E-Book, Deutsch, Band 4, 352 Seiten
Reihe: Die Winter-Street-Reihe
Hilderbrand Wintertraum
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-23351-8
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 4, 352 Seiten
Reihe: Die Winter-Street-Reihe
ISBN: 978-3-641-23351-8
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elin Hilderbrand hat ihre besten Ideen am Strand oder in den belebten Straßen von Boston. Sie hat drei Kinder und lebt mit ihrer Familie auf Nantucket, Massachusetts, wo auch ihre Geschichten spielen. Ihre Bücher stehen regelmäßig an der Spitze der New-York-Times-Bestsellerliste.
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EDDIE
Es ist die erste Einladung, die er seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis erhält, und Eddie muss zugeben: Er ist hin und weg. Eddie Pancik, früher bekannt als der Flinke Eddie, hat in der Justizvollzugsanstalt Plymouth gehorsam eine drei- bis fünfjährige Haftstrafe (in zwei Jahren und drei Monaten) für die Verabredung zu einem Verbrechen und organisierte Kriminalität abgesessen, nachdem er gestanden hatte, sein russisches Putzfrauenteam mit zahlungskräftigen Käufern von Luxusimmobilien verkuppelt zu haben. Eddies Verurteilung fiel zeitlich mit der Entdeckung zusammen, dass seine Frau Grace eine Affäre mit ihrem ansehnlichen und ansehnlich entlohnten Gartenarchitekten Benton Coe hatte – und so fühlte es sich für Eddie bei seinem Haftantritt an, als breche seine Welt über ihm zusammen.
Falls Eddie während seiner Inhaftierung eines gelernt hat, dann, dass Menschen anpassungsfähig sind. Er würde nicht sagen, dass er seine Zeit in der Vollzugsanstalt genoss, doch sie war nicht annähernd so schrecklich, wie er erwartet hatte. In mancher Hinsicht schätzte er die Disziplin und den Ausstieg aus dem Hamsterrad. Während Eddie sich vorher darauf konzentriert hatte, Geschäfte anzuleiern und den nächsten großen Deal an Land zu ziehen, lehrte ihn das Gefängnis, aufmerksam und präsent zu sein. Er ging jeden Morgen um sieben in den Kraftraum, dann zum Frühstück, und den Vormittag verbrachte er damit, in der Bibliothek eine Klasse von Pseudo-Maklern zu unterrichten. Die Insassen waren überwiegend Wirtschaftskriminelle – verurteilt wegen Unterschlagung, Kreditkartenbetrugs, einige auch wegen Drogenhandels, aber keiner wegen Gewalttaten – und hatten fast alle, wie Eddie feststellte, einen guten Geschäftssinn. Meistens wurde aus Eddies »Unterricht« eine angeregte Diskussion darüber, wie es kam, dass gute Geschäftsideen aus dem Ruder liefen. Manchmal verschwammen die Grenzen, da waren sich alle einig.
Es gelang Eddie sogar, während seiner Zeit in Haft ein Haus zu verkaufen – an einen Mann namens Forrest Landry, der Hunderte Millionen besaß, deren Treuhänderin seine Ehefrau Karen war. Karen Landry gehörte zu den Leidgeprüften – Forrest war ihr ebenso untreu gewesen wie dem Gesetz –, doch das Gefängnis hatte Forrest bußfertig gemacht, und er befand, dass ein Haus auf dem Platinabschnitt der Hulbert Avenue genau die richtige Wiedergutmachung wäre.
Er zahlte den Listenpreis: elf Komma fünf Millionen Dollar. Eddies Provision betrug dreihundertfünfundvierzigtausend Dollar. Seine Schwester Barbie war seine Bevollmächtigte, und der unverhoffte Geldsegen wanderte auf das Konto von Eddies Frau Grace, die damit die Collegegebühren für ihre Zwillingstöchter Hope und Allegra bezahlte. Hope war von jedem College angenommen worden, an dem sie sich beworben hatte, und hatte sich die Bucknell University mitten in der Pampa von Pennsylvania ausgesucht. Sie ist lachhaft teuer, obwohl – wie Hope hervorhob – nicht so teuer wie die Duke, die USC oder die Brown, ihre anderen drei Favoriten. Hope erzielt Bestnoten und spielt Flöte in einer Jazzband. Jetzt, in ihrem zweiten Studienjahr, wird sie sogar einer Verbindung beitreten, der Alpha Delta Pi, was Eddie und Grace beide gut finden, da Hope in der Highschool eher eine Einzelgängerin war.
