Hilderbrand | Inselschwestern | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Hilderbrand Inselschwestern

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-22743-2
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-641-22743-2
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Zwillingsschwestern Harper und Tabitha sind unzertrennlich. Doch als die Eltern sich scheiden lassen, nimmt der Vater ein Mädchen mit nach Martha's Vineyard, das andere bleibt bei der Mutter auf Nantucket. Über die Entfernung leben sie sich auseinander, aus einst engsten Vertrauten werden Fremde, und schließlich bricht der Kontakt vollends ab. Doch dann stirbt der Vater, und Tabitha und Harper tauschen die Inseln – und ihren Alltag – um ihre Familien wieder zusammenzuführen. Ein einzigartiger Sommer bricht an, voller Konflikte und Feindschaften, Liebe und Freundschaften. Wird er die Schwestern versöhnen, oder sie endgültig entzweien?

Elin Hilderbrand hat ihre besten Ideen am Strand oder in den belebten Straßen von Boston. Sie hat drei Kinder und lebt mit ihrer Familie auf Nantucket, Massachusetts, wo auch ihre Geschichten spielen. Ihre Bücher stehen regelmäßig an der Spitze der New-York-Times-Bestsellerliste.
Hilderbrand Inselschwestern jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


MARTHA’S VINEYARD: HARPER

Als Harper Frosts Vater Billy am Freitag, dem 16. Juni, um 19:00 Uhr seinen letzten Atemzug tut, hat Reed Zimmer keine Bereitschaft. Dr. Zimmer ist mit der Familie seiner Frau bei einem Picknick in Lambert’s Cove; anscheinend veranstalten sie dieses Treffen jedes Jahr zu Beginn des Sommers – mit Lagerfeuer, Kartoffelsalat, Hähnchen auf dem tragbaren Grill. Franklin Phelps, Sadie Zimmers Bruder, ist einer der populärsten Gitarristen auf dem Vineyard – Harper hört ihn sich immer an, wenn er im Ritz spielt –, und Harper malt sich aus, wie Dr. Zimmer, die Füße in den kalten Sand gegraben, zusammen mit Franklin »Wagon Wheel« singt.

Harper sitzt noch am Bett ihres Vaters, als sie Dr. Zimmer eine SMS schickt. Sie lautet: Billy ist tot. Sie stellt sich seinen Schock vor, gefolgt von Schuldgefühlen; er hat Harper versprochen, dass es nicht heute Abend passieren würde. Er meinte, Billy habe noch Zeit.

»Schau nach ihm wie immer«, sagte Dr. Zimmer am Nachmittag, als er sich von Harpers Bett erhob, dessen weiße Laken zerwühlt waren von ihrem Liebesspiel. »Aber ansonsten genieß ruhig dein Wochenende.« Er sah aus dem Fenster auf den Fliederstrauch, der sich über Nacht, so schien es, in eine prahlerische Blütenwolke verwandelt hatte. »Ich fasse es nicht, dass alles wieder von vorn anfängt. Wieder ein Sommer.«

Genieß ruhig dein Wochenende?, dachte Harper. Sie hasste es, wenn Reed mit ihr redete, als sei sie lediglich die Tochter seines Patienten, also praktisch eine Fremde – aber ist sie das nicht eigentlich auch? Reed und Harper sehen sich nur, wenn sie im Krankenhaus am Bett ihres Vaters sitzt oder wenn sie sich in ihrer Maisonette lieben. Sie gehen nicht zusammen aus, sie treffen sich nie zufällig bei Cronig’s; Reed behauptet, er habe sie noch nie in ihrem Rooster-Lieferwagen bemerkt, auch nicht, wenn sie ihm zuwinkt wie eine Ertrinkende. Harper und Reed schlafen erst seit letztem Oktober miteinander, deshalb ist sie sich nicht sicher, was »wieder ein Sommer« für ihn bedeutet. Einen ersten Hinweis bekam sie heute: Die Eltern seiner Frau, die älteren Phelps, wohnen jetzt in ihrem Haus in Katama, nachdem sie vor kurzem aus Vero Beach eingetroffen sind. Es wird also familiäre Verpflichtungen geben, so wie dieses Picknick, bei denen es für Harper sein wird, als lebte Reed auf einem anderen Planeten.

