Hill | John Sinclair 2467 | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2467, 64 Seiten

Reihe: John Sinclair

Hill John Sinclair 2467

Der Grabschläfer
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-8942-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der Grabschläfer

E-Book, Deutsch, Band 2467, 64 Seiten

Reihe: John Sinclair

ISBN: 978-3-7517-8942-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach dem Tod ihres Lebensgefährten Chris Ainsworth steht Jane Collins vor den Trümmern ihres Lebens. Doch die Detektivin ist fest entschlossen, den Mörder zur Strecke zu bringen - auch wenn es sich dabei um Asmodis handelt, den Teufel persönlich! Als ein junger Mann in der Bretagne behauptet, durch ein uraltes keltisches Ritual mit den Toten sprechen zu können, schöpft Jane Hoffnung. Kann sie durch den sogenannten 'Grabschläfer' ein letztes Mal Kontakt zu Chris aufnehmen?

Hill John Sinclair 2467 jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Der Grabschläfer


von Ian Rolf Hill

»Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?«

1. Korinther 15:55

»Ich vermisse ihn so sehr!«

Camille wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und verschmierte dadurch den schwarzen Lidschatten. Nicht, dass es noch einen Unterschied gemacht hätte. Das Make-up war durch das Weinen ohnehin schon hoffnungslos zerlaufen, sodass Camille aussah, als trüge sie eine bizarre Harlekin-Maske.

Ihrer ätherischen Schönheit tat dies jedoch keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Jules' Empfinden nach hatte sie nie schöner ausgesehen.

Es war das erste Mal, dass er sie weinen sah. Vielleicht war er sogar der erste Mensch überhaupt, der dies tat, denn Camille galt allgemein als unnahbar, kalt und distanziert.

Doch das, so wusste Jules jetzt, war bloß Fassade. Für ihn war es der ultimative Vertrauensbeweis, und ihm wurde klar, dass er dieses Mädchen, dieses junge, wunderschöne Geschöpf, aus tiefstem Herzen liebte.

»Ich tu es, Camille! Ich werde heute Nacht am Grab deines Vaters schlafen!«

»Wirklich?«

Jules Baptiste nickte. Seine geliebte Camille so zu sehen, so traurig und voller Gram, machte ihm das Herz schwer.

Nur aus diesem Grund hatte er sich entschieden, dieses sonderbare Ritual durchzuführen.

Er hatte schon häufiger auf Gräbern geschlafen, nur nie auf denen fremder Menschen. Und hätte Camille ihn heute nicht mit auf den Friedhof genommen, um ihm das Grab ihres Vaters zu zeigen, hätte er sich wohl kaum dazu hinreißen lassen.

Doch jetzt, da er die Hoffnung in ihren großen dunklen Augen sah, wusste er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.

»Ja«, murmelte er.

Sein Blick glitt über das sorgfältig gepflegte Grab, bepflanzt mit Primeln, Stiefmütterchen und Vergissmeinnicht. Vor dem Grabstein stand eine gerahmte Fotografie von Louis Petit, die ihn zusammen mit seiner Tochter zeigte.

Es war am Tag ihrer Einschulung gewesen, und das kleine Mädchen, das kaum Ähnlichkeit mit der jungen Frau an seiner Seite hatte, strahlte übers ganze Gesicht.

Die Fotografie wurde von zwei Grablichtern eingerahmt, eines für den Verstorbenen, das andere für Camille, davor lag eine schwarze Rose.

Andere hätten es vielleicht für morbide oder gar ungesund gehalten, dass Camille für sich selbst ein Grablicht entzündete, doch für Jules war ihre Entscheidung vollkommen nachvollziehbar. Mit ihrem Vater war auch ein Teil von ihr selbst gestorben, daher war es absolut legitim, für sich ein Totenlicht auf das Grab des geliebten Menschen zu stellen.

»Ja, ich werde es tun!«, wiederholte Jules.

Er nickte, um seine Worte zu bekräftigen, so als müsse er sich selbst in seinem Entschluss bestärken. Als fürchte er, schwankend werden zu können und im letzten Moment noch einen Rückzieher zu machen.

»Danke.«

Camille schlang die Arme um seinen Körper und presste ihren Kopf gegen seine Brust. Jules war die plötzliche Nähe unangenehm.

O ja, er liebte und begehrte Camille von ganzem Herzen, doch nie hätte er sich angemaßt, sie anzufassen, zu berühren, vielleicht sogar zu küssen.

Camille war ein Kunstwerk. Die fleischgewordene Melancholie, in der Jules seine eigene Sehnsucht nach dem Tod wiedererkannte. Sie waren Seelenverwandte, dessen war er sich absolut sicher, und nicht nur, weil Camille das gesagt hatte.

Er spürte das Klopfen ihres Herzens an seiner Brust. Unbeholfen legte er die Arme um ihre Schultern.

»Du weißt ja gar nicht, was mir das bedeutet!« Camille drückte sich noch fester an ihn.

»Schon gut, das ... mache ich gerne ... für dich!«

Sie ließ ihn los und blickte zu ihm auf. Wimperntusche und Lidschatten malten zittrige Bahnen auf ihre alabasterweiße Haut. Die schwarz geschminkten Lippen schimmerten feucht.

Und ehe er sich versah, legte sie die kalten Hände mit den ebenfalls schwarz lackierten Nägeln an seine Wangen, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn.

Es war nur ein flüchtiger Kuss, wie ein sanfter Hauch. Zärtlich und keusch, so wie Camille nun einmal war. Trotzdem durchfuhr es ihn wie ein Stromstoß. Er war wie elektrisiert. Für einen Moment war er unfähig, sich zu bewegen, etwas zu sagen.

