E-Book, Deutsch
Hilderbrand Das Licht des Sommers
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-18623-4
Verlag: Goldmann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-641-18623-4
Verlag: Goldmann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Elin Hilderbrand hat ihre besten Ideen am Strand oder in den belebten Straßen von Boston. Sie hat drei Kinder und lebt mit ihrer Familie auf Nantucket, Massachusetts, wo auch ihre Geschichten spielen. Ihre Bücher stehen regelmäßig an der Spitze der New-York-Times-Bestsellerliste.
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GRACE
Mit ihrer Verwandlung hatte sie heimlich begonnen, gleich nach dem ersten Januar, und das in Erwartung genau dieses Tages.
Des Tages von Bentons Rückkehr.
Sie hatte angefangen, im Fitnessstudio an Spinning-Kursen teilzunehmen, und fast zehn Kilo abgenommen – das meiste davon Gewicht, das sie vor der Geburt der Zwillinge zugelegt hatte und nie so recht wieder losgeworden war. Jetzt war sie zwei Kleidergrößen schlanker. Außerdem hatte sie ihrer Friseurin Ann endlich erlaubt, das Grau aus ihrem Scheitel zu entfernen und ihre dunklen Haare vorn mit kastanienbraunen Strähnchen aufzufrischen. Und die viele Zeit, die sie draußen bei kleineren Gartenarbeiten und mit den Hühnern verbrachte, hatte ihrem Gesicht den Schimmer der ersten Frühlingssonne verliehen.
Sie hatte sich seit Jahren nicht so attraktiv gefühlt.
Madeline hatte am Samstagabend, als sie alle im American Seasons essen gewesen waren und sie im Waschraum neben Grace stand, bei ihrem Anblick im Spiegel gesagt: »Du siehst scharf aus, Süße. Richtig umwerfend.«
Eddie hatte den Gewichtsverlust bemerkt (»Du siehst gut aus, Gracie – dünn«), nicht aber die Haare, und den Mädchen waren die Haare aufgefallen (»Strähnchen«, hatte Allegra gesagt, »klasse Entscheidung«), nicht aber Graces neue, grazile Figur, was Grace nicht überraschte. Eddie war beschäftigt mit seinem Häuserprojekt, Hope mit der Schule und ihrer Flöte, Allegra mit ihrer Romanze mit Brick Llewellyn und ihrer potenziellen Model-Karriere. Für die drei war Grace Ehefrau, Mutter, Köchin, Haushälterin. Sie war Züchterin von Hühnern und Lieferantin von Bio-Eiern und mit ihrer »ständig wiederkehrenden Migräne« die ewig Kranke. An jedem Sonntagmorgen und manchmal auch an Abenden unter der Woche war sie Eddies Geliebte. Grace wusste, dass ihre Familie sie liebte, aber sie stand nicht mehr im Mittelpunkt ihres Lebens wie zu Beginn ihrer Ehe, als die Mädchen noch klein gewesen waren.
Hatte sie das Gefühl, für sie selbstverständlich geworden zu sein? Sicher, ein bisschen schon. Sie vermutete, dass sie wohl kaum die einzige Ehefrau und Mutter war, die so empfand.
Um Punkt zehn Uhr bog Bentons großer schwarzer Pick-up in die Einfahrt, und Graces Ohren fingen an zu kribbeln. Sie würden sich rosa verfärben, ein deutliches Zeichen dafür, dass sie nervös war. Sie hatte eine Schwäche für Benton Coe, eine harmlose Schwäche, die nie zu etwas führen würde, denn Benton hatte eine Freundin namens McGuvvy, und Grace war schließlich verheiratet.