Harper wartet ein bisschen, bevor sie weitere Nachrichten verschickt. Ihr Vater liegt neben ihr, und doch ist er nicht mehr da. Sein Gesicht ist schlaff; es wirkt leer wie ein unbewohntes Haus. Billy starb, während Harper mit ihm über Dustin Pedroia von den Red Sox sprach; er tat einen tiefen, zitternden Atemzug, dann noch einen, dann schaute er Harper direkt in die Augen, ins Herz, in die Seele und sagte: »Tut mir leid, Kindchen.« Und das war’s. Harper legte ihm ein Ohr an die Brust. Die Maschine gab ihr anhaltendes Piepsen von sich. Ein Zeichen, dass das Spiel aus war.

Reed schreibt nicht zurück. Harper versucht sich zu erinnern, ob es in Lambert’s Cove Handyempfang gibt. Sie findet ständig Entschuldigungen für ihn, denn von den drei noch in ihrem Leben verbliebenen Männern ist er derjenige, in den sie verliebt ist.

Sie schickt denselben Text – Billy ist tot – an Sergeant Drew Truman vom Edgartown Police Department. Harper und Drew treffen sich seit drei Wochen miteinander. Zu ihrem ersten Date hat er sie eingeladen, als sie beide auf der Fähre nach Chappy waren, und Harper dachte: Warum nicht? Drew Truman entstammt einer der angesehensten afroamerikanischen Familien in Oaks Bluff. Yvonne Truman, seine Mutter, war über zehn Jahre lang Stadträtin. Sie ist eine der fünf Snyder-Schwestern, die alle bunt gestrichene, makellos instand gehaltene Zuckerbäcker-Cottages mit Blick auf den Ocean Park besitzen. Harper kannte Drew schon, als er noch zur Highschool ging und dort zu den besten Athleten gehörte. Über ihn war jede Woche auf den Sportseiten der Vineyard Gazette berichtet worden. Danach hatte er das College und die Polizeiakademie besucht, bevor er nach Dukes County zurückgekehrt war, um zu dienen und zu beschützen.

Harper glaubte, dass es die Qual, mit einem verheirateten Mann liiert zu sein, vielleicht lindern würde, wenn sie jemand Neuen datete. Sie und Drew haben sich bisher sechsmal getroffen: Sie haben im Sharky’s (Drews Lieblingslokal, was Harper nicht so recht begreift) viermal mexikanisch gegessen, waren einmal zum Lunch im Diner am Flugplatz von Katama verabredet, und ihr letztes Date war ein »schicker« Abend im Seafood Shanty – Surf and Turf, Blick aufs Wasser, singende Kellner. Harper weiß, dass Drew anschließend Sex erwartete, doch bisher hat sie es geschafft, ihn sich mit der Begründung, ihr Vater liege im Sterben, vom Leib zu halten.

Drew möchte Harper unbedingt seiner Mutter, seinem Bruder, der Frau seines Bruders, seinen Nichten und Neffen, seinen Tanten, seinen Cousins und Cousinen sowie deren Kindern vorstellen – also dem gesamten Snyder-Truman-Clan –, aber auch zu diesem Schritt ist Harper noch nicht bereit. Zwar sehnt sie sich irgendwie danach, aufgenommen, bemuttert und gehätschelt, bekocht, bewundert und verwöhnt oder auch kritisiert und schief angesehen zu werden, weil ihre Haut weiß ist. Kurz gesagt, hätte es seinen Reiz, »offiziell« mit Drew zusammen zu sein. Doch die unumstößliche Wahrheit ist nach wie vor die: Harper liebt Reed und nur Reed.

Sie seufzt. Drew fährt heute Abend Streife. Die Arbeitsstunden an den Wochenenden werden doppelt angerechnet – aber ist es das wert bei all den Typen, die jetzt unterwegs sind, um die ersten Sommertage zu genießen und zu viel trinken? Er wird dreißig Einsätze haben, schätzt sie, von denen es bei siebenundzwanzig um Trunkenheit und Ruhestörung gehen wird und bei dreien um Unfälle, an denen Taxifahrer beteiligt sind, die sich auf der Insel noch nicht auskennen.

Der dritte Mann, der Harper in ihrem Leben bleibt, ist ihr lieber, schwer angeschlagener Freund Brendan Donegal, der drüben auf Chappy im Exil lebt. Harper würde Brendan gern mitteilen, dass Billy tot ist, aber Brendan schafft das Texten nicht mehr. Das Alphabet umschwärmt ihn wie sechsundzwanzig Killerwespen. Er benutzt das Handy nur noch, um nachzusehen, wie spät es ist.

