwarz. Doch dann war am Rand der Schwärze ein sanftes, diffuses Grau eingesickert, und kurz darauf waren die Bilder gekommen, die sich sehr schnell vorwärtsbewegt hatten, wie ein Daumenkino. Zunächst konnte er keins festhalten oder sie voneinander unterscheiden, aber allmählich waren sie langsamer geworden, und er hatte Gesichter gesehen, Körperteile – eine Hand, einen Daumen, einen Nacken. Haare. Die Bilder hatten angefangen zu pulsieren, sich aufzublähen und zu schrumpfen, wie ein klopfendes Herz, die Gesichter waren umeinandergewirbelt, ineinander aufgegangen, dann hatten sie sich wieder getrennt, und ein oder zwei Mal hatten sie ihm einen anzüglichen Blick zugeworfen oder schweigend aus Mündern voll kaputter Zähne gelacht. Er hatte versucht, sich von ihnen zu entfernen oder den Arm zu heben, um die Augen abzuschirmen, doch er war steif, sein Arm schwer und kalt, wie ein aus dem Gefrierschrank geholter Braten. Er wusste nicht, wie er ihn bewegen sollte.

Die Gesichter waren in Stücke zerborsten, die sich unkontrollierbar zu drehen begannen, und er hatte in einen Strudel hinabgeschaut.

Ein greller Blitz. In seinem Licht Millionen glitzernder, scharfer Nadelspitzen. Noch ein Aufleuchten. Die Nadelspitzen hatten sich aufgelöst.

Simon Serrailler öffnete die Augen.

Erstaunlich, wie schnell die Dinge Gestalt angenommen hatten.

»Welcher Tag ist heute?«

»Donnerstag. Es ist zwanzig nach fünf.« Die Schwester, die den Tropf eingestellt hatte, wandte sich ihm zu.

»Wann bin ich zu mir gekommen?«

»Gestern Morgen.«

»Mittwoch.«

»Sie machen sich sehr gut. Wie geht es Ihnen?«

»Weiß nicht genau.«

»Schmerzen?«

Simon überlegte. Er bewegte den Kopf und sah ein rechteckiges Stück farblosen Himmel. Das Dach eines Gebäudes, mit einem Sims ringsum. Anscheinend tat überhaupt nichts weh, obwohl sich sein linker Arm und der Hals seltsam schwer anfühlten. Der Rest seines Körpers war irgendwie losgelöst. Schmerz war das nicht. Er wusste, was Schmerz war.

»Ich glaube, es ist alles in Ordnung.«

»Prima. Sie machen sich sehr gut«, wiederholte sie, als müsste sie ihn überzeugen.

»Wirklich? Ich weiß nicht.«

»Wissen Sie, wo Sie sind?«

»Nicht so richtig. Im Krankenhaus vielleicht?«

»Volltreffer. Sie sind auf der Intensivstation des Charing Cross, und ich bin Schwester Bonnington. Megan.«

»Das nächste Krankenhaus ist nicht Charing Cross … es ist … ich weiß es nicht mehr.«

»Sie sind in West-London.«

Er ließ die Wörter auf sich einwirken und wusste ganz genau, was sie bedeuteten. Er wusste, wo West-London war, er hatte nach der Ausbildung als Detective Constable in West-London gearbeitet.

»Erinnern Sie sich noch, was passiert ist?«

Blitzartig tauchten Bilder auf. Die Körperteile. Die Hand. Der Daumen. Der Mund voll verfaulter, kaputter Zähne. Sie verschwanden.

»Ich glaube nicht.«

»Kein Problem. Das ist völlig normal. Zermartern Sie sich nicht das Hirn, um sich zu erinnern.«

»Bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt ein Hirn habe.«

Sie lächelte. »Ich denke schon. Jetzt schüttle ich erst mal Ihre Kissen auf, damit Sie es ein bisschen bequemer haben. Können Sie sich aufsetzen?«

Er hatte keine Ahnung, wie er das anstellen sollte, doch sie schien ihn anzuheben und nach vorn gegen ihren Arm zu lehnen, seine Kissen aufzuschütteln, seine Bettdecke zu richten und ihn wieder zurückzulegen, ohne größere Anstrengung. Simon sah, dass er überall Schläuche und Kabel an sich hatte, die zu Geräten und Monitoren und Infusionsbeuteln führten, und dass sein linker Arm in einer Art Schlinge steckte. Er betrachtete ihn. Verbände, ein langer Ärmel aus Bandagen bis an seine Schulter und noch weiter hinauf.