Sie beobachtete, wie er aus dem Wagen stieg. Sah er verändert aus? Nein, er sah aus wie letztes Jahr. Groß, groß, groß – mindestens zwanzig Zentimeter größer als Eddie – und mit den Schultern eines Königs oder Eroberers. Er hatte rötlich braune Haare, die sich unter seiner roten Buckeyes-Kappe hervorkräuselten, und Lachfältchen um seine braunen Augen. Er trug seine übliche Frühjahrsuniform, ein marineblaues Kapuzensweatshirt mit einem vierblättrigen Kleeblatt – dem Logo von Coe Designs – darauf und Arbeitsstiefel. Er war leicht gebräunt, weil er den Winter in Marokko verbracht hatte.
Sie waren Freunde. Sie hatte ihn vermisst. Grace lief an die Tür, um ihn zu begrüßen.
»Benton!«, sagte sie.
Als er sie sah, schaute er so überrascht drein, dass Grace das Herz aufging.
»Meine Güte, Grace«, sagte er. »Wie du aussiehst … wow! Einfach wow. Ich bin sprachlos.«
Sie trat hinaus auf die Veranda und umarmte ihn fest. Er war so stark, dass er sie mit Schwung hochhob. Und dann lachten sie beide, und Benton setzte sie wieder ab.
»Schön, dich zu sehen«, sagte er.
»Gleichfalls«, sagte sie.
Sie starrten einander an. Grace wusste nicht, ob dies eine romantische oder eine peinliche Situation war. Peinlich, befand sie. Sie waren Freunde, da sollte doch ein unbeschwertes Gespräch möglich sein. Sie würde nicht den ganzen Sommer über mit diesem Mann zusammenarbeiten können, um ihre gemeinsamen Ziele zu erreichen, wenn sie sich wie eine vom Blitz getroffene Dreizehnjährige benahm. Sie musste sich zusammenreißen!
»Danke für die Postkarten«, sagte sie.
»Du hast sie bekommen?«, fragte er. »Bei Post aus dem Ausland weiß man ja nie.«
»Vier oder fünf habe ich gekriegt«, sagte Grace in bemüht beiläufigem Ton. Diese Postkarten, fünf an der Zahl, sicher in ihrer Unterwäscheschublade verwahrt, hatten ihre kleine Schwäche den kalten, grauen Winter über verstärkt.
Benton Coe. Sein Ruf eilte ihm voraus: der talentierteste Landschaftsarchitekt auf Nantucket, obwohl er kaum vierzig war. Als Grace ihn für sich gewonnen hatte, war er seit fünf Jahren auf der Insel, ursprünglich im Dienste der Nantucket Historical Association NHA, um deren vierundzwanzig Liegenschaften auf Vordermann zu bringen. Davor hatte Benton Coe Gärten in Savannah, Georgia, und Oxford, Mississippi, gestaltet – Orte mit so üppigem Pflanzenwuchs, meinte er, dass man dort das Gras wachsen hören könne. Er hatte seine Kindheit in Youngstown, Ohio, verbracht und dann das College der Ohio State besucht, wo zahlreiche Jobs auf dem Campusgelände seine Liebe zur Natur gefördert hatten. Dann hatte er ein Semester in Surrey absolviert und schwärmte heute noch für englische Gärten. Unvergleichlich nannte er sie Grace gegenüber. Die Briten seien gut in der Beherrschung der Welt, aber noch besser, wenn es um Phlox, Fingerhut, Buchsbaum und Rosen gehe.
Als Benton Coe mit den NHA-Grundstücken fertig war – mit denen er bei jeder Gartenbau- und Landschaftspflegeorganisation in New England Preise gewann –, stand er hoch im Kurs. Er gestaltete Gärten für die Amsters draußen in Dionis und für die Kepplings in Shimmo – Arbeiten, die Grace dank ihres Engagements für den Nantucket Garden Club das Glück hatte zu bewundern.
Als Eddie das Haus in Wauwinet samt den umliegenden zwölftausend Quadratmetern kaufte, bekam Grace endlich ihre Chance. Sie heuerte Benton Coe an.