Nichts von Dr. Zimmer. Wird Harper gezwungen sein, von sich aus anzurufen? Sie ruft Dr. Zimmer ständig an, weil sie zahlreiche berechtigte Fragen zum Gesundheitszustand ihres Vaters hat – zu Leberinsuffizienz, Niereninsuffizienz, kongestiver Herzinsuffizienz. Billy Frosts Ende war eine Abfolge von Insuffizienzen.

Sicher wird keiner Harper einen Vorwurf machen, wenn sie Reed jetzt anruft, da ihr Vater tot ist. Doch sie hat eine ungute Vorahnung. Sie wartet.

Billy Frost ist im Alter von dreiundsiebzig Jahren gestorben. Harper versucht sich im Geiste an seinem Nachruf, während die Schwestern hereinkommen, um ihn zu waschen und auf die vergnügliche Fahrt zur Leichenhalle vorzubereiten. William O’Shaughnessy Frost, Elektrikermeister und leidenschaftlicher Red-Sox-Fan, starb gestern Abend im Martha’s Vineyard Hospital in Oak Bluffs. Er hinterlässt seine Tochter Harper Frost.

Und … seine Tochter Tabitha Frost … und seine Enkelin Ainsley Cruise … und seine Exfrau Eleanor Roxie-Frost, alle wohnhaft auf Nantucket, Massachusetts. Was wird die Leute am meisten überraschen?, fragt sich Harper. Dass Billy eine Tochter hat, die genauso aussieht wie die niedliche Versagerin, die für Rooster Express Pakete ausliefert, aber vollkommen anders ist? Oder dass Billy früher mit der berühmten Bostoner Modedesignerin Eleanor Roxie-Frost, besser bekannt als ERF, verheiratet war? Oder wird es der Schocker sein, dass die andere Hälfte von Billys Familie auf der rivalisierenden Insel wohnt – jener schicken, exklusiven Zuflucht für Milliardäre? Harpers Zwillingsschwester Tabitha hat seit vierzehn Jahren keinen Fuß mehr auf Martha’s Vineyard gesetzt, und Harpers Mutter Eleanor war seit ihren Flitterwochen im Jahr 1968 nicht mehr hier. Harpers Nichte Ainsley war noch nie hier. Billy war traurig darüber; wenn er Ainsley sehen wollte, musste er nach Nantucket fahren, was er jeden August gewissenhaft tat.

Bist du sicher, dass du nicht mitkommen willst?, fragte er Harper dann immer.

Ich bin sicher, sagte Harper. Das wäre Tabitha nicht recht.

Lernt ihr Mädels denn nie dazu?, entgegnete Billy, und Harper formte zusammen mit ihm mit dem Mund die Worte: Familie ist eben Familie.

Familie ist eben Familie, denkt Harper. Das ist das Problem.

Keine Antwort von Reed. Harper stellt sich vor, dass er Pie isst. Seine Ehefrau Sadie ist berühmt für ihre Pies; ihre Mutter hatte früher einen Straßenstand, und Sadie hat aus der Hobbybäckerei eine Goldgrube gemacht. Sie hat in Vineyard Haven – eine knappe Meile entfernt von Harpers Wohnung – eine kleine kommerzielle Küche mit Laden gemietet und verkauft dort ihre Pies: Erdbeer-Rhabarber, Blaubeer-Pfirsich, Hummer. Eine Hummerpie kostet zweiundvierzig Dollar. Das weiß Harper, weil Billy gegen Ende seines Lebens ein Fan davon wurde. Eine seiner Verehrerinnen (von denen es viele gab) brachte ihm eine duftende Hummerpie, noch warm und gefüllt mit dem Fleisch aus Scheren und Gelenken, in einer dicken, cremigen Sherrysauce unter golden gebackenem Teig, und Billy meinte, er sei wohl gestorben und gegen alle Erwartungen...


Carstens, Almuth
Almuth Carstens, 1948 in Kiel geboren, hat u. a. Soziologie studiert und lebte längere Zeit in Amerika. Sie ist Übersetzerin von u. a. Kathy Acker, Jane Rogers, Alice Sebold und Jeff Talarigo. Sie lebt heute in Berlin.

Hilderbrand, Elin
Elin Hilderbrand hat ihre besten Ideen am Strand oder in den belebten Straßen von Boston. Sie hat drei Kinder und lebt mit ihrer Familie auf Nantucket, Massachusetts, wo auch ihre Geschichten spielen. Ihre Bücher stehen regelmäßig an der Spitze der New-York-Times-Bestsellerliste.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.