»Heute Abend um halb elf!«, hauchte sie.

Dann lief sie davon.

Jules konnte gar nicht anders, als ihr nachzuschauen, wie sie mit wehendem Kleid zwischen den Grabsteinen entlangschwebte. Die Fledermausärmel flatterten mit ihrem schwarz gefärbten Haar um die Wette.

Es hätte Jules nicht gewundert, hätte sie sich in einen Raben verwandelt, um davonzufliegen.

Jules wartete, bis Camille verschwunden war. Dann verließ auch er den Friedhof, um nach Hause zu gehen. In wenigen Stunden ging die Sonne unter, dann würde er Camille wiedersehen. Hier, am Grab ihres Vaters, um mit seinem Geist Kontakt aufzunehmen.

Damit er ihnen verriet, ob Camilles Verdacht der Wahrheit entsprach. Dass er keines natürlichen Todes gestorben, sondern umgebracht worden war.

Und zwar von seiner eigenen Frau, Camilles Stiefmutter.

In Gedanken versunken, radelte Jules Baptiste nach Cadélac zurück.

Der Friedhof lag außerhalb des Dorfes, umgeben von einer brusthohen Mauer, die Camille und ihn vor allzu neugierigen Blicken schützen würde, wenn sie später hierher zurückkehrten.

Von Camille war weit und breit nichts zu sehen, dabei musste sie doch denselben Weg nehmen wie er. Es gab schließlich nur diese eine Straße, die nach Cadélac führte.

Oder war sie ebenfalls mit dem Fahrrad gekommen?

Die Vorstellung, Camille könnte auf einem Drahtesel fahren, befremdete Jules. Das passte so gar nicht zu ihr. Abgesehen von dem Risiko, dass sich ihr flatteriges Kleid in den Speichen verfangen könnte, wirkte es viel zu profan für eine Person wie sie.

Außerdem hätte er es doch sehen müssen, wenn sie mit dem Fahrrad gekommen wäre. Hatte sie es vielleicht irgendwo versteckt und war den Rest zu Fuß gegangen?

Das war durchaus möglich, aber wahrscheinlich hatte sie nur irgendeinen Schleichweg benutzt, den er nicht kannte. Immerhin wohnte sie hier in Cadélac, während er aus dem Nachbarort Saint-Hovec stammte.

Andererseits passte das rätselhafte Verschwinden auch zu Camille. So war sie nun mal, und genau deshalb liebte er sie ja so sehr. Geheimnisvoll, rätselhaft und tiefgründig. Sie war der einzige Mensch, von dem er sich verstanden fühlte.

Wirklich verstanden ...

Tante Emilie war stets besorgt und einfühlsam, aber sie neigte auch dazu, ihn mit ihrer Fürsorge zu erdrücken. Manchmal reichte ihre bloße Anwesenheit, um ihm das Gefühl zu geben, keine Luft mehr zu bekommen.

Sie hatte nie eigene Kinder gehabt, und nachdem sie seine Vormundschaft übernommen hatte, hatte sie ihn mit mütterlicher Liebe überschüttet, ihn regelrecht darunter begraben. Dabei war er damals schon kein kleines Kind mehr gewesen. Selbst jetzt, wo er praktisch schon erwachsen war, konnte sie nicht aufhören, ihn zu betüddeln.

Um Saint-Hovec zu erreichen, musste er Cadélac durchqueren.

Das Dorf war so sauber, rein und weiß, als würde dort die Unschuld persönlich wohnen.

Kein Müll lag auf den Straßen, die Hecken waren sorgfältig gestutzt, die Vorgärten erblühten in frühherbstlicher Blumenpracht.

Touristen verirrten sich höchstens auf der Durchfahrt hierher und hatten den Namen des Ortes schon wieder vergessen, kaum dass sie ihn gelesen hatten.

Und das lag nicht allein am Fehlen einer Pension oder eines Gasthauses, es gab hier schlicht und ergreifend nichts zu besichtigen. Kein Schloss, keine Burg, ja, nicht einmal einen der sagenumwobenen Menhire, für die die Bretagne so berühmt war.

Auf Jules wirkte das Dorf wie eine sorgfältig gepflegte Parklandschaft.

Wen wunderte es da, dass Camille auf ihre ganz eigene Art und Weise dagegen aufbegehrte?

Zumal es nur wenige Gleichaltrige gab, und mit denen wollte sie nichts zu tun haben. Weil sie Camille sowieso nicht verstanden hätten, wie sie behauptete. Das konnte nur er, Jules Baptiste.

Sie hatte ihn schon immer fasziniert.

Bereits in der Schule, wo sie die meiste Zeit für sich geblieben war. So wie er. Zwei einsame, verlorene Seelen. Schon seltsam, dass sie nicht bereits dort zueinandergefunden hatten.

Jules erreichte den Ortsausgang von Cadélac. Die beiden Ortschaften lagen nicht einmal einen Kilometer auseinander.

Da der Weg leicht abschüssig war, brauchte Jules nicht mal in die Pedale zu treten, er konnte das Rad einfach rollen lassen.

Kalter Wind fuhr vom Atlantik her über das Land und brachte den Geruch des Meeres mit sich, obwohl die Küste noch fünfzig Kilometer entfernt lag.

Jules schloss die Augen und genoss den Wind, der sich in seinem wuscheligen dunkelbraunen Haar verfing. Für einen Moment stellte er sich vor, wie es wäre, wenn er jetzt frontal gegen ein entgegenkommendes Auto rollte.

Wie es sich wohl anfühlte, aus dem Sattel gehoben zu werden, über den Wagen hinwegzufliegen, frei wie ein Vogel, nur um...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.