E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Reihe: Geisterhand
Hill Die kleine Hand
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-311-70108-8
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Reihe: Geisterhand
ISBN: 978-3-311-70108-8
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Susan Hill wurde 1942 in Yorkshire geboren. Ihre Geistergeschichten und die Kriminalromane um Simon Serrailler haben sie zu einer der populärsten britischen Schriftstellerinnen gemacht. Ihr Gothic-Roman Die Frau in Schwarz läuft als Theateradaption seit über dreißig Jahren im Londoner West End und wurde 2012 erfolgreich mit Daniel Radcliffe in der Hauptrolle verfilmt. Für ihre Romane, Erzählungen und Jugendbücher wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Somerset Maugham Award, und zum Commander of the British Empire ernannt. Susan Hill lebt in Norfolk in einem alten Bauernhaus, in dem in jedem Winkel Bücher stehen, die im Winter gut isolieren.
Weitere Infos & Material
3
Hatte es je einen so herrlichen Juni gegeben wie diesen? Ich hatte schon zu viel vom späten Frühjahr verpasst, doch jetzt befanden wir uns in den berauschenden Tagen lauer Lüfte und frisch erblühter Rosen. Die Bauern waren bei der Heuernte, als ich hinunterfuhr, und der Garten meines Kunden war sattgrün und üppig, die Beete übersät mit Blumen in voller Blüte, Bienen summten, und in der Luft lag der Duft von Geißblatt und frisch gemähtem Gras.
Ich war eingeladen worden, über Nacht zu bleiben, und wir nahmen das Abendessen auf der Terrasse ein, von der aus man in der Ferne das Meer sehen konnte. Sir Edgar Merriman war ein älterer Herr, bescheiden im Auftreten und unermesslich reich. Er hatte eine Schwäche für Bücher und altertümliche wissenschaftliche Instrumente, außerdem besaß er eine Sammlung seltener Spieldosen, die, einmal aufgezogen und in Gang gesetzt, die Abendluft mit ihrem Klang erfüllten.
Wir verweilten im Freien, und die blaugrauen Rauchringe von Sir Edgars Zigarre stiegen auf, hielten die Insekten fern, während sich der würzige Geruch mit dem der Lilien und Levkojen in den umliegenden Beeten mischte. Seine Frau Alice saß bei uns, eine kleine, grauhaarige Frau mit sanfter Stimme und einer Schüchternheit, die ich höchst anziehend fand.
Irgendwann kam der Diener, um Sir Edgar ans Telefon zu bitten, und während seine Frau und ich in der einbrechenden Dämmerung beieinandersaßen und die Nachtfalter um die Lampe schwirrten, kam mir die Idee, sie nach dem Weißen Haus zu fragen. Kannte sie es? Könnte sie mir den Weg dorthin beschreiben?
Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe noch nie davon gehört. Wie weit ist es denn von hier entfernt?«
»Das ist schwer zu sagen … Ich hatte mich hoffnungslos verfahren. Vielleicht eine Fahrt von fünfundvierzig Minuten? Könnte auch ein bisschen länger gewesen sein. Ich habe eine Nebenstraße genommen, die ich zu kennen glaubte, doch das war nicht der Fall.«
»Auf dem Land gibt es so viele Straßen, die nicht beschriftet sind. Wir kennen uns in der Umgebung gut aus, aber für die Unachtsamen werden sie zur Falle. Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen. Warum möchten Sie denn noch einmal dorthin, Mr Snow?«
Ich kannte die beiden seit vier oder fünf Jahren und hatte bereits ein oder zwei Mal bei ihnen übernachtet, aber für mich blieben sie immer Sir Edgar und Lady Merriman, und ich war immer Mr Snow, nie Adam. Das gefiel mir.
Ich zögerte. Was sollte ich auch sagen? Dass ein verlassenes und halb verfallenes Haus und ein verwildeter Garten auf mich eine Anziehung ausgeübt, mich beinahe verzaubert hatten und ich sie daher genauer erforschen wollte? Dass es mich wieder dorthin zog, weil … wie hätte ich ihr von der kleinen Hand erzählen sollen?