»Tut das weh?«

»Nein. Irgendwie, als wäre da – nichts.«

»Taub?«

»Nicht so richtig. Einfach nur … ich kann es nicht beschreiben.«

»Machen Sie sich keine Sorgen. Der Oberarzt kommt heute Abend noch bei Ihnen vorbei.«

»Wie heißt er?«

»Mr Flint. Und Dr. Lo ist der Facharzt. Er hat in den letzten beiden Tagen nach Ihnen geschaut, aber wir sind ein Team.«

»Ich habe ein Team?«

»Das haben Sie in der Tat, Simon. Ist es okay, wenn ich Sie Simon nenne? Wir fragen immer, wissen Sie, aber Sie konnten ja nicht antworten. Was ist Ihnen lieber? Mr Serrailler? Superintendent? Chief Superintendent?«

»Um Himmels willen. Simon reicht.«

Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit.

»Da kommt Besuch, also gehe ich mal. Der Notknopf ist hier, neben Ihrer rechten Hand. Drücken Sie, wenn Sie etwas brauchen.«

»Hallo, Si.« Cat beugte sich über ihn und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Du bist wieder wach.«

»Wann war ich das nicht?«

»Fast immer in den letzten drei Wochen.«

»Drei ? Bis wann?«

»Bis gestern. Weißt du, dass ich hier war?«

Simon versuchte, die Bilder in seinem Kopf zu sortieren. »Ich … nein.«

Er sah den flüchtigen Ausdruck der Besorgnis im Gesicht seiner Schwester, den sie rasch kaschierte.

»Es heißt, der Oberarzt kommt bald zu mir. Wusstest du, dass ich ein eigenes ›Team‹ habe? Gehörst du dazu?«

Sie lächelte.

»Hast du mir Trauben mitgebracht?«

»Nein. Aber du willst doch eigentlich keine Trauben, oder?«

»Ich will wissen, was passiert ist und warum ich hier bin. Sprich mit mir.«

»Hör zu, Si, du musst alles erfahren, aber ich bin nicht die Richtige, dir die ganze Geschichte zu erzählen, weil ich nicht dabei war. Kieron kommt morgen wieder her, und wenn sie meinen, dass du in der Lage bist, es dir anzuhören, dann erzählt er es dir.«

»Der Chief war hier?«

»Natürlich. Er hat mich an dem Tag, als es passierte, hierhergebracht. Er war seitdem ein paarmal hier, wann immer er es einrichten konnte, und ich habe ihn jeden Tag auf dem Laufenden gehalten.«

»Du? Warum du?«

»Weil ich an den meisten Tagen hier war und mit den Ärzten gesprochen habe, damit ich ihr Fachchinesisch für ihn übersetzen konnte.«

»Nein, ich meinte … ich verstehe nicht, wieso du ihn überhaupt kennst.«

»Er war mein Fels in der Brandung, Si … als sonst niemand da war, der mir hätte helfen können.«

»Aha.«

»Nichts aha.«

Er versuchte, ihre Miene zu deuten, konnte sich aber nicht darauf konzentrieren, weil er im linken Arm von einer Sekunde zur nächsten immer stärkere Schmerzen verspürte, in Wogen, die sich über seinen Arm hinweg auf der Brust brachen, durch seinen Körper spülten, Schmerzen wie von Zangen und Messern.

»Si?«

»Großer Gott.« Er schaute auf die Verbände und die Schlinge, die den Arm hochhielt. Ihn hätte es nicht gewundert, wenn sie lichterloh gebrannt hätte. So fühlte es sich an.

Cat sprang auf. »Ist schon gut. Ich bring das in Ordnung … warte einen Augenblick.«

Eine Stunde lang kam sie nicht wieder. Eine Nacht. Für den Rest seines Lebens. Er war in Schmerz gehüllt, außer Schmerzen empfand er nichts. Er hörte sich selbst so laut schreien, dass er schon befürchtete, sie würden kommen und ihn bestrafen. Die Gesichter. Die Schwärze war nicht mehr nur dunkel, hatte keine sanften Ränder mehr, sie war im Zentrum scharlachrot, und das Zentrum breitete sich immer weiter aus.