Allegra wurde wegen schlechter Testergebnisse und noch schlechterer Zensuren nur an der UMass Dartmouth und der Plymouth State angenommen. Mit Blick auf einen Wechsel auf den Hauptcampus in Amherst im zweiten Jahr entschied sie sich für die UMass Dartmouth – fiel dort aber durch. Sie kehrte nach Nantucket zurück und begann, bei Bayberry Properties zu arbeiten, einer Firma, die Glenn Daley gehörte, dem Mann ihrer Tante Barbie.
Eddie ist es insgeheim ganz recht, dass Allegra nicht aufs College geht, und das nicht nur aus den offensichtlichen finanziellen Gründen. Er selbst hatte auch Schwierigkeiten mit der traditionellen Büchergelehrsamkeit. Allegra besitzt gesunden Menschenverstand, Ehrgeiz und beneidenswerte soziale Fähigkeiten. Sie hat als Rezeptionistin bei Bayberry Properties angefangen, aber Glenn überlegt bereits, sie im nächsten Jahr zur Büroleiterin zu befördern. Danach wird es nur eine Frage der Zeit sein, dass sie ihre Maklerlizenz erwirbt. Die Kleine wird Erfolg haben; da ist Eddie sich sicher. Er hat sie im Büro in Aktion gesehen – sie ist höflich, professionell und für ihr Alter ungewöhnlich selbstbewusst. Sie ist sogar nett, wenn die abscheuliche Rachel McMann anruft. Rachel hat früher auch bei Bayberry Properties gearbeitet, sich jedoch während Eddies Haft selbstständig gemacht und hat jetzt jede Menge Erfolg, obwohl sie die schlimmste Klatschtante der Insel ist.
Glenn Daley, einst Eddies größter Rivale, hat Eddie auf Barbies Drängen eine Stelle bei Bayberry Properties angeboten. Jetzt sitzt Eddie mit zwei weiteren Mitarbeitern im ersten Jahr in der hintersten Reihe an der Wand und teilt sich mit ihnen den Telefondienst, obwohl es irgendwie immer darauf hinausläuft, dass die Wochenendschichten an Eddie hängen bleiben. Es ist wie ein kompletter Neueinstieg in die Branche, aber Eddie bemüht sich, Dankbarkeit zu empfinden. Er sollte froh sein, dass Glenn Daley sich bereit erklärt hat, seinem Schwager, einem verurteilten Schwerverbrecher, einen neuen Anfang zu ermöglichen.
Eddie zeigt Grace die Einladung. »Guck mal«, sagt er. »Bart Quinns Geburtstagsparty bei den VFW zu Halloween!« Er versucht, seine Begeisterung zu dämpfen, auch wenn es ihm schwerfällt. Er freut sich sehr, dass die Quinns ihn nicht fallen gelassen haben. Es gibt andere auf der Insel, die ihn entweder schneiden oder ihm böse Blicke zuwerfen. Philip Meier von der Nantucket Bank zum Beispiel. Eddie traf ihn zufällig vor dem Postamt, und Philip ging vorbei, ohne auch nur zu grüßen. Und von seiner früheren Büroleiterin Eloise Coffin will Eddie gar nicht erst anfangen. Er würde ihr Auto nur zu gern mit dem Schlüssel zerkratzen, doch sie fährt einen zwölf Jahre alten Hyundai, also wäre es den Aufwand kaum wert. Als Eddie ins Gefängnis kam, war es Eloise, die mit der Presse redete.