»Oh – Sie wissen ja, welch seltsame Anziehung von manchen alten Häusern ausgeht. Und ich könnte mir vorstellen, mich eines Tages auf dem Land zur Ruhe zu setzen.«
Sie schwieg, und nach einem Moment kehrte ihr Mann zurück, worauf sich das Gespräch wieder um Bücher drehte und um die Frage, was er als Nächstes zu erwerben gedachte. Sein Geschmack war breit gefächert, und er machte die ungewöhnlichsten Vorschläge. Ich fühlte mich von ihm stets herausgefordert, immer in Trab gehalten. Er war ein spannender Kunde, weil ich nie vorausahnen konnte, worauf er es abgesehen hatte.
»Wissen Sie«, fragte er jetzt und reichte mir den Dekanter, »ob jemals wieder eine First Folio von Shakespeare zum Verkauf angeboten wird?«
Ich stieß beinahe mein Weinglas um.
Eine halbe Stunde später erhoben wir uns, um hineinzugehen, wenngleich die Luft immer noch warm war. Ich war voller Enthusiasmus, nur gebremst durch die Gewissheit, dass ich keine First Folio für Sir Edgar finden würde. Doch allein die spekulative Unterhaltung ließ mich sein Vermögen neu überdenken.
Als ich den beiden eine gute Nacht wünschte, sagte Lady Merriman plötzlich: »Ich glaube, ich weiß es, Mr Snow. Ich glaube, ich habe die Antwort. Geben Sie mir bitte einen kurzen Moment.« Sie verließ den Raum, und ich hörte ihre Schritte auf der Treppe nach oben und weiter in den Tiefen des Hauses.
Ich setzte mich auf einen niedrigen Sessel nahe der geöffneten Terrassentür. Die Lampe war gelöscht, und ein leichter Ölgeruch ging von ihr aus. Der Himmel war übersät mit Sternen.
Ich fragte mit leiser Stimme: »Wer du?« Denn ich hatte das seltsame Gefühl, dass jemand in meiner Nähe war. Aber natürlich war da niemand. Ich war allein, und es war friedvoll und ruhig.
Schließlich kehrte Lady Merriman zurück und hielt etwas in der Hand.
»Entschuldigen Sie, Mr Snow. Das, wonach wir suchen, ist immer gerade irgendwo anders hingelegt worden. Doch das hier könnte Ihnen vielleicht helfen. Mir fiel es ein, als wir nach dem Dinner dort draußen saßen – das Haus. Der Name, den Sie mir nannten, das Weiße Haus, sagte mir nichts, weil es bei allen Ortsansässigen stets nur als Denny’s Haus bekannt war – es steht etwa zwanzig Meilen von hier, aber auf dem Land ist das keine Entfernung, wie Sie wissen.«
Sie nahm Platz.
»Sie hätten sich nicht so viel Mühe machen sollen. Das war nur eine vorübergehende Laune. Ich weiß jetzt schon nicht mehr, warum es mich so beschäftigt hat.«
»Hier ist ein Artikel darüber. Die Zeitschrift ist ziemlich alt. Wir heben viel zu viel auf, und ich habe noch einen ganzen Stapel davon. Das Haus wurde als Denny’s Haus bekannt, weil es Denny Parsons gehörte. Sagt Ihnen der Name etwas?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Wie schnell man Dinge vergisst«, sagte sie. »Hier drin werden Sie alles über Denny Parsons und den Garten finden.« Sie reichte mir eine wohl vierzig Jahre alte Ausgabe von . »Irgendetwas ist dort vorgefallen, doch alles wurde vertuscht. Mehr weiß ich leider nicht. Bleiben Sie so lange, wie Sie möchten, Mr Snow, aber mich müssen Sie entschuldigen, ich werde zu Bett gehen.«
Ich trat für einen kurzen Moment hinaus auf die Terrasse. Alles hatte sich zur Ruhe begeben, die Sterne funkelten, und ich meinte, ein schwaches Rauschen von Meereswellen zu hören, die sich auf dem Kies brachen.