Sie waren von Anfang an auf einer Wellenlänge gewesen. Im letzten Sommer hatten sie Rasen gesät und Beete abgesteckt, sie hoben eine Grube für den Swimmingpool aus, fliesten und befüllten ihn, bauten einen Steg über den Bach. Benton überwachte die Errichtung des Gartenschuppens und des Hühnerstalls. Täglich waren fünfzig Beschlüsse zu treffen. Normalerweise wurde Benton von seinen Kunden freie Hand gelassen. Doch er gab zu, dass er die Zusammenarbeit mit Grace genoss. Das mache mehr Spaß, als alles allein zu entscheiden. Es sei stimulierend, mit jemandem Ideen umzusetzen, dessen Empfinden so gut mit seinem eigenen harmonierte.
Grace war bezaubert von Benton Coes Wortwahl. Empfinden. Hatte irgendjemand schon einmal Graces Empfinden zu würdigen gewusst? Ihren Sinn für Ästhetik? Ihren Geschmack? Ihre Instinkte? Nein, sie glaubte nicht. Sie war eine pflichtbewusste Tochter und Enkelin gewesen, eine duldsame Schwester, eine fleißige Schülerin, eine halbwegs annehmbare Kellnerin, eine ergebene Ehefrau und Mutter und eine außergewöhnlich gute Freundin. Aber hatte irgendjemand – einschließlich Eddie, einschließlich Madeline – schon einmal Graces Empfinden bewundert?
Harmonieren: Das war ein so treffendes Wort, ein so reizender und liebevoller Ausdruck dafür, wie gut Grace und Benton zueinander passten, sich verstanden und ergänzten, mühelos und ohne Missklänge, Streit oder Konflikte.
Der Begriff stimulierend war für Grace so stark sexuell besetzt, dass sie gar nicht richtig darüber nachdenken konnte.
Gegen Ende des letzten Sommers gestand Benton ihr, dass der Höhepunkt seiner Tage immer der Besuch bei Grace draußen in Wauwinet gewesen sei. Er sagte, der Grund dafür, dass er nie seinen Manager Donovan mitgebracht habe, sei der, dass er dieses Projekt für sich allein behalten wolle.
Grace hatte verstanden und begonnen, jedes Mal, wenn sein schwarzer Pick-up in die Einfahrt bog, ein Flattern in der Brust zu verspüren.
Benton schaute montags bis freitags jeden Morgen um zehn Uhr vorbei, auch wenn es nicht erforderlich war. Manchmal blieb er nur zehn Minuten, lange genug für ein schnelles Tête-à-Tête, auch so ein Wort, das Grace liebte. Sie stellte sich dabei vor, wie sich ihre Gesichter berührten, wie sie sich küssten.
Aber das geschah nur in ihrer Fantasie.
Der Herbst kam, wie immer, und sie brachten den Garten zu Bett. Dann war es Winter, und Benton brach zu seiner Reise auf. Die erste Postkarte traf aus Casablanca ein, abgestempelt am 4. Januar, dem Tag seiner Ankunft. Zwei Wochen später kam eine aus Essaouira an der Küste, eine Woche später eine aus Agdz in der Wüste, zwei Wochen später eine aus dem Ourika-Tal im Atlasgebirge. Auf allen stand dasselbe: Sieh dir das an! XO, Benton.
Zwanzig Tage verstrichen ohne Postkarte, und Grace nahm an, dass Benton sie vergessen hatte, oder womöglich war seine Freundin McGuvvy ihn besuchen gekommen. Doch dann traf eine Karte aus Marrakesch ein, auf der Mit Abstand mein Lieblingsort. Ich wünschte, du könntest sehen, was ich sehe. XO, B zu lesen war.
Diese Karte ließ Graces »Empfinden« voll entflammen; sie studierte sie tausendmal und benutzte sie als Lesezeichen in dem Roman, den sie gerade las, Himmel über der Wüste von Paul Bowles, den sie sich ausgesucht hatte, um dem Umherstreifen in Soukhs und dem Durchqueren...