»Großer Gott …«

»Ist schon gut. Gleich kommt jemand.« Cat hielt seine rechte Hand fest. Sie berührte sein Gesicht und wischte die Tränen ab, doch er spürte weder Scham noch Verlegenheit, nur Schmerzen.

»Wir bringen das jetzt in Ordnung.« Diesmal war es ein Mann, der neben dem Bett aufragte.

»Einen Augenblick noch.«

Simon konnte nicht warten, aber es gab keinen Fluchtweg. Er krümmte sich vor Schmerz. Cat wischte ihm mit einem feuchten Tuch den Schweiß von der Stirn. Wütend. Auch sie war wütend. Warum waren alle wütend auf ihn?

Hektik brach aus, Leute kamen ins Zimmer, beugten sich über ihn.

»Gleich haben wir es, Simon … jeden Moment.«

Das endlos sanfte Nachlassen des Schmerzes, sodass sich sein Körper entspannte. Sein Kopf fühlte sich kühl an, sein Arm schien verschwunden.

»Geschafft. Sie hätten klingeln sollen. Sie hätten Bescheid sagen –«

»Nein«, hörte er Cat sagen und erkannte diesen Tonfall, obwohl sie ihn selten benutzte. »Nein, es hat nichts mit ihm zu tun, sondern mit allen anderen. Es gibt Behandlungsvorschriften, und denen ist Folge zu leisten, sonst passiert so etwas hier. Und es hat viel zu lange gedauert, bis ich überhaupt jemanden fand, der über ihn und seinen Fall Bescheid wusste, und bis ich Sie dann so weit hatte, herzukommen – und sagen Sie mir jetzt bitte nicht, dass gerade Schichtwechsel war.«

»Es war Schichtwechsel, tut mir leid.«

»Herrgott noch mal.« Der Mann. Er war jung, hatte einen Bart, und seine Augen waren voller Sorge, Mitleid und Wut.

»Simon, ich bin Dr. Lo. Ich kenne Sie, aber jetzt sind Sie zum ersten Mal bei Bewusstsein und können mich sehen. Hat der Schmerz nachgelassen?«

Ihm war, als läge er auf einem Bett aus Daunen. Außer Sanftheit und Leichtigkeit spürte er nichts. Er schenkte allen im Zimmer ein glückseliges Lächeln.

Simon wusste, dass er wieder geschlafen hatte, dann war er durch die Luft geschwebt und hatte sich schließlich auf dem Wasser treiben lassen, doch die Zeiger der Uhr an der Wand gegenüber seinem...


Balkenhol, Marion
Marion Balkenhol, in Wuppertal geboren, lebt seit dem Studium in Heidelberg und übersetzt aus dem Englischen, u. a. Werke von Celia L. Grace, Marion Zimmer Bradley, Jeanne Kalogridis, Margaret Elphinstone, Indu Sundaresan, Marlena de Blasi, Jojo Moyes, J. K. Rowling, Tamara McKinley, Judy Nunn, Sam Savage und Christina Dalcher.

Hill, Susan
Susan Hill wurde 1942 in Yorkshire geboren. Ihre Geistergeschichten und die Kriminalromane um Simon Serrailler haben sie zu einer der populärsten britischen Schriftstellerinnen gemacht. Ihr Gothic-Roman Die Frau in Schwarz läuft als Theateradaption seit über dreißig Jahren im Londoner West End und wurde 2012 erfolgreich mit Daniel Radcliffe in der Hauptrolle verfilmt. Für ihre Romane, Erzählungen und Jugendbücher wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Somerset Maugham Award, und zum Commander of the British Empire ernannt. Susan Hill lebt in Norfolk in einem alten Bauernhaus, in dem in jedem Winkel Bücher stehen, die im Winter gut isolieren.

Aeckerle, Susanne
Susanne Aeckerle freute sich, endlich wieder mit Superintendent Simon Serrailler vereint zu sein, den sie seit ihrer Übersetzung des ersten Bandes der Serrailler-Krimis von Susan Hill (2004) ins Herz geschlossen hat. Sie lebt als Übersetzerin und freie Lektorin in München und hat unter anderem Werke von Lindsey Davis, Francine Prose, Martin Cruz Smith, Frederick Forsyth, Sam Savage, Margaret Elphinstone, J. K. Rowling und Christina Dalcher übersetzt, einige davon zusammen mit Marion Balkenhol.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.