»Halloween?«, sagt Grace. Sie nimmt die Einladung von Eddie entgegen und setzt ihre Lesebrille auf. Die Lesebrille hat sie seit Eddies Haftantritt, ebenso wie die vielen grauen Haare. Eins der unzähligen Dinge, für die Eddie sich die Schuld gibt, ist, dass Grace seinetwegen älter aussieht. »Ich kann nicht mitkommen.«
»Nein?«, sagt Eddie, und Panik steigt in ihm auf. Sie sind von den Quinns zu einer Party eingeladen worden, was zu einer Einladung zu ihrer alljährlichen Heiligabendparty führen könnte. Und die würde Eddies gesellschaftlichen Status so richtig verbessern. Sie müssen hingehen. »Warum nicht?«
»Ich arbeite auf dem Hügel«, sagt Grace. »Ich bin zuständig für die Verteilung der Bonbons an die Süßigkeitensammler. Das mache ich schon seit Jahren.«
Seit Jahren? Die Wendung »auf dem Hügel« ärgert Eddie. Sie bedeutet Academy Hill, die ehemalige Schule, in der sich jetzt Sozialwohnungen für Senioren befinden. Sie liegt hundert Meter entfernt von dem winzig kleinen Cottage, das Grace in der Lily Street oberhalb der Snake Alley gekauft hat. Grace betätigt sich seit Eddies Haftantritt ehrenamtlich in Academy Hill. Vielleicht hat sie letztes Halloween dort gearbeitet und womöglich das Halloween davor, aber das kann man wohl kaum als »seit Jahren« bezeichnen. Trotzdem hält Eddie den Mund. Im Gefängnis hat er sich gelobt, dass er, was Grace betrifft, ein neuer Mensch sein würde – ein freundlicher, geduldiger und aufmerksamer Ehemann. Er wird Grace’ Wohltätigkeitsarbeit nicht geringschätzig beurteilen. Er wird sie nicht bitten, sie zu schwänzen. Aber wie soll er sich bezüglich der Party verhalten?
»Was soll ich wegen der Einladung tun?«, fragt er Grace.
Grace seufzt und tritt in die Miniaturküche, wo sie eine Flasche Wein aus dem kleinen Kühlschrank holt. Es ist ein Sauvignon Blanc von Oyster Bay, der bei Hutch’s zwölf Dollar kostet. Zu sehen, wie seine Frau sich in dieser jämmerlichen Küche einen billigen Wein einschenkt, deprimiert Eddie, obwohl er weiß, dass es das nicht sollte. Er müsste dankbar dafür sein, dass er ein freier Mann ist, dass sie ein Dach über dem Kopf und genug Geld haben, um Hope die Bucknell besuchen zu lassen. Die Zeiten, in denen Eddie und Grace Screaming-Eagle-Cabernet tranken oder an einem Mittwochnachmittag gelegentlich eine Flasche Veuve Cliquot öffneten, sind vorbei. Das Schlimmste ist, dass Grace sich nicht darüber beklagt; sie macht das Beste aus ihrer prekären Lage. Das Cottage ist kaum fünfundsechzig Quadratmeter groß, und ein Viertel davon nimmt ein Dachbodenschlafzimmer ein, das über eine Wendeltreppe zugänglich ist. Grace hat es den Zwillingen zugedacht und den hinteren Wintergarten mit einem Futon, einem Fernseher sowie Waschmaschine und Trockner ausgestattet. Doch nachdem Allegra von ihrem misslungenen Gastspiel an der UMass Dartmouth zurückgekehrt war, meinte sie, ihr wäre der einzige weitere Schlafraum lieber, ein schmales holzgetäfeltes Gelass mit Einzelbett. Es hat eine Tür, die sich schließen lässt, und einen größeren Kleiderschrank. Es riecht nach Fichtenharz und bleibt im Sommer kühl. Es sei ein bisschen wie eine Kajüte, sagt Allegra.
Das Haus liegt in der Stadt und hat hinten einen winzigen Garten, den Grace in eine grüne Oase verwandelt hat – mit einem postkartengroßen üppigen Rasen, umgeben von Blumenbeeten voller Hortensien, Lilien,...