In meinem Zimmer setzte ich mich neben das offene Fenster, durch das der süße Geruch des Gartens hereindrang, und las, was Lady Merriman für mich gefunden hatte. Der Artikel handelte von einem bemerkenswerten und »bedeutsamen« Garten, der von Mrs Denisa – offensichtlich besser bekannt als Denny – Parsons beim Weißen Haus angelegt worden war. Der Beitrag enthielt auch Fotos von der Gestalterin, wie sie über Rasenflächen schritt, auf diesen oder jenen Strauch deutete, in die Bäume hinaufschaute. Zudem eine jener weichgezeichneten schwarz-weißen Porträtaufnahmen, die in Zeitschriften aus dieser Zeit beliebt waren, von Mrs Parsons in Twinset und mit Perlenkette, einen Strauß Rittersporn in der Hand, eher unbeholfen, als wüsste sie nicht genau, was sie mit dem Strauß machen sollte. Durch die Weichzeichnung wirkte sie pudrig und ausdruckslos, man konnte jedoch eine gut aussehende Frau mit einem starken Charakter erahnen.
Ihre Geschichte verlief offenbar geradlinig. Plötzlich verwitwet, mit zwei Kindern im Alter von neun und elf Jahren, hatte sie beschlossen, aus den Vororten von Surrey aufs Land zu ziehen. Als sie das Weiße Haus entdeckte, stand es leer, umgeben von einer zugewucherten Wildnis, aus der sie nach und nach das gemacht hatte, was in dem ehrfurchtsvollen Artikel als »einer der großartigsten Gärten unserer Zeit« bezeichnet wurde.
Dann folgte eine ausführliche Beschreibung von Rabatten, Wegen und Alleen, Theater- und Knotengärten, von Springbrunnen und Wasserfällen und an kaskadenförmigen Bachläufen angelegten Waldgärten, mit Listen von Blumen und Büschen, Pflanzplänen, Diagrammen und drei Seiten Fotos. Das sah sicherlich ganz prachtvoll aus, aber ich bin kein Gärtner und kann daher die relative »Bedeutsamkeit« von Mrs Parsons’ Garten nicht beurteilen.
Die Anlage war sehr bekannt geworden. Nicht nur Menschen aus der Umgebung besuchten sie, sondern sogar aus anderen Ländern. Zur Zeit der Veröffentlichung des Artikels war der Garten »tagsüber von Mittwoch bis Sonntag für einen Eintrittspreis von einem Schilling und sechs Pence geöffnet«.
Die Lobhudelei setzte sich fort, und ich überflog einige der eher gartenbaulichen Absätze. Aber ich wollte mehr erfahren. Ich wollte wissen, was danach passiert war. Mrs Parsons hatte ein halb verfallenes Haus inmitten eines Urwalds gefunden. Das Haus auf den Fotos wirkte stattlich und in gutem Zustand, mit sauber geharktem Kies und gemähtem Rasen, frisch gestrichen, mit geöffneten Fenstern, aus denen im oberen Stockwerk ein heller Vorhang hübsch im Wind flatterte.
Doch der Kreis hatte sich geschlossen. Als ich das Haus und den Garten gefunden hatte, waren sie erneut verlassen und verfallen gewesen. In den Jahren direkt nach dem Krieg war es vielen Landhäusern so ergangen, in der heutigen Zeit war es jedoch eher ungewöhnlich.
Ich war nicht an den Freuden von Blumenrabatten und Lindenflechthecken interessiert. Das Haus auf den Fotos war stattlich, doch ich hatte es leer gesehen, halb dem Wind und den Vögeln überlassen, und es zog mich an, wie mich etwas Sonniges und gut Erhaltenes nie angezogen hätte.
Ich legte die Zeitschrift auf den Tisch. Dinge ändern sich schließlich, dachte ich, die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen, Häuser werden verlassen, und manchmal holt sich die Natur das zurück, was wir...




